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Was macht man am Samstag in Berlin? Also, das war mein Tag:
Heute morgen habe ich mein Fahrrad geölt und die Reifen aufgepumpt. Eigentlich wäre ich lieber mit der S-Bahn gefahren, aber ich wurde zu diesem Fahrradausflug überredet. Man muss ja manchmal zu seinem Glück gezwungen werden.
Also sind wir los, die Greifswalderstraße runter, mhm, wunderbar, der Benzin-und Dieselduft bei mildem Sonnenschein und blauem bis bewölktem Himmel.
Tapfer durch die Nase eingeatmet, am Alex war ich schon leicht verschwitzt. Den Winter über natürlich keinen Sport gemacht.
Mein Vordermann längst nur noch als kleiner Punkt zu sehen, er fährt mit Vorliebe bei rot oder kreuz und quer über die Straßen und muss dann zur Strafe an der nächsten Kreuzung auf mich warten. "Was ist?", fragt er, als ich prustend und schwer atmend näher gerollt komme.
Unser Ziel ist der Flughafen Tempelhof, besser gesagt, das ehemalige Flughafengelände, das nun brachliegt und von den Bürgern Berlins "besetzt" und genutzt wird. Ich erwarte Kioske und sonst nichts besonderes.
Als wir ankommen, ist das Panorama atemberaubend. Man kann sich einmal um sich selbst drehen und sieht die ganze Zeit den Horizont. Muss ich natürlich gleich aufnehmen.
Bis auf einen Eisverkäufer am Eingang und einen Gebäudeschutz der im Schneckentempo mit seinem Auto patroulliert wie ein texanischer Cop, Ellenbogen lässig aus dem Fenster, keine kommerziellen Tendenzen. Wir sind begeistert.
Auf den ehemaligen Start- und Landebahnen drehen Inline-Skater gemütlich ihre Runden, andere führen ihre Hunde auf einem eigens eingezäunten riesigen Wiesengelände aus.
Durch den Asphalt drängeln sich an einigen Stellen Grasbüschel, die Straßen sind gigantisch breit, es macht Spaß, darauf zu fahren.
Beim Kunstwerk "Senkrechtstarter" machen wir Halt und staunen. Wirkt irgendwie gut auf diesem Feld. Hoffentlich wird das nicht alles "globalisiert" und vollgeballert mit irgendwelchen Parkplätzen oder Restaurants. Braucht kein Mensch.
Nach einer Weile fahren wir weiter, Richtung Neukölln, an der Selchower Straße vorbei, in der meine Oma früher gewohnt hat. Ich behaupte, mich an alles erinnern zu können, da ich als Kind öfter hier war und ernte spöttisches Gelächter.
Ein Gorilla aus Schrott zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, dabei sind wir nur auf der Suche nach einer Döner-Bude. Werde schließlich fündig in der Sonnenallee: ein Döner für einen Euro(!), gut er ist mini, aber sehr lecker und gerade richtig.
Inzwischen ist es schon früher Nachmittag, es geht wieder Richtung Heimat, den Kottbusser Damm runter, dann die Skalitzer entlang bis zur Oberbaumbrücke. Kurz vorher stehen ein paar weiße ägyptisch anmutende Figuren, hab ich vorher noch nie bemerkt - sind die neu?
Dann gehts über die Warschauer Brücke, ein Blick auf die Gewässer links und rechts, und unbedingt die "Outuh"-Arena auf der linken Seite ignorieren, die mag ich nicht.
Blöd, dass es immer nur bergauf geht, bis zum Frankfurter Tor, bloß nicht zuviel atmen, hier sind die Feinstaubwerte am höchsten. Am Bersarinplatz vorbei, immer noch leicht bergauf. Nebenbei halte ich Ausschau nach Kaffee und Kuchen. So werde ich nie die schnittige Radfahrerfigur bekommen und in schicke Outdoor-Kleidung passen.
Endlich, die Danziger Straße, ich komme an einem Laden vorbei: hier kann man für knapp 200 Euro tauchen lernen, auch nicht schlecht. Merk ich mir für dieses Jahr mal vor.
In der Greifswalder Straße komme ich an einer Gruppe Leute mit roten Fahnen vorbei, und fahre näher ran. Höre zu: es ist eine Veranstaltung der KPD, sie loben Ernst Thälmann und sprechen von "gemeinsam handelnd in die Zukunft". Dann wird das "Loblied auf den Revolutionär" von Bertold Brecht vorgetragen.
"Wo er verjagt wird, bleibt die Unruhe", das habe ich behalten.
Klar, ich habe auch ein paar Fotos gemacht, hier sind sie:














Das Bild heißt eigentlich: Der Blick
Und hier noch das besagte Loblied auf den Revolutionär von Brecht:
Lob des Revolutionärs
Wenn die Unterdrückung zunimmt
Werden viele entmutigt
Aber sein Mut wächst.
Viele sind zu viel
Wenn sie fort sind, ist es besser
Aber wenn er fort ist, fehlt er
Er organisiert seinen Kampf
Um den Lohngroschen, um das Teewasser
Und um die Macht im Staat.
Er fragt das Eigentum:
Woher kommst du?
Er fragt die Ansichten:
Wem nützt ihr?
Wo immer geschwiegen wird
Dort wird er sprechen
Und wo Unterdrückung herrscht und von
Schicksal die Rede ist
Wird er die Namen nennen.
Wo er sich zu Tisch setzt
Setzt sich die Unzufriedenheit zu Tisch
Das Essen wird schlecht
Und als eng wird erkannt die Kammer.
Wohin sie ihn jagen, dorthin
Geht der Aufruhr, und wo er verjagt ist
Bleibt die Unruhe doch.

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Habe den Tourbericht (heute nacht schon) gern gelesen,
war aber zu müde für einen intelligenten Kommentar.... da sich mein Intelligenz-Status auch nach dem Aufwachen leider nicht veränder hat, freue ich mich eben noch mal ganz unintelligent über die anregende Zusammenstellung (Fahrrad! Blumen! Aufruhr!).... Vielen Dank! |
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@archinaut
Freut mich ganz besonders, dann "trotzdem" noch einen (wieso) unintelligenten Kommentar von dir/Ihnen zu lesen. Gibt es eigentlich etwas Intelligenteres als Freude? Danke und LG Lee |
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... da glaub ich aber nicht dran!
Herzlichst archie |
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@archinaut
Lieber Archie, also, bei meinem IQ von mindestens über 40 weiß ich doch selbstverständlich, was "Antipoden" sind, Augenbrauhochzieh und Zwinker. |
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Das ist ja gut,
irgendwie klingt das Wort unanständig, da wollte ich lieber auf Nummer sicher gehen (öhem, hab ehrlicherweise im eigenen Interesse nachgesehen, ob Wiki auch diese Nebenbedeutung der Antipoden kennt.... zurückzwinker ;-)) |
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Die ägyptisch anmutenden weißen Skulpturen Ecke Falckenstein/Schlesische Straße stehen schon ziemlich lange, mindestens 20 Jahre. Gelegentlich sieht man auch den Künstler, wie er mal wieder die unvermeidlichen tags vom Marmor schleift - wodurch die freistehenden Stelen immer schmaler und die Aussparung und der Durchbruch in den großen Teilen immer breiter werden.
Kennen Sie, apropos Tempelhofer Feld, The Berg? ...;-)... preview.tinyurl.com/3v368cj Ich mochte diese Satire auf die Gestaltungsnot/-wut fürs Flugfelds sehr, so ganz nach Tuchos Ideal-Berlin-Idee von Friedrichstraße, Ostsee und Alpen. www.youtube.com/watch?v=_R-cns8-X9o |
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@dame.von.welt
Vielen Dank für die tollen links (nein, "The Berg" kannte ich noch nicht, und finds richtig schick, und das youtube Video muss ich nochmal mit Ton anhören) und die Info über die Marmor-Skulpturen. Ich finde sie sehr interessant und zum Nachsinnen anregend. Wissen Sie zufällig, wer der Künstler ist, der so sorgfältig nachschleift? |
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@Lee Berthine
Mehmet Aksoy heißt er, vergessen, tut mir leid. Die Skulptur: 'Menschen in der Stadt' - vermutlich läßt er auch mittlerweile die tags wegschleifen, da er nicht mehr in Berlin lebt. Früher schliff er selbst und wir kamen mal darüber ins Gespräch. Von ihm ist übrigens auch das Mahnmal zur türkisch-armenischen Versöhnung in Kars, das Erdogan so gern abgerissen sähe. www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/erdogan-in-der-provinzposse/ Der Skulpturenweg in Kreuzberg besteht aus Arbeiten von sieben verschiedenen Bildhauern, entstanden in einem Symposium '87 , nämlich 'Menschenlandschaft Berlin' www.wrangelkiez.de/Fotos/kiezkunst.html |
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@dame.von.welt
Klasse! , danke für die Info zu Mehmet Aksoy und den Skulpturenweg in Kreuzberg. |
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@Rahab
gern geschehen. Ich werde auch bald mal wieder flugfeld gucken radeln und vielleicht- trotz Lachnummerpotential auch die alten Inline-Skater der ersten Stunde mitnehmen. Zum Glück gehts auf dem Feld ohnehin eher amateurhaft-spaßig her. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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