lukasheinser

Blog von lukasheinser

06.02.2009 | 16:11

Der Geschichte-Erzähler

Manche Sachen vergisst man nie: Urlaubsreisen, die man als Kind mit den Eltern unternommen hat, den ersten Kuss oder wo man war, als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen. Es gibt sicher tausende Schnittpunkte von Weltgeschichte und persönlicher Erfahrung, aber 9/11, wie man es heute nennt, ist vielleicht der eindrücklichste.

Wenn man die ebenso naheliegende wie gute Idee hatte, für eine Sendereihe Menschen zu porträtieren, die irgendwie Teil einer großen Geschichte waren, aber bisher nicht im Fokus der Öffentlichkeit standen, ist es also nur logisch, diese auch mit dem 11. September beginnen zu lassen. Christian Dassel hatte diese Idee, seine Sendereihe heißt "Wo warst Du, als ... ?" und ihre erste Folge (von zunächst dreien) wird am Sonntag, 8. Februar um 23:35 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Dassel ist der richtige Mann für diesen Job. Die Reportagen, die er für den WDR dreht, sind Kleinode im deutschen Fernsehen. In seinen "Haltestellen-Reportagen" für die "Aktuelle Stunde" porträtiert er ganz normale Menschen, die irgendwelche ausgefallenen Hobbies oder Interessen haben, und er tut das auf so eine ruhige, kluge Art, wie man sie sonst selten erlebt. Er nimmt seine Gesprächspartner ernst, aber nicht zu ernst, und liefert damit den Gegenentwurf zur sonst üblichen Doku-Praxis (bei Privaten wie Öffentlich-Rechtlichen), die nur Hinab- und Hinaufblicken kennt. Kurzum: Christian Dassels Filme sind ein Grund, warum ich meine Rundfunkgebühren nicht für völlig verschwendet halte.

Leider ist "Wo warst Du, als ... ?" nicht ganz so geworden, wie man es angesichts Dassels sonstiger Verdienste hätte erwarten können: Durch ein bemüht "modernes" On-Screen-Design (das aussieht, als sei es bereits zehn Jahre alt), harsche Schnitte und ein unfassbar nerviges Sounddesign geht viel von der Lakonie verloren, die seine anderen Arbeiten auszeichnen.

Gerade die erste Folge über den 11. September unterscheidet sich auf den ersten Blick fast nur durch den Sendetermin im Februar von den hunderttausend anderen 9/11-Reportagen. Man sieht die zig-fach gesehenen (und bis heute nicht begreifbaren) TV-Bilder aus Lower Manhattan, während sich eine Off-Sprecherin in einem dramatischen Duktus übt, wie man ihn spätestens seit den Parodien bei "Switch reloaded" nicht mehr ernst nehmen kann.

Der Zuschauer lernt Susan Borchert kennen, deren Mann Klaus im World Trade Center gearbeitet hat, und die über die Stunden vor dem heimischen Fernseher sagt: "Ich habe gewusst, was passieren könnte, aber ich wollte es nicht wissen." Erst nach elf Minuten erfährt man, dass Klaus damals überlebte. Ein Kunstgriff, der für einen Moment eine erstaunliche Wirkung entfaltet, dann aber nur noch schal und billig wirkt.

Klaus Borchert erklärt, dass er seitdem sehr viel intensiver mit seiner Familie lebt und ungern geschäftlich unterwegs ist, und Susan fasst ihre Gefühle nach dem ersten Lebenszeichen ihres Mannes so zusammen: "Ich konnte nicht wirklich glücklich sein, weil diese schlimme Sache passiert ist und es war ..." Ihr fehlen die Worte, aber dann kommt schon wieder ein Break und es geht woanders weiter, mit jemand anderem.

Die Geschichte der Borcherts, die von Lars Fiechtner, dessen Schwester Ingeborg vier Wochen nach den Anschlägen an den folgen ihrer Verletzungen starb, oder von Rainer Groß, der durch den Börsencrash nach den Anschlägen sein Vermögen verlor und sich daraufhin entschloss, einen Kaufhauskonzern zu erpressen -- sie alle sind spannend, gleichermaßen außergewöhnlich wie alltäglich, und es gibt durchaus genug Raum, sie nebeneinander in einer halben Stunde zu erzählen. Nur wie sie hier erzählt werden, ist eben mitunter sehr enervierend.

Auch Prominente kommen kurz zu Wort: Ulrich Wickert, der wenige Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs live auf Sendung ging, sagt dass er es hasse, wenn Katastrophen live gesendet würden. Und als sich Rudi Assauer, damals Manager des FC Schalke 04, der am 11. September 2001 in der Champions League spielen musste, sich an die gespenstische Atmosphäre während des Spiels erinnert, bekommt dieser sonst so abgeklärt wirkende Geschäftsmann etwas sehr menschliches. Dann kommt wieder ein komisches Bratz-Geräusch, das irgendwie Dramatik und Rasanz ausdrücken soll, und der Moment ist schon wieder kaputt.

In der zweiten Folge, die weniger reißerisch und daher deutlich besser ist, geht es um den Fall der Berliner Mauer (eine der ersten Fernseh-Erinnerungen, die ich habe). Dassel porträtiert einen Mann, der damals wegen Vorbereitung zur Republikflucht im DDR-Gefängnis saß; eine Frau, die ihre Tochter am 10. November 1989 auf einem Berliner Gehweg zur Welt brachte, und einen Oberstleutnant der Staatssicherheit, der damals am Grenzübergang Bornholmer Straße Wache schob.

Er gibt heute ganz offen zu, 28 Jahre seines Lebens einem Unrechtsstaat gedient zu haben - "mit allen meinen Fähigkeiten" -, aber wenn er vom Befehlsvakuum berichtet, das damals herrschte und die Grenzsoldaten auf sich selbst gestellt zurückließ, kommt auch hier das Menschliche durch. Die Bilder der Grenzer, die jahrzehntelang an ein System geglaubt haben, das innerhalb weniger Stunden vor ihren Augen zerfiel, umweht dann auch eine große Tragik, und die Menschen und die Geschichte treffen sich auf eine ganz andere Weise als in den anderen Erzählsträngen.

Im dritten Teil, der am 22. Februar laufen wird und den ich noch nicht vorab gesehen habe, wird es um den "Weihnachts-Tsunami" vom 26. Dezember 2004 gehen. Danach wird sich vermutlich zeigen, ob die Reihe fortgesetzt wird.
 
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