lebowski

Glücklich arbeitslos

09.02.2012 | 11:15

Bergers Visionen

Gestern setzte sich Jens Berger kritisch mit dem Erfolg von Angela Merkel auseinander. Ganz ohne Zweifel muss man erschüttert sein über die Jubelartikel in der deutschen Doofpresse, die Merkel zur Königin von Europa krönt.

Auch der Jubel von Sarkozy für das deutsche Wirtschaftmodell muss einen entsetzen. Sarkozy glaubt offensichtlich, dass es in diesem Land nur doofe Arbeitsroboter gibt, die gerne für sechs Euro die Stunde schuften, damit die  "deutsche" Wirtschaft ihre Wachstumserfolge erzielen kann.

Was einen dann doch etwas befremden muss, ist Bergers abschließendes Urteil:

Merkels Erfolg wäre wohl undenkbar, wenn unsere Gesellschaft nicht derart visionsträge wäre.

Bergers eigene Visionen reichen nämlich nie über die enge Grenze von Keynesianismus und sozialdemokratischem Wohlfahrtsstaat hinaus. "Mehr Demokratie wagen" und "Wohlstand für alle", zwischen diesen beiden Polen taumeln die Visionen des Nachdenkseitenteams. Zwar bezeichnet man sich auf den Nachdenkseiten gerne als Kapitalismuskritiker, aber meinen tut man damit ausschließlich den Marktkapitalismus, dem man einen guten Staatskapitalismus entgegenstellt.

Kommt dann jemand wie Robert Kurz, der dieses idiotische Wirtschaftssystem als Ganzes in Frage stellt, werden Albrecht Müller und seine Kumpels schon ein wenig pampig:

Ich würde auch viel lieber in einem Land leben, indem es fairer, gerechter und humaner zugeht. Die Chance zu diesem Systemwechsel sehe ich nicht, aber ich will die Hoffnung darauf niemandem nehmen. Ich wehre mich allerdings dagegen, wenn der Versuch geschmäht wird, die Lage der arbeitenden und der erwerbslosen Menschen mithilfe einer makroökonomischen Beschäftigungspolitik zu verbessern.

Albrecht Müller in einer Replik auf Robert Kurz

Nichts anderes als der berühmte Tropfen "sozialen Öls" (Otto von Bismarck), der die Maschine am Laufen hält, ist besagte makroökonomische Beschäftigungpolitik.  Der Kapitalismus ist eben unser Schicksal und seine Gesetze sind Naturgesetze. Eine Möglichkeit, das zu ändern gibt es nicht, denn dann verlässt man das Reich der Visionen und landet im Reich der Utopie.

Und so stimmt das böse Urteil, das Andreas Exner über solche Art Visionen gefällt hat:

Wie toll Fortschritt á la Müller ist, ist sattsam bekannt: Psychische Erkrankungen nehmen zu; wer sich nicht ans Kapital verkauft, vulgo: einer geregelten Beschäftigung im nationalen Arbeitshaus nachgeht, soll büßen; die ganze Gesellschaft ist durchdrungen von Stillhalten, Kuschen, Disziplin, Kontrolle, Hierarchie und einer kleinkariert-aggressiven Sortierung der Menschen nach Bildungsniveau, Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, Hobbies, Einkommen, gefakten oder ehrlich echten Titeln und der – hierzulande im Moment meist auf das Ökonomische beschränkten – Totschlagkompetenz in der allgegenwärtigen Konkurrenz; Peak Oil untergräbt das tödliche Energiefundament der Infrastrukturen und bedroht die Versorgung mit Nahrungsmitteln; der Klimawandel wird Millionen vertreiben und droht ganze Regionen unfruchtbar zu machen; der Notfallsplan des Kapitals angesichts der Mehrfachkrise ist, Millionen von Menschen im Zuge des globalen Land Grab Schritt für Schritt zu enteignen und Flächen für den Müllerschen Wohlstand im globalen Norden freizuschießen und einzuzäunen.

 

 

 

 
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lebowski
Seit einigen Jahren muss ich mich zwangsläufig mit dem von Hannah Arendt analysierten Ende der Arbeitsgesellschaft befassen. Was ist schlimmer bzw. schöner: Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein?
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