LuGr

Zeitgemäße Kulturkritik

23.08.2011 | 12:51

Kannibalen im Sonnensturm

Die Postapokalypse bekommt dem deutschen Kinofilm nicht. Das auffällige Abkupfern von Hell bei den amerikanischen Genre-Vorbildern bestätigt das.

Hell Stipe Erceg Tim Fehlbaum Hannah Herzsprung"Zukunfts-Filme"  made in Germany haben ihren zweifelhaften Ruf nicht von ungefähr. Während Bullys Blödelhit (T)Raumschiff Surprise - Periode 1 (2004) trotz seines zweifelhaften Inhalts viel Geld in die Kinokassen spülte, entpuppte sich der ambitionierte Politthriller Die kommenden Tage (2010) mit knapp 60 000 Zuschauern als kommerzieller Rohrkrepierer. Und auch der Horrorthriller Hell wird kaum dazu beitragen, dass dieses Genre in der hiesigen Filmlandschaft häufiger bedient wird.

Im Jahre 2016 ist die Zivilisation an ihr Ende gelangt, Sonnenstürme haben dafür gesorgt, dass keine Pflanzen und Tiere mehr leben. Tagsüber wird der Gang ins Freie aufgrund brennender Sonnenstrahlen bei mangelndem Schutz lebensbedrohlich. In dieser Szenerie fährt ein zusammengewürfeltes Trio durch kahle Wälder auf der Suche nach einem letzten Hort der natürlichen Lebendigkeit. Doch der aufbrausende Philipp (Lars Eidinger), die wehrhafte Marie (Hannah Herzsprung) und deren abgebrühte kleine Schwester Leonie (Lisa Vicari) geraten schließlich an eine bäuerliche Kannibalenbande, die alles daran setzt, den Hof durch die Zeugung von ausreichend Nachwuchs zumindest stammeshalterisch zu erhalten.

In den Wendungen und Drehbuchentwicklungen hält sich Hell - ein Filmtitel, den der Anglist durch seine Doppeldeutigkeit diebisch beklatschen wird - auffallend eng an seine großen Vorbilder. Das untergegangene Konsumparadies bei einem Zwischenstopp an einer Tankstelle, wo neben der Süddeutschen Zeitung auch ein Mr. Tom-Riegel oder eine evian-Flasche als auffallendes Product Placement ins Auge stechen, erinnert ebenso wie die Fortpflanzungs-Enklave eines Bauernhofs an 28 Days later (2002). Das Setting einer zerstörten, leblosen Welt und die marodierenden Kannibalen, die ihre "Nahrung" zusammentreiben und einpferchen, wurde beinahe 1:1 von The Road (2010) übernommen. Einzig eine durchgehaltene High Key-Beleuchtung und hochgefahrene Kontraste als visuelle SFX sind tatsächlich originell - in der atmosphärischen Wirkung ihrer Optik wie in ihrer Preisgünstigkeit.

Das Drehbuch hat ebenso mit Vorhersehbarkeiten wie mit Logik zu kämpfen und nervt insbesondere gegen Ende mit den obligatorischen religiösen Phrasen und Anspielungen. Darin gelingt es dem prominenten Cast um Hannah Herzsprung (Der Vorleser), Stipe Erceg (Der Baader Meinhof-Komplex) und Angela Winkler (Die Blechtrommel) kaum, abseits vom Abspulen eines Standardrepertoires zu schauspielern. Fans der filmischen Postapokalypse werden sich nach Ansicht vom ideenlosen Horrorthriller Hell jedenfalls fragen, warum sie nicht für ein ermüdendes Double-Feature von Russell Mulcahys Resident Evil: Extinction (2007) und Kevin Costners Postman (1997) daheim geblieben sind - und das ist wahrlich bedenklich.

Ab 22. September 2011 im Kino.

 
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