lukasheinser

Blog von lukasheinser

17.02.2009 | 20:48

Und darum tret' ich Dein Radio ein

Radio ist in Deutschland normalerweise kein Thema. Fast jeder hört es, aber die Programmchefs haben ihren eigenen Moderatoren so oft eingetrichtert, sie würden für ein "Nebenbeimedium" arbeiten, dass es am Ende alle geglaubt haben.

Medienbeobachter sind sich einig, dass die deutsche Radioszene so grauenhaft ist, dass man sie am Besten totschweigt. Der einzige Zeitungsartikel, den ich in den letzten Jahren über das deutsche Radio gelesen habe, stand in der "Süddeutschen Zeitung". Er war sehr gut, aber ich finde ihn nicht mehr wieder. Vermutlich ist das symptomatisch, wenn es auch nicht zwangsläufig etwas über die unfassbare Grottigkeit der Dudelfunksender aussagt.

Einmal im Jahr aber, da schlagen Radiomoderatoren in großer Stückzahl im Fernsehen auf - und damit auch im Wahrnehmungsbereich der sie sonst ignorierenden Öffentlichkeit. Dann ist Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" und aus jedem Bundesland werden Menschen zugeschaltet, die "Wetter-Werner" oder "Morgen-Hans" heißen, laut in Mikrofone brüllen, sich in zwei bis drei vorformulierten Sätzen verheddern und ihren Kolleginnen an die Brüste greifen. Wer nie (Privat-)Radio hört, muss den Eindruck bekommen, dass dort offenbar täglich Dinge geschehen, für die in jeder Fußgängerzone die Männer mit den weißen Jäckchen anrücken würden.

Und weil man sie nur einmal im Jahr wahrnimmt und sich nicht täglich an ihnen abarbeitet, werden in den darauffolgenden Tagen viele Texte über diese Radiomoderatoren geschrieben: Blogmedien erklärte gestern, was der "Busengrabscher" namens "Morgen-Hans" sonst so macht; Thomas Lückerath von DWDL ordnete den ganzen PR-Irrsinn in den etwas größeren Kontext der "Marktanalyse" ein und Michael Reufsteck nutzt das Ganze im Fernsehlexikon als Aufhänger für einen kleinen, aber wütenden Rundumschlag, der in einem Satz gipfelt, der immer bösartiger wird, je öfter man ihn liest:

Sogar das Fernsehen gibt sich mehr Mühe.
 
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Kommentare
freiwild schrieb am 17.02.2009 um 21:01
Meintest Du diesen Artikel?
http://www.sueddeutsche.de/kultur/594/408369/text/

Die Zeit hat vor vier Jahren mal einen entsprechenden Artikel veröffentlicht, der die Materie ganz gut zusammenfasst, und der entsprechend oft referenziert worden ist:
http://www.zeit.de/2005/09/RettetdasRadio

Im übrigen scheine ich hier in einem Referenzzirkel gelandet zu sein: drei Links, und ich kannte alle drei vorher schon. Das ist mir schon länger nicht mehr passiert. Hat aber nichts mit Dir zu tun, eher mit der Materie, die auch meine Materie ist.
lukasheinser schrieb am 17.02.2009 um 21:57
Der "Süddeutsche"-Artikel wirkt auch gut, aber der von mir gesuchte war eine Fahrt durch Deutschland, wo der Autor den Flickenteppich der vielen Hundert Radiostationen beschrieb, die aber irgendwie trotzdem alle gleich klangen. Vielleicht war der aber auch gar nicht aus der "Süddeutschen" ...

Ich habe nach zweieinhalb Jahren Campusradio beschlossen, dass das Medium nicht meines ist und ich dort nicht in meinem Sinne arbeiten könnte. Gutes Radio (bei WDR 5, Deutschlandfunk oder dem amerikanischen National Public Radio) höre ich aber immer noch gerne.
m 1 schrieb am 18.02.2009 um 21:41
Auch hier in Deutschland laufen die qualitätsbewussten Leute reihenweise ins Internet um gutes Radio zu hören.

Stöbern: radio.de alles da was es so im Internet an streams gibt
Entdecken: blip.fm Grandioses Musik Microblogging
Ähnliches: last.fm Mus man dazu was sagwen
Recherche: foxytunes.com
Konzeptsendungen: byte.fm Was Moderatoren schon immer mal machen wollten. Großartig.

Die letzten vier sind natürlich 'nur' Musik, aber ersetzen das bekloppte kommerzielle Formatradio mehr als komplett.
utc schrieb am 20.02.2009 um 23:42
Als Radio-Junkie ist es schwer in Deutschland vollen Stoff zu kriegen, der einem die richtige Drönung bietet. Ich bin erst so richtig high geworden, seit ich Podcasts auf meinem Palm hören kann. Welcher verdammte Dealer hat dieses Mittel erfunden. Dank Juice zapfe ich dreißig bis vierzig Quellen an und sauge mich voll. 70% der Dealer bezahle ich über die GEZ (sprich ÖR-Radios), 10% sind Stoffproben und professionellen Podcastern, die anderen 20% sind reinster Stoff aus dem Ausland.
Private billig Verschnitte oder billig Gedudel kommt mir nicht auf die Ohren oder hat schon mal jemand etwas von einem guten Podcast eines Privatradios gehört?
Wenn ich mal keine hohe Dosis brauche, dann ziehe ich mir ein paar Linien vom Funkhaus Europa oder Fritz rein. Das reicht mir. Alles andere ist mit Backpulver-Werbung oder Brechreiz-Comedy verschnitten, dass ich Entzugserscheinungen bekomme.
Was aus dem alten UKW-Radio wird ist mir egal, solang meine Dealer weiterhin alles per Podcast liefern, zahle ich jeden Preis!
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