Ludischbo

Ludischbo bei Freitag

11.11.2009 | 05:47

Die Kanzlerin glaubt nicht an die Wirtschaftspolitik ihrer Koalition

(Berlin) Die Bundeskanzlerin versuchte gestern in ihrer ersten Regierungserklärung den neuen wirtschaftspolitischen Weg zu erklären. Ein Irrweg. Zumal, so scheint es, glaubt sie selber nicht daran.

von Marty Ludischbo

"Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung. Und ich sage es offen: Auch dieser Weg ist keine Garantie, dass wir es schaffen, die Folgen der Wirtschaftskrise schnell zu überwinden." Auszug aus der Regierungserklärung von Frau Merkel

Dahinter steckt das sog. Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Ein Konjunkturprogramm, dass völlig am Ziel vorbei schießt. Mehr Freiheit, weniger Staat. Wachstum schaffen durch Steuersenkungen. So nach dem Motto: Senke Steuern und es werde Wachstum. Frau Merkel gibt uns keine Garantie für dieses Konzept. Das ist klug, denn jeder Laie wird wohl wissen, dass das nicht funktionieren kann.

"Die Krise ist nicht vorbei." Das sagte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung voraus.

Und wie reagieren die Menschen in der Krise?

Aus Angst vor Arbeitsplatzverlust oder in der Erwartung weiter sinkender Preise, werden sie ihre Groschen zusammenhalten. Die Verbraucher/innen in den oberen Einkommensklassen werden ohnehin dafür sorgen, dass die Sparquote steigen wird. Das ist auch eine ganz normale ökonomische Verhaltensweise. Die Unternehmen investieren nicht, weil sie keine Umsätze erwarten. Auch das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar.

Wirtschaftspolitischer Irrweg wird die öffentliche Hand noch handlungsunfähiger machen.

In dieser Situation will der Staat nicht sparen. Das ist richtig. Aber Steuersenkungen auf Pump? Dahinter steckt der Glaube, durch Steuersenkungen Nachfrageimpulse zu setzen. Wer glaubt wird selig, ein altes Sprichwort. Aber realistisch ist das nicht.

Warum sollten sich die Marktakteure wegen Steuererleichterungen anders als oben verhalten? Zumal die unteren Einkommensgruppen, die konsumieren würden,weil sie Nachholbedarf haben, es aber auch nicht tun werden, weil diese Verbrauchergruppe komplett von den Maßnahmen ausgeschlossen werden.

Hoher öffentlicher Investitionsbedarf

Keine Nachfrage, keine Investitionen, so einfach ist das eigentlich. Keine Investitionen, weniger Arbeitsplätze, noch weniger Nachfrage, noch mehr Steuerausfälle, keine Spielräume mehr für kommunale Investitionen, kein Geld für Bildung. Und gerade hier ist erheblicher Investitionsbedarf. Durch gebündelte Nachfrage durch die Öffentliche Hand im Auftrag der Bürger/Innen kann diese Nachfrage aktiviert werden. Diese Zusammenhänge scheint der Kanzlerin wohl verstanden zu haben. Oder warum glaubt sie wohl selber nicht an das Konzept? Ihrer politische Mitgestalter/Innen haben diese Einsicht wohl nicht und deshalb werden sie diese Krise wohl noch weiter verschärfen und den Staat noch weiter entflechten. Ab 2011, wird die Schuldenbremse dann den Staat zum sparen zwingen und das Problem wird noch weiter verschärft.

Am Ende steht der handlungsunfähige Staat und eine Kanzlerin, die dafür die politische Verantwortung übernehmen muss. Ob sie glaubt oder nicht.

 
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Kommentare
mephisto schrieb am 11.11.2009 um 12:54
es geht nicht um den wahren Glauben, Merkel sagt, daß es "keine Garantie" gibt und das ist richtig, denn es gibt ja auch kein Patentrezept.
Mehr Nachfrage erzeugen durch schuldenfinanzierte Steuerentlastung oder durch schuldenfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme sind zumindest grundsätzlich zwei gangbare Wege. Die Präferenzen für den einen oder anderen Weg sind natürlich ideologisch und interessenpolitisch motiviert, aber letztlich hängt es an der Qualität des konkret vorgelegten Konzeptes. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz ist in diesem Zusammenhang eine euphemistische Kennzeichnung fragwürdigen Stückwerks und eben KEIN Konjunkturprogramm. Es handelt sich hierbei um "Klientelpolitik" (Handelsblatt), denn was es bringen soll, 1 Mrd. € der Hotellerie zuzuschanzen hat bislang noch niemand erklärt.
Ludischbo schrieb am 11.11.2009 um 14:47
Natürlich ist das Klientelpolitik. Aber es ist auch volkswirtschaftlicher Unsinn. Warum sollte ich als Unternehmer wegen Steuersenkungen mehr investieren. Ich investiere, wenn ich einen Markt sehe und mir auf diesem Markt eine Rentabilitätchance erhoffe. Ich glaube, die Protagonisten des freien Marktes verstehen die Marktwirtschaft nicht. Diese Steuersenkungen landen auf dem Sparbuch. Und das wissen auch die Unternehmen. Investieren aber die örtlichen Kommunen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz, erstelle ich als Unternehmer ein Angebot.

Zum Thema Glauben... Ich habe das mal einfach so gezeichnet, weil ich nicht weiß, ob die Zweifel der Kanzlerin ernst gemeint sind oder, das sie und ihre anderen Minister und Berater/Innen schlichtweg einfach keine Ahnung haben.
mephisto schrieb am 11.11.2009 um 15:21
schuldenfinanzierte Steuerentlastungen sind nicht grundsätzlich volkswirtschaftlicher Unsinn sondern haben systematische Nachteile, etwa weil davon gespart wird (Sparquote derzeit 11%) oder weil das Geld eher planlos verplempert wird. Aber grundsätzlich bringt eine schuldenfinanzierte Steuerentlastung erst einmal mehr Geld in Umlauf, stabilisiert oder steigert also die Nachfrage
Ludischbo schrieb am 11.11.2009 um 16:17
Richtig. Aber diese Art von Schuldenfinanzierte Steuerentlastung bringen nur äußerst kurzfristig mehr Geld im Umlauf. Dieses Geld wird auch schnell wieder entzogen (Sparen) und ist nicht nachhaltig. Und die, die das Geld sparen profitieren von den Zinsen, die der Staat (alle Bürger/Innen) für diese Schulden aufbringen muss.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.11.2009 um 13:17
"Wachstumsbeschleunigungsgesetz", hab versucht das 'mal ins Französische zu übersetzen und "irgentwie" so an: Loi sur l'accélération de la croissance d' économie.

Deutschland ist hoffnungslos von der Überzeugung getrieben eine Industrie-Nation zu sein. Für Kleinbetriebe gibt's kaum Verbesserungen und diese Westerwell'schen Zoten sind nix weiter als Schall & Rauch. Das hat zwar Methode, nur kann es doch nicht zu schwer sein zu erkennen das die Grenzen des Wachstums schon vor Jahren längst erreicht waren. Dazu braucht's keinen Glauben.
Ludischbo schrieb am 11.11.2009 um 14:54
...Richtig. Dass gerade die kleine Betriebe nicht mehr Aufträge bekommen habe ich ja bereits oben in meinem Kommentar erwähnt. Sie werden ruhig gestellt mit Steuersenkungen, die sie dann auf ihren Unternehmerlohn draufschlagen können. Beste Beispiel. Einfrierung der Lohnnebenkosten. Die Kleinunternehmer freuen sich, weil sie nicht an die steigenden Kosten beteiligt werden. Im Grund genommen sind das alles staatliche Unternehmerlohnzuschüsse. Aber eine verbesserte Auftragslage entsteht dadurch nicht. Und somit auch nicht mehr Investitionen. Im Gegenteil. Die deflationäre Entwicklung auf Binnenmärkte wird weiter beschleunigt.... Ein Trauerspiel!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.11.2009 um 18:06
Angela & Consorten müssen eben endlich einmal kpieren das die meisten Arbeitsplätze nicht von der Industrie, sondern von kleinen Firmen / Unternehmen geschaffen werden. Das macht wohl klar was die jetzige Regierung wirklich will, privatisierte Planwirtschaft.
I.D.A. Liszt schrieb am 11.11.2009 um 18:43
@ sachichma:

"Wachstumsbeschleunigungsgesetz" ist so ein Wort, an dem man fühlen kann, daß es eine Lüge darüber ist, was es gesetzlich zu regeln vorgibt.

Noch beim dicken Kohl damals haten wir ja auch ein "Zukunftsministerium". Das ist aber heute auch Vergangenheit!!!
Tröstlich, nicht? Schließlich wäre E n t s c h l e u n i g u n g ja gut. Also hat das Gesetz vielleicht doch sein Gutes. ;-)
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