lukasheinser

Blog von lukasheinser

24.02.2009 | 14:34

Eine Meditation zur Kommunikation

Heute Vormittag funktionierte GMail (in Deutschland: GoogleMail) nicht. Oder genauer: Die Webseite war nicht erreichbar, über E-Mail-Programme wie Thunderbird oder Outlook konnte man den vermutlich größten Mailanbieter der westlichen Welt weiterhin problemlos nutzen. Die Folgen (oder die vermeintlichen Folgen) aber waren verheerend: Bei twitter beklagten sich die Menschen zu Hunderten, sie seien von der Kommunikation abgeschnitten.

Nun könnte man das Fass aufmachen und sich darüber auslassen, ob so viel Abhängigkeit von einer einzigen Firma wirklich gut ist (was sich angesichts der sehr viel konkreten Abhängigkeit von beispielsweise der Deutschen Post oder der Bahn aber auch schnell wieder relativieren ließe). Man könnte auch abermals den Klagegesang anstimmen, der seit Erfindung der modernen Kommunikation (also ungefähr seit dem Tag, an dem Gott Moses die zehn Gebote in die Steinplatten diktierte) mit dieser Hand in Hand geht: den der ständigen Erreichbarkeit. (Mir fällt gerade auf, dass Gott im Bezug auf ständige Erreichbarkeit vielleicht ein schlechtes Beispiel ist, da der ja immer erreichbar ist und auch alles sieht. Aber vielleicht ist die ständige Erreichbarkeit ja die Einlösung einer Jahrtausendealten Allmachtsphantasie des Menschen, dann würde es wieder passen.)

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem Bochumer Café und sehe fremden Menschen beim Mittagessen zu. W-Lan, Kaffee und Loungemusik hätte ich freilich auch zuhause, aber da befinde ich mich oft genug und ab und zu muss ich ja auch mal raus. Und so sitze ich in einem Café und schreibe ins Internet, nur weil ich es kann.

Zuhause könnte ich jetzt allerdings in der letzten (also nicht nur der aktuellen, sondern wirklich letzten) "Vanity Fair" nachgucken, was genau Daniel Kehlmann über Kommunikation und ständige Erreichbarkeit gesagt hat (auf der noch nicht abgeschalteten Internetseite der Zeitschrift ist das Interview nicht zu finden - so viel zum Thema ständige Erreichbarkeit). Er sagt aber irgendetwas Kluges vom Gegenentwurf zur Zen-Meditation und davon, dass die Kommunikationsmittel einen völlig aus dem Hier und Jetzt wegreißen und man mit seinen Gedanken und Worten immer an anderen Orten der Welt sein kann.

Ich habe das Glück, dass mein Handy quasi nie klingelt. Kaum jemand hat die Nummer und niemand versucht, mich zu erreichen (aber ich bin ja auch fast immer online). Trotzdem habe ich das Teil fast immer eingeschaltet und bei mir, denn es könnte ja doch mal jemand anrufen. Mein Mobiltelefon ist bald sieben Jahre alt (davon fünf in meinem Besitz) und es kann telefonieren und SMS verschicken. Dafür geht es - und das ist bei mir ein sogenanntes Killerfeature - nicht kaputt, wenn man es fallen lässt. Internet geht theoretisch, aber ungefähr so gut, schnell und preisgünstig wie mit meinem C64, der im Keller verstaubt.

Dafür ist mein MP3-Player W-Lan-tauglich. Von alleine würde ich nie auf die Idee kommen, unterwegs ins Internet zu gehen, aber seit ich dieses (ansonsten praktische) Teil habe, gucke ich ständig drauf, ob nicht gerade irgendwo ein offenes Funknetz aus irgendeinem Café, Geschäft oder sonstwoher herüberweht. Dabei gibt es so ungefähr nichts auf der Welt, was so wichtig wäre, dass es nicht ein paar Stunden warten könnte (und wenn es doch wichtig wäre, hätte der oder die Betreffende sicher meine Nummer und ich wüsste endlich mal wieder, welchen Klingelton ich eigentlich habe).

Das Wehklagen von uns Kommunikationsjunkies ist schlimmer als das der Raucher, die schon immer mit ihrem Laster aufhören wollten. Mobiltelefonierer müssten gesellschaftlich geächtet werden (in den ICEs gibt es ja bereits - analog zu den früheren Nichtraucherabteilen - Ruhewagen) und in Grundschulen und Kirchen müsste verkündet werden, dass beim E-Mails checken Rückenmark verloren geht (man es deshalb nur tausend Mal machen darf) und man davon blind wird.

Ich glaube, ich klappe den Laptop jetzt zu und gehe noch etwas an die frische Luft. Und ob jemand kommentiert hat, gucke ich auch frühestens in einer Stunde nach. Na ja: in einer halben.

Nachtrag, 23:44 Uhr: Erboste Freunde haben mich darauf hingewiesen, dass meine Behauptung im ersten Absatz, "man" habe GMail per Thunderbird nutzen können, unwahr sei. Ich möchte mich also korrigieren und erklären, dass ich es so habe nutzen können.
 
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Kommentare
asdrubael schrieb am 24.02.2009 um 17:46
"Mobiltelefonierer müssten gesellschaftlich geächtet werden"
Gute Idee, leider funktioniert sie selbst im ICE nur theoretisch, da so gut wie niemand überhaupt weiß das es eine "Handyzone" gibt. Überhaupt scheinen viele Handynutzer inzwischen keinerlwie Gespür für Dinge wie Privatsphäre oder Intimität zu haben. Da wird sich in Hörweite zig Wildfremder ausführlich über privateste Belanglosigkeiten unterhalten, als ob das irgendjemand anderes hören sollte oder wollte. Und das fast jeder der kann meist auch zwanghaft zuhört ist schon seit längerem bekannt:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18533/1.html
lukasheinser schrieb am 24.02.2009 um 23:16
Ich habe heute eine sehr schreckliche Frau in der U-Bahn erlebt, die ihren Gesprächspartner dann abwürgen wollte, als sie die U-Bahn (und damit all die Menschen, die sie vorher belästigt hatte) verließ: http://www.coffeeandtv.de/2009/02/24/die-glauben-sie-waren-sonstwer/
SusanneReindke schrieb am 25.02.2009 um 17:35
Stimmt, auf Twitter las man darüber viel.
Das klang so bißchen wie ein Weltuntergang. Aber vielleicht hätten mehr Leute auch mal raus in ein Café gehen sollen.
Der Freitag schrieb am 25.02.2009 um 17:44
Vielleicht sind wir Büromenschen auch alle sehr sehr kälteempfindlich ... ein Ausfall im Sommer hätte vielleicht weniger Empörung hervorgerufen.
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