Lemmansky

Thesen

02.10.2011 | 14:39

Vom dummen Deutschen

Heute schauen wir zurück ins finstere Mittelalter und belächeln die Menschen für ihre Naivität, der Kirche ihre absurde Lehre so leichtgläubig abgekauft zu haben. Wir können auch nicht verstehen, wie die flächendeckende Ideologisierung unseres Volkes durch die Nationalsozialisten überhaupt möglich war. Für uns sind die Menschen von damals nicht aufgeklärt gewesen. Sie haben nicht verstanden, wie sie von den Mächtigen für deren Zwecke hemmungslos ausgenutzt wurden. Sie wurden Opfer ihrer eigenen Unmündigkeit. Einer Unmündigkeit, die aus der Bequemlichkeit resultierte, sich nicht kritisch gegenüber einer Mehrheit zu äußern.

Heute in Deutschland, im Jahr 2011 ist die allgemeine Bevölkerung nicht mehr von einer klassischen Ideologie gefesselt. Die Menschen handeln nicht mehr irrational, weil ihnen die Mächtigen etwas vorgaukeln. Es ist viel schlimmer: Sie handeln irrational, weil sie es sich leisten können zu faul zum Nachdenken zu sein. Denn auch eine Ideologie setzt voraus, dass sich die Menschen für mehr als nur Unterhaltung, ihren Job und ihr privates Umfeld interessieren. Eine Ideologie lebt von der Angst der Menschen Leib und Leben zu verlieren oder eine enorme Verschlechterung ihrer Lebensumstände erwarten zu müssen. Es muss den Menschen entweder schon schlecht gehen oder sie müssen die begründete Befürchtung haben, dass es ihnen bald deutlich schlechter gehen wird als bisher, damit sie sich überhaupt größerem widmen als dem „Tatort“ am Sonntagabend. Wenn die Zeitungen schreiben, die Menschen in Deutschland hätten „Angst“ durch die Bankkrise ihr Geld zu verlieren, sie seiner „beunruhigt“ über EHEC, Schweinegrippe oder Rinderwahn, dann ist das eine vollkommen falsche Feststellung. Das echte, das ernsthafte Interesse der Menschen an Eurokrise, Politik oder irgendwelchen Viren geht gegen null. Worum es im Kern geht ist Entertainment. Wenn in Japan die Welt untergeht, wenn die arabische Revolution tobt, wenn im Norden und im Süden die Pole schmelzen oder wenn in Somalia der Hunger wütet, dann ist das Unterhaltung der Spitzenklasse. Es ist ein Menü der Emotionen, dass uns die Medien servieren und wir können wählen zwischen Mitleid, Empörung, Spannung oder Fassungslosigkeit. Doch ist der Fernseher einmal aus, die Zeitung zugeschlagen und der Computer auf Standby, dann tangieren uns all diese Dinge nur noch tertiär.

Nur wenn uns etwas selbst ganz konkret betrifft, dann werden wir die Katastrophe wirklich ernst nehmen. Dann werden wir plötzlich selbst zum Entertainmentprogramm für die Chinesen, die Amerikaner oder das Bundesland neben uns. Dann wird aus geheucheltem Interesse plötzlich die bittere Realität. Dann werden wir plötzlich verzweifelt nach denen rufen, die uns Alternativen bieten. Wir werden uns an die wenden, die sich auch schon vorher für mehr als sich selbst eingesetzt hatten. Da wird der „Gutmensch“ plötzlich zum Rettungsanker werden, für all diejenigen die nun merken, dass sie doch in einer Art Ideologie steckten. In einer neuen Ideologie von Denkfaulheit und Gutgläubigkeit gegenüber unseren Medien, die uns alltäglich für dumm verkaufen. Und der Preis ist hoch, denn die Ware hält was sie verspricht: dumm sein.

 
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Lemmansky
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