LuGr

Zeitgemäße Kulturkritik

30.08.2011 | 19:24

Gladiatorinnen im Schlampen-Chic

 

Emanzipation auf Rollschuhen: Drew Barrymores Kinoregiedebüt um eine bisher wenig bekannte Sportart setzt auf Bewährtes plus einen Schuss Anarchie.

Roller Girl Whip It! Drew Barrymore Ellen Page PosterMan kann die diebische Freude, die sie dabei gehabt haben muss, förmlich spüren, mit der Drew Barrymore ihr unkonventionelles Kinoregiedebüt inszeniert hat. Nach all den unsäglichen RomComs der letzten Jahre beinahe schon abonniert auf das liebe, zutiefst heterosexuelle und niedliche Sweetheart von Nebenan, suhlt sie sich hier im Inbegriff des gegenwärtigen US-Independentfilms. Roller Girl ist ein warmherziges Coming-Of-Age-Movie, dessen Sujet in „rollschuhfahrenden Mannsweibern“ besteht, wie im Film einmal gesagt wird.

Natürlich verlässt sie dabei nie den etwas breiteren Wegesrand, den ihr das „unabhängige“ Studio Fox Searchlight vorgibt, schlägt nie mit nackten Tatsachen oder krassen Gewaltszenen über die Strenge. Und doch bestärkt sich bei Ansicht dieser – wie es zunächst scheint – Breitseite auf das in konservativen Mustern verlaufende Spießerleben zunehmend der Eindruck, gerade ein Stück unverhohlener Anarchie über die Leinwand flimmern zu sehen. Daran sind die bunten Haare von Drew Barrymores (die gleich noch eine Nebenrolle übernahm) und der Schlampen-Look, -Gestus und –Habitus von Zoë Bell und Kristen Wiig als Teamkameradinnen der zunächst süß-verschüchterten, später süß-abgeklärten Ellen Page (Juno) nicht ganz unschuldig.

Die Sportart, der diese ausgeflippte Schlampentruppe nachgeht, lässt James Caan bzw. Chris Klein neidvoll erblassen. „Roller Derby“ ist keine fiktive Blutorgie in der Zukunft, die als Stellvertreter für Kriege herhalten muss, sondern astreiner, brutaler Körperkontaktsport in der Gegenwart, der nebenbei auch noch zur Charakterbildung taugt. Dort findet sich eines Tages Mauerblümchen Bliss (Ellen Page) wieder, deren Mutter (Marcia Gay Harden) sie bis dahin gegen ihren Willen auf jeden Schönheitswettbewerb schleifte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gewinnt ihr Team, die „Hurl Scouts“, immer mehr an Klasse und steht schließlich im Finale um die „Roller Derby“-Meisterschaft. Doch eine Affäre mit dem schnuckeligen Musiker Oliver (Landon Pigg) und die Eltern des zunehmend selbstbewussten Teenies, die Wind von ihrem neuen Hobby bekommen, passen nicht so ganz reibungslos in die Pläne von Bliss.

Roller Girl hält dabei die üblichen Versatzstücke im Drehbuch bereit. Natürlich wird der Wert einer Freundschaft gegen die einer Liebschaft in die Waagschale geworfen, was die großartige Ellen Page ihre ganze schauspielerische Klasse offenbaren lässt, wenn sie in einem der bewegendsten und stillsten Momente heulend in der Küche zusammenbricht. Natürlich finden sich auch wahrhaft magische Momente, wie jener, wenn sich Bliss und Oliver zu Your Arms Around Me von Jens Lekman minutenlang unter Wasser küssen und lieben. Und natürlich wird die Familie wieder als verständnisvoller Hort der geordneten Bahnen gezeichnet, in denen sich das Leben von Bliss trotz ihres Intimkontakts mit der Halbwelt der Underground-Kultur immer noch bewegt.

Dass dann doch leider nur konventionelle Drehbuch von Romanvorlagenschreiberin Shauna Cross steht dabei all den emanzipatorischen Ansätzen – sowohl in der Inszenierung als auch in der liberalen Neu-Verhandlung der sexuellen Identität der Frauen – entgegen, lässt nur wenig Spielraum fernab der Faszination am Verbotenen, manchmal auch am Provokativen zu. Wenn der illegale Austragungsort der „Roller Derbys“ dann auch noch „Warehouse“ heißt und sich alle weiblichen Beteiligten in ihren martialischen Nicknames wie „Iron Maven“ oder „Bloody Holly“ an männlichen Vorbildern orientieren, ist vielleicht doch etwas dran an den „rollschuhfahrenden Mannsweibern“, die leider eine wirkliche Selbstfindung ihrer Geschlechterrolle ebenso wie die offenherzigen Teilnehmerinnen an SlutWalks noch vor sich haben. So bleibt die ebenso sympathische, wie vergnügliche Coming-of-Age-Tragikomödie leider nur eine unbedeutende Zustandsbeschreibung des gegenwärtig zwar ambitionierten, aber letztlich mutlosen US- Independentkinos. 

„Roller Girl“ - ab 01. September im Kino

 
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