Weil ein Modekonzern RFID-Funkchips in die Pflegeetiketten seiner Kleidungsstücke einnäht, schlagen Datenschützer Alarm. Die Medien schlagen mit. Leider fehlt es der öffentlichen Diskussion an Substanz.
In den Duden haben es bislang weder das Akronym noch die ausgeschriebene Variante geschafft. In die Tages- und Wochenpresse mittlerweile schon. Radio-Frequency Identification, kurz RFID, ist in erster Linie ein technisches Hilfsmittel in den Abläufen moderner Logistik. In zweiter Linie arbeiten Technologieanbieter wie -anwender seit einigen Jahren daran, wie dieses Werkzeug auf der Verkaufsfläche eingesetzt werden kann.
Ein RFID-Transponder nutzt Radiowellen, um Daten von einem Mikrochip an ein Lesegerät zu senden. Wie viele Daten, hängt von der Größe des Chips ab. Zumeist enthält er einzig eine eindeutige Identifikationsnummer. Sie wird mit spezifischen Informationen in einer Datenbank verknüpft. Eigentlich nicht anders als beim altbekannten Strichcode. Der wesentliche Unterschied: Die Auslesung eines RFID-Transponders geschieht ohne optischen Zugang, also unsichtbar. Eingesetzt wird diese Technik unter anderem zum Management von Behältern in der Logistik, seit einigen Jahren auch für Skipässe und Mensakarten. Sie ist also bereits am Mann und an der Frau.
Nur hat sich bis jetzt niemand beschwert.
Ein Ausflug ins World Wide Web. Google weiß, dass es die aktuelle öffentliche Diskussion zum Thema Datenschutz nicht ernst genug nehmen kann. Google weiß auch, dass seine eigene, zentrale Rolle in dieser Diskussion keinen Wettbewerbsvorteil darstellt. Nun ändert der Konzern auch noch seine Datenschutzbestimmungen, und zwar dahingehend, dass Suchergebnisse stärker personalisiert und Google-Produkte „unkompliziert“ verknüpft werden. Da wundert es nicht, wenn gutbezahlte Marketing-Manager auf die Idee kommen, ganzseitige Anzeigen in großen deutschen Tageszeitungen zu schalten, die lediglich ein mittig platziertes Zitat des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) enthalten: „Verwenden Sie daher möglichst einen Browser mit Sandbox-Technologie. Konsequent umgesetzt wird dieser Schutz gegenwärtig z.B. von Google Chrome.“ Ein bisschen wundert es doch.
Zurück zur RFID-Technologie. Am 11. Januar 2012 platzierten sich Aktivisten des Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD) vor einem Damenmodegeschäft der Kette Gerry Weber in Bielefeld. Jede Kundin, die den Laden verließ, konnte auf einer Projektionsfläche die „RFID-Schnüffelchip-Nummer“ ihres just gekauften Kleidungsstückes lesen. Denn Gerry Weber lässt bereits seit 2010 Funkchips in die Pflegeetiketten einnähen, um Lagerverwaltung und Diebstahlschutz zu vereinfachen. Überraschung und Empörung waren groß, die Aktion zeigte Wirkung: Der WDR sendete in der darauffolgenden Woche einen Beitrag in der Sendung Markt. Viele Print- und Online-Medien zogen nach.
Leider fehlt es der Diskussion um RFID, wie auch schon 2006 nach dem Cebit-geförderten Hype um Metros „Supermarkt der Zukunft“, an Substanz. So heißt es im „Hamburger Abendblatt“, Daunenjacken und Baumwolltops sendeten „rund um die Uhr Funksignale“. Stimmt nicht. Ein passiver RFID-Chip, wie er bei Gerry Weber im Einsatz ist, muss durch ein Lesegerät aktiviert werden, bevor ein Signal von ihm ausgehen kann. Das Magazin „Focus“ schreibt: „So ist es theoretisch möglich, ein Bewegungsprofil des Käufers zu erstellen.“ Richtig, aber: Hierfür müsste derjenige, der ein Interesse an einem solchen Profil hat, eine eng vernetzte Infrastruktur von RFID-Lesegeräten aufbauen. Das ist dank moderner Smartphones auch wesentlich einfacher machbar.
Stoppen kann man die Entwicklung der RFID-Technologie nicht. Aber die Entwickler und Anwender müssen behutsam mit ihren Möglichkeiten umgehen. Genau das will auch der FoeBuD mit seinen Aktionen erreichen. Der damit verbundene Auftrag an Gerry Weber und andere Handelsunternehmen lautet: Transparenz.
Transparenz ist auch der Anspruch an Google. Zwar ruft Google den Nutzer dazu auf, sich aktiv über die zum 1. März geltenden neuen Datenschutzbestimmungen zu informieren. Klickt er sich mit dieser Absicht durch die Seiten, wird er jedoch schnell einen wesentlichen Mangel erkennen: Nur für die Einstiegsseiten hat Google sich die Mühe gemacht, seine Informationen auf Deutsch zu übersetzen. Der Link „Gut zu wissen“ beispielsweise führt geradewegs in die anglistische Erklärungswelt. Gut zu wissen, dass der sichere Browser Google Chrome für solch hartnäckige Fälle eine funktionale Übersetzungsfunktion zur Verfügung stellt. „Es gibt so viele faszinierende Dinge zu tun und zu erforschen online, aber es gibt auch Zeiten, in denen das Internet kann ein wenig beängstigend.“ Auf den Punkt gebracht.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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