Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

Frieden – Wie geht das?

Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

Zur Empfehlung
Meine Frau weint

Meine Frau weint

Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

Zur Empfehlung

Kultur : Bonnie wohnt im Puppenhaus

Zum Kommentar-Bereich

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Ein Spaziergang, keine Zugfahrt. Ich musste früh los, denn der Tag versprach heiß zu werden und der Hund wollte vorher noch ein bisschen rennen.

Nach der ausgiebigen Runde ging es noch gemächlich um den See. Auf einer Bank saß ein Vater mit seiner Tochter. Sie beobachteten Enten. Zwei Bänke weiter sah ich eine alte Frau mit ihrer Enkelin. Der zweite Blick ließ mich stutzen. Die Enkelin entpuppte sich als Puppe. Ich setzte mich auf die freie Bank in der Mitte.

Schaute verstohlen rüber und fragte:

Wie heißt sie denn?

Bonnie

Ah, wie Bonnie und Clyde?

Oder wie Bonnie aus vom Winde verweht.

Das ist dieser Film, oder?

Ja, der, der vier Stunden geht.

Der romantische, oder?

Auch traurig.

Ach so.

Ich habe vierzig Puppen.

Es beruhigt mich, dass die Dame sich darüber im Klaren war, dass sie einer Puppe den See zeigte.

Aber der Homeshopping-Kanal bietet die nicht mehr an.

Naja, vierzig sind ja vielleicht auch genug.

Ja, das stimmt.

Und Sie nehmen immer eine andere mit?

Nein, nur Bonnie.

Warum nur Bonnie, fragte ich mich und sie.

Wissen Sie, mir gegenüber, da wohnt ein Pole. Und sie glauben nicht was der macht. Der bricht ein und schneidet Bonnie die Haare ab. Einen Finger hat sie auch schon verloren.

Die Frau zeigte verzweifelt auf den fehlenden Finger an der Puppenhand.

Ich war verwirrt:

warum sollte er das denn tun?

Der will mich schikanieren. Der kommt auch rein und schneidet die Ränder von meinen Frischkäsedeckeln auf und wenn ich sie hochhebe, fallen sie runter. Und die Saft- und Milchtüten dreht er mir auf und dann werden sie schlecht. Wissen Sie, ich hole immer gleich drei, dann muss ich nicht so oft laufen.

Zwiespalt. Ja, ich steckte in einem Zwiespalt. Mir war zum Schmunzeln, aber ich war gleichzeitig betroffen. Als hätte sie das gemerkt, sagte sie:

außerdem hat der mir den Zweitschlüssel vom Auto geklaut.

Und jetzt fährt er damit rum?

Nein. Er macht das Fenster auf, oder das Radio, oder das Licht an und letztens hat mich die Nachbarin angerufen und meinte, ich hätte das vergessen. Aber ich laufe immer noch einmal ums Auto herum, um zu gucken, ob alles zu ist.

Der Schmuck der Dame liegt jetzt in einem Safe, für den sie dreißig Euro im Jahr bezahlt. Als sie die Polizei gerufen hat, hat die Polizistin zur verschwundenen Kette gesagt, wer weiß wo sie die hingelegt hat.

Dabei bin ich doch so ordentlich in allem.

Jetzt hat sie teure Sicherheitsschlösser, die nichts geholfen haben, und Metallkästen über den Scharnieren, die aber auch nichts helfen.

Der ist raffiniert.

Bonnie bekam während des Gesprächs eine Menge Zuneigung in Form von Streicheln und liebevollen Blicken. Bonnie hat 120 Euro gekostet.

Das ist noch billig!

Als sich in meinem Kopf zwei Parallelgeschichten bilden, beschließe ich zu gehen. Ich halte es fast für ausgeschlossen, dass der Nachbar tatsächlich derartiges tut und kann mich nicht entscheiden, ob Oma Bonnie Anzeichen für Demenz zeigt oder fiese Verwandte mit Zweitschlüssel hat, die sie schikanieren, um…ja, um sie entmündigen zu lassen? Vielleicht, weil sie das schöne Erbe beim Homeshoppen ausgibt?

Halb elf? Oh, Luke muss jetzt essen.

Ja, das ist wichtig.

Dann bis bald und alles Gute!

Danke, Ihnen auch.

Danke.

In den letzten zwei Tagen, musste ich viel über Einsamkeit nachdenken.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.