lulu morgenstern

Blog von Lulu Morgenstern

03.02.2012 | 14:14

Die Liebeshandlung (89-110) || Warum sich überhaupt verlieben?

Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides  

Mit Madeleine, der Hauptfigur der "Liebeshandlung“, führt uns Jeffrey Eugenides durch die Welt einer jungen Studentin und lässt uns Teilhaben am Lieben, Streben und Suchen dieser Figur. Es handelt von Gefühlen, die eigentlich nur Selbstbetrug sind, einfach nur Sex, echter Liebe und Schmerz.

 

Maddy, wie sie von ihren Eltern genannt wird, trifft Leonard und verliebt sich. Das Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ begleitet sie dabei und führt sie fast statisch durch die einzelnen Stufen.

 

„Sie las Fragmente einer Sprache der Liebe, erstaunt, wie bedeutungsvoll es für ihr Leben war.“

 

Es beginnt mit:

Die Erwartungen

attente/Warten

Angstaufwallung, die durch das Warten auf das geliebte Wesen ausgelöst wird, nach Maßgabe kleiner Verzögerungen (Verabredungen, Telefonanrufe, Briefe, Heimkehrverzögerung) 

 

Maddy sitzt an einem Freitagabend alleine zu Hause, um auf einen Anruf von Leonard zu warten. Ihre Mitbewohnerinnen hat sie abgewimmelt als sie mit ihr um die Häuser ziehen wollten, um alleine in ihrem Zimmer auf diesen Anruf zu warten. Hier wird klar, was die Sehnsucht nach Leonard mit ihr macht. Sie macht sie einsam!

 

„Je länger sie darüber nachdachte, desto besser verstand Madeleine, dass „extreme Einsamkeit“ nicht nur das beschrieb, was sie für Leonard empfand. Es erklärte, was sie immer empfunden hatte, wenn sie verliebt gewesen war.“

 

Verliebt sein macht sehnsüchtig und Sehnsucht macht einsam? Klingt logisch! Doch verlieben wir uns nicht gerade weil wir nicht einsam sein wollen, weil wir es über lange Zeit vielleicht auch gar nicht ertragen? Wieso muss Liebe so kompliziert sein? Ich lese weiter…

 

Es folgen:

Glückliche Tage

Fête/Fest

Das liebende Subjekt erlebt jede Begegnung mit dem geliebten Wesen als Fest.

 

Nun kommen also die glücklichen Tage. Ein Mix aus Lust und Intimität, eigentlich ziemlich banalen Konflikten - Warum sind wir immer bei Dir und nie bei mir?...Warum schämst Du Dich in meiner Gegenwart „kacken“ zu gehen?...Warum gießt Du meinen Baum? – und langen Gesprächen oder vielleicht doch einem therapeutischen Miteinander?

 

„Und nachdem sie die nächsten drei Tage mit nichts als Sex und Pizza in Leonards Zimmer verbracht hatten und Madeleine sich immerhin so weit entspannen konnte, dass sie wenigstens hin und wieder kam und schließlich aufhörte, sich dauernd darum zu kümmern, ob sie einen Orgasmus hatte oder nicht, weil ihr Hunger nach Leonard irgendwie schon durch seine Befriedigung befriedigt wurde, ja nachdem sie sich erlaubt hatte nackt auf seiner ekligen Couch zu sitzen und im Bewusstsein, dass er auf ihren (unvollkommenen) Hintern starrte, quer durchs Zimmer in sein bad zu gehen, seinen gammeligen Kühlschrank nach Essen zu durchwühle (…) und ihn mit Tauruskräften in die Kloschüssel pinkeln zu hören, ja, am Ende dieser drei Tage wusste Madeleine mit Sicherheit: Sie war verliebt.“

 

Das ist es also, denke ich mir, womit Hollywood Millionen verdient - vermutlich in Wahrheit aber Milliarden. Nur hört da meine Vorstellungskraft nun wirklich auf! – und Bollywood auch. Wonach die Singles dieser Welt sich sehnen. Was uns als gesellschaftliches Ideal vermittelt wird. Ich denke nach und lese weiter und werde doch noch fündig…

 

„Madeleine redete; er hörte zu; dann redete er, und sie hörte zu. Noch nie hatte sie jemanden gekannt, und erst recht keinen Typen, der so empfänglich war, der alles in sich aufnahm. (…) Sie fühlt sich gut behandelt, wie etwas Kostbares oder unendlich Faszinierendes. Es machte sie glücklich, darüber nachzudenken, wie viel er über sie nachdachte.“

 

Da haben wir es doch! Über die Banalität des Alltäglichen hinaus gibt es tatsächlich einen Grund sich verlieben zu wollen. Doch sind wir nicht in Hollywood und Maddy ist nicht Julia Roberts und so...

 

Die (Zerstörungs)kraft dreier Worte:

Ich liebe dich

Je t’aime / Ich-liebe-dich

 

Sie traut sich und fasst das komplexe Gefühl der Liebe, diese geheimnisvolle Emotion, derer wir wohl niemals wirklich gewahr werden, in drei kleine aber bedeutungsvolle Worte: Ich liebe Dich.

 

„Leonard küsste sie. Als sie es nicht mehr aushielt, packte sie ihn an den Ohren. Sie zog Leonards Kopf hoch und hielt ihn fest, damit er den Beweis dessen sah, was sie fühlte (sie weinte jetzt). Mit heiserer Stimme, in der irgendetwas Angeknackstes, eine Ahnung von Gefahr mitschwang, sagte Madeleine: „Ich liebe Dich.“

 

Eigentlich ein Grund zu feiern, mitzuweinen, ein Gänsehaut-Feeling-Moment. Aber wie es mit der Liebe so ist. Es kommt alles ganz anders…

 Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein „Ich liebe dich“ nichts mehr…Leonard hockte da, mit einem Grinsen im Gesicht. Das war der Moment, in dem Madeleine ihm das Buch an den Kopf warf.“

 

Und ich dachte nur: Was für ein Arschloch! Arme Maddy! Nachdem ich mir einen Tee aufbrühte und mich wieder beruhigte, saß ich nun da und sagte zu mir selbst: Warum sich überhaupt verlieben?

 
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Kommentare
Magda schrieb am 03.02.2012 um 17:29
What do you get
When you fall in love?
A girl with a pin
To burst your bubble
That's what you get
For all your trouble
I'll never fall in love again

What do you get
When you kiss a girl
You get enough germs
To catch pneumonia
After you do,
She'll never phone ya
I'll never fall in love again

Don't tell me
What it's all about
'cause I've been there
And I'm glad I'm out
Out of those chains
Those chains that bind you
That is why I'm here
To remind you

What do you get
When you fall in love?
You get enough tears
To fill an ocean
That's what you get
For your devotion
I'll never fall in love again

What do you get
When you fall in love?
You only get lies
And pain and sorrow
So far at least
Until tomorrow
I'll never fall in love again

Aber das isses ja nicht.
lulu morgenstern schrieb am 03.02.2012 um 19:49
Schönes Lied :-).....Ich gestehe, dass ich es vorher nicht kannte!
Magda schrieb am 03.02.2012 um 22:01
Es ist aus "meiner Zeit" - den siebziger Jahren

lulu morgenstern schrieb am 03.02.2012 um 22:19
Danke für den Link! Ich musste sehr lachen, als ich das Video gesehen habe :-D

Beim googlen bin ich vorhin auf die Version von Dionne Warwick gestoßen.
Rapanui schrieb am 03.02.2012 um 22:24
@ Magda schrieb am 03.02.2012 um 22:01

Was macht der Typ eigentlich mit der Gitarre? Die linke Hand klammert ivöllig verkrampft am Hals. Völlig ungeeignet für die Liebe! Man kann gerade mit der linken Hand so schöne Sachen machen.
DandelionWine schrieb am 04.02.2012 um 01:34
@Rapanui schrieb am 03.02.2012 um 22:24

"Was macht der Typ eigentlich mit der Gitarre? Die linke Hand klammert ivöllig verkrampft am Hals."

Rein theoretisch nennt man es Barre, was er da gerade zu tun scheint. Rein praktisch ist es völlig unmöglich, in so einer Postion (ich meine seine Körperhaltung) ein sauberes Barre zu schaffen.
Zeitleser schrieb am 03.02.2012 um 21:14
Mit Kant und einem Glas badischem Weißwein kommt man immer weiter. Das mit dem Verlieben ist so: Man hofft auf den glücklich machenden gegenseitigen Gebrauch der Geschlechtseigenschaften. Etwas ledern ausgedrückt (wie Schiller meinte) aber - mal ehrlich - unverblümt genau. Von Kant, dem Pflichtenphilosoph! Nanu, war er ein Libertinist? Nicht nur Kinderkriegen? Der Gebrauch oder sagen wir mal Konsum der intimen Eigenschaften / Unterschiede und zwar gegenseitig! Kant als Feminist. Dieser gerade Blick, der skeptische Blick gepaart mit Menschenliebe - und heute nur noch Konsum ohne Menschenliebe. Wenn man so die Literatur aufschlägt, ist es wohl so. Vielleicht eine zeitlich begrenzte Masche, wahrscheinlich, mal sehen wie es weitergeht - immerhin sind ja 95 % aller Romane - trivial oder nicht - zu allen allen Zeiten Liebesromane. Damit ist die Bedeutung derselben bewiesen. Mein liebste Liebesromane sind definitiv Stopfkuchen von Raabe und Mathilde Möhring von Fontane.
Magda schrieb am 03.02.2012 um 22:21
"Mein liebste Liebesromane sind definitiv Stopfkuchen von Raabe und Mathilde Möhring von Fontane."

Stopfkuchen kenne ich gar nicht, aber Mathilde Möhring. Ich liebe es auch sehr. Hier habe ich mal drüber sinniert, allerdings in reichlich "weiten Feldern" .

www.freitag.de/community/blogs/magda/kleine-fontanereihe-i--die-georgenstrasse-
Zeitleser schrieb am 03.02.2012 um 22:42
Ich hab´s damals (Ihren Kom.) gelesen. Vor diesem Roman - wie vor anderen von Fontane - ist mir das Interesse an diesen angekriselten Oberschichtengestalten so von Thomas Mann ganz abhanden gekommen, Krull natürlich ausgenommen.

Stopfkuchen ist die Geschichte eines jungen gefräßigen Herrn, der die rote Schanze - und mit ihr die Tochter ihres zu Unrecht eines Mordes verdächtigten Eigentümers - erobert, einem dem die Klischees und das Wohlverhalten egal ist, da er sich des alten Wortes der Bremer Stadtmusikanten wohl bewusst ist. Schönen Gruß nach Pankow, dem Viertel, der mir mal sehr empfohlen wurde, von einem Polizisten, der mir nach einem Überfall geschehen im Hansaviertel erklärte, wo man sich in B. am besten niederlässt.

Seitdem kenne ich die Kriminalitätsgeographie von B. sehr gut, es war nachts um zwei Uhr in einer schönen lauen Sommernacht, die ich dummerweise genutzt hatte zu einem kleinen Spaziergang.
Wolfram Heinrich schrieb am 04.02.2012 um 07:02
@Zeitleser
Seitdem kenne ich die Kriminalitätsgeographie von B. sehr gut, es war nachts um zwei Uhr in einer schönen lauen Sommernacht, die ich dummerweise genutzt hatte zu einem kleinen Spaziergang.

Um Gottes Willen! Wer geht nachts in Berlin spazieren?
Ich hab mal einen amerikanischen Film gesehen, der in New York spielte. Es war nachts, der Held war sehr verzweifelt, ihn dürstete nach dem Tod und er sagte ins Telefon "Ich geh jetzt in den Central Park". Düsterer können Lebensentwürfe nicht ausschauen. (1)

Ciao
Wolfram
(1) Wenn ich richtig informiert bin, dann ist für einen US-Bürger die Wahrscheinlichkeit, gewaltsam zu Tode zu kommen, in New York bedeutend höher als in Afghanistan.
Zeitleser schrieb am 03.02.2012 um 23:39
Dass das zu 80 oder 90% dem Natürlichen zugehörigen Wesen Mensch "sich verliebt" - also instinktmäßig handelt - wundert mich ja nicht. Anders gesagt, er oder sie verlieben sich - so wie ein Subjet sein Objekt findet, nach einem rationalistisch-egoistischen Kalkül, wobei Mutter Natur, der es gleichgültig ist, wie ihre Zwecke zustande kommen, die Strippen zieht. Er verliebt sich - unsterblich - in ein Objekt, was attrahiert ihn denn, es ist doch eine Pute unter anderen? Guy de Maupassant, kein Erotiker sondern ein Realist, hat es dargestellt wie er es sah: Das Kalkül, due bürgerliche Berechnung.

Glück hat somit der, der kein Bürger ist, d.h. nichts oder wenig besitzt. Anatole France hat das hübsch dargestellt. Oder Proust: Diese gelangweiligten Reichen, den nicht übrig bleibt als das Spiel der Andeutungen, man sollte, man könnte, man müsste ... . Na ja was schwafle ich daher, Mutter Natur lächelt amüsiert, was sie da so zu lesen bekommt.
miauxx schrieb am 03.02.2012 um 23:59
"Na ja was schwafle ich daher, Mutter Natur lächelt amüsiert, was sie da so zu lesen bekommt."

Eben! Am schönsten, aber eben auch treffendsten, hat es vielleicht immer noch Erich Fried formuliert: "Es ist, was es ist"

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried
Anchesa schrieb am 04.02.2012 um 21:30
Wie schön ! Und wie wahr !
GEBE schrieb am 04.02.2012 um 00:25
1. Der Mensch ist seinem Wesen nach androgyn

2. Menschentum ist nicht antipodisch männlich und weiblich

3. Gott schuf nicht zuerst Adam und dann Eva, wie dies naiv vorgestellt wird, sondern den Menschen in seiner In-divi-dualität. (Unteilbare Zweiheit)

4. Die Liebe ist so universell wie die Ewigkeit.

5. Die Liebe ist keine Privatangelegenheit

6. Man besitzt sie nicht – auch wenn man sie verschenken kann.

7. Ihre Universalität gilt für alle Menschen, auch für jene, denen die Einsichtsfähigkeit darein fehlt.

8. Wer sie zur privaten Angelegenheit meint machen zu können, verhält sich wie jemand der einen Apfel ißt und vergißt, daß dieser die Frucht eines Baumes ist, der durch allumfassende, kosmische Vorbedingungen geworden ist.

9. Wer Liebe für sich selbst haben möchte, begeht ihr gegenüber eine antipathische Geste, denn er trachtet damit danach ein Stück Liebe privatisieren zu wollen und beraubt (betrübt) damit die Welt um ein Stück Liebe. Gehört denn der Apfel nicht auch dem Wurm und dem Vogel ebenso!

10. Wer jemanden deshalb liebt, weil dieser ihm ein Wohlgefühl vermittelt, liebt ihn nicht uneigennützig, sondern aus egomanem Begehren.

11. Liebt man einen Menschen um aus dieser Liebe für sich selbst ein Wohlempfinden zu gewinnen, ist das nichts weiter als - im marxistischen Sinn, emotionsökonomisch Empfindungsmehrwert erheischen zu wollen. Damit bekommt Liebe subtil einen Warencharakter. (Wer sich etwa darüber entrüstet, daß Liebesgewährungen und Liebesverknappungen allfällig zur Machtausübung eingesetzt werden, sollte in sich selber seinem Narziß den Spiegel zerbrechen.)

12. Liebt man einen Menschen wegen irgendwelcher Angelegenheiten, die dieser einem bietet, so funktionalisiert man die Liebe.

13. Wer sein biographisches Glück in einer Paarbeziehung meint finden zu können, ist nicht beziehungsfähig. Er unterliegt damit einer des Lebens letzten Wahngebilden – nämlich dem für wahr halten seines eigenen begehrlichen Phantoms als seinem Ich.

14. Die Vorstellung eines erfüllten Lebens in Form von Liebe in paariger Zweisamkeit ist der tradierte Wahn, innerer Ich-Entfremdung entkommen zu wollen.

15. Die allfällige Sehnsuchterei nach dem vermeintlich glücklich machenden Zustand paariger Zweisamkeit ist um so stärker, je weniger der Mensch mit sich selbst zufrieden ist und in sich nicht als biographische Einheit ruht.

16. Die Vorstellungen von „praktizierter Liebe“ als paariger Beziehungslebensform führt der Liebe gegenüber zu unwürdigen und absurden Lebensgestaltungen, mit stetig wachsender Unerfülltheit hinsichtlich des eigenen, inwendigen Lebenssinns.

17. Liebe, die sich in den Kategorien von Sympathie und Antipathie bewegt ist lediglich egoman und nicht universell.

18. Wer meint, er unterscheide sich von einem seinen Trieb auslebenden Wilden dadurch, daß er anstatt durch Trommeln auf die Brust und Darbringung eines erlegten Tieres seiner „Geliebten“ Theaterkarten zukommen läßt und darnach eine Flasche Sekt und solch diverse Gaben auftischt, verwechselt den menschlichen Geist mit der Spezialisierung tierischen Vermögens.

19. Wer diesen Vergleich als unromantisch nicht gelten lassen wird, sagt damit nichts weiter aus, als das er ausschließlich seine privaten Emotionen als Maß der Dinge gelten lassen will. Die Richtigkeit versucht er höchstens noch zu untermauern dadurch, daß er statistische Belege herbeibringt.

20. Sie ist in diesem egomanen Sinn zudem vollkommen unfrei und hätte kein Eigenwesen, weil durch diese induziert wie ein elektrischer Strom durch das Hin- und Herbewegen eines Eisenstiftes in einer Spule.

Wahre Liebe läßt knien.
Calvin schrieb am 04.02.2012 um 04:32
*\WUERG *
GeroSteiner schrieb am 05.02.2012 um 00:02
Ich fürchte, dass die Praxis immer anders aussieht, als die Theorie der Praxis.
Erklärte Liebe ist wie ein erklärter Witz.
Zeitleser schrieb am 05.02.2012 um 00:32
Schön und richtig durchdacht, ich muss es mir durch den Kopf gehen lassen. Kant würde sagen, die Potentiale des Liebevermögens und der Umgang damit.
Wolfram Heinrich schrieb am 04.02.2012 um 07:01
Hier wird klar, was die Sehnsucht nach Leonard mit ihr macht. Sie macht sie einsam!

"Keinen Mann zu wollen ist sicherlich fast ebensogut wie einen zu haben, und unendlich viel weniger anstrengend." (CELIA FREMLIN)
Der Hochleistungsbuddhist würde hier sagen: "Wennst du keine Bedürfnisse nicht mehr haben tust, dann kannst du dich in aller Ruhe über alle totlachen, die wo noch Bedürfnisse haben und darüber kaputtgehen."

„Je länger sie darüber nachdachte, desto besser verstand Madeleine, dass „extreme Einsamkeit“ nicht nur das beschrieb, was sie für Leonard empfand. Es erklärte, was sie immer empfunden hatte, wenn sie verliebt gewesen war.“

Nur mal zur Sicherheit: Ist das tatsächlich aus dem Roman von Eugenides oder doch eher aus einem Lore-Roman für paar-und-ach!-zich Fennje?

„Und nachdem sie die nächsten drei Tage mit nichts als Sex und Pizza in Leonards Zimmer verbracht hatten und Madeleine sich immerhin so weit entspannen konnte, dass sie wenigstens hin und wieder kam und schließlich aufhörte, sich dauernd darum zu kümmern, ob sie einen Orgasmus hatte oder nicht, weil ihr Hunger nach Leonard irgendwie schon durch seine Befriedigung befriedigt wurde, ja nachdem sie sich erlaubt hatte nackt auf seiner ekligen Couch zu sitzen und im Bewusstsein, dass er auf ihren (unvollkommenen) Hintern starrte, quer durchs Zimmer in sein bad zu gehen, seinen gammeligen Kühlschrank nach Essen zu durchwühle (…) und ihn mit Tauruskräften in die Kloschüssel pinkeln zu hören, ja, am Ende dieser drei Tage wusste Madeleine mit Sicherheit: Sie war verliebt.“

Leck mich am Arsch! Wenn ich so was schreibe, dann ist das okay. Wenn ich aber dann meinen Rausch ausgeschlafen habe und ich das so stehen lasse und veröffentliche, dann ist das nicht mehr okay. Himmel nochmal, wer so einen Schmarrn passieren läßt und ihn dem Lektor ausliefert, bei dem ist doch der poetische Schließmuskel nicht mehr in Ordnung.
So was lesen erwachsene Leute?

Sie traut sich und fasst das komplexe Gefühl der Liebe, diese geheimnisvolle Emotion, derer wir wohl niemals wirklich gewahr werden, in drei kleine aber bedeutungsvolle Worte: Ich liebe Dich.

"Ich liebe dich", in der Tat ein wundervoller kleiner Satz. Es ist allerdings auch ein vergifteter Satz, ein Satz, den man sinnvollerweise in seinem Leben nur einmal, ein einziges Mal sagen sollte. Sagt man ihn mehrmals, verschiedenen Personen gegenüber, so bekommt er automatisch einen merkwürdigen Beigeschmack. "Ja, freilich lieb ich dich. Wieso ausgerechnet dich nicht?"
Sagt man ihn mehrmals der gleichen Person gegenüber, so bedeutet er (ab dem zweiten Mal): "Ich seh schon, du zweifelst an meiner Liebe zu dir. Also, damit endlich 1 Ruh ist: Ich liebe dich."
Das gleiche gilt übrigens auch (und vielleicht noch viel entschiedener) für den entsprechenden Satz in der Frageform: "Liebst du mich (noch)?".
Diese Frage kannst du, in banger Erwartung, ob deine Liebe auch erwidert wird, ein einziges Mal im Laufe einer Beziehung stellen. Ist die Antwort "Nein", so ist der Kaas sowieso gegessen. Scheiß drauf. Ist die Antwort "Ja", so ist die Frage beantwortet. Punkt.
Stellst du dieselbe Frage etwas später, Monate, Jahre, vielleicht Jahrzehnte später, noch einmal, so wirst du - das liegt in der Natur der Sache - keine befriedigende Antwort bekommen. Sagt dein Partner "Nein", so ist eh klar, daß die Antwort nicht befriedigend ist. Sagt der Partner aber "Ja", so kannst du mit dieser Antwort auch nichts anfangen. Immerhin hat dein Partner erst dann "Ja, ich liebe dich" gesagt, nachdem du ihn hattest fragen müssen. Alleine die Tatsache, daß du glaubtest, deinen Partner danach fragen zu müssen, sollte dir klarmachen, daß die Kacke voll am Dampfen ist. Wenn sich dir die Liebe deines Partners nicht aus seinem Verhalten erschließt, brauchst du nicht mehr zu fragen. Nimm den Strick, geh zum Scheidungsanwalt oder ruf den Immobilienmakler an, dir eine eigene Wohnung zu besorgen.
Aber gut, es hat auch niemand (außer einigen Idioten) behauptet, daß Liebe einfach wäre.

Ciao
Wolfram
Juliane Löffler schrieb am 07.02.2012 um 17:46
@ Wolfram

"Ich liebe dich", in der Tat ein wundervoller kleiner Satz. Es ist allerdings auch ein vergifteter Satz, ein Satz, den man sinnvollerweise in seinem Leben nur einmal, ein einziges Mal sagen sollte."

Da gehen sie in die Richtung Roland Barthes und des Protagonsiten Leonard (der ist aber eher dafür, den Satz überhaupt nicht zu sagen.) Wir hatten uns hier:
www.freitag.de/community/blog/anchesa/die-liebeshandlung-11-200--erste-eindruecke
schon ein wenig darüber unterhalten.

Ich würde es nicht ganz so drastisch sehen, aber dass das Ausprechen der drei Wörter eine standardisierte Formel ist, die genausogut NICHTS oder etwas was ganz anderes heißen kann, da bin ich dabei. Und ja, die Antwort ist nicht zu unterschätzen!
Wolfram Heinrich schrieb am 08.02.2012 um 01:07
@Jule Löffler
Da gehen sie in die Richtung Roland Barthes und des Protagonsiten Leonard (der ist aber eher dafür, den Satz überhaupt nicht zu sagen.)

Dazu kann ich leider nichts Sinnvolles sagen, ich kenne Roland Barthes nicht viel mehr als dem Namen nach.

Ich würde es nicht ganz so drastisch sehen, aber dass das Ausprechen der drei Wörter eine standardisierte Formel ist, die genausogut NICHTS oder etwas was ganz anderes heißen kann, da bin ich dabei. Und ja, die Antwort ist nicht zu unterschätzen!

So ganz drastisch sehe ich es ja selber nicht, ich habe schon ziemlich pointiert formuliert. Im Richtigen & Wahren Leben geht es oft nicht ganz so streng zu wie bei der psychologischen und philologischen Analyse. Gottlob.

Ciao
Wolfram
Juliane Löffler schrieb am 10.02.2012 um 16:35
Salut Wolfram Heinrich,

Im Richtigen & Wahren Leben geht es oft nicht ganz so streng zu wie bei der psychologischen und philologischen Analyse. Gottlob.

Am schönsten ist es, wenn beides zusammenfällt:)

(Und ich werde mich bemühen den Kommentierrhytmus -3 Tage- zu erhöhen)
Wolfram Heinrich schrieb am 10.02.2012 um 20:54
@Jule Löffler
Salut Wolfram Heinrich,

Salve.

"Im Richtigen & Wahren Leben geht es oft nicht ganz so streng zu wie bei der psychologischen und philologischen Analyse. Gottlob."

Am schönsten ist es, wenn beides zusammenfällt:)

Ich weiß nicht recht. Ich meinte eigentlich, daß das mit dem vergifteten "Ich liebe dich" nicht ganz so streng zu sehen ist, wie ich es formuliert hatte.

(Und ich werde mich bemühen den Kommentierrhytmus -3 Tage- zu erhöhen)

Nur nicht hudeln.

Ciao
Wolfram
Simplify schrieb am 04.02.2012 um 11:47
@lulu morgenstern

„Nun kommen also die glücklichen Tage. Ein Mix aus Lust und Intimität (...)“
 
Glückliche Tage

Das „Glück“, das hier beschworen wird, ist doch ein vermeintliches Glück und ist als solches von Anfang an brüchig. Es ist wie eine Fassade, hinter der die Leere lauert, und die Madeleine verzweifelt zu füllen versucht.

„Je länger sie darüber nachdachte, desto besser verstand Madeleine, dass „extreme Einsamkeit“ nicht nur das beschrieb, was sie für Leonard empfand. Es erklärte, was sie immer empfunden hatte, wenn sie verliebt gewesen war.“

Für mich steht hinter dieser Figur deshalb auch eine Frau, die eben keine Intimität zulassen kann:

„Und nachdem sie die nächsten drei Tage mit nichts als Sex und Pizza in Leonards Zimmer verbracht hatten und Madeleine sich immerhin so weit entspannen konnte, dass sie wenigstens hin und wieder kam und schließlich aufhörte, sich dauernd darum zu kümmern, ob sie einen Orgasmus hatte oder nicht, weil ihr Hunger nach Leonard irgendwie schon durch seine Befriedigung befriedigt wurde, ja nachdem sie sich erlaubt hatte nackt auf seiner ekligen Couch zu sitzen und im Bewusstsein, dass er auf ihren (unvollkommenen) Hintern starrte, quer durchs Zimmer in sein bad zu gehen, seinen gammeligen Kühlschrank nach Essen zu durchwühle (…) und ihn mit Tauruskräften in die Kloschüssel pinkeln zu hören, ja, am Ende dieser drei Tage wusste Madeleine mit Sicherheit: Sie war verliebt.“

Möglicherweise hängt das mit einem gestörten Selbstbild und einem Mangel an Selbstbewusstsein zusammen (siehe die abschätzende Bemerkung zu ihrem Körper). Das gestörte Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit spiegelt sich in einer gestörten Sexualität wider, in der es nicht um einen beidseitigen Lustgewinn geht, sondern um einen einseitigen.

Was hier auf körperlicher Ebene schief läuft versucht sich Madeleine auf kommunikativer Ebene schön zu reden, wenn es heißt:

„Madeleine redete; er hörte zu; dann redete er, und sie hörte zu. Noch nie hatte sie jemanden gekannt, und erst recht keinen Typen, der so empfänglich war, der alles in sich aufnahm. (…) Sie fühlt sich gut behandelt, wie etwas Kostbares oder unendlich Faszinierendes. Es machte sie glücklich, darüber nachzudenken, wie viel er über sie nachdachte.“

Die Bezogenheit auf den Anderen ist derart übersteigert, dass die gesamte Ich-Identität aus dem Du absorbiert wird. Dies führt unweigerlich zu einer Beziehungsasymmetrie, die in der Liebesbekundung Madeleines ihren tragischen kommunikativen Höhepunkt erreicht.

"Warum sich überhaupt verlieben?"

Liebe hat eben auch viel mit Selbstliebe zu tun. -
lulu morgenstern schrieb am 05.02.2012 um 09:51
Ich finde das ist eine sehr interessante Analyse!
Zeitleser schrieb am 04.02.2012 um 22:23
Ich fragte mich gerade, warum überhaupt auf Ihren Text eingehen, wenn Sie ihn da so rumstehen lassen als sei es altes Gerümpel.
GeroSteiner schrieb am 05.02.2012 um 00:16
Sperrmüll ist auch Liebe.
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:21
Ja. Zu leblosen Objekten.

Herzlichen Glückpunsch.
lulu morgenstern schrieb am 05.02.2012 um 09:48
Ich beobachte mit Neugierde die Debatte und finde die Gedanken sehr interessant. Ich suche allerdings die/den letzte/n Idealistin/en, die/der sagt, "es ist toll sich zu verlieben weil...." :-)

Etwas Idealismus schadet vielleicht auch in der Liebe nicht....
GeroSteiner schrieb am 05.02.2012 um 11:48
Das hat wenig mit Idealismus zu tun. Es gibt so viele Gründe, sich zu verlieben, aber leider nicht einen vernünftigen.
Naledi schrieb am 06.02.2012 um 07:31
Es ist toll sich zu verlieben, weil dann die ganze Welt in einem neuen Glanz erstrahlt und man immerzu ausrufen möchte: Das Leben ist schön! ;-)
lulu morgenstern schrieb am 06.02.2012 um 13:08
:-)
lulu morgenstern schrieb am 06.02.2012 um 13:09
Den Satz finde ich toll.....:-)
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:18
"warum sich überhaupt verlieben"

Weil sie nicht käuflich ist, die Verliebtheit und die Liebe.
Trotz aller gegenteiligen Versuchungen und-und- Manipulationsversuche, seit rd. 2000 Jahren.

Sie ist, was sie ist. Nicht mehr und nicht weniger. Sie selbst.
Das ist ihre Kraft. Sie ist immer sie selbst.
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:18
"warum sich überhaupt verlieben"

Weil sie nicht käuflich ist, die Verliebtheit und die Liebe.
Trotz aller gegenteiligen Versuchungen und-und- Manipulationsversuche, seit rd. 2000 Jahren.

Sie ist, was sie ist. Nicht mehr und nicht weniger. Sie selbst.
Das ist ihre Kraft. Sie ist immer sie selbst.
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:33
Liebe, wie Politik, zeigt sich nicht im Reden, sondern an konkreten Handlungen.
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:39
Barbara Ehrenreich:
Warum die Ideologie des positiven Denkens jegliche Intelligenz unterwandert (Eigenmeinung).
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:40
Barbara Ehrenreich:
Warum die Ideologie des positiven Denkens jegliche Intelligenz unterwandert (Eigenmeinung).
Urmel auf dem Eis schrieb am 05.02.2012 um 00:50
Barbara Ehrenreich:
Warum die Ideologie des positiven Denkens jegliche Intelligenz unterwandert (Eigenmeinung).
Und immer wieder : Neil Postmann.
Kein Kriegsjude.
lulu morgenstern schrieb am 05.02.2012 um 09:51
Ist 'positiv Denken' eine Ideologie?
Wolfram Heinrich schrieb am 05.02.2012 um 10:09
@lulu morgenstern
Ist 'positiv Denken' eine Ideologie?

Sagen wir mal so, es kann zur Ideologie werden:
de.wikipedia.org/wiki/Positives_Denken

Ciao
Wolfram
lulu morgenstern schrieb am 05.02.2012 um 10:22
@Wolfram Heinrich

Auch hier würde ich nicht unbedingt von einer Ideologie sprechen, sondern von einer Methode (wie es auch in dem Beitrag bezeichnet wird) die Wirklichkeit durch bewusste Steuerung der eigenen Wahrnehmung zu beeinflussen.

Interessanter Ansatz! Ich kannte ihn noch nicht.
lulu morgenstern
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