Lee Berthine

unicorn5rezepte

16.05.2010 | 12:04

Die Mittelschicht buckelt

 -  ein andrer grinst und n...

 

Wer heute einem 40-50 Std-Job in Festanstellung mit regulären Sozialversicherung- und Rentenabgaben nachgeht, weiß am Ende des Tages, warum er müde ist.

 

Die meisten bekommen ihr schwer verdientes Geld für hochwertige, anstrengende und intensive Arbeit – Ausnahmen (wie im Beamtentum und Öffentlicher Dienst) mal beiseite gelassen, aber auch hier gibt es wiederum Ausnahmen.

 

Der durchschnittliche Arbeitnehmer mit einem Bruttogehalt von 2000 Euro aufwärts (oder wo immer man die Grenzen zum Niedrigverdiener ziehen mag) muss für sein Geld hart arbeiten.

 

Er zahlt die meisten Steuern, zahlt die meisten Ratenkredite für Einrichtung, Auto, Wohnung, Haus und bekommt die meisten Kinder, denen er obendrein eine gute Bildung zukommen lassen möchte, die ihrerseits einiges kostet, wenn sie durch die staatlichen Schulen nicht mehr gewährleistet ist.

 

Sein Mut, in Wertpapiere oder Aktien zu investieren, wurde bestraft und enttäuscht, er ist der große Verlierer der Finanzkrise.

 

Mit seinen Sozialabgaben finanziert er das soziale Netz und mit seinen Steuern die Rücklagen des Staates, die bei Bedarf an noch höher verschuldete Staaten oder Banken gepumpt werden.

 

Wie fühlt es sich an, so ausgesaugt zu werden?

Gelingt es, dieses Gefühl zu verdrängen, weil man sich ja die neuesten High-Tech-Rafinessen und coolsten Autos als Spielzeug und All-Inklusive-Urlaub als Kompensation leisten kann?

 

Weil man sich sagen kann: „Ich arbeite hart, ich verdiene gutes Geld, ich kann mir fast alles leisten, was ich möchte, ich kann meinen Kindern etwas bieten, ich werde im Alter ein gutes Einkommen haben, weil ich beizeiten vorgesorgt habe“.

 

Das beruhigt sicher die Nerven und macht auch stolz.

 

Aber macht es auch stolz, wenn sich das nagende Gefühl ausbreitet, ausgenutzt zu werden?

Wenn man sieht, das auf den eigenen Errungenschaften gedankenlos herumgetrampelt wird, sie durch den Dreck gezogen werden?

 

Gut, im Kreislauf des Lebens wird jedes und alles auf irgendeine Weise genutzt, sei es biologisch, seelisch oder finanziell.

Wir alle stehen in einem größeren Zusammenhang und müssen auch global denken.

 

Dennoch, was der „Angeber“ Gerald Hörhan über die Mittelschicht sagt, gibt zu denken.

 

Er selber nennt sich Investmentpunk, und hat bereits ein Buch über seine umstrittenen Thesen und Einstellungen geschrieben.

Selber bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn einfach blöde und das Finanzsystem ausnutzend oder schlau und rebellisch finden soll.

 

Giovanni di Lorenzo, der ihn kürzlich bei 3nach 9 zu Gast hatte, sagte abschließend zu ihm,  er wisse nicht, ob er ein genialer Kopf sei, oder einfach nur ein brillianter Schwätzer.

 

Im Februar veröffentlichte die presse.com  ein Interview mit Gerald Hörhan, ein paar seiner Antworten möchte ich hier aufgreifen.

 Gerald Hörhan ist Investmentbanker und geht auf Heavy-Metal-Festivals. Er ist reich. Und er tut Dinge, „von denen ihr nur träumt“, sagt er. Mit „ihr“ meint er die Mittelschicht. Jene, die schuften, während die Reichen immer reicher werden, sagt Hörhan. „Es wird wenige geben, die viel haben. Und es wird immer mehr Menschen geben, die nichts haben.“ 

Sie glauben, dass sich die Mittelschicht auflöst. Warum? 

Gerald Hörhan: Das globale ökonomische System war nie für eine Mittelschicht ausgelegt. Die Mittelschicht der vergangenen Jahrzehnte ist nur durch den Krieg zustande gekommen. Aber jetzt bricht sie auf, und mit jeder Wirtschaftskrise bleibt der Mittelschicht weniger übrig. Besonders nach dieser Finanzkrise. Die Reichen mehren ihr Vermögen schon lange wieder. Banker kassieren schon wieder üppige Boni. Und die Mittelschicht wird währenddessen mehrfach abgezockt.

Und zwar wie? 

Sie leidet unter hohen Kreditkosten, niedrigeren Einkommen, Kurzarbeit und Jobverlust. Nicht nur das. Den Kleinanlegern wurde eingeredet, Aktien zu kaufen, als die Kurse oben waren. Die Kurse sind dann eingestürzt. Als sie im Keller waren, hat man ihnen eingeredet, sie müssten auf Garantieprodukte setzen. Somit haben sie vom Börsenaufschwung nicht profitiert. Den Reichen ist wieder mehr übrig geblieben.

Darum setzen Politiker auf Reichensteuern.  

Das bewirkt das Gegenteil von dem, was sie bezwecken wollen. Die, die schon reich sind, verlagern einfach ihr Vermögen. Diese Steuern werden wieder nur jene der Mittelschicht treffen, die durch harte Arbeit und kreative Ideen versuchen, ein Vermögen aufzubauen.

Wie kann man der Mittelschicht entfliehen?  

Man muss ein intelligenter Punk sein. Punks hinterfragen das System, das ist gut. Sie ziehen aber die falschen Schlüsse. Für Anarchopunks sind Unternehmer, Vermieter und Politiker die Bösen. Ohne die gäbe es aber eine feudalistische Plutokratie. Intelligente Punks dagegen versuchen, sich mit kreativen Ideen von den Konventionen der Mittelschicht zu verabschieden. Ich nenne sie Investmentpunks.

Was ist das System, und warum ist es böse zur Mittelschicht? 

Das System besteht aus den Staaten, den globalen Konzernen und den Medien. Es gaukelt vor, dass Schulden normal sind: „Lebe jetzt, spare irgendwann.“ Es definiert das Eigenheim als das größte wirtschaftliche Ziel und suggeriert, dass der Kauf von Neuwagen auf Pump normal ist. Das alles verhindert aber nur, dass zu viele Menschen aus der Mittelschicht hoch hinaus kommen.

In Österreich verschuldet sich ein Viertel der Menschen für ihr Eigenheim. Was ist so schlimm daran?  

Die Leute kaufen etwa auf Pump Häuser in Vororten. Sie verpfänden ihre Freiheit und ihr Leben an die Bank und sind somit in einem Hamsterrad eingeschlossen. Sie müssen strampeln, um den Kredit zu tilgen. Sie dürfen ihren Job nicht verlieren, müssen daher buckeln und immer brav Danke zu ihren Chefs sagen. Sie haben keine Zeit mehr für große Visionen, können keine Geschäftsideen umsetzen. Sie werden ausgebeutet. Früher hieß die Ausbeutung Sklaverei, heute heißt sie Schuldendienst. Was bleibt am Schluss übrig? Der Wert der Vorortimmobilie ist vielleicht in 20 Jahren gesunken. Ich denke an die Triester Straße in Wien. Das waren einmal die Traumhäuser der Mittelschicht. Heute ist es furchtbar, dort zu leben.

Was bedeutet Reichtum?  

Unabhängigkeit und Freiheit. Ich kann alles machen, was ich will. Ich muss vor keinem Chef buckeln und dafür noch Danke sagen.

(Aus:"Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)

So, da hast dus.

Denk mal drüber nach, Mittelschicht, wenn du Zeit und Muße dazu hast und den Mut, den Tatsachen ins Auge zu schauen, mit festem Blick.

Ich weiß, das tut weh, das ist gemein, das ist ungerecht, und das ist pauschalisierend und teilweise polemisch.

Es zerstört die Blase deiner heilen Welt, aber tröste dich mit der Bedeutung des Wortes „Krise“.

Es heißt Wendepunkt.

 

 

 
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Kommentare
eykiway schrieb am 16.05.2010 um 12:42
Halt den Krieg nach Hause zurück auf die Strasse.
Wende .Punkt , aus
B.V. schrieb am 16.05.2010 um 14:00
"Dennoch, was der „Angeber“ Gerald Hörhan über die Mittelschicht sagt, gibt zu denken.
Er selber nennt sich Investmentpunk, und hat bereits ein Buch über seine umstrittenen Thesen und Einstellungen geschrieben...

Giovanni di Lorenzo, der ihn kürzlich bei 3nach 9 zu Gast hatte, sagte abschließend zu ihm, er wisse nicht, ob er ein genialer Kopf sei, oder einfach nur ein brillianter Schwätzer."

Klar gibt es zu denken und er analysiert die Dinge gar nicht so falsch. Was was er persönlich daraus macht, darüber kann man sicher genüsslich streiten, je nach politisch-moralischer Einstellung.

"Selber bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn einfach blöde und das Finanzsystem ausnutzend oder schlau und rebellisch finden soll."

Genau das will er wohl auch so, es gehört zu seiner Performance ;-)
B.V. schrieb am 16.05.2010 um 14:16
"Wie fühlt es sich an, so ausgesaugt zu werden?"

Die Mittelschicht, wenn sie 50 - 60 Std. wöchentlich arbeitet, hat gar keine Zeit zum nachdenken. Die grummeln nur, wenn ihnen mal was unangenehm aufstößt: Steuerbescheid, etc. Zum Zeitung lesen kommen sie nicht, es reicht vielleicht nur mal für die Nachrichten im Radio oder TV.
Die Mittelschicht ist auch nicht schuldlos an ihrer Situation. Wie die Irren haben sie in den "guten Zeiten" sich diverse Volksaktien aufschwätzen lassen oder Fonds gekauft von denen sie keine Ahnung haben, etc.
Es ist verständlich, das sie das Bedürfnis hatten für ihr hart erarbeitetes Geld nun gute Anlageformen zu finden, die sie etwas müheloser (Stichwort: müheloser Reichtum) ;-) das Geld verdienen ließen.
Genau diese Mentalität wurde natürlich gnadenlos ausgenutzt von unseren Finanzcleverle in den Babken und Finanzinstituten.
Gerald Hörhan ist nun so "gemein" ihnen das auch noch um die Ohren zu hauen. Das schafft Empörung und wer sich empört muß über die eigne Blödheit nicht mehr nachdenken.
Und dann macht er auch noch vor, wie es ohne 50-60 Stunden Fronarbeit geht, indem er sich die spart und gleich spekuliert und investiert. Dabei gibt er sich sogar noch äußerst moralisch (ob er´s wirklich ist, weiß ich nicht) und pocht auf Ehrlichkeit im Geschäft.
Das erzeugt bei vielen sicher nochmals Wut, denn wenn er wenigstens als offenes Schwein auftreten würde, sozusagen als cleverer Gauner, würden sich zwar viele auch empören, aber auch viele nur schmunzeln, nicht wahr?
hibou schrieb am 16.05.2010 um 15:38
zum Nachdenken. Aber welche Schicht sind WIR?
Lee Berthine schrieb am 16.05.2010 um 16:00
@ eykiway
Ich verstehe den Satz
"Halt den Krieg nach Hause zurück auf die Strasse.
Wende .Punkt , aus" schon allein von der Syntax her nicht und inhaltlich auch nicht - geht das ein bisschen ausführlicher?

@ B.V.
Ich gebe dir bedingt recht: die hart und lange arbeitenden Menschen haben kaum Zeit, über ihr Dilemma nachzudenken.
Allerdings hatte ich auch mal (relativ kurze Zeitspanne meines Gesamtdaseins eine 50-60 Std-Woche und hatte trotzdem Zeit, darüber und über die Zusammenhänge nachzudenken und vor allem: ich f ü h l t e mich mies und ausgelaugt und wurde dann auch krank.
Dass einige sich den Bären aufbinden ließen, ihr Erspartes könnte enorm mehr Rendite und Profite einfahren, basiert nicht allein auf ihrer Gier und Dummheit, sondern war Teil des "Spiels" der Banken. Teil des Monopoly sozusagen, in dem leider von vornherein der Verlierer feststand.
Der ahnte nur nichts davon.
Ich sehe darin eine vorsätzliche Täuschung.

Auch die von dir zitierte "Blödheit" kann ich nur bedingt bestätigen, vielfach sind es vielmehr Zwänge, die eine alleinerziehende Mutter oder einen Familienvater dazu treiben, ein bestimmtes Arbeitspensum mit dem zugehörigen Verdienst zu erackern.
Einige Mäuler wollen gestopft werden, die Wohnung abbezahlt, und wer weit vom Arbeitsplatz entfernt wohnt, braucht zu allem Überfluss auch noch ein Auto, das er ebenfalls abstottern muss.

Nicht jeder kann sich den Luxus eines Einsiedlerlebens leisten, der von dem selbst angebauten Gemüse und der Ziegenmilch lebt oder handgefertigte Töpferware auf dem Markt verkauft.

Die Situation der Familie "als Keimzelle der Gesellschaft" wird vom Staat u n d den Banken gnadenlos ausgebeutet.
So sehe ich das jedenfalls heute.

Der Investmentpunk ist für mich eine Begleiterscheinung, jemand der uns den Spiegel vorhält, der offen die Karten auf den Tisch legt - nachdem er genug verdient hat - und zeigt, was geht und was läuft.
Ihn zum Sündenbock oder Blitzableiter zu machen wäre idiotisch. Er ist ein Symptom eines kranken Systems.

@ hibou
Welche Schicht sind W I R ?
Tja also, ich kann nur für mich selber sprechen und mein monatliches Einkommen liegt nur wenig über dem Existenzminimum, was irgendwann einmal bei 900 Euro lag.
Ich habe keine Karriere gemacht, sondern hangle mich von Job zu Job, mit zwischenzeitlichen kreativen Pausen.
Vermögen besitze ich keins, weder Auto, Eigentumswohnung, Erspartes oder sonstige Anlagen.
Mir fehlts aber auch nicht, denn kein Eigentum verpflichtet auch nicht.
Ich fühle mich meiner freien Wahrnehmung und seelischen Gesundheit verpflichtet. Weil die körperliche Gesundheit da hintendran hängt.

Wenn andere das anders sehen, macht mir das nix aus...
hibou schrieb am 16.05.2010 um 16:07
Das ist gut, würde ich mich grosso Modo auch zu zaehlen, aber ich vermute, dass die Mehrheit der Community hier der Mittelschicht angehört?
Lee Berthine schrieb am 16.05.2010 um 22:43
@ hibou
keine Ahnung, wer in der community welcher "Schicht" angehört oder sich zugehörig fühlt, wichtiger finde ich, ob man bzw. ich mich angesprochen fühle.
Mitmachen tun wir alle das "Spiel", die wir der Gesellschaft in Deutschland angehören, oder etwa nicht?
B.V. schrieb am 17.05.2010 um 11:36
Hibou: " zum Nachdenken. Aber welche Schicht sind WIR?"

Gute Frage. Es fühlen sich sicher mehr der Mittelschicht zugehörig als sie wirklich sind.

"Gehören Sie noch zur Mittelschicht?
Wahrscheinlich nicht.
Denn nach Untersuchungen über die zu versteuernden Bruttoeinkommen in Deutschland in [Fakten/Einkommen] “Die Einkommensentwicklung steht Kopf” ist die sogenannte Mittelschicht in so gut wie ausgestorben. Aber Sie können das ja einmal ganz leicht selbst überprüfen.

Wenn Sie zur Mittelschicht gehören, dann verfügen Sie unter anderem über eine mittlere Kaufkraft. Kaufkraft ist nichts anderes als Geld, also das, was wir zum Bezahlen benutzen. Geld in diesem Sinne sind also Bargeld und Girokontenguthaben. Kreditkarten und Geldkarten sind nichts anderes als “Sonderposten” zu Girokonten und brauchen nicht extra mitgerechnet zu werden. Also ist eine mittlere Kaufkraft eine mittlere Menge an Bargeld und/oder Girokontenguthaben...

...Zählen Sie also einmal in Ihrem Haushalt zusammen: Ihr aktuelles Bargeld und Ihr aktuelles Guthaben (sofern vorhanden) auf Ihrem Giro- oder Tagesgeldkonto. Kein Sparkonto, kein Termingeld, keine Wertpapiere oder Ähnliches! Wenn Sie ein Unternehmen besitzen, dann zählen Sie auch das Geld dieses Unternehmens hinzu — bei Anteilen an einem Unternehmen nur den auf Sie entfallenden Anteil am Geld! Wenn Sie also zur Mittelschicht gehören, dann verfügt Ihr Haushalt in dieser Sekunde ungefähr über 24.086 € in Form von Bargeld, Girokontoguthaben und/oder Tagesgeld. Wenn Sie (wie etwa 95 % der Bevölkerung in Deutschland) weniger als diesen Betrag haben, dann gehören Sie zu den Verlierern in dieser Gesellschaft. Wenn Sie mehr haben, dann gehören Sie zu den Gewinnern."
Quelle und mehr dazu hier:http://www.meudalismus.dr-wo.de/html/mittelschicht.htm

"Die Mittelschicht
Bei der Definition, wer zur so genannten Mittelschicht gehört, ist folgende Berechnung gängig:
Zuerst wird das mittlere Einkommen in Deutschland in den Blick genommen – und zwar das Medianeinkommen. Das ist der Wert, der die Menge aller Einkommen in zwei Hälften teilt. Extrem hohe und extrem niedrige Einkommen verzerren den Wert dadurch nicht, wie es bei der Berechnung des Durchschnitts aller Einkommen der Fall (arithmetisches Mittel) wäre.
Dann wird die Schwankungsbreite um diesen Wert bestimmt: Sie liegt zwischen 70 Prozent bis 150 Prozent des Medianeinkommens.
Das bedeutet in Euro [GLOSSAR]: Das Mediannettoeinkommen liegt in Deutschland monatlich zwischen 2.600 Euro und 5.000 Euro. Viele seriöse Studien bezeichnen dies als Mittelschicht.
Das Durchschnittseinkommen
Im deutschen Durchschnitt hat ein Haushalt [GLOSSAR] ein Einkommen von 2.833 Euro im Monat. Der Wert wird durch das Einkommen von Arbeitern, Nichterwerbstätigen und Arbeitslosen nach unten gezogen. Angestellte verdienen im Schnitt 3.435 Euro im Monat.
Die Mehrheit
Über die Hälfte der Haushalte hat ein monatliches Nettoeinkommen von unter 2.600 Euro."
Quelle: www.bundesfinanzministerium.de/DE/Buergerinnen__und__Buerger/Gesellschaft__und__Zukunft/120__Definition__Mitte.html
"Entwicklung stärker als bislang bekannt.
Mitte der Woche wollen der Verteilungsforscher Markus Grabka und Joachim Frick vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie über die Verschiebung des sozialen Gleichwichtes in Deutschland vorstellen. Hinter den nüchternen Zahlen und den rosa gefärbten Balken in komplexen Diagrammen verbirgt sich ein erschreckender Befund: Unter dem Druck der Globalisierung hat sich die soziale Lage der Republik sehr viel unvorteilhafter entwickelt als bislang bekannt.

Nur noch 54 Prozent in der Mittelschicht.

Grabka und Frick definieren die Mittelschicht ausschließlich mit dem kalten Blick der Ökonomen. Dazu gehört, wer genügend verdient – andere Kriterien wie Bildung, sozialer Status oder Herkunft zählen nicht. Im Jahr 2000 gehörten 62 Prozent der Deutschen dazu, inzwischen sind es nur noch 54. Spiegelbildlich dazu ist der Anteil der Deutschen mit extrem niedrigen oder extrem hohen Einkommen gestiegen."
Quelle: wirtschaft.t-online.de/diw-deutschlands-mittelschicht-schrumpft-dramatisch/id_14406650/index

Auch interessant:
www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/soziologie/soz4/hasg_7.pdf

Das Alles ist vielleicht ein wenig verwirrend, aber trotzdem aufschlussreich. Jedenfalls gehören weniger zur Mittelschicht als sie vielleicht glauben.

Neulich habe ich mal eine Definition gelesen die lautete:
Wer als Single 1000 Euro netto übrig hat, nach Abzug aller anfallenden monatlichen Kosten (incl. Nahrung, etc.), die also zur Seite legen könnte, der gehört zur Mittelschicht. Bei einer Familie mit 2 Kindern lag der Betrag bei 1600 Euro.
luggi schrieb am 16.05.2010 um 20:43
Hallo Lee,
an welchen Kriterien orientierst du dich bei der Begriffsbestimmung Mittelschicht? Einkommen, Arbeitszeit, Aktienbesitz? Der Begriff Mittelschicht ist IMHO eine "Nebelkerze". Er ist wunderbar geeignet, eine Scheinwelt der Aufgehobenheit vorzugaukeln. Man wäre so gern Mitglied, wenigstens dieser sozialen Schicht.
Es ist die Masse der Bevölkerung, die direkt oder indirekt von den Finanzoligarchen ausgebeutet wird. Selbst die Arbeitslosen drücken durch ihre faktische Existenz die Lohnkosten.
Was wir jetzt erleben ist ein Generalangriff auf die mühsam erworbenen sozialen Errungenschaften. Griechenland hat es per Jure prozediert; in Spanien ist es in Sack und Tüten, und die Bundeskanzlerin hat es auf dem Kirchentag in München angekündigt. Ort und Veranstaltung wurden füe diesen Zweck prima ausgewählt.
Ich stimme dir in vielen Dingen zu, besonders, dass man mal nachdenkt, und nicht alles nachplappert.
Lee Berthine schrieb am 16.05.2010 um 22:45
@ luggi
den Begriff "Mittelschicht" kann ich nicht eindeutig definieren und will es eigentlich auch gar nicht.
Wichtiger ist doch, dass die ehemals behütete, relativ wohlhabende breite Masse unserer Gesellschaft, die das Gerüst "Staat" mit ihren Tugenden und ihrer Arbeit aufrecht hielt, scheinbar im Begriff ist, aufzuweichen und sich allmählich aufzulosen.
Immer mehr Leute haben immer weniger Geld.
Und einige wenige immer mehr.
Auf Kosten der Mehrheit.
Darum geht es mir.
Lee Berthine schrieb am 16.05.2010 um 22:49
- ...sich allmählich aufzu l ö s e n .
KalleWirsch schrieb am 17.05.2010 um 09:51
Wir gehen immer noch von dem Geselschaftsmodell der nivellierten Mittelstandsgesellschaft aus, dass vielleicht noch bis in die 80er anwendbar war. Doch Mitte der 80er hat die soziale Schere ihre Anfänge genommen. Eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit Wohlstand für eine Breite Masse an Menschen funktioniert aber nur dann, wenn es stetigen Wachstum gibt. Dass das möglich ist, wird uns weiterhin vorgegaukelt. Doch die gemeine Wahrheit ist, dass das Wirtschaftswunder und lange Jahre stetigen Wachstums nur durch einen grausamen Vernichtungskrieg möglich waren. Mal abgesehen davon, ob man die zweifelhafte Bigotterie und Intoleranz der 50er Jahre als erstrebenswert ansieht.
Auf Wachstum folgt eine Phase des Rückgangs oder zumindest der Stagnation. Jeder hakbwegs vernünftige Kaufmann wusste das früher noch und legte in guten zeiten zurück um in schlechten zu inverstieren. Dieses einfache Prinzip scheint sowohl der Politik als auch der Wirtschaft völlig abhanden gekommen zu sein. Aber eben auch den Menschen. Selbst in einer wirtschaftlichen Krise wie derzeitigen, ist unser Lebenshaltungsstandart noch relativ hoch. Große Teile der Bevölkerung sind immer noch gut versorgt und ausgestattet. Das Gefühl von Mangel wird Produziert, denn der Nachbar hat ja auch den Flatbildschirm und das neue IPhone kann so viel. Wer noch überlegt, ob er ein Auto wirklich braucht, weil er in der Großstadt lebt und die Parkplatzsuche der Horror ist, der bekommt Argumente wie die Abwrackprämie an die Hand.
Dass eine nivelierte Mittelstandsgesellschaft funktionieren kann, bedeutet aber auch die Durchlässigkeit der sozialen Schichten. Chancengleichheit durch Bildung. Ein den Umständen angepasstes Bildungssystem. Doch das deutsche Bildungssystem ermöglicht ja noch nicht einmal mehr die Grundversorgung. Es gibt wieder Schulen die auf schwarzen Listen stehen, wo Kinder nach ihrem Schulabschluss keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben. Die Qualität der Schulbildung wird seit langen Jahren von der Wirtschaft bemängelt. In manchen Bereichen fehlen Auszubildende, weil es keine passenden Bewerber gibt. Junge Menschen machen Schulabschlüsse ohne anständig rechnen und schreiben zu können. Wir sprechen von HartzIV Kindern (wie zynisch), wir akzeptieren die Vererbarkeit von Transferbezug.
Wir lassen uns vorgaukeln, dass wir noch einen Beruf erlernen und ihn dann bis zu unserem Lebensende ausführen. Wie realitätsfremd. So langsam begreifen auch Politiker, dass das Wunschdenken ist. Doch die Konsequenz wird nicht gezogen. Das Bildungs und Ausbildungssystem bedarf einer Revolution. Wir müssen uns darauf einstellen drei bis vier Ausbildungen im Leben zu machen. Daran finde ich auch nichts Falsches. Nur die Umstände, die Rahmenbedingungen dafür sind untragbar.
Wir lassen uns vorgaukeln, dass es möglich sei, durch die richtige Politik so etwas wie Vollbeschäftigung zu erzielen. Zumindest wird an dem Ziel nach außen hin festgehalten. Auch von gesellschaftlichen Kräften wie den Grünen und den Linken, die es wirklich besser wissen müssten und auch schon wussten. Vollbeschäftigung wird es wieder geben, wenn wir einen neuen Krieg anzetteln und Europa in Schutt und Asche legen. Alles andere ist Illusion. Mir ist auch schleierhaft, wieso wir diese Vollbeschäftigung brauchen? Vor allem, wenn der Anteil der Menschen , die zusätzlich Transferleistungen beziehen wächst. Wir haben keine Problem von mangelden Arbeitsplätzen. Wir haben ein Verteilungsproblem. Und das sogar global. Aber eben auch national.
Eine nivillierte Mittelstandsgesellschaft wird nur durch bedingungsloses Grundeinkommen wieder hergestellt werden. Wenn alle gleichermaßen versorgt, zusammen das Gemeinwohl tragen und jeder entscheidet, wann und wieviel und vor allem was er arbeiten will. Eine durchlässige Gesellschaft muss das Ziel sein mit eigenverantwortlichen Menschen. Das momentane System wird das nicht fördern sondern alles tun um das zu verhindern.
Alien59 schrieb am 17.05.2010 um 09:57
@Kalle Wirsch: ich denke, das ist sehr treffend geschildert.
Eine - friedliche - Lösung scheint es aber nur zu geben, wenn man die "Habenden" dazu bringen könnte, freiwillig an die "Habenichtse" abzugeben - und das widerspricht wohl der menschlichen Natur.
B.V. schrieb am 17.05.2010 um 11:43
Es widerspricht sich einem Teil der menschlichen Natur, denke ich. Andererseits wäre es klug von den "Habenden" mit dafür zu sorgen, das Strukturen aufgebaut werden, so das die "Habenichtse" auch zu Wohlstand und Einkommen gelangen können. Ansonsten baumel die "Habenden" irgendwann an den Laternen und haben dann auch nichts mehr. Wir werden sehen wie sie sich entscheiden. :-)))
muetzenmaedel schrieb am 17.05.2010 um 13:31
@ Kalle Wirsch,

danke, das passt...
KalleWirsch schrieb am 17.05.2010 um 18:16
Liebe Extraterrestrische

Das ist wie mit der Emanzipation. Bevor die Männer nicht begreifen wie beschissen das Patriachat auch für sie ist, was es ihnen an Glück und Geborgenheit nimmt, wird es keine Emanzipation zwischen Mann und Frau geben.

Genauso ist es mit den Habenden. Ein Reicher mit sozialer Verantwortung hat meines Erachtens jeden Cent verdient.

Aber du hast recht, das widerspricht wahrscheinlich der menschlichen Natur, oder zumindest ihrer Sozialisation.
Lee Berthine
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