lukasheinser

Blog von lukasheinser

11.02.2009 | 11:34

Recherche in den Zeiten des Internets

Wie Qualitätsjournalismus heutzutage funktioniert, kann man sehr schön an einem Beispiel sehen, das gestern im BILDblog (zu dessen Autoren ich gehöre) veröffentlicht wurde: Ein Spaßvogel hatte im Wikipedia-Artikel über den neuen Bundeswirtschaftsminister diesem einfach einen elften Vornamen hinzugefügt und neben "Bild" hatten alle möglichen Zeitungsportale im Internet diesen einfach übernommen.

Der Artikel bei "Spiegel Online", in dem Sebastian Fischer dem neuen Minister den falschen elften Vornamen mit in den Mund legt, wurde schließlich in einer Wikipedia-Diskussion als Quelle herangezogen, wodurch sich einmal mehr der Teufelskreis der Quellen auftat, den die "Titanic" mal sehr anschaulich illustriert hat.

Nun ist ein "Wilhelm" mehr oder weniger eigentlich kein Beinbruch. Auch dass sich nicht nur "Spiegel Online", sondern unter anderem die "Kölnische Rundschau", die "Süddeutsche Zeitung" und heute.de in dieser Frage auf die Wikipedia verlassen, muss noch nichts heißen. Andererseits: Wer sagt denn, dass man es dort nicht auch bei wichtigeren Fragen tut?

Wenn etablierte Medien über Blogs schreiben, werfen sie diesen gerne vor, man nähme es dort mit der Recherche nicht so genau. Bisher hätte ich angenommen, dass zu dieser "Recherche" unter anderem jene sündhaft teure Datenbankzugänge gehören, die sich die Redaktionen namhafter Medienhäuser eben leisten können. Auch eine kurze Anfrage an das Büro des adeligen Politikers wäre vermutlich (gerade, wenn sie von "Bild" oder "Spiegel" kommt) gerne und schnell beantwortet worden.

Aber heutzutage, wo die Medien dem grauenhaften Irrtum aufsitzen, jede Geschichte schneller bringen zu müssen als die Konkurrenz, verlässt man sich eben schon mal auf eine Online-Enzyklopädie, die man selbst vor ein paar Jahren als "Wiki-Fehlia" verspottet hat.

Immerhin: Seit Erscheinen des BILDblog-Artikels haben "RP Online" und "Handelsblatt" den "Wilhelm" ganz stikum gestrichen (Nachtrag: beim "Handelsblatt" wurde der Name zwar im Artikel kommentarlos korrigiert, dafür gibt es einen eigenen Artikel, in dem man sich für die eigene Gutgläubigkeit entschuldigt). Im gleichen Zeitraum tauchte er aber beim "Tagesspiegel" und bei der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" ganz frisch auf.
 
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Kommentare
Tessa schrieb am 11.02.2009 um 14:59
Den Fehler in dieser Angelegenheit finde ich beinah verzeibar, auch wenn Du Recht hast, wenn Du auf wichtigere Rechercheangelegenheiten verweist. Zutiefst bezeichnet fand ich heute allerdings ein Zitat einer Journalistin auf twitter: "bei meiner lieblingsbeschaeftigung, dem advertorial bauen." magazine bestehen mittlerweile vrosichtig geschätzt aus 60 Prozent aus Beiträgen, die nicht mehr auf relevantem Inhalt, sondern auf einer Gegenleistung beruhen, und diese gerne finanziell. Vielleicht ist auch das ein Ansatz, warum "nicht journalistischer", oder besser gesagt "nicht verlagsgebundener" Inhalt der bspw. in Blogs entsteht, von kritischen Denkern lieber gelesen wird, als die jüngst eingestellte Park Avenue, Vanity Fair oder all die Publikationen mit Auflagenrückgang.
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