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In der Strafkolonie gehen die meisten Zombies gebückt. Sie schleichen träge zwischen Computer, Kantine, Toilette. Aber die größte Zeit verbringst du am Computer selbst, mit einem Headset am Kopf leierst du die gelernten Verkaufsformeln ab, quälst die Leute mit diversen Lobeshymnen auf das eine oder andere Produkt, ohne welches sie nicht leben werden können. Und so ein Tag nach dem anderen, einer von vielen, einer von Millionen Call-Center-Agenten.
Arbeit macht frei
Muss mich an dieser Stelle berichtigen; ich bin nicht irgendeine graue Maus in einem Call Center, ich bin ein Sales Manager einer respektablen Firma. Den Titel des Sales Managers kleben sie hier jedem Arbeitsopfer an, damit er sich besser fühlt. Später, wenn man dann gänzlich im System des Grauens integriert ist, wird der Titel irrelevant, doch zu Beginn der Tätigkeit dient er als ein gewisses Ansporn und eine Goldmedaille für die noch zu erbringenden Leistungen: Sales Manager.
Bei der freiwilligen Internierung in die Strafkolonie habe ich mich nicht gewehrt, da Humanisten nach ihrer Hochschulbildung gewöhnlich nichts Großartiges auf dem Arbeitsmarkt erwarten können. 40 Stunden Maloche für mieses Geld, das nur durch paar prozentige Provision gesteigert werden kann, wenn man den ahnungslosen Kunden irgendwas an der Strippe verkauft. Diese Provision soll die Geldgier des Einzelnen Agenten anregen, ihn zum verstärkten Verkauf motivieren, aber die Augenhöhlen der hier Gefangenen sagen was anderes: niemand wurde hier durch die Provisionen zum Millionär.
In der Miene des Rekrutierungsagenten sehe ich große Skepsis: „Jungchen, ich prophezeie dir keine große Zukunft in der Firma.“ Dennoch erbarmt er sich meiner und stellt mich ein.
Kunden bombardieren
Unermüdlich versuchst du den Klienten weich zu machen, ihm ein Ding andrehen, das er nicht braucht. Dazu hast du ein paar Vordrucke bekommen, Leitfäden für Akquise-Gespräche, Hilfestellungen für eine effektive Gewinnung von Kunden. Klar schmeißen viele den Hörer, wenn sie schon riechen, dass ihn da einer was verscherbeln möchte. Aber du gibst nicht auf, schreibst dir in deiner Datenbank jeden undankbaren Kunden auf und rufst ihn in einen Monat wieder an.
Am einfachsten ist Rentnern ihr Geld aus der Tasche zu ziehen, am besten solchen die an der Grenze zur Demenz balancieren und bereits nach fünf Minuten nicht mehr wissen, um was es eigentlich ging. Das wichtigste ist doch der Verkauf. Am Anfang deiner Call-Center-Kariere sind Gewissensbisse und Reuegefühle völlig legitim; später sorgt dann die Routine und die düstere Atmosphäre des Arbeitslagers dafür, dass alles irgendwie verschwimmt und der Mitarbeiter zu einem folgsamen Schaf umstrukturiert wird. Fast wie von selbst geht man dann mit dem Mob in die Kantine, auf’s Scheißhaus, zur Stempeluhr.
Der große Bruder schaut zu
Sie wissen alles über dich – Monitoring auf Schritt und Tritt; wenn du eine Zigarette rauchen willst, dann musst du erstmal die Chipkarte durch den elektronischen Schlitz an der Tür ziehen, damit du raus kannst. Nach zwei Tagen in der Arbeit, habe ich vom KZ-Kapo gleich eine Mail bekommen, dass meine Zigarettenpausen zu lange wären und auch auf der Toilette würde ich zu viel Zeit verbringen. Alle paar Minuten macht eine unsichtbare Computersoftware ein Foto meines Desktops und schickt dieses zum Chef, was das Zwischendurchblättern der Pornoseiten praktisch unmöglich macht.
Die angestaute Frustration versuche ich durch stundenlanges Ego-Shooter-Geballer wieder in den Griff zu kriegen. Nicht selten sitze ich die halbe Nacht am Rechner und lege Tausende von Feinden um, alles Kunden, die nicht kaufen wollten, Chefs, die unsere Strafkolonie auch straff halten.
Morgens sitze ich mit blutunterlaufenen Augen wieder auf meinen Posten, neben anderen Sträflingen. Gegen das allmähliche Abstumpfen setzte ich üblicherweise die Masturbation ein, aber das wirkt nicht mehr. Immer öfter hat man Killergedanken; vielleicht könnte man dem einen oder anderen Agenten eine Kugel reinjagen. Mein Chef besucht mich manchmal in meinen Träumen, stets in der Rolle des strafenden Vaters, der seinen Sprössling einbläuen muss, wer hier das Alpha-Männchen ist.
Das Leben im Call Center hat mich ausgehöhlt, meine Persönlichkeit, meine Träume. Wie durch einen Schleier, verzerrt erinnere ich mich daran, dass ich mal ein großer Poet, Schriftsteller werden wollte. Jetzt vegetiere ich lediglich zwischen den Lohnzahlungen. Ausgespülter Ehrgeiz, zerstörte Ziele. Lebende Tote in überfüllten Fast-Food-Läden, die Schreie sterbender Soldaten, Schmirgelpapier, das an der Hirnhaut scheuert.
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In dieser Strafkolonie ist die Arbeit die Folter, das Telefon das Folterinstrument und der Tod von innerlicher Natur.
Well done. 5 x ***** (& ich hab's verTWITTERt) |
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Mir ist beim Lesen kalt geworden. Mein Versuch im Call Center Geld zu verdienen scheiterte nach 3 Stunden. Ich bin heute noch dankbar, dass der Typ, der mich einarbeiten sollte, so ein abstoßendes Beispiel war. Respektlos, gierig, mit komplett übersteigerter Selbstwahrnehmung.
Den Symptomen nach zu urteilen, würde ich zur Kündigung raten. Jetzt!!! |
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Ich hab das auch mal versucht - eigentlich mehr aus Neugier. Dabei war das ein ganz solides Meinungsforschungsinstitut. Und fand auch das schon sehr sehr hart.
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Hurra endlich mal ein guter Einblick in die Leistungsgesellschaft!
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Sehr intensive Annäherung
an die Leibeigenschaft 2.0...... |
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Der Beruf des Wegelagerers wird jetzt von Callcentern ausgeübt.
So ein bisschen hohl fühle ich mich jetzt auch. Hoffentlich steckt das Gefühl der organisierten Sinnlosigkeit nicht an. Raus da. Jetzt. Und dann eine Currywurstbude am Nollendorfplatz aufmachen. |
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Schieß auf sie, indem Du den Laden und das System in weiteren Blogs hier ganz nüchtern auseinandernimmst!
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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