lucubro

Kommentatort

17.10.2011 | 08:15

«Eigentlich möchte Frau Blum den Mörder kennenlernen»

Es gibt Tatorte, die den Täter bewusst von Anfang an zeigen, weil sich mit dieser Wissensverteilung die intelligenteren Krimis machen lassen, und es gibt Tatorte, die sich als intelligente Krimis verkleiden, den Täter aber so ungewollt früh preisgeben, dass neunzig Minuten Ermittlung nur noch als tapfer abgespulte Selbstparodie bezeichnet werden können.

Zu dieser Gattung gehört der aktuelle Konstanzer Tatort «Das schwarze Haus». Darin geht es um eine Mordserie, die nach den Romanen eines bekannten Krimiautors vonstatten gehen. Da wird ein Maler mit einem Stromschlag hingerichtet, als er barfuss durch Schlick und Moder watschelt, um den vom Mörder präparierten Stromsicherungskasten in Ordnung zu bringen. Die Methode ist so tückisch wie bekannt, eben aus einem Roman des Krimiautors, der den toten Maler findet. Also, denkt man, ist er auch der Täter: Wahrscheinlich wollte der Autor gegen seine Schreibblockade vorgehen. Aber nein, das geht nicht, der erstbeste Verdächtige ist nur dann der Mörder, wenn er sich in seiner Nebenfunktion als alleinerziehender Vater und Bewohner einer stattlichen Residenz nicht auch noch um seinen unter Autismus leidenden Sohn kümmern muss.

Weil aber die Idee mit dem mordenden Schreiberling so schön ist, lernen wir bald das klobrillenbärtige Verlierer-Alter-Ego des Grossschriftstellers kennen. Spätestens, wenn man sieht, wie der von seinem erfolgreicheren Kollegen an einer Vorstandssitzung des gemeinsamen Kulturvereins wie ein Ochse am Nasenring herumgeführt wird, ist klar: Das ist der Mörder. Natürlich gibt sich dieser alle Tatort Mühe, über diese Gewissheit hinwegzutäuschen. Tatsache aber bleibt: Wenns nicht der Autor war, muss es sein leer ausgegangener Gegenspieler sein. Zumal der allen Grund hat, sauer auf den anderen zu sein, wurde er von ihm doch abgezockt und erst noch um die besten Krimi-Ideen geprellt. Man sieht, die Kunst, das ist ein Haifischbecken, wenn auch der Bodenseefelchen der grösste darin vorkommende Raubfisch ist.

Weitere Morde geschehen, stets nach Vorlage eines Krimis des Schriftstellers: Da wird eine Vorstandsvorsitzende des Kulturvereins gepfählt und ein Komponist in die Luft gesprengt. Knapp entgeht der Erfolgsautor einem Mordanschlag: Gerade, als er zu nächtlicher Stunde vorm Laptop sass und unter Einfallslosigkeit litt, ballerte einer mit dem Scharfschützengewehr auf ihn: Genauso, wie es in seinem neuen Krimi der Fall sein wird. Wer aber kann, ausser der Werbeabteilung seines Verlags, sonst noch Kenntnis haben vom Inhalt seines ungeschriebenen Romans? Richtig: So ziemlich der ganze Bodenseeraum, denn mit Bescheidenheit ist besagter Schriftsteller nicht gesegnet.

Seine hellsten Momente hat dieser gründlich missratene Tatort in den Bildern, die vom Hamster des Mörders zu sehen sind. Wenn jemand einen Nager darauf abrichtet, wie ein Irrer sich in seinem Laufrad abzustrampeln, kann das nur ein klobrillenbärtiger Provinzbuchstabenreiher und Serienmörder sein. Trotzdem gehört es zu den sehenswerteren Bildern der diesjährigen Tatorte, wenn der Bewegungseifer und Schattenwurf eines Hamsters so viel über einen Tatortmörder aussagt. Auch die Idee, dem Krimischriftsteller ein menschelndes, besorgt-väterliches, zweites Antlitz zu verleihen, ist nett – wenn es auch, wie oben festgestellt, die einzige Spannungsquelle des Films eliminiert. Der wiederkehrende Schenkelklopfer mit Frau Blum, die mit stoischer Gelassenheit aufs Schwabenmeer rudert, um dort ohne Bewilligungsschein zu fischen, und dabei andauernd von ihrem Assistenten Perlmann gestört wird, der mit der Nachricht vom nächsten Mord eintrudelt, ist putzig. Denn eigentlich, das wissen wir ja alle, will Frau Blum den Mörder kennenlernen, fischen bedeutet ihr nichts, es ist nur ein Platzhalter, der Privatleben markieren soll. Bleibt zu hoffen, dass die in Bälde programmierte Umkehrung der hier an den Tag gelegten Fiktion durch Henning Mankell sich mehr Mühe geben wird: Die angekündigten Mordarten deuten leider aufs Gegenteil.

 

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 17.10.2011 um 09:28
Die besten Szenen des Streifens:
* Fahrt von Blum & Co durch die wunderbare Baumallee...



Schade um diese Bilder.
lucubro schrieb am 17.10.2011 um 09:50
wirklich schön, besonders in verbindung mit dem sauglattistischen dauerkommentar von der blum, der perlmann solle nicht so rasen, mitten im winter, die Strassen gefroren ...
koslowski schrieb am 17.10.2011 um 10:12
Sehr schöne Rezension. Volle Zustimmung.
lucubro schrieb am 17.10.2011 um 10:35
danke für das kompliment, koslowski.

freu mich schon auf mauerparb, rbb, berlin.

mir ein rätsel, was man sich bei dieser story hier gedacht hat, mordende schriftsteller = quote, vermutlich...
Amanda schrieb am 17.10.2011 um 11:29
Es hat laut geknirscht im Plausibilitätsgebälk, in der Tat. Hätte Ruben Rath (Top 10 der blödesten Rollennamen) gern mal beim Schreibgerät wegschmeißenden Ausflippen gesehen. Was Jaenicke da gespielt hat, war nicht Handbremse, sondern Stock im Arsch. Dass es zwischen ihm und "Frau Blume" derart laut NICHT geknistert hat, tat auch bisserl weh, oder.
lucubro schrieb am 17.10.2011 um 12:29
ja das war doch echt zu wirr um es sich anzutun. wie ich sehe, haben sie sich dennoch durchgebissen? chapeau, das fiel dieses mal wirklich nicht leicht

den wutanfall hätte ich auch gerne gesehen; nur schon, um ihn mit dem einen oder anderen erfahrungswert zu vergleichen

ja, der jaenicke, jänu: was solls, auch schauspieler brauchen geld, so lange sie nicht in ein stoffwechsel-moratorium treten können, so lange sie rechnungen zahlen müssen, und nicht nur von luft und schauspielerei leben können.

vielleicht machst jaenicke ja wie johnny depp: ein sparrow für 15 anspruchsvolle filme/rollen?
Amanda schrieb am 17.10.2011 um 13:27
Hab nix gegen Jaenicke, ist ja ein umtriebiger Umweltschützer. Dass der tote Cowboy und Lindholm-Gschmusi als rollkragensteifer Schreiberling aufersteht: auch nicht unkomisch.

Mit "Durchbeißen" hatte das Anschauen eher weniger zu tun. Mehr mit Braue Heben, Grinsen, Abwinken, Stöhnen. Also durchaus Unterhaltung :o)
lucubro schrieb am 17.10.2011 um 14:43
das freut mich; auch, dass der tatort jetzt vorbei ist!
Magda schrieb am 17.10.2011 um 13:36
Da ich - wie schon anderswo beklagt - die Hälfte des Krimis verschlafen habe, bedanke ich mich für die mir noch fehlenden Infos. So wird mir auch zur Gewissheit, was ich im letzten wachen Moment schon ahnte - es war der Kausch im Hamsterrad. Wahrscheinlich bin ich deshalb eingeschlafen, weil das alles einerseits so klar und anderseits auch ein bisschen wurscht war.
lucubro schrieb am 17.10.2011 um 14:42
das wär auch der bessere titel gewesen: im hamsterrad (da muss man matthias dell zustimmen: warum der titel das schwarze haus?).

mich haben blum und perlmann an den hamster erinnert, immer abhetzen, voraus rennen und doch auf der stelle treten, freilich bis auf die Souveränität des nagetiers: an die sind sie nicht rangekommen
lucubro
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