Lago

Blog von Lago

03.06.2009 | 01:08

Der schnellste Verein der Welt ...

... war der SC Motor Jena. Am 2. Juni vor 25 Jahren stellten vier Frauen dieses Vereins einen Staffelrekord auf, der bald als unerreichbar galt: 42.20 Sekunden für 4x100m.

Mit welchen Mitteln in der thüringer Sportfabrik Leistungsträger gezüchtet wurden, ist vor allem dank Berendonk und Franke heute bekannt. Eine Aufarbeitung hat weitestgehend nicht stattgefunden. Das mag daran liegen, dass der Sport weiter auf die Trainer von damals angewiesen ist. Oder daran, dass auch auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs systematisch körperverletzt und leistungsgesteigert wurde. Oder es interessiert einfach niemanden, denn Sport ist Sport und Schnaps ist Schnaps.

Wer über Doping redet, der redet über Radsport. So war es bis vor kurzem. In Deutschland fristete der Radsport lange ein Schattendasein, mit zwar sehr vielen Hobbysportlern und vielen begeisterten Fans des inneren Kerns, aber in der "Sportöffentlichkeit" blieb Radsport eine Randsportart (anders als etwa in Italien oder Frankreich).

Dann kam der Aufstieg des Team Telekoms, die Zeit von Erik Zabel und Jan Ullrich. Die deutschen Öffentlich-Rechtlichen machten aus Radsport das, was RTL später aus dem Skispringen machte: ein öffentliches und öffentlichkeitswirksames Ereignis. Etwas, worüber "man" sprach.

Dann "kam das Doping". "Wir", die Hobbyradsportler und früheren Fans, waren längst gespalten in "Kulturpessimisten" einerseits (Doping war immer ein Teil des Radsports) und die "Opfer" andererseits (die wollen nur den Radsport kaputtreden, die anderen Sportarten sind doch noch viel schlimmer), da wurden in ARD und ZDF noch Menschen, die über Doping im Radsport redeten, stummgeschaltet.

Wir wissen, wie die Sache endete: Nachdem der Radsport dutzende Male "endgültig gereinigt" worden war und danach jedesmal "endlich sauber" erklärt wurde, zogen sich ARD und ZDF aus der Berichterstattung zurück und gruben ihre alten Dopingwarner wieder aus.

In Deutschland ist der Radsport endlich wieder in der medialen Bedeutungslosigkeit angekommen. In anderen Ländern sind die Dopingsperren der großen Oberdoper abgelaufen und Lance Armstrong, Floyd Landis, Ivan Basso, Tyler Hamilton und co. dürfen endlich wieder vorbehaltlos bejubelt werden.

Doch der Radsport und seine vorgeschobenen Reinigungsaktionen haben Spuren hinterlassen - auch in anderen Sportarten: Rafael Nadal, Tennisweltranglistenerster beschwerte sich kürzlich, dass er jetzt früh morgens um halb acht kontrolliert wird, nur weil er der WADA eben den Zeitraum von 7-8 Uhr als primären Kontrollzeitraum angegeben habe. Das sei unfair.

Nun ist Nadal einer derjenigen, die zusammen mit Jan Ullrich und Ivan Basso und ganzen spanischen Fussballmannschaften die Dienste des spanischen Frauenarztes Fuentes in Anspruch nahmen. Die spanische Staatsanwaltschaft entschloss sich damals, von den etwa 200 bekannten Kunden nur die 40 Radsportler einer genaueren Untersuchung zu unterziehen (und selbst die kamen weitgehend unbeschadet davon; Ullrich hatte das Pech, in einem Land der Moralisten seine Aufmerksamkeitsbrötchen zu verdienen).

Doch der Mediendruck der Moralisten hat kaum mehr als kleine Rechtfertigungsmaßnahmen von Seiten der WADA erreicht, die noch dazu durch ihre Persönlichkeitsrechtseinschränkungen äußerst umstritten sind (im Gegensatz dazu wird die permanente Körperverletzung, Selbstverstümmelung und Entrechtung der Sportler zugunsten der öffentlichen Unterhaltung hingenommen).

Zudem empfinden viele Sportfunktionäre es als ungerecht, nur aufgrund der Tatsache, dass der Radsport seine Dopingfälle nicht in den Griff bekommt, selbst darunter leiden zu müssen. So sei es für Fußballprofis nicht hinnehmbar, keinen Urlaub von Trainingskontrollen nehmen zu können - so sei eine professionelle Vorbereitung gar nicht mehr möglich.

In der Leichtathletik wurden von den deutschen Funktionären die DDR-Dopingtrainer verteidigt: Diese müssten die Möglichkeit haben, sich heute als BRD-Trainer zu bewähren und die gesamtdeutschen Athleten zu Medallien zu führen. Sie dürften nicht durch das Unrecht, welches sie ihren Schützlingen in der DDR angetan haben, belastet werden.

Ines Geipel, die Startläuferin der schnellsten Vereinsstaffel des Welt, sieht das etwas anders, ihre Sichtweise ist allerdings im Sport und auch sonst nicht mehrheitsfähig. Die ehemalige DDR-Sprinterin, die so gar nicht ins Klischee der sozialistischen Kampfmaschine passt (insofern als ihre Ausdrucksfähigkeit die eines langjährigen Profiboxers und ihre Wortgewandtheit die Lukas Podolskis übersteigt), eckte nicht nur in der DDR an - was dort ihre sportliche Karriere beendete. Auch in der BRD ritt und reitet sie bis heute unermütlich gegen Windmühlen an.

Mit ihrem Engagement erreichte sie immerhin, dass der Deutsche Leichtathletikverband widerwillig ihren Namen aus dem Vereinsrekord ausstrich - ein Präzedenzfall. Bisher hatte sich die Leichtathletik stets dagegen verwahrt, das goldene Kalb des Sports anzurühren. Im Falle des Speerwurfes - der Weltrekord hätte vermutlich noch Jahrhunderte unantastbar bleiben müssen - wurden kurzerhand neue Speere eingeführt, um die Rekordlisten zu "resetten".

ps.

Motor Jena ist Geschichte. Der regionale Nachfolger, die TuS Jena, ist sogar von den unterklassigen Jenaer Fußballern in die sportpolitische Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Neben Ines Geipel liefen Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr in der Rekordstaffel.

Bärbel Wöckel ist heute Jugendreferentin des Deutschen Leichtathletikverbandes.

Ingrid Auerswald und Marlies Göhr stehen bis heute auch als Weltrekord-Halterinnen einer 4x100m-Staffel in den Analen des Sports.

Auerswald arbeitet als Diplom-Sportlehrerin in einem Fitnessclub in Jena.

Göhr lief als erste Frau über 100m unter 11 Sekunden und stellte 13 Weltrekorde auf. Sie studierte in Jena und arbeitet in dort in der Behindertenbetreuung. Sie behauptete, alle ihre sportlichen Leistungen seien ohne Doping zustandegekommen - "Pillen, die man bekommt, muss man ja nicht nehmen"

 
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Kommentare
bandidorosso schrieb am 03.06.2009 um 01:52
Ein guter Beitrag zu einer wichtigen Diskussion. Vielen Dank dafür!
Jedoch trotz alledem, ich werde wohl auch weiterhin mit naiver Freude und reinem Gewissen diesen ganzen unmoralischen Spielarten von "Hochleistungssport" gebannt folgen. Genau damit bin ich wohl auch ein gewichtiger Teil des Problems. Zumal ich als notorischer Morgenmuffel die Beschwerde von Nadal auch noch absolut nachvollziehen kann. Ich hätte auch keine Lust in aller Herrgottsfrühe auf Geheiß nicht minder ehrgeiziger Dopingfander zum Pinkelappell anzutreten, um vor mir selbst geschützt zu werden.
Magda schrieb am 03.06.2009 um 09:27
Zitat:Ines Geipel, die Startläuferin der schnellsten Vereinsstaffel des Welt, sieht das etwas anders, ihre Sichtweise ist allerdings im Sport und auch sonst nicht mehrheitsfähig. Die ehemalige DDR-Sprinterin, die so gar nicht ins Klischee der sozialistischen Kampfmaschine passt (insofern als ihre Ausdrucksfähigkeit die eines langjährigen Profiboxers und ihre Wortgewandtheit die Lukas Podolskis übersteigt), eckte nicht nur in der DDR an - was dort ihre sportliche Karriere beendete. Auch in der BRD ritt und reitet sie bis heute unermütlich gegen Windmühlen an.Zitatende

Was ist denn eine sozialistische Kampfmaschine und wer aus der DDR entspricht denn überhaupt diesem Klischee?
Ich finde Ines Geipel verscherzt sich immer wieder durch ihre ressentimentgeladene, sehr einäugige Art, Doping nur der DDR zuzuordnen die Unterstützung, die ihrem Anliegen sicherlich zu gönnen wäre.
Lago schrieb am 03.06.2009 um 10:28
Da hast du natürlich prinzipiell Recht; nur ist Geipel eben in erster Linie ein Dopingopfer und keine Dopingbekämpferin. Da sie daneben noch die Befähigung zur Querulantin hat (und Querulanten oft der Sinn für ein allseits ausgewogenes Äußerungsmix fehlt), wird sie mit fehlender Solidarität von allen Seiten leben müssen.

Daneben finde ich die Einschätzung, weil sie "nur" das DDR-Doping kritisiere, sei ihr Anliegen - etwa die nachweislich durch Doping zustandegekommenen Rekorde prinzipiell zu streichen - gewissermaßen befleckt, nicht ganz nachvollziehbar. Haben wir immer noch einen kalten Krieg, braucht jemand die DDR-Rekorde noch?
Magda schrieb am 03.06.2009 um 19:50
"Haben wir immer noch einen kalten Krieg, braucht jemand die DDR-Rekorde noch?"

Ja, und wie. Mir geht es aber nicht um die DDR-Rekorde, sondern um eine einseitige Schuldzuweisung nur in Richtung DDR. Ansonsten sind mir sämtliche Rekorde völlig wurscht. Aber sowas von...
merdeister schrieb am 03.06.2009 um 10:55
"Zumal ich als notorischer Morgenmuffel die Beschwerde von Nadal auch noch absolut nachvollziehen kann."
Wer ausschlafen will, darf sich nicht dem Leistungssport verschreiben. Für das "frühe" aufstehen wird er ja gut bezahlt, unter anderem vom Geld derer, die sich Produkte seiner Sponsoren kaufen.

Als Jan Ullrich seine beste Zeit hatte, fing ich gerade an, nicht nur selber intensiver Sport zu treiben, sondern auch medial zu verfolgen. Anfangs ziemlich naiv, um dann hart aufzuwachen.
Wenn man ein wenig offene Augen hat, sieht man wie Dopingverseucht die meisten Sportarten sind. Je mehr Geld drin steckt, desto krasser.
Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, das spanische Fußballspieler im Fuentes Skandal von "ganz oben geschützt" worden sind.
In Deutschland hat sich niemand über den Fall von Ivan Klasnic aufgeregt, in den Stadien waren keine Plakate mit der Forderung nach sauberem Sport zu sehen. Die Massen wollen eben Spiele und die bekommen sie auch.

Den alten Männer an den Spitzen der Verbände geht es nicht um Sport, sondern um das eigene Ego, und das Foto mit dem nächsten Olympiasieger.

Wie soll man bei solchen Vorbildern einem Zehnjährigen erklären, das es falsch ist, andere für seinen eigenen Erfolg zu bescheissen.
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