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Da mir der Hype um die Feuchtgebiete vor ein paar Jahren verdächtig vorkam, hatte ich kein großes Interesse, das Buch zu lesen.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich fand Charlotte Roche schon vor der Buchveröffentlichung ganz sympathisch. Zumindest das, was über die Medien (TV) von ihr als Person rüberkam, irgendwie wohltuend direkt, offen und herausfordernd frech. Eigentlich fand ich sie nie nervig, aufdringlich oder langweilig.
Mir ist auch klar, dass sicher einiges von ihrem Auftreten nicht ohne Hintergedanken auf die Werbewirksamkeit geschieht, aber das finde ich zu Zeiten, wo jedermann/jedefrau offen oder verdeckt für ihr oder sein Produkt wirbt, legitim und konsequent. Was hätte sie davon, wenn niemand über ihr Buch spricht, es keine buhs und bähs gäbe?
Um jetzt endlich zur Sache zu kommen (räusper), genau das tut Frau Roche gleich auf der ersten Seite: sie lässt uns an dem Liebesspiel der Hauptperson mit ihrem Mann teilhaben, spart nicht mit Details, die sich teilweise wie Rezepte lesen und gibt minutiös über die zusammengelernten und lang geübten lustvollen und -spendenden Liebkosungen Auskunft.
Ich denke mir, dass da bei ihr eine Freude am Zeigen und sich Beobachtenlassen durchaus vorhanden sein muss, obwohl ja die Protagonistin Elisabeth sich dem Akt nur bei geschlossenen Fenstern und Gardinen hingibt, um die Nachbarn nicht mit ihrem "Geschrei" zu nerven.
Auf jeden Fall entwaffnend offen und humorvoll geschrieben, auch über die unliebsamen Nebenwirkungen und Flüssigkeitsrückstände, die man in steril sauberen Erotik-Filmen natürlich niemals zu sehen bekommt. Und da ist es auch, das Wort, das mir die ganze Zeit auf der Zunge lag : n a t ü r l i c h.
Natürlich und authentisch, so schreibt die Charlotte, jedenfalls nehme ich ihr jedes Wort ab. Mag es für manchen Leser langweilig, uninteressant und exhibitionistisch sein, was sie da so ausführlich schildert, ich glaube (fast) jedes Wort und es lässt sich gut vorstellen, dass sie die Sachen, die Elisabeth erlebt und die ihr durch den Kopf gehen, so oder so ähnlich auch erlebt hat. Es hat was extrem realitätsnahes. Da ist kein Raum für nebulöse Träumereien oder Fantasien, weil ja alles, fast alles (!) ausgelebt wird.
Charlotte Roche teilt uns auch mit, was Elisabeth an Sexpraktiken oder -gewohnheiten eben n i c h t mag und deswegen eben auch nicht macht. Das scheint mir der große Unterschied zu bloßer Pornographie zu sein, in der so gut wie a l l e s, und wenn es noch so abstoßend ist, praktiziert und gezeigt wird.
Nein, Elisabeth hat Prinzipien und steht auch zu ihren Tabus, zum Beispiel Selbstbefriedigung, die ihr durch eine "feministische" Mutter aberzogen wurde. Auch Analverkehr mag sie nicht, und für ihre offenen Worte zu diesem Thema bin ich insgeheim dankbar. Und bis heute, als ich in ihrem Buch las, dachte ich, die einzige zu sein, die nach der Toilette bzw. nach dem Sex "zwei Blatt Toilettenpapier in die Unterhose" faltet, statt Slipeinlage.
Genauso selbstverständlich wie die Autorin uns an den Details von Elisabeths und ihres Mannes Fleischeslust teilhaben lässt (wobei mich ihre Schilderungen allerdings nicht sonderlich an- oder erregten, sondern ich vielmehr neugierig auf die Details, "über die man nicht redet" war) - genauso selbstverständlich widmet sie sich anschließend mehrere Seiten lang ihrem biologisch-gesunden Haushalt.
Da wird Wirsingkohl geschnippelt, die Heldin benutzt ein Messer und Brett extra nur für Zwiebeln und gibt Tipps, wie man das Tränen der Augen beim Zwiebelschneiden vermeiden kann.
Sie schildert ihre Gefühle als Mutter und äußert auf dem Weg zur Haustür, wo sie ihrer Tochter im Schulalter öffnet, den Gedanken:
"Kochen hilft gegen Verrücktwerden. Gemüse hilft, nicht verrückt zu werden."
Allein dieser Satz weist darauf hin, dass unter der unterhaltsamen, lustigen Oberfläche einige Tiefen und Untiefen an Gefühlen und vergangenen Erlebnissen lauern.
Aber auch hier kann man sich als Leser beruhigt zurücklehnen: Elisabeth ist bereits in therapeutischer Behandlung.
Bin gespannt, was nach Seite 28 noch so alles passiert.
P.S. Der Bucheinband soll hier zwar nicht besprochen werden, ich finde ihn aber sehr gelungen: Bordeauxrot, heute als "mauve" bezeichnet, dann der schlichte Buchtitel in weiß, Autorin sehr dezent gehalten und darüber mittig zwei symmetrisch angeordnete kleine Eicheln aus Silber und Gold. Also "richtige" Eicheln, die aus dem Wald, mit Hütchen hintendran. Ich kenne mich da ja nicht so aus, aber die erinnern mich an Liebeskugeln. Ist doch mal was anderes als die üblichen Buchcover.
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Das ›böse‹ Wort ist » n a t ü r l i c h « und das wichtigste an natürlich ist ›ich‹, womit ich sagen möchte, dass alles Natürliche in Sachen Sex aus mir und meinen Erfahrungen kommt. Wer aber seine Natürlichkeit millionenfach reproduziert, wandelt sein Eigenes in Anleitung, Rezept, Verhaltensmuster (sic!) für einen gleichermaßen konstruierten Bedarf.
Natürlichkeit zB. war Woodstock trotz multipler Individualereignisse vor Ort mit atmosphärischer Auswirkung zur Welt, ist aber nicht eine literarische Phimose, die aus minutiös verengtem Blick auf sich noch in Millionen Augenpaaren darüber nicht hinauskommt. |
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@Vadis
Hm, das mag sein. Aber eventuell unterstellen Sie der Autorin eine zu große Macht, wenn Sie in ihrer Veröffentlichung eine "Anleitung,...Verhaltensmuster" für die Massen sehen. Ob durch das Buch wirklich ein "konstruierter Bedarf" ausgelöst wird, kann ich natürlich nicht beantworten, vermute aber, dass niemand völlig unbedarft an diese Lektüre herangeht. Was ich nicht verstehe, ist der Vergleich von Woodstock, einem spontanen Ausdruck des Lebensgefühls tausender amerikanischer Jugendlicher in den Sechzigern. Mit musikalischen Wegbereitern. Die ichbezogenen und sehr subjektiven Aufzeichnungen von Frau Roche würde ich nicht mit einem Festival gedanklich in Verbindung bringen, und diese Ereignisse werden dadurch auch nicht geschmälert. Vielmehr hat die 68er Bewegung doch letztendlich mit dazu beigetragen, dass unter vielen anderen positiven Entwicklungen nun auch hemmungslose Nabelschau betrieben wird - und sich jeder seinen Teil dazu denken kann. |
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Ich fand die ersten Seiten überraschend. Ja, es las sich wider Ewarten nicht aufgesetzt, sondern eher so, "wie es halt ist", fernab von einer pornösen Inszenierung.
Wenngleich das selbstverständlich dadurch ad absurdum geführt wird, weil diese Passage ja offenbar die ist, an der sich festgebissen wird: Oh mein Gott, wie kann man nur so was Detailliertes schreiben, das ist doch nicht mehr Literatur, voll Porno, und: das dient ja nur der Provokation. Ja, unter anderem darum steht es da, weil sich viele Menschen von so was provozieren lassen. Umso interessanter finde ich es, dass die Passage dennoch funktioniert: Ich fand es aus den gleichen Gründen interessant wie du, spricht man halt sonst nicht ständig drüber, aber man stellt fest, es ist ja tatsächlich woanders auch irgendwie so, wie man das kennt. Es ist zudem gar nicht so einfach, über Sex zu schreiben, ohne dass es all zu aufreizend, oder völlig überzogen und lächerlich klingt. Charlotte ist es wunderbar gelungen, in keine dieser Fallen zu tappen. Ja, das Cover sieht sehr anzüglich aus, schon alleine, dass es Eicheln sind, ist ja nun offensichtlich doppeldeutig. Ich bin ja fast fertig mit dem Buch – so sei hier immerhin schon kurz verraten, dass dieses "Ding" noch in einem völlig anderen Kontext im Buch vorkommt und dem Cover so eine völlig andere Wirkung verpasst. Was ich super finde, da somit der Teil des Buches abgebildet wird, der nichts mit Sex zu tun hat, aber jener war, der mich tief berührt hat. Aber dazu dann mehr, wenn es soweit ist. |
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@Maike
Ja, manches kommte einem seltsam vertraut vor, was sie an Eindrücken schildert. Naja, so richtig anzüglich find ich den Schmuck auf dem Cover eigentlich nicht, eher schnuckelig hübsch und ein bißchen geheimnisvoll. Danke, dass du nicht verraten hast, was es damit auf sich hat. So bleib ich neugierig... : ) |
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liebesspiel? natürlich?
mir lief fast der schweiß... und das nicht vor lust, sondern vor anstrengung. nämlich der drängenden frage, ob das so stimmt, ob das so geht. ob das so hinhaut. ungefähr so, wie wenn im kochbuch steht: schlagen Sie die masse mit dem rührbesen in einer acht ... und das zehn minuten lang. allerdings - sie beschreibt keine handlung. sondern die vorstellung von etwas, was handlung gewesen sein könnte, vielleicht aber auch erst handlung werden wird, vielleicht aber auch nie war, nie werden wird. penibel. wie dieser eine sex sein müßte, wenn alles gut wäre. |
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@Rahab
ja, anstrengend wirkt es teilweise, was sie da macht - aber manchmal sind bestimmte Spielarten auch wirklich schweißtreibend und wenig entspannend... Und penibel teilweise, weil sie sich selbst bei jeder kleinsten Bewegung zu beobachten scheint, dadurch dieses Gefühl von Kontrolle, darum geht es wohl auch. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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