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Die älteste Tochter Zsuzsanna kam 1969 zur Welt. Sie sprach auf die Experimentalbedingungen nicht nur an, sondern entwickelte sich sehr früh ziemlich außergewöhnlich. Mit vier Jahren spielte sie auf jugendlichem Wettkampfniveau.
1974 wurde ihre Schwester Zsofia geboren, 1976 folgte dann Judit. Trotz der unterschiedlichen Temperamente der drei Töchter entwickelten alle tatsächlich die intendierte Schach-Leidenschaft in sehr frühem Alter.
Zsuzsanna wurde 1982, mit 12 Jahren, U16-Weltmeisterin. Zsofia spielte zu diesem Zeitpunkt sogar deutlich stärker als ihre ältere Schwester in ihrem Alter - sie gewann mit 5 Jahren bereits die hungarischen U11-Meisterschaften. Und Judit war zwar etwas langsamer, hatte allerdings ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen ungewöhnlichen Killerinstinkt - für ein Mädchen.
1983 fand die Weltmeisterschaft im Mikrocomputerschach in Budapest statt und die Polgars machten einen kleinen Familienausflug. Der Schachjournalist Frederic Friedel arrangierte ein Match zwischen den beiden jüngeren Schwestern und dem Weltmeisterprogramm. Die den Computer bedienende Programmiererin fasste das Ergebnis auf die Frage, ob die Mädchen gewonnen hätten, so zusammen: "Natürlich nicht, sie haben es nicht geschlagen. Wo denken Sie hin? Das sind nur Babys. Sie haben es nicht geschlagen, sie haben es ermordet, in kleine Stücke zerhackt, zerkaut und ausgespuckt. Ein Massaker!"
1984 führte Zsuszanna schließlich die Weltrangliste der Frauen an - mit 15 Jahren. Die Schachwelt war darauf allerdings nur unzureichend vorbereitet. Zsuszanna versuchte, an den Turnieren der Männer teilzunehmen, um würdige Gegner zu finden. Sie war jung und brauchte die Erfahrung. Allerdings war ihr etwa die Teilnahme bei den Weltmeisterschaften verwehrt worden. Die FIDE änderte später ihre Statuten und benannte die "Männer-Schachweltmeisterschaften" Zsuszanna zu Ehren schlicht in "Schachweltmeisterschaften" um.
Zsofia profitierte davon und nahm 1986 an den U14-Weltmeisterschaften teil. Sie gewann den Titel der Mädchen und holte bei der "geschlechtsoffenen" Klasse die Silbermedallie.
Während die Schachkarrieren der drei Töchter einigem Gegenwind ausgesetzt waren - die Männer wollten lieber nicht gegen Frauen, noch viel weniger gegen kleine Mädchen spielen; die Sowjetunion wollte keine Ungarn an der Spitze der Rangliste; und in Ungarn war das unweibliche Betragen der Polgar-Töchter ebenfalls nicht gerne gesehen - gelang der Durchbruch 1988. Bei der Schach-Olympiade trat die ungarische Mannschaft mit den drei Polgar-Schwestern an - Judit war 12! - und errangen den Titel und Ruhm und Akzeptanz im eigenen Land. Auch beim Wettkampf zwei Jahre später deklassierte "Polgarien" erneut die Sowjetunion, woraufhin die jüngste Polgar-Schwester sich nicht mehr mit der unterklassigen Konkurrenz auf den dezidierten Frauenturnieren abgeben wollte.
Zsuzsanna wurde 1991, mit 21 Jahren, die erste Frau, die regulär den ("Männer-")Großmeistertitel erhielt. Kurz danach gelang dies auch ihrer 15jährigen jüngsten Schwester, die damit Bobby Fishers Rekord um 2 Monate unterbot. Dies hielt Garry Kasparow nicht davon ab, sie als "Schach-Talent [...] aber eben auch eine Frau" zu bezeichnen, die mit der "Unvollkommenheit der weiblichen Psyche" zu kämpfen habe.
Ungedenk solcher Defizite schlug sie den möglicherweise besten Schachspieler aller Zeiten später. Bereits 1994, als 17jährige, gewann sie beinahe gegen den Russen. Doch Kasparow nahm einen desaströsen Zug regelwidrig zurück, Judit hatte ohne Zeugen keine Möglichkeit, dagegen zu protestieren und verlor unkonzentriert.
Mit 19 Jahren erreichte sie die Top 10 der (geschlechtsoffenen) Weltrangliste, natürlich als erste Frau überhaupt. Bis zur Geburt ihres ersten Kindes blieb sie in der absoluten Weltspitze. Auch nach der Babypause kam sie trotz zahlreicher Unkenrufe einiger männlicher Konkurrenten zurück und qualifizierte sich als erste Frau überhaupt für die Weltmeisterschaft.
Ihr überragender Erfolg führte allerdings auch dazu, dass sich ihre älteren Schwestern aus dem professionellen Schach zurückzogen. Zsofias Passion für schönes Schach stand den Anforderungen der Mühen der Ebene des Wettkampfes leider entgegen, die im Kindesalter stärkste der Schwestern wurde "nur" eine der besten weiblichen Schachspielerinnen der Welt. Die analytischere und weniger verspielte Zsuzsanna dominierte das Frauenschach (sofern Judit nicht teilnahm), aber die innerfamiliäre Dominanz der jüngeren Schwester und Schwangerschaften unterbrachen ihre Karriere immer wieder. Sie konzentrierte sich stärker auf Schachdidaktik und entwickelte die Methoden ihres Vaters zum Lehren von Schach weiter, veröffentlicht Lehrbücher und arbeitet als Schachjournalistin. Judit ist bis heute die beste Schachspielerin der Welt.
Laszlo Polgars ethisch zweifelhaftes Experiment muss trotz seines auch methodisch fragwürdigen Charakters als Erfolg bezeichnet werden. Polgar sieht seine These, Begabungen seien erworben und eben nicht ererbt, als bestätigt. Der häufig von den Gläubigen der gegenläufigen Schule vorgebrachte Einwand, er könne ja nicht ausschließen, dass er und seine Frau nicht eine überragende Anlage zum Schachspiel hätten, die sie nur selbst nie nutzten, machte ihm nicht viel zu schaffen. Er erwog allerdings, das Experiment mit drei randomisiert adoptierten Kindern zu wiederholen - was seine Frau glücklicherweise verhindern konnte.
Frauen spielten nur deshalb weniger erfolgreich als Männer, weil eben dieses Vorurteil den Frauen und ihren Lehrern die Motivation raube, diese These sieht Polgar ebenfalls als weitgehend bestätigt an. Seine Töchter bekräftigen, ihnen sei dank der Überzeugung ihrer Eltern nicht in den Sinn gekommen, ihnen würde irgend eine Voraussetzung für Schach oder eine andere Fähigkeit im Leben fehlen.. Allerdings sei das Leben als professioneller Schachspieler für Frauen durchaus schwierig, denn mehrmonatige Trainingspausen durch Schwangerschaften oder wechselnde Ausdauerfähigkeiten an verschiedenen Tagen eines Monats seien dem Erfolg im Schach nicht sehr zuträglich.
www.susanpolgar.com/
sofiapolgar.com/
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ps:
El Correo: Sie haben viele ihrer Ziele erreicht, vom Erreichen der Top10 bis zum Sieg über Spieler wie Kasparow. Was sind jetzt ihre Ziele?
Judit Polgar: Vom persönlichen Standpunkt ist mein Ziel, meine Kinder so großzuziehen, dass sie glücklich, erfolgreich und selbstständig werden können, und sie auf dem ganzen Weg dahin zu unterstützen. Was auch immer sie tun, ihre Mutter wird für sie da sein. Vom professionellen Standpunkt aus wähle ich jetzt, da ich eine eigene Familie habe, die Turniere, die ich spiele, warum und gegen wen viel bedachter aus. Ich möchte so lange es mich fasziniert Schach spielen. Ich werde in dem Moment aufhören, in dem es keinen Spaß mehr macht.
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Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag !
Sind Polgars Töchter wirklich mit der Absicht gezeugt worden, ein Experiment durchzuführen ? Der Begriff "Begabung" ist ja schwammig und überstrapaziert. In Diskussionen über die Schule bedeutet er häufig nichts weiter als normale intellektuelle und soziale Fähigkeiten. In der "Zeit" las ich vor einiger Zeit ein Interview mit einem Musikwissenschaftler, der die Existenz eines musikalischen Talents schlicht leugnete. Er hatte herausgefunden, daß einfach diejenigen, die am meisten übten, die besten Musiker würden. Andererseits macht man immer wieder die Beobachtung, daß sich Kinder aus einer Familie völlig unterschiedlich entwickeln, völlig "aus der Art schlagen" sozusagen, in die eine oder andere Richtung. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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