Sebastian Dörfler

Blog von Sebastian Dörfler

23.05.2010 | 15:25

Identität: Mit Facebook gäbe es kein Bob Dylan

Anne Roth hat vergangene Woche festgehalten, wie wütend Microsoft-Forscherin Danah Boyd auf Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und sein Konzept der „radikalen Transparenz“ geworden ist. Internet-Kritiker Nicholas Carr legt nun in seinem Blog nach. Folgende Äußerung Zuckerbergs sei an Dummheit kaum zu überbieten:

„You have one identity … Having two identities for yourself is an example of a lack of integrity.“

Durch die „radikale Transparenz“ hätte jeder eine dauerhafte und nachvollziehbarere Biographiegeschichte im Netz, so Zuckerberg. Doch diese Identität wäre ein Gefängnis, entgegnet Carr. Unser Facebook-Profil sei ein öffentlicher Lebenslauf und keiner hätte mehr die Chance, sich selbst neu zu erfinden. Die Neuerfindung eines Robert Zimmerman – der seine Jugend in Minnesota hinter sich ließ, um mit einer Gitarre in New-York Bob Dylan zu werden – wäre im Facebook-Zeitalter gar nicht mehr möglich:

"The caterpillar Zimmerman, locked into his early identity by myriad indelible photos, messages, profiles, friends, and "likes" plastered across the Web, would remain the caterpillar Zimmerman. Forever."

Heute wäre Zimmerman in seiner „einen Identität“ gefangen. Heimtückischer als Facebooks Dateneinstellungen sei demnach das damit verbundene Identitäts-Gefängnis.

 
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Kommentare
Damian Bold schrieb am 23.05.2010 um 16:18
Unser Facebook-Profil sei ein öffentlicher Lebenslauf und keiner hätte mehr die Chance, sich selbst neu zu erfinden.
Das ist ein großes Wort. Und wer das muß, sich neu erfinden, hat der nicht schon etwas falsch gemacht? Wichtiger scheint mir, den Mißbrauch der Transparenz gesetzlich einzugrenzen.
archinaut schrieb am 23.05.2010 um 16:40
"Und wer das muß, sich neu erfinden, hat der nicht schon etwas falsch gemacht?"

HILFE - wer sich nicht jeden Morgen neu erfindet, macht jeden Tag etwas falsch!
(o.k., o.k. manche wachen nicht mehr auf....:-))
jayne schrieb am 23.05.2010 um 16:46
richtig, denn sich neu zu erfinden ist eine fantastische sache, und das gelingt nicht jeden tag;
aber ich sehe das mit facebook nicht so problematisch, wenn man mit angaben zum eigenen profil sparsam umgeht, und selbst ein facebook-account läßt sich löschen, irgendwann ist er dann auch im cache nicht mehr sichtbar ...
Damian Bold schrieb am 23.05.2010 um 20:12
Die meisten erfinden doch nur noch einmal das Rad.
Magda schrieb am 23.05.2010 um 21:00
"HILFE - wer sich nicht jeden Morgen neu erfindet, macht jeden Tag etwas falsch!"

Ich erfinde mich nicht morgens, ich bin froh, wenn ich mich überhaupt finde. :-))
Sebastian Dörfler schrieb am 23.05.2010 um 21:03
;-)
Magda schrieb am 23.05.2010 um 20:03
Ich frage mich, ob da nicht auch eine Denkweise hinter steckt, die mir nicht ganz einleuchtet.

Sich selbst neu erfinden - bedeutet das denn, sein altes Selbst verleugnen? Das ist wenig einleuchtend.

Mit verschiedenen Identitäten spielen,das kann man doch machen, wenn man will.
Identitäten sind was anderes, als das was Bob Dylan gemacht hat. Auf den geht doch eher der Spruch: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Man weiß doch - auch ohne Facebook, dass er mal Robert Zimmermann war usw. usw. Er ist eher ein Beweis dafür, dass "Sich neu erfinden" nur plausibel ist, wenn dahinter eine Persönlichkeit steckt.

Ein Identitäts-Gefängnis ist der Mensch in sich selbst. Auch hundert Neuerfindungen sind immer derselbe Mensch. Wer sich aber - aus ganz anderen Gründen - wirklich verstecken will, geht nicht zu Facebook.
Damian Bold schrieb am 23.05.2010 um 20:15
Hier ist das wohl im Netz alles ganz postmodern gemeint, Beliebigkeit von Rollen, substanzlos in Pixeln und 01010. Ohne Identität und Verlässlichkeit hätten wir eine Comicwelt planer Oberflächlichkeit. Da kann selbst Facebook nicht dran gelegen sein, weil das Geld wird immer noch real kassiert.
Magda schrieb am 23.05.2010 um 20:59
"Hier ist das wohl im Netz alles ganz postmodern gemeint, Beliebigkeit von Rollen, substanzlos in Pixeln und 01010. "

Ja, und Bob Dylan 2.0 :-))

"Da kann selbst Facebook nicht dran gelegen sein, weil das Geld wird immer noch real kassiert."

Denke ich auch.
jayne schrieb am 23.05.2010 um 21:12
hach, seid ihr heute ernst, und das, obwohl pfingsten ist - im erfinden steckt finden mit drin, und es ist alles andere als ein ausdruck von beliebigkeit, sich neu zu erfinden, und hat auch nichts mit verleugnung von wurzeln, der herkunft ... zu tun, aber jeder tag birgt potentiell den ansatz zu etwas neuem in sich ...
Magda schrieb am 23.05.2010 um 21:57
"hach, seid ihr heute ernst"

Wieso heute? Unverschämtheit. Wie auch immer. Der Beitrag von dieser Zuckerberg ist eigentlich im Visier gewesen. Alles anderes ist drumrum. :-))
archinaut schrieb am 23.05.2010 um 22:12
@Damian Bold
"Hier ist das wohl im Netz alles ganz postmodern gemeint, Beliebigkeit von Rollen, substanzlos in Pixeln und 01010." - Substanzlos..... mag sein, aber nicht bedeutungslos. Nehmen wir als Beispiel einen Politiker, den wir wahrscheinlich beide kennen: wie oft musste sich sich denn Herr Lafontaine neu erfinden (um nicht immer von Herrn Westerwelle zu reden...) ?

Als ich anfing zu studieren, sagte man sich gegenseitig seinen Namen..... erst später habe ich gemerkt, dass manche die Gelegenheit nutzten, einen (ungeliebten) Vornamen, der im Auswweis stand, gegen einen anderen Namen zu tauschen.... übrigens wird man auch die "Spitznamen" los, wenn man den Ort oder den Freundeskreis verändert ....
ed2murrow schrieb am 23.05.2010 um 23:28
Es gibt wohl kaum etwas Spekulativeres als das Spiel mit realen Personen in gedachten Situationen. Bizarr wird es meist dann, wenn diese realen Personen selbst, dank ihrer Fama oder schlicht ihrer Berühmtheit wegen zum MacGuffin eines ganz eigenen Diskurses werden, im Beispiel des Blogs der Umgang von Carr mit Dylan/Zimmermann, um an Zuckerberg ein Exempel zu statuieren.

Carr’s Blog krankt an zwei Dingen: An der Voreingenommenheit gegenüber Zuckerberg, die er nicht einmal versteckt, sondern sogleich mit aggressiven Tönen wie „statements that are once sweeping and stupid“ oder „cynical ploy“ einleitend zur Schau stellt. Und an dem Missverständnis um die Person Robert Zimmermann: Nicht der Name macht das Chamäleon Bob Dylan aus, sondern dessen künstlerisches und geschäftliches Talent. Was ihn auch nicht hinderte, mit den Travelling Wilburys und damit unter Fremdnamen abermals Erfolge zu feiern.

Wer glaubt, Dylan als potentiellen Gefangenen von Facebook et alt. stilisieren zu können, hat schlicht keine Ahnung von Kreativität. Die ermöglicht nämlich erst das Spiel mit Social-Media, diesem sozialen Gefüge, das in der präcomputerisierten Welt noch Woodstock oder Isle of Man und deren folgende Labels hieß. Oder wo die Herkunft aus Nutbush noch Beleg dafür war, dass man in der Lage war, solche City Limits hinter sich zu lassen. Dylan ist heute ein alter Mann, und es ist zu vermuten, dass er den Umgang mit den sog. neuen Medien nur in dem Maße pflegt, wie es unbedingt notwendig ist. Das sagt uns die Lebenserfahrung. Wäre er heute jung, ja was, was würde er tun? Vielleicht sich nicht einmal bei facebook registrieren, weil das heute doch zu viele tun. Mainstream war nicht immer Dylans Ding, das sagt uns seine Biographie.

Was nur noch eine Frage offen läßt: Who the fuck is Carr?
Sebastian Dörfler schrieb am 24.05.2010 um 10:11
Marc Zuckerberg hat jetzt in der Washington Post erklärt, dass man die Kritik gehört habe und an den Privatsphären-Einstellungen arbeiten werde:
www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/05/23/AR2010052303828.html

… Laut Carr die typische Facebook-Strategie; zwei Schritte vorwärts, Kritik abwarten, dann einen Schritt zurückrudern:
"Facebook's strategy for turning identity into a commodity has consisted of taking two steps forward and then, when confronted with public resistance, apologizing profusely before taking one step back."
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