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Das Erdbeben, von dem Kleist berichtet, könnte mit einem tatsächlich stattgefundenen Erdbeben in Santiago 1647 assoziiert werden.
Es geht um mehr, als dass die Erde bebt. Menschen werden zu Unrecht beschuldigt, verurteilt, und umgebracht.
Von Ihresgleichen. Aus Unwissenheit und um Schuldige zu finden.
Das erschütternde Erdbeben scheint für eine Weile Frieden und Zusammenhalt zwischen den Leuten zu stiften, aber das hält nicht lange vor.
Ausschnitt aus der Interpretation von wallner05 auf holzauge.de :
Am 13. Mai 1647 fand in Santiago tatsächlich ein schweres Erdbeben statt. Kleists Novelle erinnert vor allem an ein großes Erdbeben in Lissabon (1755), das den Anstoß zu einer philosophischen, theologischen und literarischen Auseinandersetzung gab, an der sich Voltaire, Rousseau und Kant beteiligten. Hierbei wurde die Frage diskutiert, wie sich die Vorstellung von Gottes Allmächtigkeit und Güte mit der zerstörerischen Naturkatastrophe und dem Tod zahlloser Menschen vereinbaren lasse (Quelle: Das Erdbeben in Chili, Universal-Bibliothek Nr. 8002, Verlag Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 1984,1993).
Kleist folgt in dieser Novelle dem Determinismus der klassischen Tragödien. So lässt sich zu Beginn schon das Ende und mit ihm der Tod der beiden Hauptfiguren, die das Schicksal herausforderten, ahnen. Ähnlich wie in seiner Novelle „Michael Kohlhaas“ entrinnen auch Jeronimo und Josephe nicht ihrem vorgezeichneten Schicksal (Michael Kohlhaas ist die Geschichte eines durch Gewalt und Unrecht aus der Lebensbahn geworfenen Rosshändlers, der sein Menschenrecht mit allen, auch ungesetzlichen Mitteln zu erlangen sucht und tragisch scheitert). Anders als in diesem Werk scheint in „Das Erdbeben in Chili“ jedoch die Dummheit und mangelnde Aufgeklärtheit des einfachen Volkes (Meister Pedrillo) letztendliche Ursache des Scheiterns zu sein. ....
Im Chaos der Naturkatastrophe ergibt sich eine neue Gesellschaft, in der Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und Liebe (im Sinne der christlichen Nächstenliebe) herrschen, die von einer nun ausführlich geschilderten anheimelnden Natur noch verstärkt werden.
Zurückgekehrt in das Gefüge der von der Kirche geprägten Zivilisation ereilt die beiden doch noch ihr Schicksal, als das Volk vermeint, Gottes Arm sein zu müssen. Gott gibt den Menschen durch seine Priester Orientierung und sie meinen in der Tat im Klostergarten den Grund der Katastrophe zu erkennen. Wenn auch unter anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen sind hier eindeutige Parallelen in der Geschichte zu erkennen (Juden, Zigeuner, Ausländer sind an Missständen schuld).
Die Motive der Handlungen des Volkes und der Worte des Predigers sind darin zu finden, dass es leichter ist, die Schuld an der Katastrophe Menschen zuzuschreiben, als die Gerechtigkeit Gottes in Zweifel zu ziehen und damit eine Weltanschauung in Frage zu stellen. Schuldige sind gefunden und die Welt kann ohne weitere Infragestellung weiter existieren.
Trotzdem darf der Leser sich nach so einer philosophischen Erkenntnis nicht wohl- und selbstgefällig zurücklehnen. Nicht Verachtung sollte einer solchen Einsicht folgen, sondern eher „Mitleid“, auch mit den Tätern. Bei einem Schuldspruch für das zum Mörder gewordene Volk oder für die Kirche in der Novelle, beginge man die gleiche Tat, die man verurteilt, da diese Menschen nur ihrer Wahrheit gehorchten. Wenn es auch noch so schwer oder sogar unmöglich erscheint, der Mensch sollte zu der Erkenntnis gelangen, seine eigenen Erkenntnisse immerfort zu überprüfen und nicht zu versuchen, die für ihn ersichtlichen „Wahrheiten“ auch für andere bindend zu erachten.
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Sind wir (noch wirklich) frei? Das ist meine Identifikationsfrage hier auf Freitag.
Gleichzeitig ist das auch die Grundfrage des Heinrich von Kleist. Ist der Mensch frei (geboren) - oder liegt er doch überall in Ketten? Diese Frage Rousseaus, Voltaires und Kants hat H. v. Kleist sein kurzes Leben lang beschäftigt. Als er zur Schlussforlegrung kam, dass ein Eselsschrei einem zum Verhängnis werden kann, verzweifelte er am Leben und entschied sich für Kugel und Freitod. Kant hielt an der Idee der Freiheit fest, während Voltaire in "Candide" und "Zadig" der Determiniertheit des menschlichen Schicksals (Fatums) das Wort redet. "Amor fati" lehren die Antike und Nietzsche. Jede Naturkatastrophe (Erdbeben, Tsunami, Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag etc.) zwingt uns, über das Eingreifen der Gottheit in die Schöpfung nachzudenken. In der Zeit der Gott-Ferne aber haben wir den Ersatzgott "Staat"! Dieser Götze Staat ( nach Nietzsche, das kälteste aller Ungeheuer!) aber hat eklatant versagt, in Haiti, kein Wunder, denn da gab es ihn nicht. Aber in Chile? In einem entwickelten Land? Weshalb hat die Marine nicht vor dem Tsunami gewarnt? Weshalb ließ die Regierung die betroffenen Städte Constitution und Conception ohne Hilfe im Ungewissen? Konkrete politische Fragen sind heute wichtiger als metaphysische Schwärmereien und Spekulation. Carl Gibson |
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Hi Carl,
ich sehe den Staat weder als Ersatz-Gottheit noch als Götzen, sondern eher als eine Art Verwaltung. Wobei hier Menschen verwaltet werden. Und Menschen haben immer auch die Möglichkeit, sich gegen das Verwaltetwerden zu wehren oder einfach darüber hinwegzusetzen. Wenn ich an die Erdbeben und Naturkatastrophen der letzten Zeit denke, zeigt sich als erstes, dass den betroffenen Ländern von anderen Staaten recht schnell und unbürokratisch Hilfe (in Form von Geldern oder medizinischen oder Sachleistungen) geleistet wurde. Ich weiß nicht so ganz, worauf du hinaus willst. Mit den letzten Fragen deines Kommentars. Worauf ich mit dem "Erdbeben in Chili" konkret hinauswollte, kann ich allerdings auch nicht hundertprozentig sagen. Es war eine Assoziation. Bei Naturkatastrophen stellt sich für mich die Frage nach "Schuld" nicht, noch nicht einmal Verantwortung, weil womöglich die Info über den Tsunami nicht schnell genug weitergeleitet wurde. Die Frage, ob bei größtmöglicher Vorsicht, Schutz-, Evakuierungsmaßnahmen und hilfreicher Unterstützung das unglaubliche Unglück und die vielen Toten verhindert werden könnten, stellt sich mir bei solch verheerenden Katastrophen nicht wirklich in erster Linie. Erst in zweiter. Ich finde, der Mensch kann sich in manchen Situationen ruhig mal mit seiner Machtlosigkeit auseinandersetzen. |
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@Lee Berthine
ein phntastischer Blog, der endlich mit H. v. K. anfragt, ob wir nicht neben der von der strafenden zur versöhnenden Kirche erkämpften, auch vom strafenden zum versöhnenden Staat streben sollten? tschüss JP siehe: www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/-kleist-der-poet-der-geistes-krieger-der-im-traum-den-wolf-ritt 04.02.2011 | 22:23 Kleist, der Poet, der Geistes Krieger, der im Traum den Wolf ritt heinrich von kleist bücherbesprechung portraits Kleist, der Poet, der als Geistes Krieger, im Traum den Wolf ritt Heinrich von Kleist, der arme Poet, der wilde Geistes Krieger, der, im Traume fiebernd, den Wolf, den halbwilden Potentaten, des Menschen Wolf, den Kaiser der Franzosen, Napoleon Bonarparte zu Schanden ritt |
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"...ob wir nicht neben der von der strafenden zur versöhnenden Kirche erkämpften, auch vom strafenden zum versöhnenden Staat streben sollten?"
Blasphemisch könnte ich jetzt schreiben: Jedes Kind (Volk) hat den Vater (Staat), den es verdient, aber das wäre zu einfach. Ein versöhnender Staat, der müsste wohl aus versöhnlichen Menschen und politischen Vertretern bestehen, und davon sind wir aus meiner Sicht noch weit entfernt. Immerhin ist unser Staat nich mehr ganz so kriegerisch und diktatorisch wie noch zur unsäglichen Zeit im letzten Jahrhundert. Ich hoffe auf eine positive evolutionäre Weiterentwicklung und nicht auf einen Rückfall... Sonst würde ich wohl, wie in einem anderen blog jemand schrieb, "die Guillotine" wählen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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