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Am 10. November startet deutschlandweit der Verschwörungsthriller Anonymus in den Kinos. Doch nicht nur Roland Emmerich bricht in seinem für ihn zumindest thematisch unkonventionellen Film eine Lanze für die streitbare Theorie einiger Literaturwissenschaftler. Den "Anti-Stratfordianern" zufolge kann Shakespeare nicht der Verfasser von "Hamlet" und Co. sein. Sie zweifeln die Autorenschaft des ungebildeten Händlersohns an, da der einfache Schauspieler Shakespeare fernab eines Besuchs von höheren Schulen in Oxford oder Cambridge nie Kenntnis von höfischen Sitten, römischer Literatur und juristischen Begriffen erlangt haben könne. Viel wahrscheinlicher sei es, dass ein Philosoph wie Francis Bacon oder ein Vertreter des Hochadels wie Edward de Vere, seinen Namen als Autor nicht preisgeben wollend, sich für die Theaterstücke verantwortlich zeichnet.
Der Charakter von Anonymus muss folglich spekulativ bleiben. Emmerich war clever genug, um nicht mit den tumben und unumstößlichen Verschwörungsüberzeugungen eines Dan Brown um sich zu werfen, präsentiert seine Sicht als Zweifel an der bisher so stimmigen Geschichte, als eine mögliche Interpretation. Dies ist sowohl Stärke des Films als auch Anlass zu Bedenken bei - altmodisch gesprochen - fragwürdigen Schriftstücken zu Vermarktungszwecken der vergleichsweise preisgünstigen 30 Mio. Dollar-Produktion.
In deutschen Kinos liegen kleine "Specials" der Zeitschrift Welt der Wunder im A6-Format aus, in welchem in einem reißerischen Layout gleich fünf potenzielle Shakespeares präsentiert werden. Natürlich wurde dabei der Hinweis auf die aktuelle Ausgabe und den anlaufen Kinofilm nicht vergessen. Und das Netzwerk für Film- und Medienkompetenz, die Vision Kino gGmbH, hat gleich ein Filmheft mit DVD herausgebracht inklusive "Filmausschnitte und Materialien für die schulische und außerschulische Bildung".
Neben einigen Hinweisen auf den Einbau des Films in Deutsch, Englisch, Geschichte und - natürlich - Medienkunde, die von der Analyse der Handlungs- und Zeitstruktur des Films bis hin zu einem "Organigramm des elisabethanischen Zeitalters" reichen, findet sich auch ein Interview mit Emmerich. Die Grenzen zwischen vorgegebenen Aufgaben/Fragen für den Unterricht (häufig eher argumentativ ausgelegt) und versteckter PR sind dabei durchaus fließend. Abgesehen von der mangelnden Tiefe, was detaillierte Angaben zu Cast & Crew sowie Interviews und Produktionsnotizen angeht, kann der Leser kaum den Unterschied einem Presseheft von Sony Pictures erkennen.
Es ist sowohl bedenklich als auch clever, wenn solche Materialien in Umlauf gebracht werden. Bedenklich, weil unter dem scheinbar unantastbaren Deckmantel von Wissen und Bildung die das Marketing prägende These eines Films, wie sie vom Plakat herunterschreit, sich in den Köpfen von Kindern und Wissenschaftsinteressierten festsetzt. Clever, weil windige PR-Experten das Potenzial dieser Thematik für ihre Zwecke, die Werbung, erkannt haben. Und so steht die DVD-Premiere Wrecked mit Adrien Brody schon in den Startlöchern, der in Pressemitteilungen aufgrund seiner Thematik mit Survivaltipps in der Wildnis beworben wird. Für sich genommen interessant und von hohem Nutzwert, aber auch bedenklich, dass es auf diesem Wege näher gebracht wird.
Anonymus, GB/D 2011, 130 Min.
Kinostart: 10. November 2011
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, David Thewlis, Edward Hogg u.a.
Wrecked - Ohne jede Erinnerung, USA/Kanada 2010, 89 Min.
Verleihstart: 28. Oktober 2011; Verkaufsstart: 18. Novermber 2011
Regie: Michael Greenspan
Darsteller: Adrien Brody, Caroline Dhavernas, Ryan Robbins u.a.
Meine detailierte Filmkritik zu Anonymus: www.negativ-film.de/2011/10/anonymus.html
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Die These, dass S. nicht der Literat sein könne, ist ja schon vor Jahrzehnten vorgetragen und heiß diskutiert worden. Wenn ein guter Film daraus geworden ist, kann man es natürlich zu Recht aufgreifen. Auch mit "Amadeus" ist eine These verfilmt worden, der Film war ja außerordentlich sehenswert, viele sind mehrfach hingegangen und auch Mozart hat sich "da oben" bestimmt sehr gefreut.
Eine für mich immer noch sehr zutreffende Antithese ergibt sich aus der irrigen Verwendung geographischer Begriffe bei Shakespeare. Böhmen, der Ardenner Wald usw. in seinen Stücken, die haben ja nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Die etwaigen hochadligen Schreiber hinter S. verbanden damit aber etwas sehr exaktes, schließlich hatten sie ja durch ihre gentleman tour ein genaues Wissen erworben. Geographie war ein wichtiger Bestandteil ihrer Ausbildung, vielmehr als heute. Irgendwie denke ich, dass sich auch Bildungsdünkel hinter dem Ganzen verbirgt: Ein Mann aus dem Volke, der mehr kann als der durch den Bildungstrichter gejagte, das darf nicht sein. Wie war es denn mit Moliere? Ich werde aber hingehen, schon allein wegen Vanessa Redgrave, ich stand 1968 zufällig neben ihr auf dem Grosvenor Square / Demonstration gegen den Vietnamkrieg. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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