lucubro

Kommentatort

21.11.2011 | 08:35

Warschau-Frankfurt, einfach

Mit „Der Tote im Nachtzug“ kommt der zweite Fall der neuen Frankfurter Kommissare Conny Mey und Frank Steier. Ein packender Fall rund um Drogenschmuggel, Afghanistaneinsatz und Behördenwirrwarr.

Der Zugbegleiter des Nachtzugs von Warschau nach Frankfurt klopft an die Abteiltür. Herr Lange öffnet und bestellt Kaffee. Sieben Minuten später ist Herr Lange tot. Der Täter, Stanislaw, macht sich aus dem Staub, den Rucksack voll Heroin. Wenig später taucht er bei der Witwe des Mordopfers auf – um auf ihren Mann zu warten. Stanislaw und Herr Lange dienten in Afghanistan. Lange wurde wegen Drogendelikten unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen, Stanislaw schlägt sich als Dealer durch.

Conny Mey und Frank Steier tauchen bei der Witwe auf, noch während Stanislaw dort ist. Er flieht. Doch warum trifft die Witwe sich nach dem Gespräch mit den Kommissaren mit dem Mörder? Und warum ist der Mörder so bescheuert, ihren Mann zu ermorden und hinterher bei ihm zu Hause auf ihn zu warten? Verschiedene Thesen tauchen auf. Es könnten zwei Täter sein. Oder Selbstmord, wie der von Panikattacken geplagte Kommissar Steier vermutet. Während sich der Fall entrollt, geraten die Kommissare aneinander.

Zusammen spielen sie die Geschehnisse im Nachtzug durch: Dem Toten wurde in die Brust geschossen! Von hinten! Es hat ihn im Liegen erwischt! Der Fall wird immer vertrackter, keine These passt. Klar ist nur, dass der Mörder verdammt wenig Zeit hatte. Wurde ein Hinweis übersehen?

Derweil wird emsig an den Charakterisierungen der neuen Kommissare gearbeitet. Steier, ganz tatorthodox, übernachtet im Büro, um sich zu jazzigen Klängen zu besaufen, über den Fall nachzugrübeln und die morgendliche Lagebsprechung zu verpennen. Mey ermittelt in alle Richtungen, wickelt den ebenfalls involvierten Chefermittler der Bundeswehr um den Finger, steigt mit ihm, den Ermittlungen zuliebe, ins Bett. Ihr Körpereinsatz zahlt sich aus. Die Militärpolizei macht den Flüchtigen ausfindig, der geschmeidig gemachte Chefermittler bittet Steier und Mey hinzu. Die Verhaftung steht bevor. Der Eingriff misslingt. Der Tatverdächtige kommt um, worauf Mey und Steier etwas überraschend den entscheidenden Hinweis finden und ein letztes Mal zur Witwe fahren.

Was hat man letzthin nicht alles erduldet in Sachen Tatort. Die Wirren um den Saarbrückener Tatort: Die Kommissare Deininger und Kappl, abgesetzt, nach fünf Jahren und sieben Filmen. Die Gerüchte (Drohungen, wie der Kommentatort findet), dass „Nullgripsbulle“ Till Schweiger den Hamburger Tatort übernimmt. Da folgt auf einen abendfüllenden Borowski-Brandt ein grottenschlechter, bei Henning Mankell im Rampenverkauf erworbener Wischiwaschi-Splatter-Tatort. Der Bodensee gibt sich apathisch und blutlos. Und mitten in diese Misere platzt ein Tatort wie dieser.

„Der Tote im Nachtzug“ beruht auf einem Kriminalfall aus dem echten Leben. Der Mord wurde von Kriminalkommissar und „Tatort“-Analytiker Axel Peterman in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen – Ein Profiler berichtet“ beschrieben. Peterman ist laut Wikipedia unter anderem „ständiger Berater des Bremer ‚Tatort’“. In seiner Polizeilaufbahn ermittelte er in tausend Todesfällen. Man merkt, dass dieser Tatort weiss, wovon er handelt, er entzieht sich dem Plausibilitätsgehabe und den künstelnd-anbiedernden Genreübetretungen, die in anderen Tatorten häufig zu finden sind. Es interessiert einzig die Frage: „Wer hat hier wen erschossen?“ – Das klingt selbstverständlicher, als es ist, siehe Plots wie: „Ich vergifte dich mit Tollwut, pfähle dich und schmeiss dich mit betäubten Beinen ins Wasser“ oder „Talentfreier Autor stellt die Roman-Morde eines grossschriftstellernden Kollegen nach“. Dass sich die Verantwortlichen schon in der zweiten Frankfurter Folge für eine solche Entkomplizierung und für eine Beschränkung aufs Essenzielle entschieden haben, anstatt irgendwelchen Trends hinterher zu hecheln, setzt die Messlatte hoch und macht Lust auf mehr von Mey und Steier. Bitte wieder nach Axel Peterman.

 
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lucubro
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