lukasheinser

Blog von lukasheinser

04.03.2009 | 14:29

"Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation!"

Als gestern das Historische Stadtarchiv in Köln einstürzte, war das eigentlich ein typischer Fall für den Microblogging- und Nachrichtendienst twitter. Und in der Tat gab es in den Stunden nach dem Einsturz Hunderte von Tweets zu dem Thema - nur anders als bei vergleichbaren Katastrophen im Ausland bestanden sie kaum aus Augenzeugenberichten. Ein Flugzeug im Hudson River lässt sich halt besser beobachten und fotografieren als ein Trümmerberg in einer von der Polizei abgeriegelten Straße. Dass es in den ersten zwei Stunden exakt ein Foto von der Unglücksstelle gab, kann man als Scheitern der Informationsgesellschaft sehen, oder als Beweis für die Gründlichkeit deutscher Sicherheitsbehörden.

So wurde getwittert, was anderswo berichtet wurde - und das war wenig. Zwar konnte das WDR Fernsehen knapp 65 Minuten nach Eingang des Notrufs einen Reporter ins laufende Programm schalten, aber auch für den galt: Ein Bauzaun und etwas Flatterband sind ein nicht ganz so starkes Motiv wie ein qualmender Turm in der New Yorker Skyline.

Während N24 wieder eine seiner Reportagen über Wehrmachts-Windräder in Dosen zeigte, bemühten sich die Kollegen von n-tv, die immerhin auch in Köln sitzen (aber in Sachen Personal und Technik nicht ganz mit dem WDR konkurrieren können), wenigstens ein bisschen Breakings-News-Atmosphäre zu verbreiten. Da einstürzende Häuser die unschönen Angewohnheiten haben, erstens länger rumzuliegen und zweitens den Grund ihres Dahinscheidens eher selten in vorgefertigten Presseerklärungen kundzutun, gab es allerdings nicht sonderlich viele News, die man am frühen Nachmittag verbreiten konnte.

So wurde das News Roundup, "eine erste Zusammenfassung der bisherigen Fakten für Sie", im Abstand von zehn Minuten immer wieder abgespielt, während der Moderator im Studio von telefonisch zugeschalten Reportern und Polizeipressesprechern immer neue Informationen zu erlangen suchte: "Können Sie bestätigen, dass nach Personen gesucht wird? AUCH MIT SUCHHUNDEN nach Personen gesucht wird?"

"Fragen Sie das bitte die Feuerwehr", antwortete der Pressesprecher der Polizei. Und verriet dann, dass "alles, was Räder hat" im Einsatz sei. Falls Sie also immer schon mal eine Kölner Bank überfallen wollten: Gestern wäre die Gelegenheit dazu gewesen.

Der Tonfall des Moderators in den Schalten wurde immer verzweifelter: "Haben SIE inzwischen etwas zu möglichen Opferzahlen erfahren können?" bettelte er seinen Reporter an. Dabei hätte er nur bei Bild.de nachsehen müssen - um das Stille-Post-Spiel fortzusetzen:

Caritas-Mitarbeiter und Anwohner Alfred Hoovestädt hat sein Büro in unmittelbarer Nähe. Er sagte zunächst zum TV-Sender „n-tv“: „Ich habe von Rettungskräften gehört, man vermutet bis zu 30 Tote.“

Die "bis zu 30 Toten" machten schnell die Runde, auch wenn schon kurze Zeit später wieder von den Zahlen die Rede war, die andere Medien den ganzen Nachmittag über nannten: zwei Vermisste.

Wieder einmal rächte sich die 24/7 news coverage: Nichts genaues wusste niemand und genau das galt es, den Zuschauern, Hörern und Lesern alle zwei Minuten mitzuteilen. Hätte man für jede Verwendung des Verbs "spekulieren" in der zweiten WDR-Sondersendung einen Schnaps heruntergestürzt, man wäre um 16:30 Uhr sturzbetrunken gewesen.

Klar: Auch ich habe ja, nachdem ich von dem Einsturz gehört hatte, als erstes den Fernseher eingeschaltet - und habe dann beim verzweifelten Zappen festgestellt, dass Arte am hellichten Tag die großartige Science-Fiction-Komödie "Mars Attacks!" zeigte. Diese erschien mir ungefähr genauso informativ wie das oben beschriebene Nachrichtenprogramm, aber viel unterhaltsamer.

Der 11. September 2001 ist auch in die Mediengeschichte eingegangen, weil ein großer Teil der Ereignisse live und on air stattfand. Es war die Extremversion der berühmten Radio-Reportage von der Explosion der "Hindenburg", bei der der Reporter ebenfalls live berichtet hatte, wie sich eine Katastrophe ereignete (er hatte es auf eine Wachsplatte gesprochen und nicht live on air, aber das Prinzip ist klar).

Ellenlange Sondersendungen, nachdem etwas passiert ist, sind aber nur dann sinnvoll, wenn es etwas zu berichten gibt - und nicht, wenn ein Reporter in die Kamera erzählt, dass es im Moment leider gar nichts zu sagen gäbe.
 
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Kommentare
SusanneReindke schrieb am 04.03.2009 um 16:46
Ziemlich interessant fand ich, dass sich ein Anwohner, der direkt neben der Unglücksstelle wohnt, einen neuen Twitter-Account angelegt hat, und dort auch lauter Bilder von seinem Balkon postet:
http://twitter.com/SamZidat
Dieses Bewußtsein, dass Twitter anscheinend das Medium ist, um während solcher Ereignisse live davon zu berichten, scheint seit dem Hudson-Unglück sozusagen "gelernt" zu sein.
freiwild schrieb am 04.03.2009 um 17:30
Am besten waren wohl diejenigen informiert, die gestern abend auf die ganze Breaking-News-Soße verzichtet haben, und heute morgen stattdessen zur Zeitung griffen. Weg glaubt, News 24/7 sei die höchste Stufe der Information, hängt einer Chimäre an. Information braucht Recherche, und Recherche braucht Zeit.

Deshalb kann ich den Reflex, big news --> Glotze an, nur bedingt nachvollziehen. Wenn es etwas berichtenswertes gibt, so schadet es nicht, wenn man es erst nach ein paar Stunden, dafür aber thematisch kontextiert erfährt. Der Mehrwert der Nachrichtensender aber, nämlich Reportern beim vielsagenden Auch-keine-Ahnung-haben zuzuschauen, ist vernachlässigbar.
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