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Rhetorik und Demokratie sind Spieler auf der gleichen Seite des Feldes. Rhetorik, als Redekunst im Sinne Sokrates' verstanden, ist im demokratischen Raum fruchtbar, denn sie dient der Artikulation. Wie aber verhält es sich umgekehrt: wenn Demokratie zum rhetorischen Mittel von Politikern wird, wie folgt zu erkennen: "In einer Demokratie dürfe man doch noch (...)" oder "Demokratie ist auch, wenn (...)". Jedes Ansinnen lässt sich so verkaufen und als Argument verklären.
Besonders falsch wird es, wenn das Wort Demokratie als Substantiv verwendet wird, nicht selten, um dem Zuhörer zu suggerieren, man leben in einer solchen. Ein rascher Blick ins Grundgesetz offenbart in Art. 20 Absatz 1: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat." Nicht ohne Grund verwendet unsere Verfassung "demokratisch" als Attribut, soll damit doch gerade nicht unsere Staatsform manifestiert werden, sondern allenfalls auf demokratische Prinzipien in unserem Gemeinwesen verwiesen werden.
Der Ausspruch, wir leben in einer Demokratie, ist also schon formal falsch. Das ist keine juristische Wort- und Haarspalterei, sondern wesentlich fürs Staatsverständnis. Denn Ur-Demokratie kann es nur geben, wenn Herrscher und Beherrschte im Rosseau'schen Gleichstellungsverhältnis zueinander stehen. Denklogisch lässt sich mithilfe unserer Verfassung das Volks als souveräner Träger von Staatsgewalt dergestalt kaum herleiten. Bei Aristoteles heißt es: "Alle herrschen über jeden".
In der Bundesrepublik Deutschland äußert sich die Volkssouveränität lediglich "in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung" (Art. 20 Absatz 2 Satz 2). Das hat nicht mehr viel mit Rosseau zu tun, der Wortlaut macht es offenkundig. Mittelbar und unmittelbar über Wahlen nimmt der Bürger demokratischen Einfluss - das ist das zentrale demokratische Prinzip, aber mitnichten eine Demokratie im substantivierten Sinne.
Die Parteien spielen hierbei eine tragende Rolle, sie wirken bei der politischen Willensbildung mit (vgl. Art. 21 Absatz 1 Satz 1). Böse Zungen behaupten gar, wir leben in einem Parteienstaat, in dem Pluralismus zur Machtfrage degradiert wurde. Der Sendefluss verläuft von oben nach unten, Mitgliederbefragungen und -entscheidungen geraten zur Farce. Das politische Mandat wird nicht mehr benutzt, um das Richtige zu tun, wobei richtig ist, was dem Willen des Volkes entspricht - das herauszukristallisieren ist die Aufgabe des Mandats -, stattdessen aber wird versucht dem Bürger einen Willen aufzuzwingen. Hierfür wird die politische Marschroute in den Chefetagen der Parteien bestimmt, zumeist von Lobby-Interessen durchtränkt, und im Folgenden über die Medien, durchaus Hand in Hand, schmackhaft lanciert.
Wenn man die Gesetzgebung als Prozess von Rechtsetzung begreift, eine Rechtsetzung die interessenbereinigt und frei von Neigungen im Sinne des Volkes zu erfolgen hat, dann kann die Dominanz von Parteien der Gesetzgebung nur schaden, vielmehr: sie konterkariert diese sogar. Man denke nur an den Fraktionszwang, ein demokratisches und rechtsstaatliches Unding. Der Abgeordnete sei nach dem Grundgesetz nur seinem Gewissen unterworfen, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden (Art. 38 Absatz 1 Satz 2). Wer das aber allzu wörtlich nimmt, der bekommt die Härte der innerparteilichen Hierarchie zu spüren. Diktiert wird von oben nach unten. Wer selbst diktieren will, muss sich durch Konformismus nach oben arbeiten. Mit Pluralismus und freier Meinung hat all das nichts mehr zu tun, Macht- und Ehrsucht verderben politische Menschen zu Berufspolitikern.
Die Zweckmäßigkeit von Volksvertretern steht außer Frage. Es scheint aber, vielen fehlt es an einer sittlichen Handlungsschnur. Das Richtige für das Volks zu filtrieren kann mitunter eine schwere Aufgabe sein, gelegentlich auch eine, die im Widerspruch zur eigenen Überzeugung oder der des Volkes steht. Der Streit um die richtige Sache ist aber vollends verschwunden. Das vermeintlich Richtige wird, zuvor in Hinterzimmern ausgepokert, im demokratischen Gestus durch die Parlamente gebracht, wenn notwendig, dann auch dem Recht zuwiderlaufend. Der Volkswille wird nicht mehr destilliert, er wird generiert und dann der Volksmeinung übergestülpt.
Rhetorik und Demokratie - um auf den Eingang zurück zu kommen - ist schon lange kein Ineinandergreifen mehr. Rhetorik wurde von der Beredsamkeit als Mittel der Überzeugung und des Verständlichmachens, zum politisch-populistischen Werkzeug exploitiert, quasi als rhetorische Rechte im Debattenring instrumentalisiert. Eine solche, die jeden Gegner zu Boden zwingt, ist das Demokratie-Argument. Gleichwohl gibt der politische Redner seine Deckung auf und entlarvt sich selbst. Denn Demokratie - selbst, wenn es sie in natura gäbe - kann kein Mittel zum Zweck sein, es ist das dünne Eis, auf dem wir alle stehen. Wir sollten nicht darauf herumtrampeln und Obacht geben, wenn es jemand anderes tut. Insbesondere wenn es jemand ist, dem wir unser Vertrauen ausgesprochen haben.
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"Das vermeintlich Richtige wird, zuvor in Hinterzimmern ausgepokert" - Es ist Ihnen klar, dass Sie hier eine geradezu klassische Metapher antidemokratischer Rhetorik verwenden?
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@koslowski
Was ist daran antidemokratisch, es dergestalt zu benennen? Wenn ich sage, Hitler ist ein Schurke gewesen, dann ist das auch eine klassische Metapher antidemokratischer Rhetorik? Bei aller Liebe zur Kritik, den Sinngehalt von ihrer müssen Sie mir aber noch näher bringen. |
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*Kritik
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Na, ich denke zum Beispiel an Oswald Spengler, der 1924 die deutsche Republik als das Produkt von opportunistischen, materiellen Interessen verpflichteten Parteien denunziert:
„Nachdem sich die Helden der Koalition vor dem Einsturz in alle Winkel geflüchtet hatten, kamen sie mit plötzlichem Eifer wieder hervor, als sie die Spartakisten allein über der Beute sahen. Aus der Angst um den Beuteanteil entstand auf den großherzoglichen Samtsesseln und in den Kneipen von Weimar die deutsche Republik, keine Staatsform, sondern eine Firma. In ihren Satzungen ist nicht vom Volk die Rede, sondern von Parteien; nicht von Macht, von Ehre und Größe, sondern von Parteien; kein Ziel, keine Zukunft mehr, sondern Interessen von Parteien.“ Der Unterschied zwischen Spengler, der der Herrschaft von „Eliten“ nachtrauert, und Ihnen, der die aktuelle Krise der Demokratie auf „Macht- und Er(!)sucht“ von „Berufspolitikern“ zurückführt, ist im Ergebnis gering. Sie teilen die Auffassung: Repräsentative Demokratie ist Mist. |
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@koslowski
Besten Dank für Ihren Nachtrag, jetzt wurde es etwas klarer. Meine Kritik trifft nicht das Repräsentative, und wenn, dann nur ganz am Rande. So schreibe ich: "Die Zweckmäßigkeit von Volksvertretern steht außer Frage." Meine Kritik gilt den Parteien, durch die das Demokratische und Rechtsstaatliche in unserem Staate zunehmend beschädigt wird. Rückblickend war es ein Fehler vom Bundesverfassungsgericht die Parteien so stark hervorzuheben. Durch die parteilichen Strukturen, so meine Ansicht, werden macht- und ehrsüchtige (danke, wurde korrigiert) Berufspolitiker, die nicht mehr im Sinne des Gemeinwohls handeln, erst geboren. Alles weitere Übel ist dann nur noch Wirkung, nicht mehr Ursache. |
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Guter Artikel. Danke !
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@ Elbschleicher
DANKE @ ***** blogbeitrag Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie Rhetorik zum politisch-populistischen Werkzeug verkommenen Mittel zum Zweck erklären. Occupy Massnahme der Politik so zu sagen und damit voll im Trend?..... Zum Fazit „dem wir unser Vertrauen ausgesprochen haben.“ Möchte ich dann aber doch anmerken: Wir haben so entschieden, das Wahlergebnis der Bundestagswahl führt letztendlich zum Bundespräsidenten. Hier frag ich mich ob der Rückzug von Köhler ein von langer Hand vorbereiteter Schachzug einer Hinterzimmerkungelei war (na wenn das keine Steilvorlage für schlummernde Verschwörungstheoretiker ist …..). Also gehen wir sorgsam mit unserem dünnen Eis um. Auf dem dünnen Eis stehen ist definitiv besser als bis zum Hals im Eiswasser stehen (hier drängt sich mir aktuell Durban und der Klimawandel auf). Kleine Anmerkung noch pfiffige, gut gemachte ***** blogbeitrag können ja ein guter Beitrag zum Primat des Volkes @ demokratisches Prinzip sein. Feine Restnacht noch Christiane |
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@ch.paffen
Danke :) Man munkelt auch, dass Wulff mit seiner Rettungsschirm-Skepsis vielen Euro-Verfechtern ein Dorn im Auge war. Verschwörung hin oder her, beim Gang durch die Partei werden eben solche Charaktere produziert. Peter Altmaier ist auch so einer, vielleicht sogar der größte Bauer unter den Partei-Söldnern, dieser windige Wonneproppen. |
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@ch.paffen
Danke :) Man munkelt auch, dass Wulff mit seiner Rettungsschirm-Skepsis vielen Euro-Verfechtern ein Dorn im Auge war. Verschwörung hin oder her, beim Gang durch die Partei werden eben solche Charaktere produziert. Peter Altmaier ist auch so einer, vielleicht sogar der größte Bauer unter den Partei-Söldnern, dieser windige Wonneproppen. |
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@ Elbschleicher schrieb am 19.12.2011 um 22:28
"... beim Gang durch die Partei werden eben solche Charaktere produziert." Eher trifft m. E. zu, daß solche Charaktere die politische Betätigung wählen, weil sie auf dem dortigen Feld ihren Charakter entsprechend auszuleben können, welcher ansonsten nämlich eher einem sozialen Korrektiv ausgesetzt wäre. |
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@GEBE
Der Kausalitäts-Klassiker: Partei oder Politiker? Erinnert mich irgendwie an den Hund, der sich versucht in den Schwanz zu beißen. Jedenfalls: in der Absolutheit, wie ich formulierte, würde ich Ihnen Recht geben. Wenn ich "produziert" durch "mindestens gefördert und ernährt, aber auch eben auch produziert" ersetze, stimmen Sie mir dann zu? |
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Ja!
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Dazu fällt mir nur dies Zitat von Bukowski ein:
Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, dass du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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