Lukasz Szopa

Blog von Lukasz Szopa

11.01.2012 | 11:11

3000 Tote zum Frühstück


Ein typischer Wochenend-Vormittag: Nach dem Frühstück setze ich mich aufs Sofa, nehme die Tageszeitung, dazu ein zweiter Aufguss Kaffee. Und finde im Politik-Teil einen kurzen Bericht über ein Massaker im Südsudan, angeblich über 3000 Todesopfer – innerhalb einer Woche,  „Stammesauseinandersetzungen“ in der Stadt Pibor im Bundesstaat Jonglei, ausnahmslos Zivilisten.

Schockierend ist sowohl die Zahl der Opfer, wie auch die „Geschwindigkeit“ des Massakers, die an Ruanda oder Srebrenica erinnern. Betroffen und nachdenklich haben mich aber sofort auch zwei andere Punkte gemacht.

Erstens die Tatsache, dass der Zeitungsbericht nur weniger Quadratzentimeter groß war. Hätten wir nicht Wochenende, und würde ich nicht die Zeit haben, die Zeitung fast komplett durchzulesen, wäre ich vielleicht auf den Artikel gar nicht gestoßen. Nach mehreren Tagen kann man hinzufügen, daß diese Information zwar in mehreren Medien (auch online) verfügbar war (Stern, Spiegel, SZ, FAZ, Tagesspiegel), doch kaum von größerer Aufmerksamkeit oder Aufmachung begleitet. Es ist auch anzumerken, dass bis heute keine weiteren Berichte zu dem Massaker erschienen sind – egal und vergessen?

Und das ist der zweite Punkt – den ich vor allem mir persönlich stellte, als ich mit dem Lesen fertig war: Wie oft passiert es mir heutzutage, daß ich aktuelle Ruandas und Srebrenicas nicht bemerke, ausblende, vergesse?

Es scheint fast, als stünde die Relevanz einer Nachricht umgekehrt proportional zu der medialen (und auch persönlichen) Aufmerksamkeit und (emotionellen und intellektuellen) Teilnahme. Hunderte Artikel, Blogs und Zeitungsquadratzentimeter über einen peinlichen, doch eher biederen Affärchen eines machtlosen Bundespräsidenten.
Dahinter folgt - immer noch vorhanden, auch wenn im Abebben - das Interesse an der Terrorserie der „Zwickauer Nazi-Zelle“. (Frage: War die Aufmerksamkeit für die RAF in den 70ern nicht um mehrere Dimensionen größer?)
Natürlich gibt es – immer wieder, daher mit immer weniger Interesse (vom Verständnis zu schweigen...) - Berichte über die „Euro-“ bzw. „Schuldenkrise“ (von manchen sogar absurderweise zu einer „Euro-Schuldenkrise“ getauft). Doch auch da ist das spannendste nur noch, wer früher Pleite geht – Griechenland oder Ungarn. (Frage: Hat Ungarn nicht noch ein paar andere, rechtsstaatliche Probleme?...)
Für „richtig Interessierte“ gibt es noch Syrien – mit geschätzten 5000 Todesopfern und einem inzwischen kaum zu leugnenden Bürgerkrieg. Allerdings – alles das seit  knapp 10 Monaten.

Ich will keine Tote gegen Tote aufrechnen, eher frage ich mich, wie viele Katastrophen, Konflikte und Opfer (Todes- und andere Opfer wie Flüchtlinge, Vertriebene, Gewaltopfer, etc.) ich einfach ausblende, vergesse.
Was passiert eigentlich in Darfur?
Hungert noch jemand in Somalia?
Wie weit ist Haiti nach dem Erdbeben aufgebaut?
Dauert der Krieg in Kongo weiter an?

Es geht hier nicht um die schwierige Frage, ob man den etwas „dagegen“ tun könnte. Ob ich es könnte und kann.
Es geht um die Frage, wie jeder seine Prioritäten der Anteilnahme, des Interesses, aber vor allem des  Gewissens setzt. Und mit der persönlichen Fragen – ohne für alles immer nur „die Medien“ verantwortlich zu machen -

„Was bereitet mir eher schlaflose Nächte: der Euro oder der Südsudan?“

„Was wird aus Wetten-Dass..., und was aus dem Kongo?“

„Ist mir Wulff wichtiger als Somalia?“

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
born2bmild schrieb am 11.01.2012 um 13:36
Auch kaum wahrgenommen wird die heimische Seite der angeblich "verlustarmen" Kriege der Weltmacht, the land of the free & the home of the brave.

"Für die meisten Soldaten beginnt der wahre Krieg erst, wenn sie wieder zuhause sind. Mehr als 6'000 US Veteranen brachten sich letztes Jahr um.
(...)
Gemäss Veterans Affairs Department (VA) leben momentan 23 Millionen ehemalige US-Soldaten in Amerika. Monatlich versuchen 950 Veteranen, die medizinisch vom VA betreut werden, sich umzubringen, das sind mehr als 30 Selbstmordversuche am Tag. Insgesamt sterben 18 Veteranen jeden Tag, berichtet die „Army Times“.
(...)
Dass der eigentliche Krieg erst zuhause beginnt, haben auch die 200'000 inhaftierten Veteranen gemerkt, die das Leben nach dem Krieg nicht mehr auf die Reihe gekriegt haben und auf der schiefen Bahn im Gefängnis landeten."
Alien59 schrieb am 11.01.2012 um 13:56
Und in Deutschland liest man über den Umgang der Bundeswehr mit ihren ehemaligen Soldaten auch nur wenig. Besser ist der auch nicht.

Guter Artikel - ich denke auch öfter darüber nach, manche meiner Blogs entstehen aus dem Gedanken, dass viele Nachrichten zu wenig Beachtung bekommen.
Lukasz Szopa
Geb. 1973 in Tychy, Polen. Studium der Int. Betriebswirtschaft an Uni Wien. Schriftsteller (Lyrik, Prosa), Übersetzer (polnisch <-> südslawisch), Informatiker.
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 11 Wochen
Zuletzt aktiv:
21.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 45
Kommentare: 231
Logbuch
18:58
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:57
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:55
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:54
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:49
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG