19
]
Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen. Ich bin trotzdem noch einmal hin, am Donnerstag Abend. Da redete Žižek an der FU-Berlin. Alles war voll, hinter mir Genuschel: "Hast du ihn schon mal gehört?" - "Nicht live." Zwischenrufe und leise Buh-Rufe trafen die Vorredner, angespannte Stille dagegen beim Vortrag von Žižek – "Is it Still Possible to be a Hegelian Today?" lautete der Titel.
Ja, möchte man sofort antworten, es scheint noch eine Menge von ihnen zu geben. Der Hegelianer macht Krisen zu Chancen: Die Finanzkrise ist für ihn Vorbote einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Signal für die Befreiung vom Öl, und Fukushima das Ende des Atomzeitalters. Die Aufstände in der arabischen Welt müssen sowieso Zeichen des vernünftigen Fortschreiten der Weltgeschichte sein, in Libyen sollte man da gar nicht mehr nachhelfen, die "List der Vernunft" werde es schon richten. Gegen diese falsch verstandene "List der Vernunft" redete Žižek in seinem Vortrag an.
Das große Missverständnis sei, so Žižek, dass man in der Hegel-Kritik stets versuche, eine Verbindung von einer Philosophie der Totalität hin zum Totalitarismus zu zeichnen – eine Linie von "Plato zur NATO". Postmoderne Denker versuchten in der Folge zu zeigen, dass sich irgendetwas immer dieser Totalität entziehe – ein nicht integrierbarer Rest, eine Differenz, oder wie auch immer man das nennen mag.
"Irgendwas geht immer schief"
Wenn Hegel von "Totalität" spricht, so dagegen Žižek, schließe das bereits alle Symptome, Exzesse und Differenzen mit ein. Hegel habe nichts mit der naiven Vorstellung eines "absoluten Wissens" gemein, nichts mit der Idee eines sinnvollen Verlaufs der Geschichte: "List der Vernunft" bedeute nicht, dass sich die Geschichte nach den Regeln der Vernunft entfalte, sondern: "Irgendwas geht immer schief", so Žižek. Diese "Fehler" erscheinen allerdings im Nachhinein als Notwendigkeit. Der Tod Gottes zum Beispiel. Die schlechte Nachricht: Es gibt keinen "großen Anderen" mehr, keine außenstehenden Bedeutungsgarant. Dafür ist der Mensch von nun an frei. Beispiel Französische Revolution: Nur auf den jakobinischen Terror konnte die französische Republik folgen. Es gibt also keine inherente Notwendigkeit im Lauf der Geschichte, die schaffen wir immer erst im Nachhinein. Die Geschichte ist offen, sie wird durch Ereignisse verändert.
Wieso dann Hegel heute? Wie Hegel, so lebten auch wir heute in einer Epochenwende, so Žižek. Es sei Zeit, zu Hegel zurück zu kehren und die Welt wieder zu interpretieren. Im 20. Jahrhundert habe man die Welt zu schnell ändern wollen. Klar, ein paar Dinge habe Hegel noch nicht erkennen können, z.b. die Exzesse des Kapitals, wie sie Marx beschrieben habe. Aber dessen Begriff des Klassenkampfes müsse ebenfalls erweitert werden: Es gebe keine einheitliche Arbeiterklasse mehr, dazu gehörten heute vom Prekariat bis zu den Sans-Papiers eine Reihe von Gruppierungen.
Solidarität dank Starbucks
Was sollte man laut Žižek tun? Vor allem dem Gerede vom Ausnahmezustand widerstehen. "Wir müssen etwas tun!", heiße immer auch: "Denkt nicht drüber nach!" Von allen Seiten versuche man uns am Denken zu hindern, ja, wir können uns sogar davon loskaufen: Starbucks zum Beispiel sei so teuer, weil ein Teil des Preises den Arbeitern auf dem anderen Kontinent zukomme, so das Verkaufsargument. "Wir bezahlen für ein Produkt und bekommen das solidarische Denken für einen Aufpreis mit dazu. Wir sind zu reinen Konsumenten geworden", so Žižek. Frenetischer Beifall. Nach fünf Sekunden hebt Žižek die Arme: "Genug, Hört lieber auf. Wenn wir linken Hardliner erstmal an der Macht sind, dann werdet ihr noch genug applaudieren müssen." Es wird leiser.
Man muss Žižek zu Gute halten, dass er hat mit Hegel und der Psychoanalyse Jacques Lacans eine analytische Zange geschaffen hat, mit der sich beinahe jedes Phänomen irgendwie greifen lässt. Klar, das meiste wiederholt sich. Eben auch, dass er, ebenso wie Alain Badiou,
immer wieder den Kampf der Palästinenser zum universalen Kampf für die Freiheit verklärt und fast jede sich bietende Gelegenheit zum Israel-Bashing nutzt. Zuletzt in einem Interview mit Al Jazeera, bei dem es eigentlich um die Revolution in Ägypten ging.
Mir geht Žižek deshalb immer häufiger auf die Nerven. Am Donnerstag war es noch erträglich. Trotzdem: Der beste Satz an dem Abend kam nicht von vorne, sondern von schräg hinter mir: "Ich setz mich lieber an den Rand, ich muss früher weg."
(Ein Mitschnitt vom FU-Vortrag soll bald im Netz stehen. Solange muss die obige Variante reichen.)
|
|
Mir ist nicht so ganz klar, weshalb Zizek Sie "nervt"? Vielleicht weil eine einst in jugendlichem Sturm & Drang zu verortende Euphorie für "revolutionär Denkende" nun ihre Farbigkeit verloren hat, während eben z.B. ein Zizek bei seiner Linie geblieben ist?
|
|
|
Ehrlich gesagt, als ich den Satz "Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen." gelesen habe, fiel mir die Klappe herunter. Ich finde so eine Einstellung höchst ungerecht, und das nicht nur im Bezug auf Zizek, sondern auf jedes Phänomen/Ereignis, das einen mal beeindruckt hat. Das hat irgendwas mit Instrumentalisieren/Ausnutzen zu tun... man stellt die gewisse Forderungen ans Phänomen, man wünscht, dass die gewisse Erwartungen erfüllt werden... es wird dabei konsequent ausgeblendet, dass das Phänomen ein Mensch ist, der in einer komplizierten Welt nach der Wahrheit sucht und versucht, diese Welt neu zu strukturieren, was keineswegs eine einfache Aufgabe ist. Das Phänomen ist eben ein Mensch mit seinen Zweifeln, Schmerzen, Ängsten und Macken, die nicht immer süß sind. Das will man aber an ihm gar nicht wahrnehmen, denn er ist ja nur für die Erfüllung den gewissen Erwartungen da... und weh, er erfüllt diese Erwartungen nicht so glänzend, wie es sein sollte... dann lässt man ihn hängen, weil er eben "nur nervt". Von mir aus, dürfen die Entwicklungswege des Phänomens und des ehemaligen begeisterten Anhängers ab einem gewissen Punkt in verschiedene Richtungen gehen... das ist normal und an sich selbst nicht schlimm. Aber wäre da ein bisschen Dankbarkeit nicht angebracht?
|
|
|
Ich setze mich lieber an den Rand? Muss man das als ein alternatives Konzept betrachten? Wenn man hört "Ich setz mich lieber an den Rand, ich muss früher weg.", dann erwartet man irgendwie als Ergänzung "Mein Haus, mein Auto und mein Boot warten auf mich".
|
|
|
Was soll das, Sebastian Dörfler? Finden Sie diese dumme Parodie auf Zizek witzig?
Sie ist nicht nur geschmacklos sondern - und das ist viel schlimmer - äußerst schlecht. Nun, Anspruchslosigkeit soll ja für manche eine Qualität sein... |
|
|
@miauxx und @Lara: nun ja, mich nervt, dass ein regelmäßiges israel-bashing nicht mehr vom rest ihrer theorie zu trennen scheint. das ist mir auch vergangenes jahr, beim kongress zur "idee des kommunismus" (mit badiou und zizek) aufgefallen. da hatte keiner so richtig eine antwort auf die immer wieder gestellte frage "was tun?", aber in der überzogenen rhetorik gegen israel sind sich alle vertreter einig gewesen.
"ich setz mich lieber an den rand" war da weniger als ausdruck einer theoretischen verbundenheit mit der sparkasse gedacht, sondern sollte eine gewisse distanzierung ausdrücken. @Leif Miles: ja, das video finde ich schon lustig, nicht wahnsinnig lustig, aber ein wenig schon. |
|
|
Also ich find's ziemlich lustig!
|
|
|
na wenigstens einer! danke.
|
|
|
Der im Westen sehr beliebte Philosoph hat viele Beiträge, die eher populistisch klingen, jedoch für viele einleuchtend sind. Er verallgemeinert oft, zieht jedoch auch interessante Vergleiche herbei.
|
|
|
Heute weiß einfach jeder, was er nicht will oder nicht gut findet oder was ihn nervt, daher sind so viele auf dem Sprung, ohne eigene Alternative. Muss wohl am Kaffee liegen.
Ansonsten, Totalitarismus entspringt nicht etatistischen, sondern antietatistischen Ideologien. Was nicht gleichbedeutend ist mit der Befürwortung einer societas perfecta, gleich welcher Schattierung. |
|
|
Wenn du schon die Worte Etatismus und societas perfecta bemühst, solltest du vielleicht auch erklären, warum Totalitarismus nicht etatistisch ist. Ich kann Totalitarismus weder mit etatistisch noch antietatistisch verbinden
Zu Totalitarismus und societas perfecta (hier am Beispiel des Anarchismus abgearbeitet) finde ich hier immer noch Isaiah Berlins Antrittsvorlesung zum Chichele-Lehrstuhl im Oktober 1958 - "Zwei Freiheitsbegriffe" - sehr erfrischend; abgedruckt in: Ders., Freiheit. Vier Versuche. FfM 2006, S. 197-256. |
|
|
Kannst du wenigstens das alte Quatsch-Video aus dem Beitrag nehmen, Sebastian? Wenn von Zizeks Berliner Auftritt schon kein Mitschnitt vorliegt, hätte man für einen "visuellen Eindruck" wenigstens was zeitnahes einstellen können. Wie etwa Freitags-Kollegin Christine Käppeler ihre Übersetzung eines Žižek-Portraits (von Sean O’Hagan im Guardian) unter dem Titel “Playboy der Linken” im “Freitag” damit garnierte:
www.youtube.com/watch?v=gh12v2TQt5g |
|
|
»Mir geht Žižek deshalb immer häufiger auf die Nerven.«
Ich wußte doch, daß Du es früher oder später einsehen würdest, Sebastian. |
|
|
jaja, es hat eine weile gedauert, ich weiß ;)
|
|
|
Wenn Du jetzt noch schreibst, daß Du nicht wirklich jemals geglaubt hast, daß gelernte maoistische Bauernräte wie Badiou die freie Assoziation vor Augen gehabt haben können, als sie statt für die eine Menschheit zugunsten von Völkern, Staaten, Kulturen und reinen Böden Partei nahmen, dann habe ich Dich ganz besonders lieb. ;-)
|
|
|
ich heb mir das mal im zwischenspeicher auf … aber sag mal, möchtest du das nicht vielleicht mal wieder schreiben? es gäbe hier die großartige gelegenheit an einem abend zizek, badiou, negri und co. eine mitzugeben, du müsstest nur einen film gucken, nächsten montag: bit.ly/fkMRna. ich würde es gerne lesen!
|
|
|
Mach' ich glatt, Sebastian!
|
|
|
cool - danke josef!
|
|
|
hmpf ... Also mit dem Video kann ich nicht viel anfangen. Erstens versteh ich nichts durch das übermäßige Lispeln und zweitens habe ich Žižek noch nie live gesehen. Was bei mir da bleibt, ist Schulterzucken und die Frage, was wolltest du damit erreichen ...
Zum Nervfaktor kann ich nur hinzufügen, dass mich jegliches unreflektiertes Draufhauen auf Israel nervt; ob von hier oder dort ist dabei gleich. Was den Hegel betrifft, so muss ich wohl warten, bis Žižeks Vortrag in Textform existiert. So ergibt sich für mich nichts außer ein leise gebrummtes Hmhmm. |
|
|
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen