lucubro

Kommentatort

06.11.2011 | 23:55

Tödlicher Anstandswauwau

 

Quotengarant und Splatterfan Henning Mankell schrieb die Geschichte des neuen Kieler Tatorts „Borowski und der coole Hund“. Das lässt selbst nach dem letzten Mankell-Borowski einiges erwarten oder, wie der Kommentatort findet: befürchten. Zur Erinnerung: Damals zerhäckselten gelangweilte Schnösel Leichen und schossen mit der Armbrust auf Bären. Mittelalterlich irgendwie. Und dieses Mal?

Dieses Mal grüsst Rambo (der erste Teil), der ja nicht nur manisch herumballert, sondern auch ein verkappter Schreiner ist. Aber der Reihe nach. Ina Santamaria watet mit ihrem Liebhaber durch einen Badesee. Santamaria und ihr Liebhaber haben sich in einem Sexchatroom kennengelernt. Dort hat sie sehr, sehr viele Liebhaber kennen gelernt. Dieser Tatort bringt es ungeniert fertig, 90 Minuten auf diesem Widerspruch zwischen ihrem Namen und ihrem Lebenswandel herumzureiten. Sehr langweilig. Hinterher springt Santamarias Sexpartner in den Badesee. Wenn da nur nicht diese Vorrichtung aus angespitzten Bambusstäben unterm Sprungbrett stünde.

Es stellt sich heraus, dass Santamarias gepfählter Liebhaber Tollwut hatte. Natürlich wurde er nicht einfach von einer Fledermaus gebissen. Alles hängt mit der Bambusfalle zusammen. Die Pressemappe betreibt Aufklärungsarbeit: „Offenbar verfolgt der Mörder einen finsteren Racheplan, in dem er sein Opfer mit Tollwut infiziert und anschliessend aufspiesst.“ Klingt umständlich, aber he, das ist ja auch ein Mankell. Der Mörder ist übrigens ein Verehrer von Santamaria. Sauber ausgedacht: Er gibt den tödlichen Anstandswauwau und räumt Santamarias Liebhaber aus dem Weg. Solche schwankhaften Anlagen stellt sich Mankell also unter einem Krimi vor.

Ebenfalls fragwürdig ist die Figur des titelgebenden „coolen Hunds“, Stefan Enberg, eines schwedischen Kommissars, der Borowski und Brandt unter die Arme greift. Ein Fall von Tollwut führt ihn nach Kiel. Aha. Warum ein schwedischer Kommissar in Deutschland mit seiner Dienstkanone herumwedelt wie andere Touristen mit ihren Kameras, bleibt ein Rätsel. Rätselhaft auch Enbergs Abgang, der einem garantiert auch dann déjà-vu vorkommen wird, wenn „Borowski und der coole Hund“ der einzige Mankell ist, den man kennt.

Ein echt leidiges Thema an diesem Tatort ist Borowskis neue Assistentin Sarah Brandt. Dass sie sich nur des einen Gesichtsausdrucks bedient, geht ja noch an. Dass sie aber schon wieder nach Lust und Laune ohne richterliche Befugnis in den Festplatten und Schubladen der Verdächtigen herumwühlt, als gäbe es keine gerichtstauglicheren Beweise, lässt um die Entwicklung des Kieler Tatorts bangen. Brandts Vorgehen soll Ehrgeiz markieren, wirkt aber schon beim zweiten Durchgang nur mehr schmierenkomödiantisch.

Am besten ist dieser sehr unterdurchschnittliche Tatort dort, wo er sich im Genre irrt. Dort, wo spätnachts die Diele knarrt, Schritte hinter einer verschlossenen Tür zu hören sind, wo ein Schatten im Lichtstreifen des Türspalts zu sehen ist. Dort also, wo jeder weniger ambitiöse Serienmörder sich zu einer banalen, affektgesteuerten Bluttat hinreissen lassen würde, anstatt sich auf so umständliche Abmurksvarianten wie Tollwut-Vergiftung, Pfählung oder Eine-Nichtschwimmerin-mit-betäubten-Beinen-ins-Wasser-Schmeissen zu kaprizieren.

Doch wie stellt dieser Tatort so geschichtskundig fest? Pfählen, das war im Mittelalter eine gängige Hinrichtungsart. Stimmt. Also muss man wohl froh sein, dass Mankell nicht länger googelte. Weil er sonst garantiert mit noch abstruseren Mordmethoden aufgetrumpft hätte: „Nachdem es mit dem Scheiterhaufen nicht klappte, entführt der Mörder sein Opfer und vierteilt es mit der Hilfe von drei Komplizen zwischen vier Volvos.“ Das würde übrigens zu vielen neueren Tatorten passen, wo auch schon mal ein Schuafelbagger oder ein Aquarium als Mordwaffe herhalten muss. So gesehen sind wir mit der Tollwut und dem zusammengesteckten Mordsmöbel aus Bambus noch glimpflich davongekommen. Nützt diesem Tatort aber nichts. Rein gar nichts.

 

 
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Kommentare
Magda schrieb am 07.11.2011 um 15:50
Danke, ich hab den gar nicht gesehen, den Tatort, aber - wie ich hier sehe - genügt auch eine knackige Inhaltsangabe.

Mankell - ein Splatterfan, aha, drum also. Viele Moralisten sind höchst fragwürdig. Irgendwie sind die alle so kaputt, von der Schlechtigkeit der Welt und das hat man dann halt. Dann wird man splatteraffin und pfählt Menschen. Man muss schon verdammt aufpassen.
lucubro schrieb am 07.11.2011 um 19:08
Naja, ziemlich blutig darf es halt schon sein, muss es schon sein bei Mankell.

Dort besonders stimmig umgesetzt: Die Einsamkeit des Kommissars - wogegen in diesem Tatort rebelliert wurde, siehe Wodka-Gelage und Besuch des Buddy-Buddy aus Schweden...

Der Wink mit dem Zaunpfahl von wegen kaputte Gesellschaft, nur eben dieses Mal im wahrsten Sinn: verinnerlicht. Autsch!
lucubro schrieb am 07.11.2011 um 19:32
Korrigendum.

Die Kieler Förde ist kein Badesee. Das Gegenteil steht nur in den Presseunterlagen und im Kommentatort.

Noch mal, zum Mitschreiben: Die Kieler Förde ist KEIN Badesee, ich wiederhole, Kielerfjorden ist KEIN Badesee.

Kann man auf Wikipedia nachlesen.
lucubro
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