lukasheinser

Blog von lukasheinser

11.03.2009 | 16:39

Der blutige Weg in die Unsterblichkeit

Während ich diese Zeilen tippe, stehen irgendwo in Süddeutschland Polizisten vor Haustüren und üben Sätze, die beginnen mit "Wir müssen Ihnen leider mitteilen ...". Gerichtsmediziner besehen sich Einschusslöcher an toten Körpern und ein Elternpaar wird von der Kriminalpolizei verhört. Viele Menschen machen sich Sorgen, einige Vorwürfe und über all das könnte ich bestens - oder wenigstens höchst spekulativ - informiert sein, wenn ich nicht vorhin alle Nachrichtenkanäle gekappt hätte.

Auf das, was die Boulevardpresse "Tragödie" nennt, reagiere ich entweder mit dokumentarischer Obsession (dann verbringe ich Stunden vor dem Fernseher) oder mit für mich selbst merkwürdig anmutender Gleichgültigkeit. Heute will ich nichts wissen. Der Fernseher ging aus, als ein Reporter auf n-tv salbaderte, der Nachbar des Amokläufers habe ihm gesagt, der Täter habe oft "Ballerspiele". twitter hatte ich da schon lange abgestellt. Das ist zum einen meiner sehr kindlichen Einstellung geschuldet, wonach Dinge, von denen ich nichts mitbekomme, nie passiert sind; zum anderen weiß ich, dass der mediale Overkill mich wahnsinnig und wütend zurückließe.

Ich kann also nur mutmaßen, dass "Bild" gerade das MySpace-Profil des Täters entdeckt hat; dass irgendein CDU-Politiker gerade wieder ein Verbot von irgendetwas, was er nicht versteht, fordert und dass in irgendeiner Redaktion gerade Bilder von weinenden Jugendlichen, Kerzen und Blumen mit der Musik von Moby oder Enya unterlegt werden. Den Menschen, die das mutmaßlich gerade tun, kann ich nur raten, sich einen ordentlichen Job zu suchen. Die Städte sind voll von Müll und meine Schuhe müssten dringend geputzt werden.

Vor allem frage ich mich aber, ob wir irgendetwas über den Täter wissen müssen. Amokläufe sind - auch das könnte ich sicher wieder überall nachlesen - zumeist die Taten von Menschen, die an ihrer Umwelt gescheitert sind. Das (wahllose) Töten von Menschen ist die letzte und einzige Dominanzgeste, zu der sie fähig sind. Und genau diese Dominanzgeste, die Selbsterhebung zum Richter über Leben und Tod, wird von den Medien ins Unermessliche überhöht und für die Ewigkeit festgehalten.

Ohne nachzusehen könnte ich Ihnen die berühmtesten Schul-Amokläufer der letzten zehn Jahre nennen: Dylan Klebold, Eric Harris, Robert Steinhäuser. Gemeinsam haben sie (das musste ich jetzt doch nachgucken) 28 Menschen und sich selbst getötet, aber auch nach langem Grübeln wäre mir kein einziger Name auch nur eines Opfers eingefallen.

Dass wir Namen wie Mark Chapman (erschoss John Lennon), Sirhan Sirhan (erschoss Robert F. Kennedy) und John Wilkes Booth (erschoss Abraham Lincoln) kennen, ist bei Licht besehen schon merkwürdig genug. Ihre einzige "Leistung" bestand daraus, einen berühmten Menschen aus dem Leben zu schießen. Amokläufer treiben dieses Phänomen auf die Spitze, denn ihr Bekanntheitsgrad richtet sich nicht zuletzt nach der Zahl ihrer Opfer. (Von Bastian B., der vor zweieinhalb Jahren an einer Schule in Emsdetten Amok lief, dabei aber nur sich selbst tötete, habe ich beispielsweise nie den Nachnamen gelesen.)

Die Täter bleiben im Gedächtnis, sie werden gerne mal - so grausam ist die Welt - zu Popkultur-Ikonen. Wir wissen fast alles über sie, aber das hilft uns weder zu verstehen, noch kann es verhindern, dass weitere Schüler-Gehirne auf overload umstellen (ein Bild, das dem Boomtown-Rats-Song "I Don't Like Mondays" entstammt, der - natürlich - von einem Schulmassaker handelt). Vermutlich wüsste niemand mehr den Namen von Silke Bischoff, die beim Geiseldrama von Gladbeck ums Leben kam, wenn sich nicht eine Band nach ihr benannt hätte. Die Täter? Klar: Rösner und Degowski.

Der kleine, ausgestoßene Teenager, der von der Gesellschaft ignoriert wird (und vermutlich Marilyn Manson hört und "Counterstrike" spielt), sieht die Fotos von Harris, Klebold, Steinhäuser und whateverhisnamemaybe auf den Zeitungen und nach jedem weiteren Amoklauf im Fernsehen. Wenn genug äußere Umstände und frei zugängliche Waffen zusammenkommen, könnte es die Aussicht auf genau diese posthume Hall of Fame der durchgedrehten Schüler sein, die ihn letztlich zur Tat schreiten lässt.

Soll das heißen, die Medien sollten sich selbst zensieren? Vielleicht.

Soll das heißen, die Medien sollten mal ein bis zwei Gänge runterschalten? Auf jeden Fall!
 
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Kommentare
marcelemmerich schrieb am 11.03.2009 um 19:55
Doch in diesem Fall ist es etwas anders. Der Junge besaß eine gefestigte Ausbildung, war erfolgreicher Tischtennisspieler, kein Außenseiter. Vielleicht wäre es besser in diesem Fall nicht nur zu mutmaßen, sondern sich einfach mal zu informieren.
lukasheinser schrieb am 12.03.2009 um 00:29
Er hatte offenbar auch kein MySpace-Profil: http://www.bildblog.de/6390/tim-k-bei-amokvz-nicht-registriert/

Aber ändert das irgendwas, außer an den Erklärungsversuchen?

Ich kann verstehen, dass man nach Erklärungen für Dinge sucht, die eigentlich unvorstellbar sind. Das mag bei Häusern, die plötzlich im Erdboden versinken, auch noch funktionieren, weil es sowas wie Physik, Statik und Naturgesetze gibt. Aber ein Mensch, der ausrastet und andere tötet? Da ist es hinterher relativ egal, wie seine Kindheit war, was für Filme er gesehen und welche Schokoriegel er vielleicht gegessen hat.
m 1 schrieb am 12.03.2009 um 12:16
Ich finde den Ansatz der Mutmaßung für diesen Blogeintrag gut. Alles ausschalten und sich vorzustellen was jetzt passieren wird. Das war übrigens ein durchaus stabiler mitlaufender, wenn auch eher kleiner, Strang beim Microblogging zu dem Amoklauf.

Auch die Forderung die medialen Hinterherhechler auszubremsen ist wichtig.

PS: Aua. Böse, sehr böse auf den Punkt von Ahoi Polloi: "@londonleben: Ganz. Gross. http://ahoipolloi.blogger.de/stories/1357209/" #comic (via identi.ca/notice/2733869)
merdeister schrieb am 12.03.2009 um 14:29
Der beste Eintrag, den ich bisher zu dem Thema gelesen habe (ohne Anpruch auf Allgemeingültigkeit).
kukidenta schrieb am 12.03.2009 um 21:06
Dem stimme ich zu. Dabei frage ich mich. Können Medien Amok laufen?
asdrubael schrieb am 12.03.2009 um 17:30
"Soll das heißen, die Medien sollten mal ein bis zwei Gänge runterschalten? Auf jeden Fall!"
Amen. Ich habe mich dem medialen Wahnsinn gestern auch verwehrt und mich nur in aller Kürze informiert was konkret passiert ist. Mehr relevantes gab es nicht zu berichten und um nachdenklich zu werden muss man mir keine weinenden Angehörigen vor die Kamera zerren.

Das man diesen (Selbst)mördern derart viele mediale Aufmerksamkeit zukommen lässt ist mir ebenso unverständlich, als ob man nicht wüsste das sowas Trittbrettfahrer und Nachahmungstäter auf den Plan rufen kann. "Ein, zwei Gänge weniger" würden vielleicht mehr bringen als die dollsten Ballerspiel/Waffen Verbote.
Andererseits schrieb am 15.03.2009 um 02:18
Da muss ich leider widersprechen.

Dass die Opfer nicht namentlich bekannt werden, ist gut so. Denn würden deren Namen genannt werden, dann wären sie doppelt Opfer. Jeder kennt die "Reporter", der "BILD" Zeitung, die deren Eltern dann wochenlang belagern würden. Als Mutter oder Vater hat man genug zu leiden, wenn man sein eigenes Kind begraben muss, aber es ist mehr als nur eine Zumutung, dann auch noch ständig von sensationslüsternen Reportern verfolgt zu werden. Darüberhinaus gebietet es der Datenschutz, dass die Namen nicht genannt werden. Und so wenig Interesse es heutzutage noch am Thema Datenschutz zu geben scheint, zumindest in Fällen wie diesem scheint sich die Mehrheit wohl daran zu halten. Gott sei Dank.

Und dass sich die Medien selbst zensieren sollten, ist insofern nicht ganz korrekt, da sie es längst tun. Allerdings nur bei bestimmten Themen (also nicht bei solchen wie diesem hier).

Und dass Amokläufer "ausgestossene Teenager" seien, die vom Counterstrikespielen zum Killer werden, ist ein Märchen. Ja, es wird oft so dargestellt. Aber eine Sache wird nicht zur Wahrheit, nur weil man sie immer wieder wiederholt.

Und ich glaube auch nicht, dass die Aussicht, nach dem eigenen Tode in die Annalen der Geschichte einzugehen, das Motiv eines Jugendlichen unseres Zeitalters und unseres Kulturkreises sein soll. Vielleicht mag das auf durchgeknallte Islamisten in Pakistan zutreffen - aber auf Kinder gebildeter Eltern in Deutschland? Nicht wirklich.
lukasheinser schrieb am 15.03.2009 um 10:32
Ich fürchte, Sie haben mich missverstanden. Mir ging es um die posthume Prominenz des Täters, die ich für unnötig und gefährlich halte. Daraus folgt nicht, dass ich mir stattdessen wünsche, dass die Opfer ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, so wie es "Bild am Sonntag" heute tut.

Auch die Klammer mit Marilyn Manson und Counterstrike kam offenbar falsch an: Es gibt sicher viele komplizierte Gründe, die einen Menschen zum Amokläufer werden lassen, aber sobald herauskommt, dass der Täter Computer gespielt (und/oder bestimmte Musik gehört) hat, ist dieses (in der Altersgruppe weit verbreitete) Medienverhalten für die meisten Medien Begründung genug.

Ihren letzten Absatz verstehe ich wiederum nicht. Glauben Sie ernsthaft, dass "Kinder gebildeter Eltern in Deutschland" nicht irrational agieren würden? Wie kommen Sie zu dieser Annahme?
Joachim Petrick schrieb am 16.03.2009 um 16:52
Hallo! Lukasheinser,

hier fließt zusammen, was, wie Wasser und Öl, nicht zusammen gehört.
Das Ergebnis ist medial verheerende Umweltverschmutzung an den Küsten, Stränden der Meinungskontinente unserer Einen Welt.

Während Amokläufer/innen, Selbstmordattentäter/innen sich per „Urknall“ noch einmal selber eigenhändig „Mutterlos, Vaterlos“ zu einer ersehnten, wie abwesenden Welt- Wasser- Wirklichkeit des Lebens, Glaubens, Denkens, Fühlens, Strebens bringen wollen, um in dieser, kometenhaft, todbringende Energie versprühend, als ein Lichtblitz, gleich einer Lichtjahre fern explodierenden Galaxis am Firmament, auf- und unterzugehen?,
gefällt sich unsere Medienwelt mit ihren herbeigeflogenen, herangekarrten Truppen von Gerüchte- , Meinungssoldaten/innen vor Ort, wie ein tonnenschwer giftend geölter Blitz, quotensicher, auflagenfördernd in wilder wie billiger Öl-Alarm- Zuruf- , statt in fundiert kostenaufwendiger Wasser- Recherche „Lebens- Salzgehalt“ Analyse.

Durch die Medien Bank nehmen Sendungen „hart aber fair“, „Maybrit Illner“, „busch-ntv“, „Anne Will“ „Alarm“Alarm! vorab angekündigte Themen wie fliegende „Standby- Händler/innen“ vom Sender, um monoton, wie einfallsarm lahm trommelnd, ohne Vorab- Themen- Rückgrat, in den Gleichklang eskalierend vagabundierender Alarm- Stimmungen einzustimmen!?
Arme Redaktionen samt rekrutierten Medien- Soldaten/innen, die da „Mikrophon, Kamera, Worthülsen bei Fuss“ unter ihren journalistischen Möglichkeiten per rasendem „Stand By“ Gehorsam nacheilend ihr Können recherchefern auf armmachender „Honorar- Basis“ fristen!?
tschüss
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