il lucre

an associated mess

19.10.2010 | 11:12

Alfred Hugenberg – Medienmagnaten und Machtoptionen

"Derjenige ist wirklich und wahrhaft sozial, der Arbeit schafft."
- Alfred Hugenberg
"Sozial ist, was Arbeit schafft."
- Slogan der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft / Wahlkampfslogan der CDU und FDP im Jahr 2005

Am 30. Januar 1933 wähnt sich Alfred Hugenberg, Chef der DNVP und einer der Meinungsmonopolisten der Rechten in Weimardeutschland, auf dem Gipfel seiner politischen Einflussnahme. Nachdem er seit 1931 versucht hat, mit rechten Konglomeraten wie der Harzburger Front der Republik den Garaus zu machen, scheint mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler das Ziel endlich erreicht. Mit diesem Schritt ist die Parlamentarische Demokratie, die der Medienmogul Hugenberg so verachtet, überwunden. Der autoritäre Staat, den der alldeutsch Gesinnte stets restaurieren wollte, ist zurückgekehrt; ein Staat, so sähe es Hugenberg zumindest gern, der dezentralisierend wirkt und Arbeit und Leistung zu den ehernen Tugenden eines modernen Deutschlands macht. Es wird nicht Hugenbergs Staat, sondern das Dritte Reich.

"Das parlamentarische System hat vollständig versagt. Ebenso das System, das alles von Berlin aus regieren will, das die Verantwortlichkeit der Gemeinden ausschaltete und damit den finanziellen Bankrott unserer Selbstverwaltung herbeiführte. [...] Der gesunde Staat wird eine gesunde Wirtschaft haben. Gesunde Wirtschaft bedeutet heute vor allem Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Derjenige ist wirklich und wahrhaft sozial, der Arbeit schafft. Es gibt ewige Wirtschaftsgesetze, die kein Volk ungestraft verletzen darf. Das haben die sozialistischen Machthaber in Deutschland außer Acht gelassen. Sozialismus ist Erwerbslosigkeit. [...]" (Hugenberg in einer Rundfunkansprache zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932)

 Ein teutonischer Medienmogul

Im Juni des gleichen Jahres legt dieser Hugenberg, dessen Verlags- und Nachrichtenagenturennetzwerk eine wichtige Rolle im Kampf der Rechten gegen Weimar gespielt hat, sein Ministeramt im Kabinett Hitler nieder, die DNVP entlässt er in die Auflösung, bis 1944 hat er seine gesamte Macht verloren, und nur wegen seines Alters entgeht er schwerwiegenderen Konsequenzen der Entnazifizierung.
Dieser Mann hatte all seine Kräfte eingespannt, um eine schwülstige Vision dessen, was Deutschland wieder sein solle, verwirklicht zu sehen. Was er mitunter hervorbrachte, war entfesselter brauner Terror. Sein Beispiel sollte eigentlich abschreckend wirken. Es sollte aufklären über die strukturelle Macht dessen, was wir Meinungsmache nennen.
Tatsächlich aber haben seine programmatischen Erben heute wieder die gleiche Macht, die er zu seinen besten Zeiten besaß.

Geboren wird Alfred Ernst Christian Alexander Hugenberg 1865 in Hannover als Sohn zweier Eltern aus gehobenen Verhältnissen. Er studiert Jura in Göttingen, Heidelberg und Berlin, im Weiteren Nationalökonomie in Straßburg, beginnt schon im Jahr 1891 über die Gründung des Allgemeinen Deutschen Verbandes (später Alldeutscher Verband), aktiv deutschnationale Ziele im Volkskorpus zu verankern. Insbesondere konzentriert er sich auf die Germanisierung Posens, so wie er ohnehin die nationale Frage mit deutlicher Konnotation des "Nationalitätenkampfes gegen die Polen" hervorhebt. In Posen ist er ab der Jahrhundertwende Verbandsdirektor der Raiffeisengenossenschaften, wechselt zwischenzeitlich ins preußische Finanzministerium, um zuletzt - im Jahr 1909 - als Direktor der Friedrich Krupp AG in die reichsdeutsche Industrie einzusteigen.

"Es gibt ewige Wirtschaftsgesetze, die kein Volk ungestraft verletzen darf."

Während Hugenberg erfolgreich an seinen Qualitäten als moderner Konzernmanager arbeitet und fleißig Spendengelder ins kaisertreue, national gesinnte Vereinsspektrum schleust, bricht die kaiserliche Regierung einen Weltkrieg vom Zaun, der nach anfänglicher Begeisterung im Volk spätestens im Jahr 1915 zu allgemeiner Ernüchterung führt. Die fuchsige preußische Regierung sieht das Problem an das strukturelle Problem des sonst sehr einflussreichen, jetzt aber sehr bankrotten kaiserlich-vaterländischen Scherl-Verlags gekoppelt, dem nun die Aussicht droht, ausgerechnet von den liberalen Berliner Konkurrenzverlagen Ullstein und Mosse aufgekauft zu werden. Kurzerhand wird ein "geeigneterer" Käufer für den Verlag gesucht, und kein Geringerer als Hugenberg lässt die rettende Reichsmark springen. So wechselt er ins Mediengewerbe, das derzeit einen revolutionären Umbruch erlebt, und wird obendrein Aufsichtsrat eben genannten Scherl-Verlages.

Die August Scherl G.m.b.H dient als Hugenbergs Fundament für einen beispiellosen Unternehmensaufbau, der einhergeht mit dem erfolgreich geführten Wettbewerb um den Annoncenmarkt (Mitbewerber: Mosse) und Hugenbergs Einfluss im Wolff-Telegraphenbüro, einer Nachrichtenagentur, die die Hauptquelle der rechten Zeitungen in Weimardeutschland darstellt. In dieser Manier vergrößert der Verlagschef sein Netzwerk Stück für Stück, ehe ihm im Jahr 1927 mit dem Aufkauf der insolventen UfA der vermutlich beeindruckendste Schritt gelingt.

Interessant ist das, was ein alter Artikel der ZEIT über den personellen Rückhalt des Hugenberg-Netzwerks schreibt:

"Dem Konzern als Kontrollorgan übergeordnet war die 'Wirtschaftsvereinigung zur Förderung der geistigen Wiederaufbaukräfte', ein Direktorium von zwölf 'national gesinnten' Männern, neben dem geschäftsführenden Geheimrat Hugenberg der ehemalige Generaldirektor der Gelsenkirchner Bergwerksgesellschaft, Emil Kirdorf, der Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke, Albert Vogler, Bergrat Winkhaus vom Höesch- Konzern, die Bergbaumanager Eugen Wiskott und Freiherr von Löwenstein, der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerz und Privatbank in Hamburg, Senator Witthöft, sowie mehrere Freunde Hugenbergs. Sie hatten rund 85 Prozent des stimmberechtigten Kapitals aller Konzerngesellschaften in der Hand."

Die finanzschwere Industrie im Rücken, kann Hugenberg seinen publizistischen Einfluss in allen Bevölkerungsschichten und bis in die Provinz ausbreiten, wobei seine Blätter meist mit vermeintlich unpolitischer Attitüde knallharte rechtskonservative Programmatik an die Leser weitergibt. Indem Hugenberg namhafte rechte Journalisten/Populisten veröffentlicht, bereitet er auf seichtem Wege eine nationalistische und bisweilen offen antisemitische Grundstimmung im bedienten Klientel vor, das im Zuge der Konzernvergrößerung entsprechend zunimmt. Interessant für unsere Gegenwart ist aber nicht nur das deutschnationale Gedankengut hinter diesem modern agierenden Konzern, auch Hugenbergs Aussagen zur allgemeinen Entwicklung Deutschlands haben für den heutigen Hörer/Leser einen furchtbar bekannten Ton, wenn er an die Optimierungen des Standort Deutschlands, eine geistig-moralische Wende und sonstige Phrasendrescherei über das Wohl Toitschlands denkt:

"Das A und 0 des Augenblicks ist die Tatsache, daß dank der nationalen Bewegung die moralischen Kräfte wieder aufgestanden sind, die über Krieg, Revolution und Bonzentum hinweg, aus den Trümmern von heute das Reich von morgen schaffen wollen. Wir glauben an Deutschland und seine Zukunft. [...] Die gesunden auf nationaler und konservativer Grundlage stehenden Kräfte [...] bieten die beste Gewähr für einen auf Arbeit und Sachkenntnis beruhenden Wiederaufbau des deutschen Staates und der deutschen Wirtschaft. [...]" (aus: Rundfunkansprache zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932)

Zusammen mit seiner Meinungsmache gegen alle sozialistischen Elemente in Deutschland ("Wer nicht sozialistisch denkt, wählt deutschnational.") und den beizeiten von ökonomischer Neoklassik durchdrungenen Worten wirkt Hugenbergs Programm und Vorgehen wie ein Vorbild für Initiativen wie die heutige INSM, die als Interessenvertretung der Arbeitergeberverbände über eine zumeist mediale Kampagnenpolitik Nährboden für konservative bis marktliberale Politik bzw. Wirtschaftspolitik macht.

Das Erbe

In ähnlicher Weise wie der Hugenberg-Konzern ist auch die INSM ein von der Industrie unterstütztes Projekt, das durch ein "Wirken hinter den Kulissen" jene Linie vorgeben will, die sie sich für die Entwicklung Deutschlands vorstellt. Für Hugenberg war die patriarchalische Kultur der "aufgeklärten Diktatur von Kaiser und Kapital" das leuchtende Ideal, den heutigen Kampagnen wohnt eher eine Unterwerfung an die vermeintlich absolute Ratio der Marktvorgänge inne: die Neuen Sozialen Marktwirtschaftler wie auch Hugenberg gleichen sich allerdings vor allem in ihrem Kampf gegen die Sozialisten bzw. "Erfüllungspolitiker", die im modernen Jargon eher als "68er-Spinner", "Ewig-Gestrige" oder "Schmusekurspolitiker" verschmäht werden. In einer Manier, wie wir es wohl heute Dank der Blog-Gegenöffentlichkeit erst erkennen, leitete auch Hugenberg populistische Kampagnen gegen Gustav Stresemann und dessen politisches Wirken ein. Stresemanns Reaktion lässt sich nicht allein auf die Zustände der Weimarer Republik beziehen: "Es ist Deutschlands Unglück, daß die Brunnenvergiftung eine so gewaltige Stimme hat und die Vernunft nur leise vor sich hinspricht."

 

Politisch ist Hugenberg, wie gesagt, gescheitert. In Hitler sah er – wie in so Vielem – ein Instrument, und er verkalkulierte sich. Bis heute sind solche Brandstifter in spe nicht klüger geworden. Sie haben Visionen, und leider wissen sie, dass zwischen ihrer Vision und dem, was man "im Volk" als ungeschriebenes Gesetz ansieht, nur wenige instrumentarische Schritte liegen. Ein Ergebnis aus diesen Konstellationen kennen wir zumindest – komprimiert im Namen Hugenberg.

 
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Kommentare
Klaus-Hermann Otto Stanislaus Plöger schrieb am 19.10.2010 um 13:49
hanebüchenerblödsinn
sagt Klaus Plöger
Klaus-Hermann Otto Stanislaus Plöger schrieb am 19.10.2010 um 13:50
Ps.: Um hier alles richtig zu stellen, müßte ich ein Buch schreiben, leider fehlt mir die Zeit dafür.
il lucre schrieb am 19.10.2010 um 13:56
das ist schade.
Joachim Petrick schrieb am 19.10.2010 um 17:57
@il lucre

"ein Staat, so sähe es Hugenberg zumindest gern, der dezentralisierend wirkt und Arbeit und Leistung zu den ehernen Tugenden eines modernen Deutschlands macht. Es wird nicht Hugenbergs Staat, sondern das Dritte Reich."
Wie das, ein dezentral organisierter Staat?
Hugenberg wollte doch auch den zentralen Plan für Hochrüstung der Einheit von Wirtschaft und Militär!, oder?

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 19.10.2010 um 18:08
@il lucre
„Politisch ist Hugenberg, wie gesagt, gescheitert. In Hitler sah er – wie in so Vielem – ein Instrument, und er verkalkulierte sich. Bis heute sind solche Brandstifter in spe nicht klüger geworden. Sie haben Visionen, und leider wissen sie, dass zwischen ihrer Vision und dem, was man "im Volk" als ungeschriebenes Gesetz ansieht, nur wenige instrumentarische Schritte liegen. Ein Ergebnis aus diesen Konstellationen kennen wir zumindest – komprimiert im Namen Hugenberg.“
Verstörend erhellendes Beispiel, dass politische Selbstmorde, aus Feigheit vor politischen Freunden und demokratisierenden Reformen in Gesellschaft, Staat und Wirtschaft, lokal und global, um jeden Preis der Menschheit viele Spielarten kennen.

tschüss
JP
il lucre schrieb am 19.10.2010 um 18:31
dazu ein ausschnitt aus der 31er rundfunkansprache des herrn hugenberg:

"[...] Das parlamentarische System hat vollständig versagt. Ebenso das System, das alles von Berlin aus regieren will, das die Verantwortlichkeit der Gemeinden ausschaltete und damit den finanziellen Bankrott unserer Selbstverwaltung herbeiführte."

mit hugenbergs wunsch nach dezentralisation (ich gebe zu, dass die formulierung schwammig war) ist anscheinend gemeint, dass die bündelung der politischen verantwortung (in diesem falle: berlin), einhergehend mit dem zentralisierenden aspekt "sozialistischer politik", die hugenberg den weimar-lenkern vorwarf, aufgelöst wird. in seinem interesse schien ein starker föderalismus zu sein, der den deutschen ländern (bzw. völkern) auch regional politische eigenständigkeit zusicherte. die idee beißt sich etwas mit der tatsache, dass hugenberg wieder einen kaiser haben wollte - also eine instanz, die enorm das politische geschick in einem punkt vereinigt.

gruß,
il lucre
Joachim Petrick schrieb am 19.10.2010 um 20:19
@il lucre

"in seinem interesse schien ein starker föderalismus zu sein, der den deutschen ländern (bzw. völkern) auch regional politische eigenständigkeit zusicherte."

Danke für den Hinweis. So war mir das nicht präsent..

Dadurch wird noch deutlicher, was für ein Traumtänzer Hugenberg war, dass er schließlich gar zum NS- Opfer geworden, doch nicht einmal posthum gegen das NS- Regime als Zeuge der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und andernorts in Erscheinung treten wollte.

Umsomehr verstehe ich jetzt, warum Leute wie Klaus von Dohnanyi (INSM( neuerdings den Föderalismus mit dem Hinwieis anprangern, der sei uns in Westdeutschland, anders als in Ostdeutschlands, von den Alliierten aufgenötigt worden.
Joachim Petrick schrieb am 19.10.2010 um 18:27
@il lucre

Bei aller Bedeutung Alfred Hugenbergs, darf nicht vergessen werden, dass es die internationale Verschuldungspolitik der Industriestaaten mit ihrem monetär militärisch ausgelegten „New Deal“ (Roosevelt/Schacht) war, die den “Hugenbergs“ der Welt, Wasser auf die Mühlen trieb, bis der Zweite Weltkrieg als prekärer Konjunkturmotor, erneut ausbrach.

tschüss
JP
I.D.A. Liszt schrieb am 19.10.2010 um 19:12
Man braucht sich eigentlich nicht zu wundern.

Man denke stattdessen an die Werbekampagne "Du bist Deutschland" der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Ein paar Jahrzehnte davor gab es das ja schon einmal (vgl. www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21419/1.html)

Zufall? I wo, das kann doch gar nicht sein!
Joachim Petrick schrieb am 19.10.2010 um 20:11
Danke für den Link

Man braucht sich eigentlich nicht zu wundern.

Man denke stattdessen an die Werbekampagne "Du bist Deutschland" der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Ein paar Jahrzehnte davor gab es das ja schon einmal (vgl. www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21419/1.html)

Zufall? I wo, das kann doch gar nicht sein!
il lucre
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