Sebastian Dörfler

Blog von Sebastian Dörfler

17.01.2011 | 20:52

"Alles sollte Kritik sein"

Eine tolle Dokumentation, die da seit zwei Wochen auf YouTube steht: Das war Thomas Bernhard. Fernsehdokumente 1967-1988. Sehr anregend, gerade wenn man sich bisher noch nicht mit dem österreichischen Schwergewicht beschäftigt hat:

Erregung ist ein angenehmer Zustand und bringt das lahme Blut in Gang. Ohne Erregung ist gar nichts. Da können Sie gleich im Bett liegen bleiben.
Alles, was ein Schriftsteller oder Dichter schreibt, sollte Kritik sein.
Die Wahrheit ist immer nur, dass man ein "aber" an den Satz hängt. Die Stadt ohne "aber" ist einfach eine kitschige Stadt mit kitschigen Menschen und oberflächlichen Scheußlichkeiten… Die einzige Triebfeder in mir ist die, zu sagen, was niemand sagt, oder zu schreiben, was niemand schreibt. Was alle schreiben - dass die Stadt schön ist - das weiß eh jeder. Aber hinter der Schönheit ist etwas anderes.
Alles ist wirklich, egal ob es passiert oder nicht. Die Vision ist noch mehr Realität als die Realität. Es gibt nichts Erfundenes… Die eigentliche Natur und die Welt sind in den Zeitungen: Je boulevardesker, je primitiver sie sind, desto mehr lernt man daraus. Ich habe nichts von einem seitenlangen Vortrag von Herrn Popper, der von A bis Z nur Geschwätz ist. Aber ich habe sehr viel davon, wenn da steht: Die Bäuerin Hintermeier in der Steiermark ist Amok gelaufen, hat ihre vier Kinder umgebracht und das fünfte ertränkt.
Ich schreibe nicht für Depperte, denen man alles sagen muss… Ich lasse den Leuten einen Spielraum … Natur beschreiben ist sowieso Unsinn, weil sie jeder kennt. Wer einmal in einem Garten war, weiß, was da gespielt wird. Das brauchen Sie nicht mehr beschreiben…Innere Vorgänge, die niemand seht, sind das einzig interessante an Literatur überhaupt. Aber aus uninteressanten Beschreibungen besteht die meiste Schriftstellerei, weil die Leute nicht in großen Aktionen denken können, sondern nur kleinstbürgerliche, folgerichtige Schritte machen – das ist grauenhaft.
 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 17.01.2011 um 21:02
:)

... allerdings zeigen die in der Community vertretenen Exemplare des strunzdummen Bürgertums, dass sie nicht mal die kleinstbürgerlichen Schritte folgerichtig machen kann.
Streifzug schrieb am 17.01.2011 um 21:03
... können ...
Streifzug schrieb am 17.01.2011 um 21:05
(... das passiert, wenn ich, große Aktionen denkend, den Satz umbaue und dem Bürgertum Exemplare zufüge ;)
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 21:44
;-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.01.2011 um 21:22
@streifzug
Gelegentlich ist Kritik auch eine Form der Selbstbeschreibung.
Wohlgemuhtes Schreiten.
Belle Hopes schrieb am 17.01.2011 um 21:03
Die Frage nach der Moral in der Kunst, so grob gesagt. Ewige Frage. Ich denke aber, wir sind etwas weiter (im Sinne von weiter, nicht im Sinne von besser). Die Einfachheit von der schönen Fassade und der weniger schönen Wirklichkeit darunter gibt es so nicht mehr, weil die Fassade eben nicht mehr schön ist. Und das Motto "Hauptsache Kritik" sollte besser heissen "Hauptsache sinnvolle Kritik", denn im Kritisieren gegen alles und jeden sind wir, hier doch große Klasse. Die Richtigkeit der Aktion ist das, worauf es ankommt, nicht auf Aktionismus. Und wir sind an einem Punkt, an dem man das Boulevardeske nicht mehr nur als Abbild der Realität der Menschen nehmen sollte, sondern als Negativbild. Wer das immer noch nicht verstanden hat lebt nicht in der Realität. Sollte jetzt nicht gegen Sie gehen, sondern allgemein gedacht sein. .-)
Streifzug schrieb am 17.01.2011 um 21:06
... bestimmt folgerichtig gedacht ...
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 21:50
… und ich hatte mich schon so über die generalisierende aussage gefreut.
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 22:00
Du hast bei Belle Hopes tatsächlich eine Aussage gefunden? Respekt! ;-)
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 22:08
ich meinte die schöne "alles sollte kritik sein"-aussage ;)
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 22:23
Na ich finde zB die Berhard-These steil, derzufolge den Zeitungen umso mehr von Relevanz zu entnehmen sei, je boulevardesker, je primitiver sie seien.

Eine veritable Blutgrätsche etwa gegen die hierzuforum gängige Springer-Antipathie.
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 22:32
Was es auch ist - ich bin dagegen.
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 22:42
das fand ich auch interessant. und ich würde sogar mutmaßen, dass dem chef dieser zeitung bernhards these nicht ganz unbekannt ist - bei jenem gespräch hier (www.kulturradio.de/programm/sendungen/110108/das_gespraech_1404.html) hörte sich das nämlich genauso so an: guter boulevard gehe dahin, wo es weh tut und sei eine besondere art der realitäts-verdichtung.

allemal spannender als so ein popper-essay ist der boulevard wohl in jedem fall, würde ich mal sagen.
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 22:51
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 23:04
Jeder Blogger kann gegen oder für eine Sache sein, oder auch dafür sein, dass er dagegen ist, oder dagegen, dass er dafür ist. Er kann sogar an und für sich dagegen, praktisch aber dafür sein. Da bin ich dagegen und es spricht sehr viel dafür, dass ich dagegen sein sollte.
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 23:08
ich bin da ganz auf ihrer seite.
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 23:10
Sag, Sebastian,

warst Du nicht letztens derjenige, der via +4-vs-the-elite-Gimmick (sprich: twitter) einen Link übers Flanieren hereinreichte? Vielleicht sollte man nämlich boulevard gar nicht in der Zeitung, sondern in der Großstadt suchen und ihn gar nicht lesen, sondern abschreiten.
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 23:12
War eben kruscheln. Der hier war's:

fm4.orf.at/stories/1670016/
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 23:17
oh ja… ganz groß übrigens auch teil zwei (fm4.orf.at/stories/1672776/) und vor allem drei (fm4.orf.at/stories/1673378/) der reihe. gefällt dir bestimmt auch (hab ich aber auch schon über dieses elite-dingens versendet)
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 23:22
Josef,
das muss jetzt raus.
"ihn gar nicht lesen, sondern abschreiten."
Genau. Auf allen Vieren und subversiv die Hände in den frischen Beton drücken...

j-ap schrieb am 17.01.2011 um 23:36
Danke, Sebastian. Darf ich etwas zu meiner Verteidigung vorbringen? Ich lese zwar regelmäßig, was Du schreibst, aber mit zeitlichem Abstand zwischen den Regellektüren. — Deshalb wirkt es jetzt so, als sei ich nicht ganz aktuell, was selbstredend nur ein Phänomen ist.

Gero: Stimmt. Aber wer hat schon Hände, die aussehen wie Kameras und Plattenspieler?
Sebastian Dörfler schrieb am 17.01.2011 um 23:49
das ehrt mich, Josef. ich werde in zukunft meine digitalen äußerungen regelmäßig auf ihre relevanz hin prüfen. bitte aber im voraus, rückfälle zu entschuldigen.
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 09:12
na, dann nochmal konkreter: bernhards these, alles sollte kritik sein, so gut sie auch sein mag, ist heute nicht mehr so gültig, heute sollte alles SINNVOLLE kritik sein; ich meinte ich hätte das deutliche geschrieben, auch den aspekt der moral in der kunst. ganz ehrlich, der blog ist gut, aber das gewäsch von leuten hier, die nichts verstehen, aber dafür umso mehr labern ist nicht mehr zu ertragen.
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 09:18
»Finden« Sie, ja? Ich finde etwas anders: Nämlich daß der Begriff der Kritik schon da völlig verabschiedet ist, wo ihr das Attribut »sinnvoll« aufgeherrscht wird.
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 09:21
Ach, übrigens, J. Augsteins Meinung zum Boulevardesken deckt sich "irgendwie" mit Bernhards Meinung. Nur: heute ist ja fast alles so b wie banal und beliebig und boulevardesk. Was sagt das dann über unsere so intelligente...äh...gesellschaft? MfG
Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 12:55
was josef sagt: wenn das nun alles so bbb ist, aber in der eigenen selbsterhaltungs-logik ja durchaus "sinn" macht, dann darf kritik ja nicht auch noch "sinnvoll" sein. sonst wäre sie genauso beliebig wie der rest.
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 13:01
versteh ich nicht, wie sie das meinen. da ist nun der wurm drin. ich meinte: das meiste der mediengesellschaft/ gesellschaft an sich ist beliebig und banal und boulevardesk, eben populistisch und blöd, da ist kritik nötig, aber nicht um der kritik willen so in typisch deutscher posaunerei, sondern konstruktiv. und unter konstruktiv verstehe ich, dass man etwas blödes oder banales auch als solches benennt und etwas weniger blödes und weniger banales einfordert. das verstehe ich unter sinnvoll.
Magda schrieb am 18.01.2011 um 13:11
@ j-ap - Ich dachte schon, das sei allein mein Problem. :-))))))
Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 13:28
@belle hopes: reiner begrifflichkeitsfetisch meinerseits, sorry. hegel hat mal gesagt "was ist, ist vernünftig" und gezeigt, wie die vernunft die gesamte staatsordnung durchzieht - also wie alles, was ist, "sinn" ergibt.
will man nun den status quo kritisieren, dann kann man das nicht mehr mit dem begriff "sinn" tun, denn der ist ja verantwortlich für alles. man müsste eher pro "unsinn" argumentieren, denn der wäre das, was nach dieser logik veränderung bringt. blablabla. so. oder so ähnlich.
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 13:38
ha, now I see. aber ich sehe das anders, denn das, was draussen passiert ist doch alles unsinn, die politik ist unsinn, vieles in den medien ist unsinn, auch neuere kunst macht oft keinen sinn. daher brauchts sinn. das mittel mit unsinn zu konfrontieren funktioniert, wenn überhaupt noch, im absurden theater, die übertriebene absurdität auf der bühne soll das absurde in der realität aufzeigen. im leben klappt das meiner meinung nach nicht, nicht mehr. ich komme quasi von der anderen seite. (ich war auch nie hegelianer. .-) ) aber mit gleichem ziel. die mittel sind nur anders. naja. was nun mehr fruchtet...keine ahnung. aber thomas bernhard geht immer.
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 14:35
Mich interessiert, wie Sie zu folgender Aussage gelangen:

(P) das, was draussen passiert ist doch alles unsinn.
(S) daher brauchts sinn.

Zu Ihrer Prämisse P kommen Sie doch überhaupt nur, indem Sie schon vorab eine Sinn-Überlegung angestellt haben, an der Sie das Sosein der Welt 'da draußen' haben scheitern lassen, um dann als (Trug-) Schluß S zu präsentieren, was Sie vorher schon gesetzt hatten, nämlich: Bedarf nach Sinn.

Das ist Tautologie in Reinform.
Streifzug schrieb am 18.01.2011 um 14:45
Herr von und zu Puch :)

ich registriere eine gewisse Unkenntnis im Umgang mit Frauen. Was Belle Hopes schreibt ist zwar unlogisch um nicht zu sagen unsinnig, aber in gewisser Weise sexy, wie so vieles bei Frauen ;)
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 14:51
Puuu(c)h, Streifzug — hoffen wir mal, daß Rahab hier nicht zufällig reinliest. ;-)
Rahab schrieb am 18.01.2011 um 14:55
schon passiert
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 15:02
Ahja. Streckbänke und Daumenschrauben sind im Nebenzimmer. Gebt Bescheid, wenn ihr 'durch' seid.
Streifzug schrieb am 18.01.2011 um 15:09
Heute kein SM. Die gewisse Unkenntnis geht allerdings weiter. Frauen wiederum finden meine charmant offene Art massiv sexy. Träller, flöt.
Rahab schrieb am 18.01.2011 um 15:09
wozu das jetzt?
findet herr von und zu das sexy?
Streifzug schrieb am 18.01.2011 um 15:17
Für den interessierten Laien:

Rahab schrieb am 18.01.2011 um 15:21
danke
hat ich heut schon
Streifzug schrieb am 18.01.2011 um 16:18
Für den Rest:

Rahab schrieb am 18.01.2011 um 16:22
goldisch
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 19:46
herr dörfler, hab mir das video angeschaut: "die eigentliche natur und welt ist in den zeitungen." hmm. naja. "irgendwie ist inzwischen alles komplizierter". aber die trippel-trippel-schritte von kleingeistern sind eindeutig noch kleiner geworden. .-)
Belle Hopes schrieb am 18.01.2011 um 20:17
amüsant fand ich persönlich seine aussage über "philosophie und brei".
GeroSteiner schrieb am 19.01.2011 um 00:40
@Belle Hopes
"Wer das immer noch nicht verstanden hat lebt nicht in der Realität."

Ich habe es nicht verstanden.
Wo bin ich denn, wenn die Realität in der Realität gar keine Realität sondern vilemehr eine Illusion sein soll, die durch Alkoholmangel hervorgerufen wird?
Belle Hopes schrieb am 19.01.2011 um 06:43
hmm, herr steiner, was denn nun genau nicht verstanden. das thema an sich? den bernhard? das mit der sinnvollen kritik? Kunst als Kritik. jetzt kann man drüber streiten, ob das immer so sein soll, ob die moral die kunst auszeichnet, kunst sonst keine kunst ist oder zumindest nicht ko(u)nstruktiv, aber recht hat er grob damit, der bernhard.
chrislow schrieb am 19.01.2011 um 11:30
Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 13:28

"man müsste eher pro "unsinn" argumentieren, denn der wäre das, was nach dieser logik veränderung bringt."

-> Das ist ja in den Sozialwissenschaften und den neu assoziierten netzwerk- und Komunikationswissenschaften usus...

Nur aus dem kaos entsteht maximaler Sinn.
Belle Hopes schrieb am 19.01.2011 um 11:59
chrislow: das setzt aber einen verstehenden empfänger voraus, der reflektiert, nun sind aber nicht alle da draussen theatergänger, und noch mehr chaos, noch mehr verwirrung braucht kein mensch. denke ich. vielleicht bin ich da zu pragmatisch. egal. was sie da unten zur kommentarexplosion sagten ist aber schön, ich frage mich, ob bei einigen noch sowas wie scham vorhanden ist so ernsthafte themen mit zeugs zu zu quatschen. man kanns nur hoffen. lg
luggi schrieb am 17.01.2011 um 21:59
Kritik ist manchmal Kunst oder Gunst. Entweder Künstler oder Günstler.
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 22:30
Kritik kann auch Dunst aus dem Dunstkreis eines Künstlers sein.
luggi schrieb am 17.01.2011 um 22:37
Das ist dann der Feinstaub.
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 22:49
Kritik ist wichtig, manchmal lebenswichtig. Jedenfalls für den Kritiker.
luggi schrieb am 17.01.2011 um 22:59
Die endgültigste, z.B. Zeitungskritik, ist die der Mäuse und Schimmel.

ist abgekupfert von Marx/Engels
GeroSteiner schrieb am 17.01.2011 um 23:07
Vernichtende Kritik:
Brot kann wenigstens schimmeln. Irgendwas wird der Künstler doch auch können!?
hardob schrieb am 17.01.2011 um 23:05
Thomas Bernhardt und die Presse, ein weiiiiites Felt.

www.kultiversum.de/Schauspiel-Theaterheute/Wiener-Burgtheater-Thomas-Bernhard-Heldenplatz-.html?

Da is ois der Boulewaar.
indyjane schrieb am 18.01.2011 um 09:39
"Alles, was ein Schriftsteller oder Dichter schreibt, sollte Kritik sein.",
d. h. den mut zur differenz, zum schatten zeigen, zur provokation des temporären "gleichgewichts" zeigen -
begrifflichkeiten wie moral und sinn kann ein individuum benutzen, ist jedoch eine einschränkung von realität.

das nächste zitat wäre für mich auch (nicht nur...) für kunst geltend:

"Politik entsteht vielmehr genau dann, wenn Subjekte die vorgegebene Ordnung infrage stellen und in einen Streit um das Öffentliche eintreten. Das Wesen der Politik ist streitbare Auseinandersetzung, die vom Dissens lebt; Konsens ist dagegen die Auslöschung des Politischen, als Kapitulation vor dem globalen Weltsystem der Ökonomie."
aus "wider den konsens" von ranciere
www.freitag.de/kultur/0328-wider-konsens
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 09:52
Das, was Rancière hier schreibt, hat man früher Politische Theologie und bei Carl Schmitt nachgelesen, denn hier wird nichts anderes gefordert, als der Politik metaphysisch den Schleier zu weben und damit kapitalen Souveränität die historische Mission von Gewaltenteilung und Recht, von Moral, Ethik, Fortschritt und Menschenrecht anzudichten.
j-ap schrieb am 18.01.2011 um 09:53
Ich korrigiere:

Das, was Rancière hier schreibt, hat man früher Politische Theologie genannt und bei Carl Schmitt nachgelesen, denn hier wird nichts anderes gefordert, als der Politik metaphysisch den Schleier zu weben und damit der kapitalen Souveränität die historische Mission von Gewaltenteilung und Recht, von Moral, Ethik, Fortschritt und Menschenrecht anzudichten.
Uwe Theel schrieb am 18.01.2011 um 11:20
Besinnen wir uns auf die Sprache:

"Boulevard" kommt von "Bollwerk" ( vom niederländischen Wort "bolwerk"). Erst nach dem Schleifen der mittelalterlichen Befestigungsanlagen entstanden die grosszügigen städtischen Strassenzüge, die genug Raum liessen in der Umgebung der schnell Wachsenden Städte Ländereien zu Kanalisieren, um dort Acker- und Baugrund zu schaffen. Die Kanäle waren mit Deichen gesäumt. Der Abschlussdeich bekam den Namen "bolwerk". Da über die Kanäle der Güterverkehr bestens möglich war und die Wege auf den Deichen zu allen Jahreszeiten gut passierbar waren, entwickelte sich auf den Abschlussdeichen ein Knotenpunkt des Handels, woraus in späterer die Prachtstraße entstand, die man heute unter dem Namen "boulevard" kennt.
...

ETYMOLOGY: French, from Old French "bollevart", "rampart" converted to a promenade, from Middle Dutch "bolwerc", "bulwark".

"bulwark"
...

* 1. A wall or embankment raised as a defensive fortification; a "rampart".
* 2. Something serving as a defense or safeguard: “We have seen the necessity of the Union, as our bulwark against foreign danger” (James Madison).
* 3. A breakwater.
..."

(Quelle: www.etymologie.info/~e/n_/nl-ismen_.html)

So sollte klar sein, dass Boulevard heute kein Instrument mehr sein kann, das etwas abwehrte, eine Zumutung zurückwiese, was die genuine Aufgabe der Kritik ist, sondern der "Freiraum" geworden ist auf dem der Markt der Eitelkeiten und der Beliebigkeit stattfindet , der vom nächsten Hochwasser, bzw. der nächsten Sau, die durchs Dorf getrieben wird wieder weggeschwemmt wird um der nächsten Belanglosigkeit zeitweilig Raum zu geben.

Für Kritik und gegen Boulevard!
Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 12:30
interessant… demnach könnte der boulevard sehr wohl kritik enthalten, nur eben kurzfristige und hoch verdichtete. diese kritik kann aber nicht wirken, weil um die ecke schon die nächste sau wartet.
Uwe Theel schrieb am 18.01.2011 um 22:36
@ Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 12:30

demnach könnte der boulevard sehr wohl kritik enthalten, nur eben kurzfristige und hoch verdichtete.

Nein, lieber Sebastian und es ist schlimmer:

Wenn der Boulevard im vorbürgerlichen Sinne ein Bollwerk war, der Weg auf der abwehrenden Befestigung, so ist der Weg am Boden der geschliffenen Befestigung etwas anderes. Er ist die nun frei Bahn für bürgerlich-kapitalitische Gesellschaftsentwicklung. War diese ursprünglich der Vorgängerversion gegenüber überlegen und emanzipatorisch, so war sie doch weiter borniert und war in ihrem Niedergang begriffen, im Augenblick da sie antrat.

Der heutige Boulevard(journalismus) und das Flanieren der Chickeria/Schickeria ist beredtes Zeugnis davon und sollte nicht mit einem Forum und wirklichen Protagonisten einer Kritik der politischen Ökonomie o.ä. verwechselt werden können.

Freilich, die Sau ist hier und heute unterwegs.

P.S.: Wo Boulevard jemals etwas "verdichtet" hat, außer in den Sternstunden eines Curt Goetz oder wenigen französischen Komödiendichtern, ein Boulevard der immer ironsich und nicht voyeuristisch war, das wollte ich dann schon ausgewiesen, und nicht nur behauptet haben.

Der Kudamm ist auch nicht mehr das, was er mal war.
Magda schrieb am 18.01.2011 um 13:21
"Die Vision ist noch mehr Realität als die Realität. Es gibt nichts Erfundenes… Die eigentliche Natur und die Welt sind in den Zeitungen: Je boulevardesker, je primitiver sie sind, desto mehr lernt man daraus."

Herrlich, aber bitter. Und liest sich so unglaublich "befriedigt."

"Innere Vorgänge, die niemand seht, sind das einzig interessante an Literatur überhaupt. Aber aus uninteressanten Beschreibungen besteht die meiste Schriftstellerei, weil die Leute nicht in großen Aktionen denken können, sondern nur kleinstbürgerliche, folgerichtige Schritte machen – das ist grauenhaft."

Da hat er nicht Recht. Es sei denn er meint es anders. Wenn ein Schriftsteller innere Vorgänge seiner Protagonisten beschreiben will, kann er dazu sehr gut äußere Beschreibungen - auch der Natur - nutzen. Da hat das alles eine Funktion. Das ist doch langweilig, wenn mir jemand alles, was in jemandem vorgeht auf dem Tablett reicht. Der Film lebt ohnehin davon, dass er in "Bilder" übersetzt.
Das geht bei den Klassikern dauernd so. Im Theodor Storm ist die Landschaft immer ein Spiegelbild von Seelenzuständen. Also - darüber kann man streiten.

Er verallgemeinert sehr, aber ein Kosmos namens Bernhard ist nun mal groß genug, sich das leisten zu können.
Sebastian Dörfler schrieb am 18.01.2011 um 14:14
hallo magda,
das besagte statement geht ab minute 45 los. im gespräch hört sich das etwas differenzierter an: er will, dass das ausgespart wird, was eh jeder kennt. wenn das beschriebene eine funktion hat, dann fände er das wahrscheinlich gar nicht mehr sooo doof. aber die schilderungen, in denen einer 60 seiten braucht, um von der haustür zum gartentürchen zu kommen, die interessieren keinen.
wwalkie schrieb am 18.01.2011 um 19:27
Und das Schlimme: weit und breit kein neuer Bernhard. Und das noch Schlimmere: wir alle machen sie, diese kleinstbürgerlichen folgerichtigen Schritte. Oder diese folgebürgerlichen kleinstrichtigen Schritte. Ich komme aus einer grauenhaften, konsternierenden Konferenz,finde Ihren Blogbeitrag, greife zu "Alte Meister" und lese, was ich einst unterstrichen habe: "In die Schüler wird der Staatsmüll hineingestopft, nicht anders, wie der Kukuruz in die Gänse. Der Staat gebiert in Wahrheit die Kinder, nur Staatskinder werden geboren, das ist die Wahrheit. Es gibt kein freies Kind, es gibt nur das Staatskind, mit dem der Staat machen kann, was er will, der Staat bringt die Kinder auf die Welt, den Müttern wird nur eingeredet, dass sie die Kinder auf die Welt bringen, es ist der Staatsbauch, aus dem die Kinder kommen." Mutter Staat.

Danke für den Hinweis. Auch wenn er nicht trösten kann.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.01.2011 um 20:13
Bernhard:
"Es gibt kein freies Kind, es gibt nur das Staatskind, mit dem der Staat machen kann, was er will, der Staat bringt die Kinder auf die Welt, den Müttern wird nur eingeredet, dass sie die Kinder auf die Welt bringen, es ist der Staatsbauch, aus dem die Kinder kommen."

Soso, das soll also ein Sprung aus "kleinstbürgerlichen folgerichtigen Schritte(n)" heraus sein, ja?
Das "freie Kind"!
Boah!
Aus dem MUTTERbauch.

Und für solche kleinbürgerlich libertären Tiraden, die so wortwörtlich jeder "bessere" amerikanische "Erz"demokrat rechts der Republikaner aufsagen könnte, solls einen "neuen" Bernhard geben?

Richtig gestellt von TomGard - wenn auch ultrakurz - liest sich die Sache so:

"Für "Intimbereich Eltern/Kind" setzt bitte, als Paradebeispiel für alles, die Tatsache ein, daß Kinder Privateigentum der Eltern sind, obgleich in Grenzbereichen ein Mündelverhältnis der Kinder zum Staat vorliegt, zu dessen Treuhändern und Sachwaltern die Eltern eigenverantwortlich bestellt sind.
(Nb: Das ist gewissermaßen die Hauptform der Sozialbindung des Eigentumsrechtes in dieser Gesellschaft)"

aus:http://www.polyamore.de/thread.php?postid=4326#post4326

(PS: Dieser Kommentar nimmt einen Ehestreit in Kauf ;-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.01.2011 um 20:39
(wolfsmilch/frau g. dankt herrn dörfler für die rettung des gestrigen abends)

ehestreit is nich käuflich ;-) :

(zu den "aussparungen" bitte laut lesen bzw sich abermals das video anschaun -lesung "kalkwerk")

bernhard , gehen
thomas bernhard , gehen , suhrkamp , s. 26
"......
Auch Karrer ist nicht geglückt, was noch keinem Menschen geglückt ist, sagt Oehler, das Bewußtsein des
Augenblicks der Grenzüberschreitung nach Steinhof und also das Bewußtsein des Augenblicks der
Grenzüberschreitung in endgültiges Verrücktsein. Wir dürfen, wenn wir etwas tun, nicht darüber nachdenken ,
warum wir , was wir tun, tun, sagt Oehler, denn dann wäre es uns plötzlich vollkommen unmöglich, etwas zu
tun. Wir dürfen das, was wir tun, nicht zum Gegenstand unseres Denkens machen, denn dann kommen wir in
tödliche Zweifel zuerst, schließlich in tödliche Verzweiflung . Wie wir auch nicht über das Nachdenken dürfen,
was um uns herum geschieht und geschehen ist und geschehen wird, wen wir nicht die Kraft dazu haben, ein
solches Nachdenken über das, was um uns herum geschieht und geschehen ist und geschehen wird, also über
die Vergangenheit, gegenwart, Zukunft, genau in dem Augenblick abzubrechen, in welchem das Nachdenken
für uns tödlich ist. Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst, sagt Oehler, das Denken genau vor dem
tödlichen Augenblick abzubrechen. Wir können den tödlichen Augenblick ganz bewußt hinausziehen, sagt
Oehler, merh oder weniger lang, je nachdem. Darauf kommt es an, daß wir wissen , wann der tödliche
Augenblick ist. Aber niemand weiß, wann der tödliche Augenblick ist, sagt Oehler. Die Frage ist nicht,daß ich
weiß,wann der tödliche Augenblick ist, die Frage ist, kann es sein, daß der tödliche Augenblick noch nicht
und dann immer wieder noch nicht ist?, worauf wir uns aber nicht verlassen können. Wir dürfen niemals
denken, sagt Oehler, wie und warum wir tun,was wir tun,weil wir dann,wenn schon nicht augenblicklich
nichts, so doch augenblicklich genau in dem Grade des Bewußtseins über diese Frage zu vollkommener
Untätigkeit und zu vollkommenener Unbeweglichkeit verurteilt wären. Denn der klarste Gedanke , der ,
welcher die tiefste, gleichzeitig klarste Durschaubarkeit ist, ist die vollkommenste Untätigkeit und die
vollkommenste Unbeweglichkeit , sagt Oehler. Wir dürfen nicht denken,warum wir gehen, sagt Oehler ,denn
dann wäre es uns bald nicht mehr möglich , zu gehen und konsequent weiter, wäre uns bald überhaupt nichts
mehr möglich, wie auch, wenn wir denken, warum wir nicht denken dürfen, wie wir gehen, wie wir nicht
gehen, also stehen, wie wir nicht denken dürfen ,wenn wir nicht gehen oder stehen, denken und so fort. Wir
dürfen uns nicht fragen: Warum gehen wir?, wie andere, die sich ohne weiteres fragen dürfen (und können) ,
warum sie gehen. Die anderen, sagt Oehler, dürfen (können) sich alles fragen, wir dürfen uns nichts fragen.
Handelt es sich um gegenstände, dürfen wir uns genauso nicht fragen, wie wenn es sich nicht um gegenstände
(um das gegenteil der gegenstände) handelt. Was wir sehen, denken wir und sehen es folglich nicht, sagt
Oehler, während andere ohne weiteres ,was sie sehen, sehen, weil sie ,was sie sehen, nicht denken. Was wir
Anschauung nennen , ist für uns im Grunde Stillstand, Bewegungslosigkeit, nichts, Nichts. Das Geswchehene
ist gedacht, nicht gesehen, sagt Oehler. So sehen wir ganz natürlich, wenn wir sehen , nichts, denken
gleichzeitig alles. ....."
von wolfsmilch @ 05.02.08 - 14:01:24
abgetipseltes.blog.de/2008/02/05/bernhard_gehen~3682620
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.01.2011 um 21:30
Na ich glaube, so richtig versteht man Bernhards Einlassungen zum Thema Boulevard erst, wenn man einmal den Kurzgeschichtenband "Der Stimmenimitator" liest.
Ken DasNetzInDir schrieb am 18.01.2011 um 22:20
sehr gekonnte beschreibung der Oberflächlichkeiten.

Für das Gegenteilige...
...meine Freitag Beiträge lesen.
chrislow schrieb am 19.01.2011 um 10:46
"... es ist schon jedem Kind der Bär aufgebunden ..."

-> wo er diese weissheit hergenommen hat?

Wie sie an dem tragen, kann ich gut erkennen.
chrislow schrieb am 19.01.2011 um 11:12
@ TomGard schrieb am 18.01.2011 um 20:13

Haha, .. was für ein Stichwort.

-> Jedes Elternteil ist kind von Eltern. Und jedes Elternteil ist Produkt des Staates - dadurch, dass es Kind der Eltern war, die Produkt des Staates sind.

Ein Niemandsland ist nicht vorhanden. Und so steht Staat vor das Elternkind und das Elternkind vor seinem Kind gerade ... so es kann.

Und so schliesst sich ein kleinstkreis um die Verantwortung vom werden aller Kinder. Und wenn das Kind sich denkt, es kann sich rächen ... dann ist das Elternteil ein Zeil und rechtes Opfer. Worauf aber der Staat sich nimmt das Recht es zum Schutze zu opfern - das Kind (ja, ... welches nur?).

..

Also, wenn ich mit meinen Eltern unzufrieden bin, dann werde ich sie töten - da sie ja ihr Eigentumsrecht haben ausgenutzt, wie es sich nicht gehört. Muß ich doch dafür sorgen, dass jene Eltern nicht weitere Ansprüche an mich stellen... (etwa Rente oder so). Haben sie doch ihr Recht am Eigentum nicht zu nutzen gewusst, wenn eben das Kind nichts wurde. Und also bevor der Staat ein jeden Menschen zum Kind desselben macht, ist es Zeit diese Konsequenz zu ziehen.

Und ist das Privateigentum sich verpflichtet, seine Zukunft zu gewährleisten. Solange es dies nur erzwingt, funktioniert der Kreislauf nur wie oben genannt. Es muß gestorben werden, um den Anspruch zu unterbrechen. Ich habe noch keinen freiwillig gehen sehen.

Ja, ... das freie Elter ... und das freie Kind.... was habt ihr euch nur vorgestellt? Dieser Bär war wohl zu schwer...!?
chrislow schrieb am 19.01.2011 um 11:35
Mich wundert ...

dies ist doch Bernhard ...

wie kann der Beitrag eine solche Kommentarexplosion entfachen?

Ob es wohl was mit Boulevard zu tun hat?
chrislow schrieb am 19.01.2011 um 14:07
Vom Überleben in der Metropole

fm4.orf.at/andreasspechtl

... das ist ja genial...

-> der Flaneur

... der, der wohl noch sehen kann, was andere längst oder schon immer durchschauen ohne Notiz zunehmen....

-> Der klaut mir meine Gedanken...!?
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