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Die Freiheit des Internets ist in Gefahr. Erst seit SOPA oder PIPA, oder fängt der Verfallsprozess eines für alle freien Internets nicht schon viel früher an? Was bewirken Facebook und Co?
"Das Netz wehrt sich" titelte das Meinungsmedium "der Freitag" auf Seite 1. Wikipedia, Google und Co gingen auf die Barrikaden gegen SOPA und PIPA. Zwei Gesetze, die die Freiheit des Internets angreifen, weil irgend welche Anonymusse Musik, Filme und Bücher ohne Lizenz verbreiten und somit den Unterhaltungskonzernen schaden.
Wo fängt die Freiheit des Internets eigentlich an?
Die Freiheit des Internets ist hingegen schon weit aus früher angegriffen worden. Längst hat sich das Mitmach-Internet "Web 2.0" zu einer Projektionsfläche entwickelt, in dem man nur noch seine Meinungsfreiheit ausüben darf, wenn man sich unter Preisgabe seiner realen Identität äußert. Was von der Politik keinem Polizisten zugemutet werden soll, Internetuser müssen. Losgetreten hat das Facebook. Google+ war keine Antwort in dem Sinne, der individuellen Freiheit Raum zu geben. Auch deren Nutzungsbedingungen schließen Pseudonyme bei Veröffentlichungen aus. Zwar ist bei Google+ eine höhere Qualität zu verzeichnen, aber meist posten dort jene, hinter deren Namen sich schon eine Nachricht vermuten lässt. Viele Appelle zum Start von Google+ blieben nutzlos. Facebook und Co. wollen eben zur Vermarktung ihrer Portale jeden ihrer Nutzer personalisiert wissen. Erstaunlich und erfreulich, dass Twitter dem noch widersteht.
Facebook an vorderster Front der Konterrevolutionäre
Nicht ohne Ironie ist, dass Facebook den Account jüngst von HaPe Kerkeling sperrte. Die Gründe sind nicht bekannt, auch HaPe Kerkeling nach eigenen Aussagen in der NDR-Talkshow nicht. Vielleicht liegt es daran, dass HaPe ein Pseudonym ist. Vielleicht liegt der Grund der Sperrung auch darin, dass sich Denunzianten nicht vorstellen konnten, dass er selbst eine glühende Verteidigungsrede für unser aller Bundespräsidenten in Facebook stellt. Man weiß es nicht.
Der Computer- und Videospielehersteller Blizzard-Entertainment (unter anderem World of Warcraft, Diablo) hat - anders als Facebook und Co - den Unmut seiner Fangemeinde Mitte 2010 spüren müssen, als der Spiele-Multi in seinen Spielforen Beiträge nur noch mit Realnamen (Real-ID) ihrer Nutzer dulden wollte. Mit dieser Ankündigung hat Blizzard für weltweiten Aufruhr im eigenen und anderen Internetforen gesorgt. Die Börse reagiert mit einem Aktieneinbruch, nach dem das Wall Street Journal berichtete und dort heftige Leserkommentare auslöste. Nach Offenlegung aller möglichen über Facebook ausgekundschafteten Daten des Forenadministrators wurde das Vorhaben schließlich gestoppt.
Ob sich im Jahre 2012 so eine Aktion nochmals lostreten ließe, sei dahin gestellt.
Hinter Pseudonymen steckt oft mehr Qualität
Neulich bin ich in über ein Forum, in dem es um Allgemeinfragen des Lebens in virtuellen Online-Welten geht, auf eine interessante Betrachtung des amerikanischen Kommentierungsform Disqus gestoßen:
Demnach ist die Qualität der Beiträge von Usern, die ein Pseudonym nutzen höher bewertet bewertet als Beiträge von Nutzern, die ihren realen Namen verwenden (61% zu 51%). Die Beiträge von total anonymen Nutzern weisen immer noch eine positive Bewertung von 34% auf, gleichzeitig werden sie immerhin noch zu 55% als in der Qualitätsmessung "neutral" bewertet.
Nicht verschwiegen werden soll: Das Internet-Angebot setzt bewusst auf das Konzept von Online-Pseudonymen. Und die Nutzer-Zahlen steigen. Das seit 2007 in San Francisco beheimatete Unternehmen hat zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Beitrags exakt 65.862.559 Nutzer. Das lässt hoffen. Kaum auszudenken, das Portal wird international.
Vorsicht Falle: Aufhebung des Klarnamenszwangs bei Google+
Google will für sein soziales Netzwerk Google+ den Klarnamenzwang lockern, wie SPON berichtete. Pseudonamen sollen zukünftig verwendet werden können. Aber nur, wenn Klarnamen angegeben werde, die Google bekannt sind. Begründet wird das als Maßnahme gegen Mißbrauch und Identitässklau. Es ist wohl davon auszugehen, dass Google dennoch über Umwege darauf beharrt, über die tatsächlichen Usernamen mittels exakter Nutzerprofile das "kostenlose" Netzwerk zu vermarkten. Der eigentliche Coup und die eigentliche Falle besteht vermutlich jedoch darin, dass Google so klammheimlich seine Sammlung von Nutzerprofile auf im Internet verbreitete Pseudonyme ausweiten kann. Da weiß man doch auch gleich, wer alles unter Pseudonym auf Twitter oder in der Freitags-Community schreibt.
Oscar Wilde wusste:
Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er in eigener Person spricht. Gib ihm eine Maske, und er sagt die Wahrheit.
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Das passt ja gerade wie die Faust auf's Auge:
"Google will alles über dich wissen" www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,811221,00.html |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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