1
]
Martin Gehlen kommentiert in der Frankfurter Rundschau die Ägyptische Revolution. Er versucht unterdessen, ein Bild von jenem Regime zu zeichnen, das da in diesen Tagen erschüttert wird - und während man diesen Versuch so verfolgt, kommen einem immer mehr Zweifel auf, dass er allein über Ägypten spricht.
"Macht wird in dieser Region auf Lebenszeit vergeben", schreibt er an einer Stelle. "Politische Eliten richten sich auf Jahrzehnte ein, lassen niemanden hochkommen. Mit dem Potentaten verflochtene Personenverbände sichern dessen Macht und dürfen dafür die Pfründe der Nation untereinander teilen. Politik versteht sich in erster Linie als Loyalitätspflege und Machtsicherung, nicht als Gestaltung des Gemeinwohls für alle Bürger der Nation. Entsprechend rücksichtslos sind die Gepflogenheiten der Machtausübung – genauso wie jetzt die Gewalt auf der Straße der um ihre Privilegien fürchtenden Regimetreuen. Kompromisse, die zentrale Übung politischer Mäßigung, gelten als Schwäche und Gesichtsverlust. Berechtigte Interessen der Gegenseite zu berücksichtigen, die eigenen Machtansprüche im Blick auf das Gemeinwohl zu zügeln, kommt arabischen Herrschern nicht in den Sinn. Wer aufmuckt und Alternativen fordert, wird niedergemacht, aus dem Weg geräumt oder eingesperrt."
So sind sie, die Araber - veranlagte Despoten und selbstsüchtige Potentaten, noch weit entfernt von der Macht demokratischen Konsensus, jenem Äther des Guten, der die westlichen Länder so prosperieren lässt. Klüngelherrschaft, Intransparenz, Machtspiele? So ganz orientalisch, natürlich!
Die Revolution in Ägypten ist eine Revolution der Jungen - derer, die ein verbohrtes, in Interessenzement eingeschlossenes Regime am Bodensatz der Gesellschaft haften lässt. Väterchen Mubarak, Mütterlein Merkel, so wurden sie von Selbstdarstellung getauft - Galionsfiguren eines Narrenschiffs, einer Gorch Fock für sich, die auch in der wildesten See mit aller Gewalt versucht, sittsame Lieder an Bord pfeifen zu lassen.
"Vor zwei Wochen noch", so leitet Gehlen seinen Kommentar ein. "war es [Anm. d. Bloggers: Ägypten(?)] ein sonniges Ferienziel mit zwölf Millionen Urlaubern im Jahr, nun hat sich der arabische Musterschüler in puncto Stabilität über Nacht in ein Chaos verwandelt. Das für seine Freundlichkeit berühmte Land droht in Gewalt und Anarchie zu versinken. Schlagartig macht sich eine seltsam brutale Fremdenfeindlichkeit breit, die vor kurzem noch niemand für möglich gehalten hätte. Tagsüber jagen Regimeschläger auf Kairos Straßen junge Oppositionelle und Ausländer. Nachts verbarrikadieren Bürgerwehren ihre Viertel, sogar Polizisten müssen sich von Menschen mit durchgeladenen Schrotflinten und blanken Schlachtermessern durchsuchen lassen. So sieht es aus, wenn in einem Staat die öffentliche Ordnung zusammenbricht."
Wie der Schein trügen kann. Keiner hat die dunkle Triebkraft hinter den alten Strukturen ganz erkennen können. Es bedurfte erst dieser Eruption, um die gesamte Wut, Enttäuschung und Verzweiflung sichtbar zu machen, die sich hinter einer Alltagsmaske verbarg. So ganz orientalisch, natürlich! Denk ich an Deutschland in der Nacht ...
Die Kinder und die Revolution - in der Samstagsausgabe der FR heißt es in einem anderen Artikel, dass zwei Drittel der ägyptischen Bevölkerung unter 25 seien, und dass eben diese zwei Drittel die Initialzündung einer weitreichenden Volksbewegung geleistet hätten. Ihre Zukunft steht auf dem Spiel - ihre Zukunft ist es, die sie aus den Händen von Potentaten entreißen wollen, die zu lang die Geschicke einer ganzen Nation von einer in die andere Pranke jonglierten.
Deutschland, so weiß dank Bertelsmann jedes Kind, hat keine Jugend. Das Mantra der Überalterung unserer Gesellschaft ist allgegenwärtig und allseits anerkannt. Ein Axiom, dem nur noch gespenstische Theoreme folgen. Die Wenigsten zweifeln an den Zahlen und Konsequenzen, die von renommierten Statistikern/Wahrsagern in Zeitungen und Polittalks gespeist werden. Die deutsche Jugend, so ist man sich überall einig, hat gar keine Zeit und keine Grundlage, um aufzubegehren! Stattdessen muss sie Verzicht lernen, den Fleiß wiederentdecken, loyal dem Bruttoinlandsprodukt dienen, Expertise und Automatismen entwickeln, das Wachstum ankurbeln, den Sozialstaat auflösen und auf eigenen Schultern tragen - kurz: das übernehmen, was man hier "Gesellschaftliche Verantwortung" nennt, auch zum Preis der Geringgestellten, der - naja, das wird man ja doch wohl noch sagen dürfen! - Schmarotzer in diesem Land, der Unintegrierten, Unverbesserlichen, Unoptimierbaren und Unrentablen.
Ist das nicht die Quintessenz der Verantwortung? Bereit zu sein, etwas auf sich zu laden für das Höhere in der Volkswirtsch-, nein, im Menschen? Selbstlos sein, für das Richtige aufzustehen, aufzubegehr- nein! Halt! Ich bitte um Verzeihung - das war das ägyptische Verständnis; die putzige Revolution, der kleine, bewundernswerte Kampf eines Urlaubsparadieses gegen irrealen Despotismus, der dem Okzident gott/napeoleonseidank verschlossen bleibt.
Arbeitsam sein - ja ja, kein Gedanke zuviel, euch jungen deutschen Hirnen. Schließlich gehört euch ja die Welt, oder, wenn man schon so will: Ihr seid das Getriebe dieser Welt, ein zirkulierender, in sich verschlungener Motor - und jetzt wieder an die Prüfungen, in die Kneipen, in den Export: da liegt eure Zukunft! Da liegt euer Schicksal!
So soll eure Realität sein.
|
|
Superartikel. Da bleibt kein Auge trocken.
Danke für diese feine Analyse il lucre!!! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen