Qualitätsmanagement (QM) ist eine moderne Erfindung. Sie kann nicht zu den großartigen Errungenschaften gezählt werden, welche den Menschen besondere Begeisterung abzuringen in der Lage wäre. Denn tatsächlich ist QM eine Krücke, die Einsicht, dass alles, was Menschen so durchschnittlich tun, oft genug unter aller Sau ist. Mit dem Fordismus führte diese Tatsache nach dem stochastischen Gesetz der großen Zahlen dazu, dass QM zur Pflicht wurde, um nicht ausnahmslos Schrott zu produzieren.
QM bedeutet _nicht_, dass irgendjemand oder -etwas darauf achtet, qualitativ besonders hochwertige Produkte zu leisten, es bedeutet zweierlei: Erstens zu überwachen, dass qualitative Mindeststandards beim Produkt eingehalten werden, und zweitens, dass der Prozess, der zu diesen Produkten führt, möglichst gut "verstanden" wurde, damit die Erfüllung dieser Mindeststandards nicht einfach nur zufällig, sondern systematisch zu erfolgen scheint.
Damit ist QM der Versuch der Behebung eines Phänomens, dass Karl Marx in Anlehnung an Hegel Entfremdung genannt hat. Durch die Rekurrenz des QM auf sich selbst entsteht allerdings das Problem, dass das QM selbst ebenfalls ein Produktionsprozess ist, der kontrolliert werden muss. Die Entfremdung "zweiter Ordnung" des Qualitätsmanagements, einerseits vom eigentlichen Produktionsprozess, welcher dem Management fremd sein muss (Spezialisierung), und von der eigenen ganzheitlichen Aufgabe andererseits (Rationalisierung), ist die beinahe notwendige Folge.
Im Fordismus werden die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten "adäquat" gelöst: Die Entfremdung wird mit dem monetären Valenzsystem ausgeglichen. Mittels der (scheinbar) zusätzlichen finanziellen Entschädigung richtet sich der Bezahlte fest innerhalb seiner Teilspezifikation ein und verzichtet auf sowohl Anerkennung als auch Verantwortung für den Gesamtprozess. Das gilt selbstverständlich auch für das Management. Nicht nur die Produktion ist in atomare Teilschritte zerlegt, die per se optimiert und kontrolliert werden, auch die Optimierung und die Kontrolle ist atomar. Die "Personalallokation" wird dadurch transparent und flexibel, mit der standort- und unternehmensübergreifenden Standardisierung kann Personal beliebig getauscht werden. Zwar ist die Ausbildung von Qualitätsmanagern immer noch extrem teuer und aufwendig, und ihre finanzielle "Entschädigung" ist beachtlich, denn der größte Teil der Produktivität muss durch sie erzielt werden. Sie sind dennoch letztlich atomar Beschäftigte, die immer wieder genau eine einzige Schraube drehen.
Die Entfremdung zweiter Ordnung ist wiederum Voraussetzung für den Postfordismus.
Nun ist diese Entwicklung allerdings keine rein produktivwirtschaftliche. Der Mensch als Arbeiter ist gleichzeitig ein gesellschaftlich sich verankerndes Dogma. Die Ablösung sämtlicher Valenzsysteme durch den Lohn ermöglicht plötzlich weitreichende gesellschaftliche Freiheiten und einen dominierenden gesellschaftlichen Zwang.
Auch die deindustrialisierte Gesellschaft ändert nichts am bereits etablierten gesellschaftlichen Wandel. Kein Pflegeheim kommt heute ohne atomares Qualitätsmanagement aus, obwohl dies nicht dazu führt, dass sich die Lebensqualität der Gepflegten dadurch etwa verbessern würde. Beim Zusammenbau eines Autos mag es hilfreich erscheinen, wenn der Arbeiter seine Mühe nicht so sehr in das Bauteil als vielmehr in die Erfüllung von zeitlichen und abnahmedefinierten Bedingungen steckt - dankbar waren Autos ohnehin noch nie. Im Falle etwa der Altenpflege ist die Konsequenz, statt die Bewohner pflegen "nur noch" das QM überzeugen zu wollen allerdings denkbar gefährlich. Im Rahmen der im Postfordismus scheinbar nach "oben" verschobenen Produktivität reduziert sich die Aktion des Arbeiters nicht mehr nur auf atomares Schrauben, Nähen, Kleben singulärer Punkte, sondern eben genauso atomarer, binär zu dokumentierender Aktionen wie Bewohner duschen, lagern, füttern. Die Qualität der Produkte wird anhand entsprechender Metriken wie Gewichtsentwicklung, Zahl und Grad der Lagerungsartefakte und Grad der Mobilität bestimmt.
Doch nicht nur die dienstleistungsorientierte Wirtschaft, auch das private Leben, das trotz seiner forcierten Trennung von der Arbeitswelt nicht davon isoliert werden kann, ist atomar getaktet. Die Währung "Lohn" wird hier weitgehend (noch?) durch eine andere Einheitswährung, die Aufmerksamkeit, ersetzt (wobei "das Internet" als Vorreiter der Verbindung von Arbeitswelt und Privatwelt bereits Modelle der direkten Umrechnung von Lohn in Aufmerksamkeit anbietet.). Das Prinzip jedoch ist das Gleiche: Atomare soziale Interaktionen, die "Aufmerksamkeit" als Mehrwert produzieren, werden im Rahmen international immer stärker standardisierter Protokolle qualitativ bewertet und, soweit erforderlich, rückvergütet. Während sich die sozialen Netzwerke quantitativ vergrößern, werden die sozialen Schnittstellen ganz im Sinne des Qualitätsmanagements und der "Serviceorientiertheit" dramatisch vereinfacht. Trotz der dadurch scheinbar erhöhten Kosteneffizienz steigt der Aufwand sozialer Interaktion, denn diese ist kulturell und biologisch im Menschen verankert und dem Qualitätsmanagement nur widerstrebend zugänglich.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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