Lee Berthine

unicorn5rezepte

03.01.2011 | 10:45

Kaputt - Ein Liter Inspiration - aus dem Liter Atur Café Henri

Kaputt - zwischen den Jahren und danach erleide  ich regelmäßig eine Transformation wie durch ein Nadelöhr oder besser durch die schlankeste Stelle einer Sanduhr .

Ich muss da rein, ich muss mich und alle unverarbeiteten Erlebnisse und Erfahrungen zusammennehmen, komprimieren und auf die Schnelle handlich verarbeiten - Übelkeit, Erbrechen und heftig klopfende Kopfschmerzen sind die Folge. Manchmal auch Fieber.

Wenn ich durch bin, bin ich total erschöpft - - - und irgendwie auch erfrischt.

Platz für Neues, wo vorher alter Plunder und Kram alles verstopfte und klare Gedanken verhinderte.

Mit kaputt beginnt also was Neues, bislang Ungeborenes, ein neues Kapitel.

Und weil ein ganz großer damit sein Gedicht beginnt, überlasse ich ihm das Wort:

 

heine

CAPUT I              

Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

CAPUT II

            Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.

Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.

Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab ich im Kopfe stecken.

Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.

Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.

Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Büchern.

Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben! -

Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

»Der Zollverein« - bemerkte er -
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle -

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.«

Aus: Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen, 1844

- F o r t s e t z u n g   wahrscheinlich -

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 03.01.2011 um 11:00
Danke, war hübsch, das mal wieder zu lesen. - Heute, wo es keine Douaniers mehr an den Grenzen von Mutter Deutschland gibt, durchquerst Du, z.B. aus Frankreich kommend, die 30kmh-Zone, die den Grenzbereich markiert, und dann geht die Raserei los...
merdeister schrieb am 03.01.2011 um 11:07
Kannst Du nicht auch was verschenken?
goedzak schrieb am 03.01.2011 um 11:21
Na, vielleicht passend zum weiteren Lobe des Vaterlands, von Brecht in the way of Heine:

Der anachronistische Zug
oder
Freiheit und Democracy
(1947)

Frühling wurd´s in deutschem Land
Über Asch und Trümmerwand
Flog ein erstes Birkengrün
Probeweis, delikat und kühn

Als von Süden, aus den Tälern
Herbebewegte sich von Wählern
Pomphaft ein zerlumpter Zug
Der zwei alte Tafeln trug

Mürbe war das Holz von Stichen
Und die Inschrift sehr verblichen
Und es war so etwas wie
Freiheit und Democracy

Von den Kirchen kam Geläute
Kriegerwitwen, Fliegerbräute,
Waise, Zittrer, Hinkebein -
Offenen Maules stands am Rain.

Und der Blinde trug den Tauben
Was vobeizog an den Stauben
Hinter einem Aufruf wie
Freiheit und Democaracy

Vorneweg ein Sattelkopf
Und er sang aus vollem Kropf
"Allons, enfants, god save the king"
und der Dollar kling kling, kling.

Dann in Kutten schritten zwei
Trugen ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft

Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
Fehlen heute ein paar Haken
Da man mit den Zeiten lebt
Sind die Haken überklebt.

Drunter schritt dafür ein Pater
Abgesandt vom Heilgen Vater
Welcher tief beunruhigt
Wie man weiß, nach Osten blickt.

Dicht darauf die Nichtvergesser
Die für ihre langen Messer
Stampfend in geschlossnen Reihn
Laut nach einer Freinacht schrein.

Ihre Gönner dann, die schnellen
Grauen Herrn von den Kartellen:
Für die Rüstungsindustrie
Freiheit und Democracy

Einem impotenten Hahne
Gleichend stiolzt der Pangermane
Pochend auf das freie Wort
Das heißt Mord.

Gleichen Tritts marschiern die Lehrer
Machtverehrer, Hirnverheerer
Für das Recht, die deutsche Jugend
Zu erziehn zur Schlächtertugend.

Folgen die Herrn Mediziner
Menschverächter, Nazidiener
Fordernd, dass man ihnen buche
Kommunisten für Versuche.

Drei Gelehrte, ernst und hager
Planer der Vergasungslager
Fordern auch für die Chemie
Freiheit und Democracy

Folgend, denn es braucht der Staat sie
Alle die entnazten Nazi
Die als Filzlaus in den Ritzen
Aller hohen Ämter sitzen.

Dort die Stürmerredakteure
Sind besorgt, dass man sie höre
Und nicht etwa jetzt vergesse
Auf die Freiheit unsrer Presse.

Einige unsrer besten Bürger
Einst geschätzt als Judenwürger
Jetzt geknebelt, seht ihr schreiten
Für das Recht der Minderheiten

Frührer Parlamentarier
In den Hitlerzeiten Arier
Bietet sich als Anwalt an:
Schafft dem Tüchtigen freie Bahn!

Und der schwarze Marketier
Sagt, befraget: Ich marschier
Auf Gedeih (und auf Verderb)
Für den Freien Wettbewerb.

Und der Richter dort: zur Hetz
Schwenkt er frech ein alt Gesetz.
Mit ihm von der Hitlerei
Spricht er sich und andre frei.

Künstler, Musiker, Dichterfürsten
Schrei´nd nach Lorbeer und nach Würsten
All die Guten, die geschwind
Nun es nicht zu gewesen sind.

Peitschen klatschen auf das Pflaster:
Die SS macht es für Zaster
Aber Freiheit braucht auch sie
Freiheit und Democracy

Und die Hitlerfrauenschaft
Kommt, die Röcke hochgerafft
Fischend mit gebräunter Wade
Nach des Erbfeinds Schokolade.

Spitzel, Kraft durch Freude Weiber
Winterhelfer, Zeitungsschreiber
Steuer-, Spenden-, Zins-Eintreiber
Deutsches Erbland Einverleiber

Blut und Dreck in Wahlverwandtschaft
Zog das durch die deutsche Landschaft
Rülpste, kotzte, stank und schrie:
Freiheit und Democracy!

Und kam berstend vor Gestank
Endlich an die Isarbank
Zu der Hauptstadt der Bewegung
Stadt der deutschen Grabsteinlegung.

Informiert von den Gazetten
Hungernd zwischen den Skeletten
Seiner Häuser stand herum
Das verstörte Bürgertum.

Und als der mephitische Zug
Durch den Schutt die Tafeln trug
Treten aus dem Braunen Haus
Schweigend sechs Gestalten aus.

Und es kommt der Zug zum Halten
Neigen sich die sechs Gestalten
Und gesellen sich dem Zug
Der die alten Tafeln trug.

Und sie fahrn in sechs Karossen
Alle sechs parteigenossen
Durch den Schutt, und alles schrie:
Freiheit und Democracy!

Knochenhand am Peitschenknauf
Fährt die Unterdrückung auf.
In nem Panzerkarrn fährt sie
Dem Geschenk der Industrie.

Groß begrüßt, in rostigem Tank
Fährt der Aussatz. Er scheint krank.
Schämig zupft er sich im Winde
Hoch zum Kinn die braune Binde.

Hinter ihm fährt der Betrug
Schwankend einen großen Krug
Freibier. Musst nur daraus saufen
Eure Kinder ihm verkaufen.

Alt wie das Gebirge, doch
Unternehmend immer noch
Fährt die Dummheit mit im Zug
Lässt kein Auge vom Betrug.

Hängend überm Wagenbord
Mit dem Arm fährt vor der Mord.
Wohlig räkelt sich das Vieh
Singt: Sweet dream of liberty.

Zittrig noch vom gestrigen Schock
Fährt der Raub dann auf im Rock
Eines Junkers Feldmarschall
Auf dem Schoß einen Erdenball.

Aber alle die sechs Großen
Eingesessnen, Gnadenlosen
Alle nun verlangen sie
Freiheit und Demokracy.

Holpernd hinter den sechs Plagen
Fährt ein Riesentotenwagen
Drinnen liegt, man siehts nicht recht
`s ist ein unbekannt Geschlecht.

Und ein Wind aus den Ruinen
Singt die Totenmesse ihnen
Die dereinst gesessen hatten
Hier in Häusern Große Ratten.

Schlüpfend aus gestürzten Gassen
Folgend diesem Zug in Massen
Hoch die Freiheit piepsen sie
Freiheit und Democracy!
oranier schrieb am 06.01.2011 um 13:47
"in the way of Heine" - findest du das wirklich? Heine ist ein Meister der Intuition und der Ironie. Brecht hat wenig davon, er ist durchweg analytisch. Er schreibt geniale Gedichte, das gilt für dieses nach meinem subjektiven Urteil kein bisschen, es ist langatmig und staubtrocken. Fehlte nur noch die eintönige Agitpropstimme des Ernst Busch dazu, mit seinem peinlich-krächzenden Versuch, das bisschen Ironie auszudrücken, das immerhin im Refrain steckt.

Hier jedoch, "passend zum weiteren Lobe des Vaterlands", eine Adaption von Franz-Josef Degenhatdt aus dem Jahr 1978:

Der anachronistische Zug, oder Freiheit, die sie meinen

Diesmal wurd es Herbst im Land.
Über Smog und Glasbauwand
flog das erste braune Laub,
schmutzig, welk, und wurde Staub,
als aus Tälern und von Höhen,
wo die weiten Villen stehen,
pomphaft zog ein bunter Zug,
der ein breites Spruchband trug,
darauf stand in steiler Schrift,
schwarz, verwaschen und verwischt:
Freiheit.

Vorneweg in Weihrauchschwaden
Goldmonstranzen und Prälaten,
Baldachin, Brokatgewänder,
Oberhirten, Wahrheitsschänder,
halsbekrauste Theologen,
knochig, dürr und krummgelogen,
Presbyter und Synodale,
und die sangen im Chorale:
wollest vor Revolutionen,
Herr, uns allezeit verschonen.
Freiheit.

Dann im Gleichschritt,
Glied zu viere, hohe Nato-Offiziere,
Eisenorden auf den Brüsten
aus dem Raubkrieg der Faschisten.
Folgten muskulöse Nacken,
Herrn mit ausgebeulten Jacken,
BND und CIA, und die riefen liberty,
freedom, Freiheit überall,
ungeteilt bis zum Ural. Freiheit.

Dann ein paar Verfassungsrichter,
heimlich grinsende Gesichter.
Über ihren roten Roben,
hielten sie verkrampft erhoben
Grundgesetze wie zum Hohn,
hundertmal geändert schon:
Aufrüstung, Gesinnungsstrafen
bis zu Notstandsparagraphen.
Greisenzittrig riefen sie:
Freiheit und Demokratie.
Freiheit.

Dann die Kultusbürokraten
warfen Eier und Tomaten.
Hinter ihnen Professoren,
Ordinarien, Rektoren,
vom Bund Freiheit der Wissenschaften,
die ihre Talare rafften
mit den money-geilen Händen.
Sie skandierten wie Studenten:
Haltet Wissenschaften frei
von Marx und Mitbestimmerei.
Freiheit.

Dann die Laien-Ideologen,
bunt und lustig angezogen:
Werbeleute, Intendanten,
Redakteure, Obskuranten,
die sich krumm prostituierten
und für alle Herren schmierten,
die Bestechungssummen boten.
Die mit ihren feuchten Pfoten
lobten laut das freie Wort,
hochbezahlt an jedem Ort.
Freiheit.

Na, und schließlich ganz zum Schlüsse
fuhr die große Staatskarosse
mit Ministern undsoweiter,
und die waren ziemlich heiter,
schwenkten ihre steifen Hüte.
Wir sind jetzt die neue Mitte,
riefen sie, es ist gelungen,
und das Band ist fest geschlungen
um Arbeit und Kapital.
Das kommt von der freien Wahl.
Freiheit.

Und vorbei an der Tribüne
zog der Zug an der Tribüne.
Und da saßen ein paar Herrn,
Leiter von ein paar Konzern.
Und das waren kluge Kenner,
klardenkende, ernste Männer,
die Millionen dirigierten,
und die auch mit Weitsicht führten.
Machten keine Sprüche mit.
Freiheit hieß für die Profit.
Freiheit.

Saßen da mit ernsten Mienen.
Und dann sprach einer von ihnen:
Meine Herren, auf die Dauer
sind doch das nur noch Kalauer.
So was überzeugt nicht lang mehr,
dieses Stimmvieh, genannt Wähler,
brauchen was aus einem Guß:
diesen Dingsbums - Sozialismus
mit dem menschlichen Gesicht,
meine Herrn, sonst läuft das nicht
mehr länger mit der
Freiheit.

Ja, es wurde Herbst im Land.
Über Smog und Glasbauwand
flog das erste braune Laub
schmutzig, welk und wurde Staub.
In die Täler, auf die Höhen,
wo die weiten Villen stehen,
pomphaft zog der bunte Zug.
Und der graue Herbstwind trug
Stimmen über Feld und Wald,
aber sie verwehten bald.
Freiheit.
Lee Berthine schrieb am 06.01.2011 um 22:55
Ja, wie deutlich wird hier bei Degenhard, dass Freiheit für manche was ganz anderes bedeutet als für wieder andere...

besonders gefällt mir:
"Meine Herren, auf die Dauer
sind doch das nur noch Kalauer.
So was überzeugt nicht lang mehr,
dieses Stimmvieh, genannt Wähler,
brauchen was aus einem Guß:
diesen Dingsbums - Sozialismus
mit dem menschlichen Gesicht, ..."

und :

"Und da saßen ein paar Herrn,
Leiter von ein paar Konzern.
Und das waren kluge Kenner,
klardenkende, ernste Männer,
die Millionen dirigierten,
und die auch mit Weitsicht führten.
Machten keine Sprüche mit.
Freiheit hieß für die Profit. ..."

Herrlich formuliert, die Dämlichkeit dieser Typen.
Schade nur, dass auch die die Freiheit des Lebens auf der Erde "geerbt" haben... : (
oranier schrieb am 06.01.2011 um 12:00
@ Lee
"Platz für Neues, wo vorher alter Plunder und Kram alles verstopfte und klare Gedanken verhinderte."
- Ja, und der alte Kram und Plunder ist nach Heine nicht nur im Gehirn, sondern auch zumal in der Gesellschaft, und die neuen, klaren Gedanken sind ihm als neues, besseres Lied Voraussetzung für deren Umgestaltung zum Himmelreich auf Erden.

"Mit kaputt beginnt also was Neues, bislang Ungeborenes, ein neues Kapitel.
Und weil ein ganz großer damit sein Gedicht beginnt, überlasse ich ihm das Wort"
- Das, meine Liebe, dachte ich zunächst, sei ein hübsches Wortspiel, es ist jedoch mehr als das. "Caput" (lat.) heißt: das Haupt, und das davon abgeleitete "Kapitel" wird im Grimmschen Wörterbuch noch mit C geschrieben:
CAPITEL, n. capitulum, hauptstück, theil oder abschnitt des buchs

Was hätte"kaputt" etymologisch damit zu tun? Ganz einfach: in ebendiesem Wörterbuch erscheint das Wort noch gar nicht in dieser Schreibweise, sondern so:
CAPUT, fractus, ruptus, confectus, mit kurzem, betontem u: er ist caput, fertig, zu grunde gerichtet, einen caput machen, abstechen.

Sprachlich und gedanklich eine sehr schöne Assoziation also von dir, heißt doch "assoziieren" soviel wie "hinzugesellen".

Nun schreibst du am 04.01.2011 um 14:28 hier:

www.freitag.de/community/blogs/titta/gedicht-des-monats---januar

"Mir tut einfach die Sprache und die Direktheit in Heines Texten gut, ohne dass ich allzusehr auf die historischen Gegebenheiten und Umstände eingehen möchte.
Aus Trägheit - oder auch, weil ich finde, seine Art zu denken und zu schreiben, ist irgendwie nicht an eine bestimmte Zeit gebunden."

Dem ist in vielerlei Hinsicht unbedingt zuzustimmen. Wer sonst außer meinem Heimatgenossen und ironischen Lieblingsdichter könnte z.B. eine "Harzreise" in Göttingen beginnen lassen, und zwar mit dem unvergleichlichen Satz:

"Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist."?
Das damit schon alles über die Stadt gesagt ist, ist tatsächlich nicht "an eine bestimmte Zeit gebunden", eben weil es genau an die Zeit von Heines Aufenthalt dort und an seine ganz subjektive Wahrnehmung gebunden ist.

Deswegen kann er auch ganz konsequent und ungeniert fortfahren:

"Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht."

Nicht ohne jedoch seinen beißenden Spott über die akademischen Bräuche sowie das entsprechende Personal auszugießen:

"Sie muß schon sehr lange stehen (...) Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon stammten all die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer usw., die noch heutzutage in Göttingen, hordenweis, und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen (...) Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind."

Ließe sich noch Anekdotisches hinzufügen: Woher kommt der Ausdruck "Nassauer" für jemanden, der bestrebt ist, nach Möglichkeit alles für lau zu bekommen?
Ganz einfach: Neben den Verbindungsstudenten der zahlreichen Landsmannschaften studierten in Göttingen eine Reihe von "Landeskindern" des Fürsten von Hessen-Nassau, in dessen Herrschaftsgebiet es keine Universität gab und der diesen deshalb einen Freitisch an der Göttinger Universität bezahlte. Man brauchte also beim Essenfassen in der dortigen Mensa nur zu sagen: "Ich bin ein Nassauer", dann bekam man sein Essen umsonst. Und so mancher aus anderen Landen, der dies mitbekam, soll dann diesen praktischen Brauch nachgemacht haben.

Heine selbst war übrigens schon lange vor seiner "Harzreise" einmal im Harz, als seine Eltern den unlustigen 15-Jährigen zu einem Ausflug auf den Brocken mitschleppten. Er hinterließ dann im Gipfelbuch des Brockenwirts, sich schonmal im Reimen übend, die Verse:

Viele Steine,
müde Beine,
Aussicht keine,
saure Weine.
Heinrich Heine.

Um die Sache hier abzurunden: ich schrieb oben: "Dem ist in vielerlei Hinsicht unbedingt zuzustimmen" und meinte damit also: nicht in jeder Hinsicht. Denn "Deutschland - Ein Wintermärchen" ist ja ein politisches Gedicht mit mancherlei zeitgeschichtlichen Bezügen. Mein Zugang dazu war deshalb sozusagen ein dialektischer: die rudimentäre Kenntnis der dort angesprochenen historischen Begebenheiten ließ mich, wie ich meine, den Text genauer erfassen, und umgekehrt motivierten mich die zahlreichen Anspielungen dazu, mich genauer mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund zu befassen.

Den wollte ich ja, wie in dem oben verlinkten Blog angekündigt, anhand des Caput III exemplarisch erläutern, in der Erwartung der Nachahmung durch andere. Insofern: "F o r t s e t z u n g wahrscheinlich".

Natürlich nur, wenn Sie oder andere mögen, Madame!

Grüße
oranier
Lee Berthine schrieb am 06.01.2011 um 22:50
@ oranier:
"Caput" (lat.) heißt: das Haupt, und das davon abgeleitete "Kapitel" wird im Grimmschen Wörterbuch noch mit C geschrieben:
CAPITEL, n. capitulum, hauptstück, theil oder abschnitt des
buchs
--- Mensch, det weeß ick doch! noch aus dem Deutsch-Unterricht in den Achtzigern! Hatte das großzügig als Wortspiel mit eingebaut, denn ich bin mal gern so ein büschen flappsig.

Weiß die klugen Sätze und Antworten auf mein nur "kopiertes" Textwerk umso mehr zu schätzen und freue mich auf eine Fortsetzung!
oranier schrieb am 08.01.2011 um 00:50
"Mensch, det weeß ick doch!"
- Das mag ja sein, aber "caput" für "kaputt" und "Capitel" mit "C" wusste ich eben nicht. So wollte ich das Wortspiel loben, das ich insofern gar nicht so flappsig fand.

Fortsetzung - ich weiß nicht so recht, die massenhafte Beteiligung scheint hier ja nicht gegeben. Trotzdem, wie in Aussicht gestellt, von mir noch ein paar Worte zum Caput III. (Zum Caput II, dem Zollverein, der kleindeutschen preußisch-monarchistischen Lösung der Nationfrage versus die republikanische gesamtdeutsche (mit Österreich) und Heines Stellung dazu kann man sich ja anhand einschlägiger Quellen ungehindert unterrichten.)

Der Text selber liegt komplett im Projekt Gutenberg vor:

gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1148&kapitel=1#gb_found

Hier das Caput III:

gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1148&kapitel=4&cHash=d40dbdc7b4wintmr03#gb_found

Ob das Gedicht auch im einzelnen insofern noch aktuell ist, dass Aachen noch das langweilige Nest wäre, als das es Heine offenbar erlebte, mag tunlichst bezweifelt werden. Darüber könnte merdeister ggf. Auskunft erteilen. Ich habe es vor zwanzig Jahren in lauschiger Sommernacht als schöne Stadt mit jungem Publikum erlebt.

Mein Heimatgenosse und ironischer Lieblingsdichter macht sich jedoch anlässlich seines Aufenthaltes dort mit beißendem Spott lustig über die halbherzigen Preußischen Reformen und das Preußentum überhaupt (der hässliche Vogel: der preußische Adler, der später der Reichsadler wurde):

Du häßlicher Vogel, wirst du einst 

Mir in die Hände fallen; 

So rupfe ich dir die Federn aus 

Und hacke dir ab die Krallen.

Du sollst mir dann, in luft'ger Höh', 

Auf einer Stange sitzen, 

Und ich rufe zum lustigen Schießen herbei

Die rheinischen Vogelschützen.

Wer mir den Vogel herunterschießt, 

Mit Zepter und Krone belehn ich

Den wackern Mann! Wir blasen Tusch

Und rufen: »Es lebe der König!«

Heine spielt zentral auf die folgenden historischen Begebenheiten an:

Anfang des 19. Jhd. überzog Napoleon mit seinen Truppen nahezu ganz Europa, und die deutschen Staaten, deren mächtigste Preußen und Österreich waren, gingen wechselnde Bündnisse miteinander, mit Napoleon oder gegen ihn ein.

Die Napoleonischen Besatzungen waren eine zweischneidige Sache: Einerseits brachte Napoleon damit Errungenschaften der Französischen Revolution in die besetzten Gebiete, die dem Bürgertum und den Bauern zugute kamen, andererseits presste er sie durch hohe Kontributionen aus.

Um nun die Bürger und Bauern auf seine Seite gegen Napoleon zu ziehen und die Soldaten in seinem Heer zu engagierterem Kampf gegen dessen Truppen zu motivieren, ließ der Preußenkönig ab 1810 verschiedene Reformen durchführen, durch welche antiquierten feudalabsolutistischen Überresten halbherzig zu Leibe gerückt werden sollte zugunsten bürgerlicher Freiheiten (z.B. Gewerbefreiheit statt Zunftzwang) und eine Verbesserung der Lage der Bauern in Aussicht gestellt wurde. Die Protagonisten jener Reformen waren die Freiherren von Hardenberg und von Stein, der Mann der Goethe-Freundin Charlotte, weshalb diese Reformen in die Geschichtsbücher eingegangen sind als "Preußische Reformen" oder auch "Stein-Hardenbergsche Reformen".

Die Reform des Militärwesens oblag dagegen dem General Scharnhorst, welcher unter anderem die Prügelstrafe im preußischen Heer abschaffte und eben jenen Perücken-Zopf, der, wie man in Kostümfilmen über jene Zeit noch bewundern kann, bei den Offizieren und Grenadieren und Musketieren hinten unter einem dreieckigen Hut herunterbaumelte. Daher die Rede von den abzuschneidenden "alten Zöpfen" für überholte Gepflogenheiten.



Sie stelzen noch immer so steif herum,

So kerzengerade geschniegelt,

Als hätten sie verschluckt den Stock,

Womit man sie einst geprügelt.



Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,

Sie tragen sie jetzt im Innern;

Das trauliche Du wird immer noch

An das alte Er erinnern.



Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur

Des Zopftums neuere Phase:

Der Zopf, der ehmals hinten hing,

Der hängt jetzt unter der Nase.

Unvergleichlich dann der Dreh, den er von der Pickelhaube der preußischen Militäruniform auf das Mittelalter bekommt, und damit auf seinen eigentlichen Angriffspunkt, die literarische Bewegung der Romantik. unvergleichlich auch einer der gewagtesten ironischen Reime überhaupt die mir je begegnet, zwei ihrer Hauptvertreter: Uhland und Tieck, auf Romantik zu reimen.

Den Romantischsten unter den Antiromantikern nenne ich ihn, der in seinem "Buch der Lieder" die schönsten und romantischsten Gedichte verfasste. Ja natürlich, DIESES gehört dazu, das aus ihren Lesebüchern zu verbannen selbst die Nazis sich nicht durchringen konnten, die seine Bücher ansonsten verbrannt haben und dies wohl auch mit ihm getan hätten, wären sie seiner habhaft geworden. Feige setzten sie dann aber unter das Gedicht: "Verfasser unbekannt".

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin,
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt,
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar,

Ihr gold'nes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldenes Haar,


Sie kämmt es mit goldenem Kamme,

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewalt'ge Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe,

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh'.


Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn,

Und das hat mit ihrem Singen,

Die Loreley getan.

oder auch:

Ich stand in dunkeln Träumen
Und starrte ihr Bildnis an,
Und das geliebte Antlitz
Heimlich zu leben begann.

Um ihre Lippen zog sich

Ein Lächeln wunderbar,

Und wie von Wehmutstränen

Erglänzte ihr Augenpaar.

Auch meine Tränen flossen

Mir von den Wangen herab -

Und ach, ich kann es nicht glauben,

Daß ich dich verloren hab!

Antiromantisch dagegen, nicht ohne Pointe:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

"Mein Fräulein! Sein Sie munter, 

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter 

Und kehrt von hinten zurück."

oder:

Und bist du erst mein ehlich Weib,
Dann bist du zu beneiden,
Dann lebst du in lauter Zeitvertreib,
In lauter Pläsier und Freuden.

Und wenn du schiltst und wenn du tobst,

Ich werd es geduldig leiden;

Doch wenn du meine Verse nicht lobst,

Laß ich mich von dir scheiden.

oder die hübsche Mischung:

Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
Wir ruhten einander am Herzen,
Wir haben gescherzt und gelacht.

Doch als es morgens tagte,
Mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
Der blinde Passagier.

Ich habe den Dichter des Buchs der Lieder erst vergleichsweise spät schätzen gelernt. In jüngeren Jahren waren mir darin zuviele Liebchen und andere Süßigkeiten:

Mädchen mit dem roten Mündchen,
Mit den Äuglein süß und klar,
Du mein liebes, kleines Mädchen,
Deiner denk ich immerdar.

Lang ist heut der Winterabend,

Und ich möchte bei dir sein,

Bei dir sitzen, mit dir schwatzen,

Im vertrauten Kämmerlein.

An die Lippen wollt ich pressen

Deine kleine, weiße Hand,

Und mit Tränen sie benetzen,

Deine kleine, weiße Hand.

Aber am Ende meines Studiums lernte ich eine durchaus überzeugte Feministin kennen, die ganz vernarrt darein war und mir sehr gerne daraus vorlas.

Soweit einige Kostproben, man wird sein Vergnügen darin finden, sich in das "Buch der Lieder" oder in den Gedichtband einer beliebigen Heine-Ausgabe zu vertiefen.

Der Kreis schließt sich damit, dass Heine in romantischen Gedichten nicht nur die Liebe thematisiert hat, sondern auch seiner Sehnsucht und dem Heimweh nach seinem "deutschen Vaterland" Ausdruck verliehen hat.

Das Gedicht "Deutschland - Ein Wintermärchen" gibt ja die Eindrücke und Reflexionen Heines wider, nachdem er nach zwölf Jahren im Pariser Exil erstmalig wieder für kürzere Zeit nach Deutschland kam.

Dort enstanden aber solche Verse:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland....

Ich hatte einst ein schönes Vaterland. 

Der Eichenbaum 

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. 

Es war ein Traum. 



Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch 

(Man glaubt es kaum

Wie gut es klang) das Wort: »ich liebe dich!«

Es war ein Traum.

Wenn ich an deinem Hause...

Wenn ich an deinem Hause
Des Morgens vorübergeh,
So freuts mich, du liebe Kleine,
Wenn ich dich am Fenster seh.

Mit deinen schwarzbraunen Augen

Siehst du mich forschend an:

Wer bist du, und was fehlt dir,

Du fremder, kranker Mann?

»Ich in ein deutscher Dichter,

Bekannt im deutschen Land;

Nennt man die besten Namen,

So wird auch der meine genannt.

Und was mir fehlt, du Kleine,

Fehlt manchem im deutschen Land;

Nennt man die schlimmsten Schmerzen,

So wird auch der meine genannt.«

Ich sollte mal wieder bei meinem Freund in der Heinrich-Heine-Straße eine Lesung im Freundeskreis halten ...
Cassandra schrieb am 08.01.2011 um 06:31
Gut, dass du ersteinmal hier eine virtuelle Lesung gehalten hast. Viele Sachen kannte ich, einige nicht. Zu denen, die ich kannte, gehört selbstverständlich dieses:



Falls ich es nicht bereits tat, möchte ich übrigens einmal die Anzahl deiner zu den Blogs passenden Freundinnen bewundernd hervorzuheben. Du scheinst für jede Gelegenheit eine aus der Tasche ziehen zu können.
Cassandra schrieb am 08.01.2011 um 06:32
-zu
oranier schrieb am 08.01.2011 um 08:18
@ Cassandra

Ich werd' einen Teufel tun und dir mein Liebeskarussel aus Studien- und anderen Zeiten offenbaren. Einen abstrakt-allgemeinen Einblick in den Lauf solcher Dinge will ich dir jedoch gerne gewähren:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Die hat einen andern erwählt;

Der andre liebt eine andre, 

Und hat sich mit dieser vermählt.



Das Mädchen heiratet aus Ärger 

Den ersten besten Mann, 

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.



Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu; 

Und wem sie just passieret, 

Dem bricht das Herz entzwei.

(Heinrich Heine)

Peter Schreier ist natürlich gut. Der Chor hätte m.E. fehlen können, er erinnert mich allzu sehr an die Gesangvereine meiner Jugendzeit, in deren bevorzugtes Repertoire das Loreley-Lied gehörte. Fehlt nur noch "Am Brunnen vor dem Tore ..." und "In einem kühlen Grunde ..."

Trotzdem danke für die musikalische Einlage! Im Gegenzug eine Reminiszenz Heines an unbeschwerte Kindertage mit seiner geliebten Schwester:

www.youtube.com/watch?v=KvTbiGjim-Y

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.

Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei -
"Kikereküh!" sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.

Die Kisten auf unserem Hofe,
Die tapezierten wir aus,
Und wohnten drin beisammen,
Und machten ein vornehmes Haus.

Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling' und Knickse
Und Komplimente genug.

Wir haben nach ihrem Befinden
Besorglich und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.

Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut',
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;

Wie Lieb' und Treu' und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld! ---

Vorbei sind die Kinderspiele,
Und alles rollt vorbei -
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb' und Treu'.
oranier schrieb am 08.01.2011 um 08:25
Richtig: Einbetten ist schöner.

Cassandra schrieb am 08.01.2011 um 08:42
Mein liebster, über die Maßen verehrter Oranier,

"Ich werd' einen Teufel tun und dir mein Liebeskarussel aus Studien- und anderen Zeiten offenbaren."

wie käme ich dazu, derartig Explizites zu fragen, gar die Antwort darauf einzufordern? (Wie kommst du dazu, mir so etwas zuzutrauen? Ich muss doch zugeben, ich bin doch ein wenig pikiert.
Vielmehr habe ich bloß gewürdigt, wie oft du selbst es, ohne jede drängende Nachfrage, Details über diese oder jene Frau niederschreibst. Allein für diese Offenbarungen wollte ich meine Bewunderung ausdrücken.

Ja, mich erinnert der Chor auch. Ich schätze jedoch, dass du mit 14 oder 15 keine blonden, langen Haare hattest, die den Chorleiter dazu verleiteten, nach singen dieses Liedes nicht nur die Haare, sondern auch den übrigen dazugehörigen Körper sich auch physisch annähernd in eindeutige Zusammenhänge zu bringen.
Magda schrieb am 08.01.2011 um 08:58


Ich verbinde das immer mit der schönen Fassung gesungen von Esther Ofarim
oranier schrieb am 08.01.2011 um 14:31
Liebe Magda,

diese Aufnahme hatte ich gar nicht gefunden! Du bringst mir aber mit Esther Ofarim einen musikalischen Stern meiner jungen Jahre wieder nahe, danke dafür!

Ich nehme dies als Gabe für das neue Jahr, wünsche dir (und den anderen hier natürlich auch) das Beste dafür und uns beiden noch manches zärtliche Streitgespräch!

Liebe Grüße
oranier
oranier schrieb am 08.01.2011 um 15:05
Liebe Cassandra,

flirtest du hier etwa mit einem alten Mann, indem du ihm gegenüber dergestalt deine maßlose Verehrung zum Ausdruck bringst? Dann bin ich versucht, dir in Abwandlung eines Spruchs von Goethe zu sagen: Wir möchten weniger verehrt und mehr gelesen werden.

Allein, gelesen und offenbar goutiert hast du ja erkennbar meinen Beitrag, zu meinem Trost, denn ich dachte schon, ich hätte ihn in den Kamin geschrieben, welche Redensart übrigens daher rührt, dass weiland die Wirte in Ermangelung von Bierdeckeln die Zeche der Gäste mit Holzkohle an der weißgetünchten Wand festhielten, und da der Kamin verrußt war ...

Bei der Gelegenheit assoziiert: meine guten Neujahrswünsche galten natürlich zumal auch dir. Ich habe meinen Schornsteinfeger gefragt, wieso ausgerechnet er ein Glücksbringer sei, und er wusste darauf tatsächlich eine Antwort: In früheren Zeiten war demnach das Kamin-Kehren freiwillig und wurde von den Hausbewohnern getätigt oder meistens eben auch nicht. Und als sich der Schornsteinfeger als spezialisierter Beruf herausbildete, bannten sie die Gefahr des Schornsteinbrandes, der dadurch entstand, dass sich der Ruß als Kohle an den Kaminwänden festsetzte und dann irgendwann Glut und Feuer fing, wodurch das ganze schöne Fachwerkhaus ggf. abbrannte. Insofern der Schornsteinfeger dies verhinderte, brachte er seinen Kunden ganz offenkundig Glück.

(Jetzt sag' bloß nicht, liebe Lee Berthine, das wüsstest du schon aus dem Sachkunde-Unterricht, dann erzähl' ich dir gar nichts mehr! Gleichwohl auch dir ein schönes Neues!)

Zeigt dein mehrdeutig zweideutiger Bericht über den Chorleiter etwa eindeutig sexuelle Belästigung an, liebe Cassi? Dann konntest du dich dessen hoffentlich selbstbewusst erwehren und ersichtlich überträgst du die unangenehme Erfahrung jedenfalls nicht auf die Musik.

Liebe Grüße
oranier
Cassandra schrieb am 08.01.2011 um 06:33
Danke, liebe Lee, für die schöne Leseanregung. Das macht richtig Lust auf mehr.
Lee Berthine schrieb am 08.01.2011 um 10:55
@ Monsieur oranier, Mme cassandre et Magdalene,

J e s u i s e n c h a n t é e !

Merci,
Lee
Lee Berthine schrieb am 08.01.2011 um 10:58
(was mit den ursprünglich eingesetzten Leerzeichen übersetzt soviel heißen soll wie

mein Herz tut einen freudigen Hüpfer und ich sehe ein kleines Sternchen am Horizont )
Lee Berthine
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