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13.03.2011 | 10:57

Arbeitertheater 1.0

 

Das Weber-Herzog-Musiktheater inszeniert ihr neues Stück über eine Betriebsbesetzung. Mit traditioneller Arbeiter-Rhetorik wollen die Darsteller auch junge Leute politisieren. Kann das klappen?

Von Nora Korte

Es ist ein großes Gerangel und Geschreie vor dem Werkstor. Zehn Minuten zuvor versperrten dort noch muskelbepackte Sicherheitsleute den Weg in die Fabrik – die Arbeiterinnen und Arbeiter kamen nicht durch. „Wir lassen uns nicht kündigen!“, rief eine von ihnen. Jetzt aber haben die Arbeiter das Werk besetzt.

„Raus bist du noch lange nicht“ heißt das Stück über die Fabrikbesetzung. Es wird gesungen, getanzt, gerappt und sich manchmal auch geprügelt. Unter den Darstellern sind sowohl Laien- als auch professionelle Schauspieler. Das Theaterstück basiert auf einer wahren Geschichte: 2008 hatten Arbeiter in Mailand ihre Fabrik besetzt, nachdem die Eigentümer diese wegen ausbleibender Gewinne geschlossen hatten. Trotz andauernder Bedrohung durch Polizei und Sicherheitsfirmen konnten die Besetzer den Betrieb weiterführen und die Schließung abwenden. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung drohten vier Arbeiter damit, sich von einem Kran zu stürzen. „Das schrie förmlich nach Theater!“, erklärt die Gruppenleiterin Christa Weber ihre Motivation, aus dieser Geschichte ein Stück zu machen.

Die Inszenierung kommt allerdings sprachlich und thematisch alles andere als modern daher. „Nach Marx stimmt das ja alles…,“ meldet sich ein älterer Herr in der anschließenden Diskussion zu Wort, „aber diese ganze Arbeiter-Rhetorik ist mir fremd.“ Dem entgegnet Christa Weber, dass sie ganz bewusst an die Tradition der Arbeiterlyrik anknüpfen wollten. „Das kann befremdlich oder oldschool sein, aber wir wollten uns absetzen, von dem was heute üblich ist“, so Weber.

Seit Entstehung des politischen Theaters ist die hier anklingende Grundfrage aber wohl die gleiche: Kann eine kunstschaffende Avantgarde, die „Arbeiter“ - in deren Namen sie zu sprechen glaubt - überhaupt angemessen repräsentieren? Wer sind diese Arbeiter, über die hier alle im Saal so eifrig diskutieren? „Warum hat die keiner eingeladen?“ fragt ein Mann aus der hinteren Reihe. Man dürfe nicht aufhören zu versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden, entgegnet Raiko Hannemann aus der Gruppe. Es gebe in Deutschland schon lange keine geschlossene Arbeiterbewegung mehr. Die Probleme der kapitalistischen Klassengesellschaft aber blieben. Eine Unterteilung in „die“ und „wir“ lehnt die Gruppe daher ab. Alle seien Teil des Prozesses. Sich zurückzunehmen, weil man glaubt „der Arbeiter“ verstünde einen dann nicht mehr, hält Hannemann für falsch – man müsse doch versuchen miteinander zu sprechen. Die Leute erinnerten sich an die Tradition der Arbeiterlyrik, da sei noch etwas da, was man zurückholen könne. 

Einigen Zuschauern ist die Botschaft des Stückes aber zweifelhaft. Am Ende wird die Fabrik von einem neuen Investor gekauft und die Arbeitsversträge bleiben bestehen. Das System funktioniert weiter. Ist das noch kritisches Polit-Theater? „Das eigentliche Ziel ist nicht erreicht“, gibt Weber zu. Allerdings hatten schon Marx und Engels gesagt: „Das eigentliche Resultat der Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.“ Der Satz kommt auch im Stück vor.

Solidarisierung und Dialog – darum geht es in diesem Theaterstück und wie wichtig das der Gruppe ist, wird deutlich spürbar. Die Darsteller hören interessiert der Kritik aus dem Publikum zu und schreiben sogar mit. „Eure Meinung ist uns sehr wichtig, damit wir unter Umständen auch Sachen ändern können“, erklärt eine Darstellerin. „Ich bin begeistert“, sagt ein Mann aus der zweiten Reihe. „Ich würde euch gerne nach Thüringen in unsere Fabrik holen!“ Die Schauspieler freuen sich. „Gib uns doch einfach deine E-Mail-Adresse!“ Zumindest für diesen Moment ist das Arbeitertheater im 21. Jahrhundert angekommen.

 

 
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