„Dass ich mich mit kapitalistischen Mechanismen auseinandersetzen muss, ist für mich der Horror.“ - „In dem Moment, wo man davon lebt, ist es schwierig, ohne Kapitalismus auszukommen.“ Michael Nicolai und Regina Stötzel reden eigentlich nicht über die große Systemfrage, sondern konkret über ihre eigene Finanzierung. Sie sind journalistisch tätig: Nicolai bei Radio Corax, einem freien Sender aus Halle, Stötzel beim Neuen Deutschland, der sozialistischen Zeitung aus Berlin.
Die Journalistin Tina Groll moderiert am Dienstagabend die Diskussion im tazcafé, bei der auch noch Sarah Curth von der Online-Zeitung Berliner Gazette dabei ist. Alle gemeinsam versuchen eine Antwort zu finden auf die Frage, wie sich Journalismus finanzieren lässt, ohne in die Abhängigkeit zu geraten oder unter prekären Bedingungen arbeiten zu müssen. Doch eine Antwort ist nicht in Sicht.
Stötzel hat fast neun Jahre bei der Zeitschrift Jungle World gearbeitet, und erlebt, wie sich eine geringe Bezahlung auf die Arbeit im Redaktionsalltag auswirkt: „Wenn es so knapp ist, dass man permanent über seine Verhältnisse lebt, dann hat man eine hohe Fluktuation“, sagt sie. Ständig habe man Angst: „Wann kriegt der nächste einen guten Job und ist dann weg?“ Wenn die Redaktion ständig neu zusammengewürfelt wird, sei guter Journalismus schwierig.
Nicolai hat bei Radio Corax eine halbe Stelle, aber er arbeitet mehr, sagt er. „20 Stunden werden bezahlt, die Realität ist logischerweise eine andere.“ Dass überhaupt fünf Menschen für ihre Arbeit bei Radio Corax bezahlt werden, ist der Situation in Sachsen-Anhalt zu verdanken. Die sei für freie Radiomacher „ein Paradies“ im Vergleich zu anderen Bundesländern, sagt Nicolai. 0,2 Prozent der Rundfunkgebühren würden auf ein knappes Dutzend Kanäle aufgeteilt, Radio Corax erhalte dadurch 300-400.000 Euro.
Der Haken: Zehn Prozent dessen müssen die Radiomacher als Eigenanteil selbst einbringen – und das ist ohne kommerzielle Werbung gar nicht so einfach. Die rund 200 Menschen, die bei Radio Corax aus eigenem Interesse Radio machen, zahlen einen Mitgliedsbeitrag, dazu kommen Drittmittel von Stiftungen, Vereinen oder der Stadt Halle. „Das hat absurde Dimensionen angenommen“, sagt Nicolai. Alleine zwei der fünf bezahlten Stellen kümmerten sich nur um die Finanzen. Spenden seien auch schwer einzuwerben, weil – anders als etwa in Freiburg oder Hamburg – viele Menschen in Halle arbeitslos seien und eine linke, wohlhabendere Bevölkerungsschicht fehle.
Curth von der Berliner Gazette hat diese Probleme nicht. Die Online-Zeitung finanziert sich selber – durch die Macherinnen und Macher. Alle arbeiten ehrenamtlich, für das gemeinsame Büro zahlen sie sogar drauf. Sieben Menschen sind regelmäßig dabei, hinzu kommen viele Autoren im Alter von 16 bis 80 Jahre. „Bei uns erscheinen nicht die besten journalistischen Texte“, sagt Curth. „Dafür bieten wir allen eine Plattform, um sich auszuprobieren.“ Für solch ein Projekt sei es schwierig, Geld einzuwerben. Curth hat damit aber auch kein Problem: „Ich sehe den Wert meiner Arbeit darin, dass ich mich ausprobieren kann.“
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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