luzieh.fair

Blog von luzieh.fair

30.06.2011 | 11:36

Bonnie wohnt im Puppenhaus

Ein Spaziergang, keine Zugfahrt. Ich musste früh los, denn der Tag versprach heiß zu werden und der Hund wollte vorher noch ein bisschen rennen.

Nach der ausgiebigen Runde ging es noch gemächlich um den See. Auf einer Bank saß ein Vater mit seiner Tochter. Sie beobachteten Enten. Zwei Bänke weiter sah ich eine alte Frau mit ihrer Enkelin. Der zweite Blick ließ mich stutzen. Die Enkelin entpuppte sich als Puppe. Ich setzte mich auf die freie Bank in der Mitte.

Schaute verstohlen rüber und fragte:

Wie heißt sie denn?

Bonnie

Ah, wie Bonnie und Clyde?

Oder wie Bonnie aus vom Winde verweht.

Das ist dieser Film, oder?

Ja, der, der vier Stunden geht.

Der romantische, oder?

Auch traurig.

Ach so.

Ich habe vierzig Puppen.

Es beruhigt mich, dass die Dame sich darüber im Klaren war, dass sie einer Puppe den See zeigte.

Aber der Homeshopping-Kanal bietet die nicht mehr an.

Naja, vierzig sind ja vielleicht auch genug.

Ja, das stimmt.

Und Sie nehmen immer eine andere mit?

Nein, nur Bonnie.

Warum nur Bonnie, fragte ich mich und sie.

Wissen Sie, mir gegenüber, da wohnt ein Pole. Und sie glauben nicht was der macht. Der bricht ein und schneidet Bonnie die Haare ab. Einen Finger hat sie auch schon verloren.

Die Frau zeigte verzweifelt auf den fehlenden Finger an der Puppenhand.

Ich war verwirrt:

warum sollte er das denn tun?

Der will mich schikanieren. Der kommt auch rein und schneidet die Ränder von meinen Frischkäsedeckeln auf und wenn ich sie hochhebe, fallen sie runter. Und die Saft- und Milchtüten dreht er mir auf und dann werden sie schlecht. Wissen Sie, ich hole immer gleich drei, dann muss ich nicht so oft laufen.

Zwiespalt. Ja, ich steckte in einem Zwiespalt. Mir war zum Schmunzeln, aber ich war gleichzeitig betroffen. Als hätte sie das gemerkt, sagte sie:

außerdem hat der mir den Zweitschlüssel vom Auto geklaut.

Und jetzt fährt er damit rum?

Nein. Er macht das Fenster auf, oder das Radio, oder das Licht an und letztens hat mich die Nachbarin angerufen und meinte, ich hätte das vergessen. Aber ich laufe immer noch einmal ums Auto herum, um zu gucken, ob alles zu ist.

Der Schmuck der Dame liegt jetzt in einem Safe, für den sie dreißig Euro im Jahr bezahlt. Als sie die Polizei gerufen hat, hat die Polizistin zur verschwundenen Kette gesagt, wer weiß wo sie die hingelegt hat.

Dabei bin ich doch so ordentlich in allem.

Jetzt hat sie teure Sicherheitsschlösser, die nichts geholfen haben, und Metallkästen über den Scharnieren, die aber auch nichts helfen.

Der ist raffiniert.

Bonnie bekam während des Gesprächs eine Menge Zuneigung in Form von Streicheln und liebevollen Blicken. Bonnie hat 120 Euro gekostet.

Das ist noch billig!

Als sich in meinem Kopf zwei Parallelgeschichten bilden, beschließe ich zu gehen. Ich halte es fast für ausgeschlossen, dass der Nachbar tatsächlich derartiges tut und kann mich nicht entscheiden, ob Oma Bonnie Anzeichen für Demenz zeigt oder fiese Verwandte mit Zweitschlüssel hat, die sie schikanieren, um…ja, um sie entmündigen zu lassen? Vielleicht, weil sie das schöne Erbe beim Homeshoppen ausgibt?

Halb elf? Oh, Luke muss jetzt essen.

Ja, das ist wichtig.

Dann bis bald und alles Gute!

Danke, Ihnen auch.

Danke.

In den letzten zwei Tagen, musste ich viel über Einsamkeit nachdenken.

 
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Kommentare
KalleWirsch schrieb am 30.06.2011 um 11:54
Ich fürchte es handelt sich hier eindeutig um Demenz. Ich verstehe das Nachdenken über Einsamkeit. Wahrscheinlich ist die alte Frau auch einsam. Doch das, was du da beschreibst, den Verfolgungswahn vor dem Polen gegenüber, das hat mit Einsamkeit nichts zu tun. Lebte sie in ihrer Familie, dann würde sie ein Familienmitglied beschuldigen.

Ich habe das selbst mit meiner Oma erlebt. Das wurde so schlimm, dass meine Eltern sie schweren Herzens in ein Heim gegeben haben.

Manchmal, wenn ich merke, dass mein über 80jähriger Vater so kleine geistige Aussetzer hat, wird mir angst und bange. Und manchmal glaube ich, dass wir alle zu alt werden.
luzieh.fair schrieb am 30.06.2011 um 12:38
Hm, ja, ich konnte bei meiner Oma (die hat bis zu ihrem Tod bei uns gelebt) auch Ähnliches beobachten (vermehrte Verschwörungstheorin im Alter), deshalb kam ich im Gespräch mit Oma Bonnie übehaupt auf die Demenzidee.
Die Geschichte mit der Familie, die perfide Pläne verfolgt, kommt mir auch zu Dailysoapmäßig vor :-)
KalleWirsch schrieb am 30.06.2011 um 13:15
"Die Geschichte mit der Familie, die perfide Pläne verfolgt, kommt mir auch zu Dailysoapmäßig vor :-)"

Dort könnte man sie aber sicherlich über mindestens ein Vierteljahr erzählen;)
Cassandra schrieb am 30.06.2011 um 15:25
Meine Oma hat das selbe Problem. Bei ihr liegt es aber wohl am Entgegenwirken von zwei verschiedenen Medikamenten.

Wenn ihre Einbildungen harmlos sind, unterstellt sie mir, ich hätte ihre Notenhefte mitgenommen und wenn es schlimm ist, erzählt sie, der Sohn ihres Arztes würde nachts auf ihrer Treppe sitzen und ihr von den Problemen mit seinem Vater erzählen. Oder ein Türke steht auf dem Balkon und bedroht sie. Einmal hat sie mich so weit gebracht, dass ich in einem heißen Sommer Angst hatte, die Balkontür nachts anzukippen. :)

Manchmal hat sie Momente, da merkt sie, was sie da erzählt hat. Das ist ihr dann peinlich.
KalleWirsch schrieb am 30.06.2011 um 15:58
"Manchmal hat sie Momente, da merkt sie, was sie da erzählt hat. Das ist ihr dann peinlich."

Das ist, glaube ich, mit das Schlimmste. Jedenfalls habe ich es so in meinem Zivildienst im Altenheim und später in der ambulanten Pflege erlebt. Es gibt ja auch harmlose Formen von Demenz, die ohne Angst und Verfolgungswahn auskommen, wo ich oft dachte, dass die Leute trotzdem gut drauf sind. Bei diesen Leuten kam es immer darauf an, wie man mit ihnen umgegangen ist. Hat man sich auf ihre Realität eingelassen, dann klappte das alles ganz gut. Und oft hat es Spaß gemacht in diese Realität einzutauchen.
Aber sobald diese Leute klare Momente hatten, waren sie oft am Boden zerstört. Da hab ich mir manchmal gewünscht, sie blieben in ihrer neuen Realität. Bei Dementen mit schlimmen Angstsymptomen habe ich diese klaren Momente nicht beobachten können.
goedzak schrieb am 19.09.2011 um 01:43
Na sowas, diesen skurrilen und zu Herzen gehenden Text muss ich damals verpasst haben. Durch einen Zufall finde ich ihn nun, wo ich's gerade selber mit Puppen habe. :))

Eine schöne Woche wünscht g.
luzieh.fair
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ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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