Die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz, die kürzlich Afghanistan besuchte, über die verschlechterte Sicherheitslage, das Leiden der Frauen und über die Schwierigkeiten der oppositionellen Parlamentsabgeordneten Malalai Joya
Thomas Mitsch: Christine, du warst ja gerade in Afghanistan. Ich hatte ja vor einiger Zeit, konkret vor 2 Jahren, ein Interview mit Malalai Joya gemacht. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert in Afghanistan?
Christine Buchholz: Ich selbst war ja das erste Mal in Afghanistan. Landesweit sind die Aufbauanstrengungen minimal. Was ich allerdings sagen kann, die Situation im Norden hat sich katastrophal verschlechtert. Die militärischen Konflikte und Sicherheitsvorfälle im Norden, aber auch im Süden haben deutlich zugenommen. Und insofern ist mir noch einmal deutlich geworden, dass dieser Krieg überhaupt nicht zu gewinnen ist.
T.M.: Wir haben gerade den Frauentag gehabt in Deutschland, wie ist eigentlich die Situation der Frauenrechte in Afghanistan?
C.B.: Mit den Frauenrechten in Afghanistan sieht es nicht gut aus. Unter den Bedingungen von Besatzung und Krieg leiden Frauen am meisten. Ich habe mich zum Beispiel mit den Hinterbliebenen der Bombardierung von Kundus getroffen. Der Luftangriff hat 91 Witwen hinterlassen; deren Leben ist zerstört, für sie gibt es keine Perspektive, sie leben von Almosen. Das heißt also, die Situation von Frauen in Afghanistan war schlecht, hat sich dann aber durch den Krieg weiter verschlechtert. Die allgemeine verschlechterte Sicherheitslage, das Ausbleiben von Aufbaumaßnahmen und auch die schlechte Situation im Gesundheitsbereich, das alles schlägt sich besonders auf die Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen nieder. Deshalb sehe ich mich in der Einschätzung bestätigt, dass den Frauen mit Krieg nicht geholfen werden kann.
T.M.: Vorigen Winter sind ja mehrere hundert Menschen erfroren in Afghanistan, hat sich diese Situation geändert?
C.B.: In diesem Winter hab ich jetzt von solchen Vorfällen nichts gehört. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gab. Das ändert auch nichts an der Gesamtsituation, die weiterhin schlecht ist und die sich auch nicht soweit geändert hat. Z B. gibt es keinem nennenswerten Anstieg der Lebenserwartung oder auch eine Senkung der Kindersterblichkeit. Da ist wie gesagt die Situation weiterhin sehr schlecht.
T.M.: Letzte Frage: Du hast ja Malalai Joya getroffen in Afghanistan, an welchen Projekten arbeitet sie jetzt, also was sind ihre Ziele?
C.B.: Malalai Joya lebt weiterhin im Untergrund. Wir mussten uns quasi auch im Geheimen treffen und haben uns auch nur ganz kurz vorher verabreden können. Da kam sie gerade von einer Veranstaltung. Sie ist also in Kontakt mit vielen Menschen, die sich gegen die Situation dort vor Ort wehren. Für sie ist jetzt gerade die große Frage, ob sie zu den Wahlen antreten soll. Es wird ja dieses Jahr Parlamentswahlen geben in Afghanistan. Und das ist einerseits für sie die Chance, ein Stück weit aus ihrer Isolation, also auch aus ihrer Gefährdung rauszukommen, aber es ist gleichzeitig auch ein großes Risiko für sie, öffentlich aufzutreten. Sie kann sich ja immer noch nicht öffentlich bewegen, sie kann sich nur mit Schutzpersonen bewegen, sie ist noch immer unter der Burka unterwegs. Und sie hat die Entscheidung noch nicht getroffen, weil sie nicht einmal genug Geld hat, um Plakate zu drucken. Das heißt ihre Voraussetzung zu den Wahlen anzutreten ist sehr viel schlechter als die von anderen, die einfach massive Unterstützung von ihren Clans, Warlords, Drogenprofiteuren oder aus dem Westen haben. Das heißt also auch dieses ganze System der Besatzung, auch der Tatsache, dass auch in der jetzigen Regierung Kriegsherren aus der Vergangenheit sind, macht es Oppositionellen wie Malalai schwierig, sich zu organisieren. Das ist auch ein Teil der Realität in Afghanistan. Acht Jahre nach Beginn des Krieges hat das ganze jetzt nicht zu mehr Demokratie geführt. Es ist für Menschen schwer sich getrennt von den Machtstrukturen sich politisch zu engagieren oder eine Wahlkampagne zu organisieren, dass ist für Malalai jetzt sicherlich schwieriger, als es vor fünf Jahren war.
Vielen Dank für das Gespräch und noch einen schönen Sonntag
Christine Buchholz ist friedenspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag
Thomas Mitsch ist Landessprecher der roten reporter/innen Baden-Württemberg
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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