lukasheinser

Blog von lukasheinser

04.02.2009 | 10:51

Aus dem Gleis geraten

PR-Direktor bei der Deutschen Bahn ist auch kein Job, den man dieser Tage gerne hätte. Zwar konnten Streiks der Gewerkschaften Transnet und GDBA abgewendet werden, aber die hätten in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht wenigstens die Bespitzelungsaffäre und das peinliche Rumgeeier des Bahnvorstands überdeckt.

Vergangene Woche berichteten mehrere Medien über ein internes Bahn-Protokoll zur Abhöraktion gegen die eigenen Mitarbeiter. Markus Beckedahl von netzpolitik.org, dem das Dokument auch vorlag, stellte es einfach zum Download bereit.

Das interessierte so richtig niemanden - außer die Rechtsabteilung der Deutschen Bahn, die Beckedahl gestern eine Abmahnung zukommen ließ. Das war so ungefähr das dämlichste, was dem Konzern passieren konnte, denn innerhalb weniger Stunden hatten nicht nur zahlreiche Blogs darüber geschrieben, auch Mainstream-Medien im In- und Ausland griffen das Thema erstaunlich schnell auf.

Der Versuch, das Memo unauffällig aus dem Internet verschwinden zu lassen, hatte ein Hundertfaches der Aufmerksamkeit des Memos selbst erzeugt - und die Deutsche Bahn stand in der Nummer unweigerlich als Buhmann da, wie Robin Meyer-Lucht es formuliert:

Netzpolitik vs. Deutsche Bahn passt dramatisch gut in das David vs. Goliath-Schema. Die Öffentlichkeit und Journalisten lieben dieses Schema. Die Bahn wird mit ihrer Sicht der Dinge gar nicht mehr durchdringen.

Man spricht in diesem Fall gerne vom "Streisand-Effekt", benannt nach Barbra Streisand, die einen Fotografen verklagt hatte, dem beim Fotografieren der kalifornischen Küste auch das Haus der Schauspielerin vor die Linse geraten war. Bis zu ihrer Klage war das niemandem aufgefallen, danach war das Foto auf Internetseiten und in Zeitungen zu sehen.

Juristisch gesteuerte PR ging früher schon oft genug schief, in Zeiten von Blogs kann man mit ihr nur noch scheitern. Aber offenbar will sich jeder Politiker, jeder Funktionär und jeder Konzern erstmal selbst eine blutige Nase holen, ehe sich diese Erkenntnis durchsetzt.
 
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Kommentare
Tessa schrieb am 04.02.2009 um 12:29
Die "Zehn Gründe, warum die Bahn diesen publizistischen Konflikt verlieren muss von Robin Meyer-Lucht sind fantastisch auf den Punkt gebracht. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Beispiel endgültig statuiert, dass Blogger als legitimer Teil der öffentlichen Meinung nicht nur Abmahnungen zum Schweigen gebracht werden können. Diese zehn Gründe reichen der Bahn hoffentlich, um sich nicht weiter zu blamieren. Vielleicht legen sie aber auch Meyer-Luchts Papier ihrer PR-Stütze vor ("Pleon, fischerAppelt übernehmen Sie.). So können sie wenigstens die Agentur vorwurfsvoll anschauen, wenn das PR-Desaster weitere Kreise zieht.
Tessa schrieb am 04.02.2009 um 14:29
Sogar von Seiten der (grünen) Politik gibt es jetzt Unterstützung für Markus Beckedahl: Toni Hofreiter stellt das Dokument ebenfalls als Download bereit, Volker Beck hat eine mündliche Anfrage an die Bundesregierung gestellt.
obskuro schrieb am 05.02.2009 um 14:50
Im Umkehrschluss:
Wenn jetzt schon jeder den Streisand-Effekt kennen würde und abschätzen könnte, dann wäre die blogger-Öffentlichkeit wohl bisher auch lange nicht so effektiv als Kontrollinstanz.
Guido schrieb am 07.02.2009 um 02:14
"PR-Direktor bei der Deutschen Bahn ist auch kein Job, den man dieser Tage gerne hätte."? Nein, das ist ein Job, den ich seit vielen Jahren nicht gerne hätte. Die PR-Strategie der Bahn und ihres Vorstandschefs lautet seit Jahr und Tag: "Die anderen sind schuld! Die anderen sind schuld! Die anderen sind schuld!" Eine Aussage wie die des sich gerade in sein Amt einfindenden US-Präsidenten Obama "I screwed up" wird man bei der Bahn wohl erst höhren, wenn ein neuer Vostandschef ins Amt kommt. Wann immer das auch sein mag.
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