Lethe

Über alles und nichts

02.11.2011 | 10:38

Mona Lisa Overdrive

Mensch empfindet ja nichts mehr Großartiges dabei, wenn der Parlamentarier gemeinsam mit dem Lobbyisten zu Tische sitzt, die Menschen müssen schließlich essen, und man nimmt gleichmütig hin, wenn Meldungen von den Finanzmärkten zu nervösen Zuckungen und roten Flecken im Gesicht von Finanzpolitikern führen.

Trotzdem will mir scheinen, dass in den letzten Monaten eine schleichende Entwicklung ihren Kulminationspunkt erreicht hat. Wenn irgendeine "Troika" - niedlich, nicht? - aus zwei großen Finanzorganisationen und einigen EU-Abgeodneten einem souveränen Staat "Sparmaßnahmen in nie gesehem Ausmaß" aufzwingen kann, oder wenn eine Rating-Agentur wie Standard & Poors einen souveränen Staat mit der Bemerkung, dass es an Aussichten für Wirtschaftswachstum fehle, mithin ein politisches Ziel vorschreibt, abwerten kann - dann könnte man das vielleicht tatsächlich so interpretieren, dass der größere Teil der Situation, die in der mit dem titelgebenden Buch abschließenden Trilogie vor über 20 Jahren schon beschrieben wurde, mittlerweile Wirklichkeit geworden ist: Nationalstaaten, deren Rolle auf Erfüllungsgehilfenschaft für Konzerne und Banken reduziert ist und deren Belange im Konfliktfall einfach übergangen werden.

Der Weg ist sicher noch nicht bis ganz ans Ende gegangen, aber es stinkt. Vom Kopf her. Und ich merke, dass ich im Gewimmel der Zahlen, denen ich mich seit einiger Zeit durch das Anhören der Wirtschaftsnachrichten im DLF freiwillig aussetze, langsam aber sicher dumm werde. Es bedarf einer entschiedenen Anstrengung meinerseits, in diesem Gesummse steigender und fallender Kurse und der hypernervös mediocren Begründungen für beides, steigen und fallen, einen Kopf für die Strukturen und Bedingungen, die Zusammenhänge freizuhalten, die diesem Wahnsinn zugrunde liegen. Ich bezweifele, dass es viele Politiker gibt, die sich diesem Stress aussetzen. Viel einfacher ist es, sich dem Gesäusel der Fachleute hinzugeben, die zwar alle Zahlen hoch und runter beten, diese Zahlen aber nur noch in zweckgebundene Zusammenhänge stellen, so dass am Ende eine Unmenge unglaublich beeindruckender Statistiken immer wenig besagen, außer dass wir immer mehr Geld in die Märkte pumpen müssen, von dem nur noch die Märkte etwas haben.

Auf dass die großen Wirtschafts- und Geld-Konzerne immer reicher werden, während alle anderen immer stärker unter Druck geraten. Und unter diesen "allen anderen" auch die Staaten.

Bis zu ihrer Überflüssigkeit?

 
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Lethe
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