Lethe

Über alles und nichts

03.12.2009 | 11:39

... wie ich meinen Onkologen vorübergehend ruhig stellen kann

 

vor anderthalb Jahren, in der Nacht vom 21. zum 22. April 2008, starb in der Krebsabteilung des Universitätsklinikums Freiburg mein bester Freund. Nach etwa 10 Monaten intensivsten Leidens zwischen dem ersten Auftreten von Blutspuren im Husten und dem Eintreten des Todes durch die Folgen eines kleinzelligen Bronchialkarzinoms - umgangssprachlich als "Lungenkrebs" bekannt - soll nach Auskunft der behandelnden Ärztin sein Tod sanft und frei von Schmerzen erfolgt sein. Nun ja, mögen seine Kinder es glauben können.

Über Schuld mag ich nicht sprechen. Er gehörte nicht zu den Menschen, die sich gewohnheitsmäßig über Sachverhalte hinwegtäuschen, nur weil sie unangenehm sind. Als Raucher aus Leidenschaft und Kettenraucher aus Sucht war ihm die Möglichkeit dieses Endes immer gegenwärtig gewesen. Er ist das Risiko eingegangen und daran gestorben; für ihn wichtig war daran der Triumph seiner Willensautarkie als Mensch über nur anscheinend vernünftige Regeln und Verhaltensweisen. Auch das mag ich nicht bewerten - obwohl  das Verdikt "Dummheit" naheliegt, erlebte ich ihn doch als alles mögliche, nur nicht als dummen Menschen. Er starb in gewisser Weise für eine Überzeugung - dass nichts und niemand - auch eine Krankheit nicht - die Willensautarkie eines Menschen antasten dürfe, gerade in einer Zeit, in der die Antastung, der Übergriff allgegenwärtig ist. Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob Lungenkrebs und Rauchen wirklich geeignete Kandidaten zur Durchexerzierung dieses Themas sind. Doch hatte er das als hochreflexiver Mensch für sich so entschieden und diese Entscheidung bis zum Ende gelebt.

Er war ursprünglich und gegen Ende dann wieder ein Gegner der Chemotherapie und überhaupt jeder Form massiver Therapien, deren Nebenwirkungen den zu bekämpfenden Krankheiten hinsichtlich ihrer Leidensgeneration gleichkommen, diese teilweise sogar übertreffen. Und er hatte vorgesorgt; ein alter, abgeklärter Arzt, der es sich abgewöhnt hatte, seine Patienten über ihre Perspektiven zu belügen, verschrieb ihm die Medikamente, die er zur effektiven Schmerzensbekämpfung und am Ende für den Selbstmord benötigen würde.

Dann jedoch geriet er in Panik, einfache, kreatürliche Panik. Das waren seine eigenen Worte.

Etwa zwei Monate nach dem ersten Bluthusten und kurz nach dem ersten stationären Aufenthalt, während dem die Diagnose gesichert wurde, fuhr er in Urlaub.; der Plan war, alle Orte in Europa, die ihn während seines Lebens nachhaltig beeindruckt hatten, ein letztes Mal zu besuchen und sich zu verabschieden. Er kaufte sich ein altes Auto und fuhr los. Etwa am 10ten Tag der Reise wachte er morgens in einem Hotel am Comer See auf; über Nacht hatte sich sein gesamter Oberkörper tief blaurot eingefärbt und ein Netz hervorquellender Arterien und Venen war an der Oberfläche sicht- und tastbar. Und sein Hals war auf beinahe den doppelten Durchmesser angeschwollen.

Als er an jenem morgen sich selbst im Spiegel sah, war der Moment gekommen, in dem die Panik zuschlug. Er raste durch die Alpen zurück und drei Tage später hatte er einen Platz in der Freiburger Krebsabteilung, mehr oder weniger zufällig.

Nun, die Behandlung dort wird wohl im Rahmen des Üblichen verlaufen sein; Verifikation der Diagnose, Metastasensuche (es fanden sich eine in der linken Nebenniere und eine in der linken Niere), Symptomdämpfung, Ausschluss der Operationsmöglichkeit (der Primärtumor war bereits über 10 cm groß und saß extrem ungünstig, so das ein hohes Verblutungsrisiko bei einer OP bestanden hätte, außerdem ist die Prognose bei kleinzelligem Bronchialkarzinom für OPs generell ungünstig), Beratung und last not least, Chemotherapie, genauer gesagt, eine Schrumpfungstherapie.

Die erste Serie steckte er relativ locker weg. Beschwerden über austrocknende Schleimhäute blieben selten, auch der Haarausfall hielt sich in Grenzen. Übelkeit, Durchfall und Chemobrain waren noch kein Problem, nur eine gewisse Müdigkeit machte sich bereits jetzt breit. Der Tumor schrumpfte auf 9 cm.

Die zweite Serie, in der Vorweihnachtszeit, war nicht mehr so easy. Zum einen bereitete der Tumor selbst zunehmend Schmerzen, und zu diesem Zeitpunkt traute er sich nicht, auf seine eigenen Medikamente zurückzugreifen, wohl auch, weil die Ärzte ihm mitgeteilt hatten, dass der Tumor sich durch die erste Serie verkleinert hatte. Großes Unbehagen bereiteten ihm nunmehr aber auch die austrocknenden und sich wundreibenden Schleimhäute des Gaumens und das zunehmend um sich greifende Chemobrain.Der Tumor verkleinerte sich weiter, 7 cm.

Die dritte Serie wurde die Hölle. Zu den bereits genannten Phänomenen, die nunmehr in voller Stärke zuschlugen, traten Übelkeit, Durchfall und Erbrechen hinzu. Am meisten machte ihm aber das Chemobrain zu schaffen. Er konnte nicht mehr lesen, nicht mehr klar denken, sein ganzer Kopf war wie in Watte gepackt, auf die mehrere Vorschlaghämmer merkwürdig schmerzfrei einschlugen, jeden Handlungsimpuls im Keim erstickend. Lohn der Qual: der Tumor war bei 6 cm.

Die vierte Serie hat er dann verweigert. Er konnte nicht mehr. Wir haben im engsten Freundeskreis ein Fest für ihn organisiert, wohl eher für uns, denn er saß nur mehr oder weniger lethargisch dabei und war innerlich bereits weit, weit weg. Gelegentlich ein Lächeln, fast immer die Augen geschlossen, und er stank nach undefinierbarer Chemie. Die Sätze, die er in diesen zwei Tagen von sich gab, ließen sich an einer Hand abzählen. Schmerzen hatte er wohl nur geringe, er wirkte jedenfalls nicht so, die Schmerz-Medikamente schienen ihrem Zweck einigermaßen zu entsprechen.

Ich brachte ihn dann wieder nach Hause. Die Rückfahrt mutete beinahe surreal an. Ich hatte mich bei Nebel und dichtem Schneetreiben verfahren, in einer Gegend, in der ich normalerweise blind alle Wege gefunden hätte. Diesmal verfuhr ich mich, eine merkwürdige Koinzidenz zwischen dem Nebel draußen und dem Nebel in meinem Kopf, völlig frei von jeglichem Gefühl. Was wir noch redeten, ich weiß es nicht mehr. Viel war es nicht. Nur an eines kann ich mich noch erinnern, er machte einen Witz: Sagt der Priester zum Sterbenden auf dem Totenbett "Beruhige dich, mein Sohn, dies ist nicht das Ende." Hebt der Sterbende den Kopf und sagt "Scheiße".

Ich brachte ihn in seine Wohnung, blieb noch einen Moment, aber er war schon nicht mehr erreichbar. Zwei Tage später brachte ihn eine Freundin ins Klinikum, drei weitere Tage danach war er tot.

 

schemen im nebel
verhülltverschwommene zeit
tausend farben grau

ein blick
schon vorbei
ein winken

war´s oder nichts
du warst oder ein gesicht
im nebel ein schemen

war´s oder nichts

 

Gehab dich wohl, mein Freund. Dein Tod hat einen Narren aus mir gemacht, denn wider jede Einsicht vermag ich nicht anders als zu wünschen, dass es doch nicht zu Ende sein möge, dass genügend Ichhaftigkeit von dir und von mir übrig bleiben möge für ein Wiedersehen als du und ich. Halte mir einen Platz neben dir frei.

 

Ach so, ich muss das Versprechen aus der Überschrift noch einlösen. Es ist ganz einfach. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die Hoffnung benötigen, sollten Sie befolgen, was immer Ihr Onkologe Ihnen rät. Wenn Sie die Wirklichkeit bevorzugen, dann fragen Sie ihn, wie sich die Chemotherapie seit ihrer Einführung auf die 5JÜR, 10JÜR und 15JÜR ausgewirkt hat. Das wird ihn zum Schweigen bringen.

 
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Kommentare
migrant schrieb am 03.12.2009 um 13:48
Danke.
merdeister schrieb am 03.12.2009 um 14:59
Dito.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.12.2009 um 08:32
Die Krankenkassen-Medizin hat das Leben meiner an Lungenkrebs erkrankten Freundin Monika verlängert. Sie gilt inzwischen als Krebsfrei.

Krebs ist ein Sammelbegriff für verschiedene Tumor-Erkrankungen. So individuel wie jeder einzelne Mensch.
In diesem Bereich würde ich mir niemals erlauben, Empfehlungen zu geben.

Krebs ist das Selbstzerstörungsprogramm in unseren Genen. Wir müssen Platz machen für kommende Generationen.

Krankenhäuser:
Ich habe Angst zum Arzt zu gehen. In Krankenhäuser bekomme ich Panik-Attacken. Inzwischen kann ich aber ganz gut damit umgehen. Aber was würde passieren, wenn ich als Patientin stationäre Hilfe bräuchte?

So geht es mit seit ich meinem Mann ( RIP 2004 )durch seine tödliche Krankheit begleitet habe. Denn ich habe Dinge gesehen, die ich lieber nicht gesehen hätte.
Lethe schrieb am 04.12.2009 um 09:59
versteh mich bitte nicht falsch, chris, ich spreche nicht davon, sich pauschal ärztlicher Behandlung zu verweigern. Es gibt allerdings eine Diskrepanz zwischen dem, was ein Profi machen kann und dem, was aus Patientensicht noch akzeptabel ist, eine Diskrepanz, die eben nicht mit der ärztlich-moralphilosophischen Pauschalannahme "Hauptsache leben" zu erschlagen ist. Auch diese meine Aussage kann natürlich keine Allgemeingültigkeit beanspruchen; was aber meines Erachtens jede/r Patientin beanspruchen dürfen muss, ist Respekt seitens des Arztes für Entscheidungen, die von der ärztlichen Idealvorstellung abweichen. Nicht der Arzt ist der/diejenige, der/die zu sagen hat, wo es lang geht. Das wäre ansonsten genau die Antastung der Willensautarkie, gegen die mein Freund sein Leben gesetzt hatte.

Was Krebs so recht eigentlich ist, kann leider nicht mit einer einfachen griffigen Formel dargelegt werden. Das besagte Selbstzerstörungsprogramm ist eine diskutierte Möglichkeit, trifft aber nur bei einer relativ geringen Zahl von Betroffenen zu (das eigentliche Selbstzerstörungsprogramm liegt dem Altern zugrunde, nicht dem Krebs). Onkogene Viren, onkogene Reagenzien und vieles mehr werden genauso diskutiert; aber in den allermeisten Fällen ist es nicht herauszufinden, und damit bleibt nicht anderes als die symptomatische Behandlung mit all ihren furchtbaren Konsequenzen.

Ich habe früher viele Jahre im Krankenhaus gearbeitet und weiß, was man da zu sehen bekommt. Starker Tobak. Letzten Endes - und das ist meine ganz entschiedene Überzeugung - wird das eigene Ende nur dann in angemessener Weise verlaufen, wenn ein Mensch über die Bereitschaft, sich rechtzeitig mit der definitiven Begrenztheit seines Daseins auseinanderzusetzen, zu der Bereitschaft findet, dessen Ende selbst herbeizuführen, sobald die von ihm selbst gesetzten Grenzwerte dessen, was er vom Leben mit sich machen lässt, überschritten worden sind. Die Angst vor dem Tod macht ansonsten das Leben im Angesicht des Todes zur Hölle. Und zum Ethos des Arztes müsste gehören, diese Entscheidung zu respektieren.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.12.2009 um 10:26
Leider habe ich sterbende, totkranke Mensche gesehen, welche sich ans Leben geklammert haben.
Und ich habe Ärzte & Krankenschwestern erlebt, welche menschlich ihren Aufgaben nicht gewachsen waren.
Und ich weiss aus meinem engsten familiären Umfeld, dass in NL aus Kostengründen Menschen eingeschläfert werden. Die nichtrauchende Schwiegermutter hatte sich gegen eine medizinische Behandlung ihres Lungenkrebs entschieden. Sie selbst bestimmte den Moment ihres Todes. Die Familie war auf Wunsch anwesend. Grauenhaft!!!

Und ich habe Menschen gesehen, bei denen das Sterben durch Medikamente oder durch Verhungern / Verdursten in Krankenhäuser bewusst verkürzt wurde.

Es ist nicht leicht geboren zu werden. Und es ist auch nicht einfach zu gehen. Eine schwere Krankheit bedeutet auch eine Reinigung des Körpers. Es bedeutet eine Gelegenheit, Abschied vom Leben zu nehmen.

Die Lösung ist Palläantivmedizin. Die beste Versorgung durch schmerzstillende und lebenserleichternde Medikamente. Wenn es bei mir so weit kommen würde, dann würde ich alles versuchen um in einem Sterbehospiz die passende Pflege und Begleitung zu erhalten.
Vielleicht erwüscht mich aber auch der plötzliche Herztod. Habe ich auch schon erlebt. Das war 2007. Er starb direkt vor meinen Füßen.
Lethe schrieb am 04.12.2009 um 11:22
die Lösung heißt "Wachsamkeit" :-) wie deine Beispiele überdeutlich belegen, chris, ist auch im Gesundheitssektor der Weg in die Hölle mit Kaufleuten gepflastert. Es steht zu befürchten, dass dies auch für die Palläantivmedizin gilt. Deren Pioniere mögen die besten Absichten und Vorstellungen hegen; irgendwann aber schlägt auch in ihren Abteilungen die Stunde der Betriebswirtschaftler und anderer Krämerseelen.

Hinsichtlich deiner anderen Bemerkungen sehe ich nicht, wo die im Widerspruch zu meinen Aussagen stehen. Es gibt einfach keinen Selbstläufer in die eigene Angemessenheit, mensch muss selbst dafür sorgen, oder er/sie ist preisgegeben.
ed2murrow schrieb am 08.12.2009 um 14:44
Sehr geehrte(r) Lethe,

"Die Angst vor dem Tod macht ansonsten das Leben im Angesicht des Todes zur Hölle. Und zum Ethos des Arztes müsste gehören, diese Entscheidung zu respektieren."

Auf vielen Gebieten ist Medizin nach wie vor beherrscht von dem Prinzip des try & error: Onkologie, Virologie u.a.. Das zeigt sich erst recht, wenn Chemo individuell "adaptiert" wird, von den Komponenten selbst bis hin zur ihrer graduellen Beimischung. Das erkennen aber nur die, die es selbst ausprobieren mussten (und noch nicht vor lauter Chemo "blöd" waren, wie man es im Krebskompaß bezeichnet) oder die Begleiter, deren Blick vor Mitleid/Selbstschmerz (noch) nicht vernebelt ist. Was kann ein ernsthafter Mediziner und Forscher nach wie vor anders, als am lebenden Objekt? Nur das Objekt, das sich noch als Mensch begreift, wird sich ihm entziehen können. Diesen klaren Blick, den Sie uns vermittelt haben, wünsche ich Ihnen und uns weiterhin.
h.yuren schrieb am 10.12.2009 um 22:55
was du hier eindrucksvoll schilderst, lethe, ist die eine sache: du kannst ein schmerzvolles geschehen distanziert und doch nah beschreiben.
mit deinen folgerungen aus dem erleben bin ich voll einverstanden.

das andere ist der wahrscheinliche zusammenhang von qualmsucht und krankheit, die ich schon einmal zu meinem erstaunen und befremden glorifiziert fand, ausgerechnet bei einem der lt. duden aufklärerischsten menschen des jahrhunderts, bertrand russell. er rauchte trotzig gegen alle einwende. und als er den flugzeugabsturz in die nordsee überlebte, schrieb er seine rettung der tatsache zu, dass er als raucher im raucherabteil der maschine war, der noch lange genug auf dem wasser trieb, während der rest gleich in die tiefe sank.
ein irrationaler zug am sonst so rationalen aufklärer.
Lethe schrieb am 11.12.2009 um 09:50
ich pflege einen Rest an Zweifel über den kausalen Zusammenhang; dass beides hochgradig korreliert ist, scheint mir unstrittig, aber zur Konstatierung von Kausalität gibt es zu viele Raucher, die keinen Lungenkrebs entwickeln und zu viele Lungenkrebspatienten, die nie geraucht haben. Zumindest bin ich der Ansicht, dass der Lungenkrebs nicht monokausal mit dem Rauchen erklärbar ist; das selbiges einen hochgradiger Risikofaktor darstellt und im Verbund mit Umweltgiften den Job erledigt, will ich allerdings wohl glauben.

Aber das tut nichts zur Sache; das war ihm bewusst. Es ging ihm nicht darum, das Rauchen zu glorifizieren. Es ging nur um das unter allen Umständen durchgehaltene Primat der Willensautarkie. Dass dieses Durchhalten ausgerechnet seine letzte Verdichtung anhand des Rauchens und des Krebses erfuhr, war mehr oder weniger Pech, oder weniger prosaisch ausgedrückt Folge seiner generellen Lebensweise.

Ich glaube übrigens, dass Russell sein Argument durchaus durchschaut haben könnte^^ aber auch sehr kluge Menschen benutzen manchmal Taschenspielertricks^^
h.yuren schrieb am 11.12.2009 um 13:46
na klar, wusste russell, was er tat und sagte. aber als mensch der weltöffentlichkeit ist so ein witz doch nicht mehr witzig, finde ich.
der wille und seine behauptung gefallen mir nicht. ich setze gegen den willen das wissen. an diesem tausch fehlt es m.e. sehr in der weltgesellschaft und individuell meist auch.
der wille erinnert mich so absolut aetwas an den glauben mit anschließendem quia absurdum.
Lethe schrieb am 11.12.2009 um 14:18
na ja, auch Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind in erster Linie Menschen, die duften auf der Toilette nicht plötzlich nach Rosenöl :-) und für mich haben Vorbilder ohnehin noch nie getaugt

so, wie du den Willen auffasst, würde ich das Primat der Willensautarkie auch ablehnen. Andererseits gebe ich zu bedenken, welche Flut von Informationen jeden Tag alles von uns will, wir sollen dafür sein und dagegen sein, gute Gründe sprechen für alles und gegen alles, man muss nur bereit sein, die Prämissen zu akzeptieren und die Welt aus fremden Augen zu sehen.

Wissen kann dagegen ansteuern, allerdings nur auf recht begrenzten Gebieten. In meiner Jugend machte ich mir noch einen Jux daraus, alles zu wissen, über jedes Gebiet, das mich interessierte. Das Gedächtnis spielte mit, also, was kostet die Welt?

Das Gedächtnis wurde schlechter, die Menge der zu verarbeitenden Informationen wuchs ins Ungeheuerliche.

Grundlegende Entscheidungen vermag ich schon seit langem nicht mehr auf einer Basis umfassenden Wissens zu fällen, es ist mir schlicht unmöglich geworden. An Stelle des Wissens trat das Verständnis für Zusammenhänge. Myriaden Facetten einer hochglanzpolierten Oberfläche - alle verbunden und erklärbar aus der Kenntnis einiger weniger, unter der Oberfläche verborgenen Zusammenhänge.

Aber was mache ich nun mit meiner Erkenntis, mit meiner Einsicht in die Zusammenhänge? ich kann mich Zielen verpflichten, Absichten unterwerfen, die nicht die meinen sind, kann aus Gesetz, Moral, Ideologie, Weltanschauung Handlungsmaximen entlehnen. Oder ich kann versuchen, zu erkennen was meine ureigensten Angemessenheiten sind, unabhängig davon, was Gesetz, Moral u.dgl. davon halten.

Ich hatte mich für diesen letzteren Ansatz entschieden, und natürlich musste, muss und werde ich mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben^^ da es aber keinen Königsweg gibt, der a priori und quasi-automatisch dafür Sorge trüge, nicht in die Irre zu gehen, ist dies eine Konsequenz, welche diese Entscheidung mit jeder anderen teilt. Ohne Wachsamkeit, gerade sich selbst gegenüber, führen alle Wege in die Irre.
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