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Letztens berichteten Wolfgang Hirn und Christian Rickens über die Titelsucht der Eliten. Wenns um Titel geht, ist ein Treffen mit Konsul Weyer natürlich obligatorisch.
Dieser intelligente Mann, der sich weigert, länger als zwei Stunden am Tag zu arbeiten, ist mir zutiefst sympathisch. Die Abhandlung der Guttenberg-Dissertation mit dem Satz "Hätte der Guttenberg seinen Doktortitel bei mir bestellt, wäre er heute noch Minister" ist Marketing auf ganz hohem Niveau.
Aber Weyer hatte auch etwas zu aktuellen Trends in Titel-Geschäft zu sagen. Der alte "Konsul", in der miefigen BRD der fünfziger und sechziger Jahre noch Ausweis von diplomatischer Gewandheit und Weltläufigkeit ist komplett out. Nur noch Armleuchter wie Ute Ohoven und Regina Sixt sind noch Konsulinnen. Wenn man mit dem Charity-Quark und Schönheitsoperationen nicht ausgelastet ist, darfs dann auch noch ein Titel sein. Auch der Doktortitel, den mittlerweile jede drittklassige Universität gegen Bares verramscht, ist inzwischen billig zu haben. Das Thema "Prinzessin" hat sich mit Gina-Lisa Lohfink (what a name!) erledigt.
Einzig der Professoren-Titel verspricht noch einen gewissen Distinktionsgewinn:
"Im Gegensatz zum Doktor ist ein Professor noch etwas Exklusives", sagt Michael Hartmann, Deutschlands führender Elitenforscher und selbst Soziologieprofessor an der TU Darmstadt, "eines der wenigen erstklassigen Distinktionsmerkmale, die unsere Gesellschaft noch besitzt."
Jeder vierte Vorstands- oder Aufsichtsratschef eines Dax-Konzerns trägt mittlerweile einen Professorentitel, meist in Form eines Honorarprofessors. "Da ist viel Eitelkeit dabei", sagt ausgerechnet der Personalberater Heiner Thorborg. Er konstatiert in Sachen Professorentitel ein "fast kindliches Verhalten" der Manager, die etwas haben wollen, "nur weil es ein anderer auch hat". (Quelle: Spon)
"Professor" stinkt förmlich nach Elite. Und hier kommen nun deutsche Ökonomie-Professoren ins Spiel, die sich alle Mühe geben, auch noch diesen letzten Angeber-Titel zu entwerten. Komplett ahnungslos sind sie in die letzte Finanzkrise gestolpert. Darauf sind Hans-Werner Sinn und seine Kumpels erstmal abgetaucht, um in Klausur die wirtschaftliche Realität an ihre Theorien anzupassen. Pispers Urteil, dass es intelligentere Lebensformen als Ökonomie-Professoren auf jedem Duschvorhang gibt, stimmt.
Inzwischen sitzen Sinn, Hüther und Co. wieder wohlgemut in jeder Talkshow und preisen genau die Rezepte an, die erst in die Katastrophe geführt haben. Allein dem Schweizer Professor Straubhaar k0mmen hin und wieder Zweifel an der eigenen Profession. Die "Zeit" hat sich jetzt in einem Interview mit Straubhaar fröhlich ein Ei drauf gebraten und lädt den Professor zum Eiertanz:
ZEIT ONLINE: Und das hat zur Blindheit vor der Krise geführt?
Straubhaar: Also, Blindheit vor der Krise würde ich ablehnen! Ich würde ganz generell sagen, dass in der Nachkriegszeit die deutsche Nationalökonomie eben eine national orientierte Ökonomie war, die etwas stark auf Deutschland fokussiert gewesen war und deutsche Fragen in den Vordergrund stellte. Damit war eben nicht ein international wettbewerbsfähiger Wissensmarkt das Ziel. Dann wurde richtigerweise ein Aufholversuch gemacht, man hat sich an internationalen Journalen und Publikationen orientiert. Das hat dann aber zu einer Verselbständigung des Publikationsprozesses geführt.
Ganz entzückend wie Straubhaar sich dreht und windet, um aus dieser Nummer wieder herauszukommen.
Man muss also Straubhaar und Co. für ihren unermüdlichen Kampf danken, auch noch den letzten Angebertitel, den das Geldgesindel noch nicht in Beschlag genommen hat, rechtzeitig zu entwerten. Was für ein Beitrag für eine egalitäre Gesellschaft.
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Straubhaar, der beim wirtschaftsneoliberalen Spiegel wohl seine Basis hat(te), ist immer für eine Pirouette gut.
Ja, der "egalitäre Schrecken" als Freiheit des Individuums, als absurde Freiheit der Ellenbogengesellschaft, der totalen Konkurrenz und Selbstverwertung, des "über Leichen gehen". Von diesen "Eliten" gibt es einige und die schlußendliche Frage, wenn absehbar die letzten kollektiven Substanzen geschliffen, die Verfügungsmassen verteilt sind: was dann? Fallen die verbleibenden Wölfe im Hobbesschen Sinne übereinander her? |
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Gute Frage!
Man muss wohl skeptisch sein. Bislang gibt es noch keine Gesellschaft, die den Ausstig aus dem Kapitalismus geschafft hat. Gehen könnte es wohl, wie es der Thriller-Autor daniel Suarez beschreibt: "Die Initiative muss daher vielmehr aus dem Volk kommen - und dabei denke ich nicht an Proteste und Demonstrationen, sondern an den Aufbau und die Erprobung neuer Wirtschaftsformen, digitaler Währungen, Augmented Reality und vermaschte Open-Source-Netzwerke, die eine neue Ökonomie und damit ein soziales Geflecht schaffen, das die etablierten Mächte samt ihren selbsternannten Torwächtern und Lobbyisten eher umginge als stürzte. Solch ein System würde zunächst nur in embryonaler Form geschaffen. Es zöge immer mehr Anhänger an, die aus der bestehenden Ökonomie herausgefallen sind, und setzte sich schließlich durch, wenn eine kritische Masse sich dem neuen System angeschlossen hätte. Man könnte sich auch eine Übergangsphase vorstellen, in der die Menschen mit einem Bein in der alten und mit dem anderen in der neuen Ökonomie stünden, so dass der Übergang nicht so abrupt ausfiele. Man stelle sich nur einmal vor, wie viele gut ausgebildete Menschen es gibt, die gerne einen Neuanfang in einer Welt wagten, in der ihre Schulden - die Erbsünde der freien Märkte - getilgt wären." |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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