Dagmar Venske sitzt in der Informationsstelle der Hochschule für Technik und Wirtschaft, dem Tagungsort der LiMA. Dass sie einmal im Rollstuhl saß, weiß kaum jemand. Auch nicht, wie sie sich daraus befreite.
Von Jenny Becker
Irgendwann sagte der Arzt zu ihr: Es tut mir leid Frau Venske, wir können nichts mehr für Sie tun. Sie werden weiter unter Schmerzen leiden. Und sie müssen ihr Leben im Rollstuhl verbringen. Am besten, Sie gehen einfach in Rente. Dagmar Venske war da gerade 48. Ein Bandscheibenvorfall hatte sie ins Krankenhaus gebracht, die dort missglückte Operation in den Rollstuhl. Heute macht sie wieder Wanderungen rund um Berlin, „fünfzig Kilometer am Tag“. Ihre Beinkraft hat sie sich selbst zurück erobert.
Wenn sie morgens aus dem Bett aufstand, ließ sie sich nicht sofort in den Rollstuhl fallen. Sie blieb stehen, hielt die Balance. Auf ihren Rollator gestützt schob sie sich voran, Schritt für Schritt. Dass sie das überhaupt konnte, lag an der Therapie, die sie sich gesucht hatte. In Tschechien. Dort wurde sie mit Radon behandelt, einem schwach radioaktiven Edelgas. Sie badete in verstrahltem Wasser, immer wieder. Nach einem Jahr waren die Schmerzen auf ein erträgliches Maß geschrumpft und sie konnte wieder gehen. Obwohl sie anfangs noch Krücken brauchte, sah man sie bald im bunten Scheinwerferlicht einer Schlagerparty sitzen. Sie wiegte sich zur Musik. Viel lieber hätte sie getanzt, in den hinteren Reihen, wo man Platz zum Bewegen hat. Frau Venske liebt Schlager.
Der Tag, an dem der Arzt sie aufgab, liegt zehn Jahre zurück. Längst arbeitet sie wieder als Telefonistin, läuft zwischen Schlüsselkästen und Telefonen hin und her. Die kleine Informationsstelle an der Hochschule für Wirtschaft und Technik ist ihr Reich. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie hier. Wahrscheinlich hat jeder Student sie schon einmal gesehen. Kam als verwirrter Erstsemester durch die Tür gestolpert, um zu erfahren, wo der verflixte Seminarraum C165 ist. Oder erflehte ihre Hilfe als Prüfling, der vor Nervosität vergessen hatte, wo die Klausur geschrieben wird.
Aufrecht steht Frau Venske vor dem Computer, den Telefonhörer in der Hand, und leitet einen Anruf weiter. Telefon und Tastatur wurden für sie in Pulthöhe auf Brettern befestigt. Die Hochschule hat das finanziert. Frau Venske ist froh, dass ihr Arbeitgeber sie zurückgeholt hat. „Ich brauche den Kontakt zu anderen Menschen“, sagt sie. Deshalb war sie ihr Leben lang berufstätig – obwohl sie sieben Kinder hat. „Nur Mutter sein hat mir nie gereicht.“ Wahrscheinlich ist es das Bedürfnis nach Kontakt, das sie dazu brachte, die Sprechanlage abstellen zu lassen. Wer etwas wissen will, muss durch die Tür kommen. „Das ist doch viel persönlicher!“ Aber sie legt Wert darauf, auch von den bekannten Gesichtern gesiezt zu werden und mit Kollegen verkehrt sie nur beruflich.
„Ich bin glücklich“, sagt Frau Venske. Zur Bestätigung nickt sie mit dem Kopf. Ihre Schultern zucken flüchtig. Es sieht aus wie ein: Naja, was soll man machen... Sie hat sich mit allem arrangiert. Der Schmerz ist noch immer ihr ständiger Begleiter. Nach außen zeigt sie das nicht. „Ich versuche damit klar zu kommen.“
Ihre Lieblings-Schlagersänger „Die Flippers“ haben mal ein Lied gemacht, in dem sie singen: „Das ganze Leben ist eine Wundertüte, denn was drin ist, weißt du nicht, darum nimm es, wie es ist.“ Das passt zu Frau Venske. Gut, dass sie eine Ausnahme gemacht hat, als der Arzt den Rollstuhl aus der Tüte zog.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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