Lethe

Über alles und nichts

17.11.2010 | 10:59

Also sprach der Erdherr

 

 

Sehr aufmerksamen Beobachtern mit Zugriff auf weltweite aktuelle Wetterdaten hätte es schon recht früh - wann immer "früh" in ihren jeweiligen Zeitzonen auch anzusetzen wäre -  an jenem Tag auffallen können, dass etwas Merkwürdiges im Gange war, denn es regnete auf der Erde.

Nun ja, natürlich regnet es immer auf der Erde, überall auf den Kontinenten und über den Meeren, und selbst über Wüsten gelegentlich. Was es in historischen Zeiträumen allerdings noch nie gegeben hatte, passierte an jenem Tag: es regnete überall, an jedem Ort der Erdoberfläche, und das zeitgleich über viele Stunden hinweg.

Ansonsten verlief der Tag für die Menschheit zunächst, wie menschliche Tage zu verlaufen pflegen, Menschen starben, wurden geboren, gingen zur Arbeit, schliefen, liebten sich, töteten einander, waren grausam oder zärtlich, Kinder wurden vergewaltigt, Frauen geschlagen, Arbeiter entlassen und Chefs gekrönt oder abgesägt, ein wuselnder Ameisenhaufen voll von diesem und jenem, jeden einzelnen Augenblick immer anders, völlig durchdrungen von der Bedeutungshaftigkeit seiner inneren Bewegungen, und doch, aus einiger Höhe betrachtet, immer sich selbst gleich bleibend. Eine schon in einer Entfernung von nur wenigen Lichtsekunden völlig gegenstandslose, sich selbst aber als solche empfindende Krone der Schöpfung.

Nichts als Brownsches Molekularrauschen.

Der Regen war ein früher Hinweis darauf, dass dieser Tag, der so gewöhnlich begann und in so gewöhnlicher Weise seinen Verlauf nahm, in die imaginären Annalen der Menschheit eingehen sollte; andere Hinweise gab es nicht. Um drei Uhr nachmittags mitteleuropäischer Zeitrechnung wandte sich der Erdherr an die Menschheit und redete zu ihr.

Dies war in dreifacher Hinsicht eine Überraschung, da die Menschheit zum ersten bis dahin gar nichts von der Existenz eines Erdherren wußte, zum anderen jeder Mensch den Erdherren in seiner jeweiligen Muttersprache vernahm und zum letzten jeder Mensch ihn in seinem eigenen Kopfe vernahm. Hätte es jemand untersucht, wäre auch festgestellt worden, dass unmittelbar vor diesem Augenblick alle Narkosemittel versagten, und insgesamt alle  Schlafenden und sonstwie Betäubten wach wurden, aber niemand starb.

Und Folgendes teilte der Erdherr der Menschheit mit.

"Ihr beschissenes Pack. Ich habe die Schnauze voll von euch. Und nun zieht euch warm an.

Ihr werdet von diesem Augenblick an kein Leid mehr erzeugen.

Oh, ihr werdet natürlich weiterhin das Bedürfnis haben, zu beherrschen, zu schlagen, zu foltern, zu morden, Angst einzuflößen, eure Macht auszuweiten, Menschen beim Handel übers Ohr zu schlagen, zu manipulieren, verhungern zu lassen, Krieg zu führen, Babys zu ficken, zu vergewaltigen und auf jede euch nur erdenkliche Weise dazu beizutragen, diese Erde und das Leben möglichst vieler Menschen und anderer Lebewesen in eine Hölle zu verwandeln. So hört denn.

So ihr noch im geringsten tut, was auch nur bei einem einzigen Menschen oder anderem Lebewesen Leid hervorruft, werde ich euer Tun blockieren ehe ihr es tun könnt. Und ich werde es tun, indem ich euch Schmerzen bereite, Schmerzen, die euch im Augenblick nach dem Maß des Leides, das ihr erzeugen wollt, bis zur Handlungsunfähigkeit zerreißen werden und die jedesmal, wenn ihr nämliches versucht, etwas länger anhalten werden. Und bedenkt: ich sehe auf eure wirklichen Motive, nicht eure Worte und Rechtfertigungen.

Versucht es nur. Versucht es aneinander, versucht es bei Tieren oder Pflanzen, nur zu. Ihr werdet zerfetzt werden vom Schmerz.

Mich nennt ruhig Tyrann. Stürmt gegen mich an, in euren Zeitungen, laßt eure Armeen auffahren und eure Wissenschaftler und Gehemdienste ihre Spielchen spielen. Was ihr gegen mich auffahrt, ist mir völlig gleichgültig. Ich bin außerhalb jeder Erreichbarkeit und bedarf keiner Hilfe. Aber ihr, untereinander wie auch in Bezug zu der Lebenswelt, deren Teil ihr seid, selbst ihr euch entziehen wollt:

Ihr.Werdet.Kein.Leid.Mehr.Erzeugen.

Und wenn ihr herausfindet, daß alle eure zivilisatorischen und kulturellen Leistungen nur entstanden wegen eurer Gier, wegen eurer Besessenheit von Macht, wegen eures Dranges nach Privilegien für euch selbst, gleichgültig wer dafür bezahlen muss - und wenn ihr nunmehr findet, daß es euch keinen Spaß mehr macht, euch zu engagieren, da ihr dies alles nicht mehr ausleben könnt - und wenn die Menschheit daran zugrunde geht - dann geht zugrunde."

So sprach der Erdherr im Kopf jedes einzelnen Menschen und es war das erste und das Letzte, was sie je von ihm hörten.

Und also geschah es.

 
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Kommentare
Belle Hopes schrieb am 17.11.2010 um 12:24
wunderbar. welt, wuseln, wetter, broWnsches molekularrauschen. dann kommt nur noch x, y, z, und der spuk ist aus.
Lethe schrieb am 17.11.2010 um 13:44
und, angenommen, es geschähe, wie ginge es aus?
Belle Hopes schrieb am 17.11.2010 um 14:46
im hellsehen war ich immer schlecht, dafür umso besser im idealismus, die guten ins töpfchen, die schlechten ins kröpfchen.
h.yuren schrieb am 21.11.2010 um 15:08
wie es so herrenart ist, lieber lethe, nimmt es der herrr in deiner phantasie nicht so genau, sondern schert das menschenpack so ziemlich über einen kamm. die herrliche gerechtigkeit sähe anders aus.
dein "erdherr" ist übrigens strukturblind wie die meisten historiker und anderen herren mit einem harten urteil.
"die" menschen gibt es nicht. sie unterscheiden sich von kind zu kind, von frau zu frau, von mann zu mann usw.
aber die aus der naturgesetzlich grausamen notwendigkeit geborenen verhältnisse von macht und ohnmacht, von übermacht und unterlegenheit, aufzudröseln und ganz neu und human zu stricken, wäre eine nützliche aufgabe für deinen herrn der erde.
Belle Hopes schrieb am 21.11.2010 um 15:11
im sinne des textes wäre es nützlich die feinen nuancen des geschriebenen wahrzunehmen anstatt sich in selbstherrlicher, nicht zutreffender kritik zu probieren. oder einfach besser schreiben als das was man kritisiert.
Lethe schrieb am 22.11.2010 um 09:35
ich würde es, lieber h.yuren, eingedenk des Tags "Dystopie", weniger als eine erfrischende Kurzgeschichte über Faschismus in letztendgültiger Gestalt lesen, als vielmehr als eine Prognose über die Perspektiven der menschlichen Spezies. Dass diese Prognose einem Kulturoptimisten übel aufstoßen kann, ist mir bewusst, das ändert jedoch nichts daran, dass ich die menschliche Spezies als hoffnungslos einschätze.

Im übrigen halte ich dafür, dass die grundlegenden Wahrnehmungen mit einem Figur-Hintergrund-Problem zu tun haben. Sind Freude und Leid wirklich ineinander verschlungen, so dass sie aufgedröselt werden könnten? Aus deiner Sicht anscheinend, aus meiner Sicht gibt es "Blumen" - ein frischverliebtes Paar, ein Neugeborenes, eine Bach-Kantate usw. - aber es gibt sie eben nur als "Blumen", als Figur vor abgrundtiefem flächendeckenden Leid - die verlassene Frau, das vergewaltigte Kind, die Kakophonie der täglichen Lärmbelästigung usw. - das Hintergrund geworden ist, das so sehr nicht mehr zur Disposition steht, dass man darüber nicht mehr redet, weil es selbstverständlich ist.

Der Erdherr redet und handelt aus Verzweiflung. Und sein Handeln geht vielleicht nicht konform zu linken Mensch- und Gesellschaftstheorien und anderen netten Proklamationen, aber es rettet ansonsten gefickte Kinder, vergewaltigte Frauen, Folteropfer und desgleichen.

Davon abgesehen bitte ich zu bedenken, dass seine Vorgehensweise nicht notwendig Leid erzeugt. Die Leute brauchen "bloß" nett zueinander zu sein^^ schon wäre alles gut^^ da es deiner Lesart der Menschheit zufolge ja Unmengen netter Menschen gibt, sollte es für die also kein Problem sein, jeglichen Schmerz zu vermeiden.
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