Lee Berthine

unicorn5rezepte

05.09.2011 | 10:23

Sex als Ersatzreligion? Schoßgebete letzter Teil

 

Erregung, Lust und Befriedigung als ritualisierte Handlung liegt als Erklärung nahe, wenn man liest, wie bei Elisabeth und ihrem Mann der Sex bis ins kleinste Detail vorbereitet und berechnet ist.

Von der bereitliegenden Heizdecke, Ausschaltung störender Faktoren (zum Beispiel Sicherstellen, dass das Kind nicht in der Nähe ist) und möglichst auch einer Schamrasur oder zumindest Reinigung, auf die gelegentlich auch mal verzichtet werden kann, bis hin zur Planung der gemeinsamen Bordellbesuche, bei der eine Frau ausgesucht wird, mit der sich Elisabeth und ihr Mann abwechselnd verlustieren, wobei der Ehemann nicht „in“ der Prostituierten kommt, sondern mit Elisabeth.

Also doch wieder alles ganz brav und anständig.

Skandalös finde ich den geschilderten Sex zu dritt nicht, eher etwas komisch, wie akkurat und stringent alles durchorganisiert ist, bis hin zur Tatsache, dass die zweite Frau möglichst keine größeren Brüste haben darf, wegen Elisabeths Minderwertigkeitskomplex.

Die Bordellbesuche erinnern ein bisschen an den Besuch des Swingerclubs, den sich manche Paare ab und zu gönnen, um die Beziehung aufzupeppen oder zu beleben.

Elisabeth tut das, um ihrem Mann hundertprozentig zu gefallen. Ziel ist, dass sie „für immer zusammenbleiben“ können. Dafür geht sie im übrigen auch in die Therapie, um das „Böse“ aus sich herausdreschen zu lassen.

Beneiden könnte man sie um ihre multiplen Orgasmen, zu denen ihr Mann sie angeblich „jedes Mal“ bringt, was ein wenig der Schilderung ihrer depressiven und lustlosen Phasen widerspricht.

Worum ihr Schoß also betet? Ich vermute mal, der wünscht sich nichts sehnlicher, als nach der jahrelangen Exklusivbesuche des Ehemannes einen fremden Penis zu Gesicht zu bekommen…

Das teilt Elisabeth uns in ihren Gedankengängen mit, sie braucht dazu allerdings die Erlaubnis ihres Mannes und die Garantie, dass durch einen solchen Seitensprung die Beziehung und Ehe keinen Schaden nimmt.

Auf den letzten Seiten werden diese Gebete wohl endlich erhört, denn der Ehemann äußert sich hellseherisch, dass er dem Sex mit einem anderem Mann eventuell zustimmt.

Aber - liebe Leser und Leserinnen – Elisabeth Kiehl ist eine zu harte Nuss, als dass es in ihrem gedanklichen Redefluss nur um das Thema Sex und Religion ginge. Es geht um alles, das Böse (welches nicht zuletzt in den Redaktionsräumen der Druck-Zeitung verortet wird), Tod und Teufel. Der Tod ist immer in der Nähe. Deutlich spürbar in der geäußerten Todessehnsucht und manifestiert in der Beschäftigung mit ihrem Testament.

Um „alles wieder gut“ werden zu lassen, also irgendwie ein Happy End zu erzeugen, tut die Hauptperson alles, was sie als gut und erstrebenswert erkannt hat. Ihre Einstellung erinnert mich ein bisschen an „wenn ich meinen Teller aufesse, wird das Wetter wieder gut“, also einen rührenden kindlichen Glauben an eine Art Magie.

Wo der Tod ist, ist auch neues Leben, die Geburt der Tochter wird mit dem Tod der Brüder in Verbindung gebracht. Die Tochter heißt wie die Mutter und Großmutter, Elisabeth oder Liz. Die Fortführung einer nicht unbelasteten „Tradition“ deutet sich hier an.  Wobei wir beim Thema „Mutter“ sind.

Die Mutter war prägend für die Sozialisation Elisabeths, das Problem dabei: man war sich entweder zu nah oder hatte gar keine Beziehung mehr. Also Richtung Symbiose mit gefühllosem Einschlag. Elisabeth fehlt ein Vorbild und ein innerer Halt, das konnte die Mutter nie bieten. Und wird nun konsequenterweise verstoßen. Ich fragte mich unwillkürlich, was wohl aus der Mutter nach dem schweren Unfall wurde und ob sie und Elisabeth noch Kontakt haben. Die rigorose Trennung, die mit den Worten beschrieben wird, „ich habe Schluss gemacht“, erscheint ein wenig grausam, auch sich selbst gegenüber. Deutet auch darauf hin, dass Elisabeth weder ihrer Mutter, noch sich selber verzeihen kann. Was auch immer. Fehler, Versäumnisse, Verdrängung, mangelnde Liebe. Das alles muss aus dem Blickfeld geräumt und eliminiert werden. Unversöhnlich ausgesperrt. Da steht es nun vor dem Zaun und schaut herein in die neue cleane Welt der Elisabeth.

Der Monotheismus, zu dem sie sich erzogen fühlte, und der ursprünglich der Mutter zu gelten hatte, ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint. Es bedeutet, dass sie sich einer Person ausschließlich und ganz und gar widmet und – womöglich – unterordnet. Also Masochismus, Unterwerfung? Nein, dafür ist Elisabeth eigentlich zu selbstbewusst und willensstark.

Erwähnt werden noch weitere Personen, die für die „Anbetung“ in Frage kommen: die beste Freundin Cathrin, mit der sie in einem Ablöseprozess steht und der Autor einer Vegetarier-Bibel: Safran Foer. Ihnen und ihren Dogmen wird bedingungslos gefolgt, bis sie dann ggf. als „nicht gut für mich“ entlarvt und verworfen werden.

So oder so ähnlich ging es wohl auch Frau Schwarzer, die zunächst als feministisches Vorbild und eine Art intellektueller Mutterfigur fungierte und nun immer mehr in die Schusslinie der Kritik gerät, weil Elisabeth sich ihre Sexualität und Befriedung nicht einschränken lassen will.

Schlüsselsatz an dieser Stelle zum Thema „Befreiung“ der Frau ist für mich, dass Elisabeth erkannt hat, wie viel Spaß es machen kann, mit dem Mann gemeinsam die Lust zu erleben und zu steigern u n d  zu befriedigen – und dazu gehört eben auch, auf die Wünsche des Mannes einzugehen, ohne sich diskriminiert zu fühlen.

Beeindruckt hat mich an diesem Teil des Buches noch die Schilderung der Fantasie, was aus ihren Brüdern nach Unfall geworden sein könnte. Da ihre menschlichen Überreste nie gefunden wurden, schmückt Elisabeth eine Geschichte aus, bei der die Brüder irgendwo im belgischen Wald hausen, wie Wilde, da sie sich an nichts erinnern, und von Beeren, Wurzeln und Pilzen leben. Es scheint ihnen ganz gut zu gehen in dieser Fantasie.

Und hier habe ich wieder die Assoziation zu den wilden Tieren des Waldes, zum Beispiel die Eichhörnchen, die ihre Eicheln vergraben. Dazu die plastische Abbildung des filigranen Eichelschmucks auf dem Buchcover.

Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr erinnert mich das an eine Art Reliquie oder magisches Symbol.

Kann ich in meiner Interpretation so weit gehen? Die kleine goldene Eichel, die Elisabeth zur Hochzeit tragen wollte, die durch den Horror-Unfall nie stattfand und die sie, da sie etwas Bedrohliches repräsentieren, in den Keller verbannt hat.  Die Eicheln, die später als Spielzeug aus dem Arsenal einer bezahlten Sex-Partnerin so viel Lust bereiten, stehen sie in einem Zusammenhang?

Mit ihrer offenen Schilderung erlebter Sexualität reiht sich Charlotte Roche in die Reihe weiblicher Autorinnen ein, wie zum Beispiel Anais Nin oder Erica Jong. Erinnert auch an Schilderungen in dem Buch „Der einzige Weg Oliven zu essen“.  Dem internationalen Publikum sind solche Schilderungen aus weiblichem Mund durchaus vertraut, ungewohnt könnte es höchstens für die deutschen Leser und Leserinnen sein. Die dürften aber durch die preußische Genauigkeit und Disziplin, mit der Elisabeth vorgeht, wieder ein kleines bisschen versöhnt sein.

 
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Kommentare
Angelia schrieb am 05.09.2011 um 20:14
Hallo Lee Berthine
zunächst, ich finde es bewundernswert, wie intensiv du dich mit dem Roman von C.R. befasst. Ich habe das Buch in 4 oder 5 Stunden in einem Rutsch gelesen und konnte in meinem Blog nicht mehr dazu sagen, als ich sagte, weil mir das Buch insgesamt eben nicht mehr sagte.

Es gab eigentlich nur 2 Situationen, die mich bewegten, der Unfall, das ist klar und die Sexszenen. Es war nämlich so, als ich die Sexszenen las war ich vom lesen bereits völlig abgetörnt, erlahmt und dachte immer nur, du liebe Güte, wie anstrengend....

Es gab in meinem Leben bis jetzt aber auch nur 2 Bücher, die mich so richtig beschäftigten:
Kassandra, von Christa Wolf, weil diese Kassandra mir mit ihrem Männer- und Weltbild tierisch auf den Geist ging

und

Gustave Flaubert. die Erziehung des Herzens, weil mir der Protagonist ebenfalls den letzte Nerv raubte.

Aber diese Romane haben das, was Charlotte Roche bei mir nicht hinbekam:
Sie gehen mir durch und durch, erfassen selbst noch den kleinsten Raum meines Nervenkostüms, hinterlassen ambivalente und vielschichtige Gefühle, die mich völlig verwirren, in Wechselbäder werfen, wie Empörung, Ungläubigkeit, Erschütterungen meines Selbst- und Weltbildes, sodass ich mich wieder sortieren und einfach darüber schreiben musste.

Mann, habe ich mich an Flaubert abgearbeitet..... und an der Wolf erst. Wochen! Aber an der an der Roche???
Lee Berthine schrieb am 06.09.2011 um 09:55
Danke, Angelia, aber eventuell überschätzt du mich und die Intensität, mit der ich mich mit dem Buch beschäftigt habe.
Sehr viel mehr als insgesamt 6 Stunden habe ich auch nicht an dem Buch gelesen, : ) - nur eben auf einen etwas längeren Zeitraum, ca. 12 Tage verteilt.

Aber, stimmt, ich habe mir schon tageweise intensivere Gedanken zu dem Buch gemacht, und - vor allem die Auswirkungen des Horrors - haben mir bis in mein eigenes Alltagsleben hinein zu schaffen gemacht.

Also, das Buch von Charlotte Roche hat mich insgesamt nicht kalt gelassen, und ich finde es auch unterhaltsam, gut und mutig geschrieben.

Sicher nicht vergleichbar mit Büchern, die einen auf einer anderen, tieferliegenden seelischen und geistigen Ebene berühren. Bei mir zum Beispiel Bücher von Salinger oder Rilke. Bei dir Christa Wolf oder Flaubert.

Schoßgebete würde ich zur Populär-Literatur zählen, ein Zeitgeist-Buch, trotz allem leicht verdaulich.
kopfkompass schrieb am 06.09.2011 um 19:45
Ich finde, dass sich an dem Roman und dem ihm zugrunde liegenden Unfall sehr gut studieren lässt, wie wir heute mit Katastrophen umgehen.

Dieser fürchterliche Unfall in all seiner Symbolik - er passierte auf dem Weg zu Elizabeths Hochzeit, die die Passagiere nur deshalb mit dem Auto zu erreichen versuchten, weil Elizabeths opulentes Kleid nicht in den Flieger gepasst hätte - böte so viel Potential!

In anderen Zeiten hätten Autoren auf diesem Fundament ein sechshundertseitiges Familienpsychogramm gedeihen lassen. Heute strickt man daraus mit heißer Nadel ein schnell zu lesendes Romänchen. Unkonzentriert, getrieben, schwammig.

Und damit es trotz der mangelnden literarischen Tiefe genug Medienaufmerksamkeit erhält, werden ein paar drastische Sexszenen eingestreut und ein schlüpfriger Titel gewählt.

Schoßgebete - was soll das heißen? Findet ihr, dass dieser Titel zum Buch passt?

Ich find's traurig. Alles, was ich geschrieben habe. Aber ich finde auch, es trifft den Geist unserer Zeit. Ich find's gut.
Lee Berthine schrieb am 07.09.2011 um 12:45
@ kopfkompass

zum ersten Teil deines Kommentars ließe sich noch einiges sagen, mir geht dazu auch noch eine Zukunftsprognose von Stanislaw Lem im Kopf herum...

"Schoßgebete - was soll das heißen? Findet ihr, dass dieser Titel zum Buch passt?"

Zu diesem Wortspiel habe ich mir weiter oben ein paar Gedanken gemacht, fängt an mit "Worum ihr Schoß also betet? Ich vermute mal, ..."

E i g e n t l i c h passt der Titel, nur aufs Buch bezogen, nicht so total. Aber in Reihe gesehen, mit "Feuchtgebiete" ist es ein nettes Wortspiel und - haltet euch fest - ich habe die ganz starke Vermutung, dass es eine Trilogie wird!!!
Angelia schrieb am 06.09.2011 um 21:35
Hallo ihr Zwei

ein Zeitgeist-Buch ... unkonzentriert, getrieben, schwammig geschrieben, wie unsere Zeit eben ist. Das fasst es gut zusammen. Man kann es gut finden, dass das Buch den Geist unserer Zeit wiederspiegelt ... ich finde es schrecklich, dass mir genau das durch das Buch nicht wirklich bewusst wurde.

Schoßgebete als Titel .. jedenfalls originell.

schöne Grüße Angelia
Lee Berthine schrieb am 07.09.2011 um 12:50
Hallo du Eine,

"dass das Buch den Geist unserer Zeit wiederspiegelt ... ich finde es schrecklich, dass mir genau das durch das Buch nicht wirklich bewusst wurde."

Ach, so schlimm ist das auch wieder nicht, in unserer schnelllebigen und Wegwerf-Zeit, wenn man sich nicht gleich etwas so 100ig bewusst ist, oder?
Das wäre auch ein weiteres Argument fürs "mit der schnellen Nadel stricken", wie kopfkompass schreibt, denn wozu sich hunderte von Seiten mühsam einen abbrechen, wenns auch ganz kurz und knapp gesagt werden kann. (zum Beispiel mit "f*ckt euch, ihr Christen" oder "in die Socke w*chsen" )
Lee Berthine schrieb am 07.09.2011 um 13:03
P.S. - das war ja kein so netter Abschluß -

dir natürlich auch schöne Grüße, Lee
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Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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fahrwax hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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