Kommt mit mir auf einen Osterspaziergang und folgt Goethe in seinen abschließenden Worten.
Wo genau ist er, dieser Ort, an dem ich Mensch sein darf? In des Dorfes Getümmel, das am Ostersonntag den Frühling zelebriert? Sicher nicht.
Eine bivalente Welt, die oft nichts als ein blindes Auge hat für all jenes, was sich ihrer Kenntnis entzieht. Formen, Schablonen, Kanten, Kästen, Rahmen und die guten alten Schubladen.
Ein Apfel passt durch Schablone Nr. 1. Herzlichen Glückwunsch, du bist im Recall! Nun muss er nur noch den optischen Test bestehen, der ihn vor Scham ganz rot werden lässt. Bestanden. Endlich darf auch er im Supermarkt zwischen seinen Nebenbuhlern mit dem Glanz des Wachses um die Gunst des Konsumenten werben.
Das schöne an Schablonen ist, man kann sie auf so vieles anwenden. Nehmen wir das obige Verfahren und tauschen Apfel gegen Gesangskandidat bei Deutschland sucht den Superstar. Und?
Man könnte ebenso einen Bewerber für einen Job hineinzwängen. Das Einstellungsverfahren mit Lebenslaufcheck und Vorstellungsgespräch mit anschließendem Kampf um Gehaltserhöhung scheint auch zu passen.
Wer von euch hat sich gefragt, was mit dem Apfel passiert, wenn er nicht durch die Schablone passt? Das Gefühl, den optischen Test nicht zu bestehen, kennt, behaupte ich, jeder. Doch was, wenn man selbst nicht durch die erste Schablone passt, den ersten Test der Kategorisierung nicht besteht?
Ganz richtig, ich rede hier von intersexuellen Menschen. Vielen als Zwitter oder Hermaphrodit bekannt. Ich persönlich wuchs in dem Glauben auf, es sei ein Märchen. Ich lernte erst spät, das auch das Geschlecht, vielleicht besonders das Geschlecht, wie so vieles, nicht schwarz und weiß ist. Die Grauzone. Niemand mag die Grauzone. Es wird verschwiegen, weggeschaut.
Eines von 200 neugeborenen Mädchen wird mit einer geschlechtlichen Besonderheit geboren, die entweder chromosomale, hormonelle oder geschlechtliche Abweichungen des als "weiblich" kategorisierten Geschlechts aufweist. Eines von 5000 Neugeborenen ist weder als Junge, noch als Mädchen zu identifizieren. Verzweifelte Versuche unaufgeklärter Eltern ihrem Kind ein "normales" Geschlecht zuzuweisen, haben fatale psychische Folgen für das betroffenen Kind.
Oft wird vorschnell operiert. Das Argument, dass Eltern ihrem Kind Diskriminierung und Inakzeptanz ersparen wollen, ist nicht zu unterstützen. Ein Mensch hat ein Recht darauf, selbst zu entscheiden, mit welchem Geschlecht es sich identifizieren möchte, oder ob es sich ganz als intersexuell ansieht.
Es ist bis auf spezielle Ausnahmen verboten, nach dem dritten Monat der Schwangerschaft abzutreiben. Insofern gilt das Ungeborene ab dann als Lebewesen. Aber spätestens mit der Geburt erlangt das Baby das Recht auf Menschenwürde. Menschenrechtler argumentieren, dass das Operieren von Geschlechtsorganen Genitalverstümmlung oder Zwangskastration ist.
Da Akzeptanz in der Gesellschaft zum großen Teil mit Aufklärung zu tun hat, ist es nicht verwunderlich, dass intersexuelle Menschen eine an den Rand gedrängte Minderheit bilden.
Mich wundert es, dass in der Schule das Hauptaugenmerk noch immer auf wissenschaftlichen Details und Daten liegt. Denn Ethik und Lebenskunde bilden die Grundlage für ein gelingendes Zusammenleben in der Gesellschaft. Es ist ein freiwilliges Fach ohne Zensuren in unserer Hauptstadt Berlin. Doch scheint es eine wichtige Möglichkeit, Kindern beizubringen, dass Mensch gleich Mensch ist, und wir uns alle in unseren Unterschieden gleichen und es daher keinen Grund zur Diskriminierung gibt.
Demnach kann Mensch erst Mensch sein, wenn Mensch aufhört mit seinen Kategorisierungen, mit seinem Versuch die Masse zu analysieren und wie eine Herde Vieh mit Manipulation zu lenken. Andersrum wird es auch erst geschehen, wenn die Masse sich dem Teufelskreis der manipulativen Medien entzieht.
Doch was ist die Masse? Die Masse ist jeder einzelne. Wollen wir Veränderung sehen, so müssen wir sie leben.
Kommt mit mir auf einen Osterspaziergang, folgt Goethe in seinen abschließenden Worten und lasst den Menschen Mensch sein.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen