luzieh.fair

Blog von luzieh.fair

13.01.2012 | 20:47

Kobold und Elfe - wie der kleine Unterschied groß geredet wird

Ich habe ja, vor meinen beiden letzten Beiträgen, eine längere Pause eingelegt. Nun ist der Raum zum Schreiben wieder da. Nun kann ich wieder zurückkommen.
Auch zurück zum Thema.

Sex&Gender.

Als ich etwa fünf Jahre alt war, spielte ich mit meinen Brüdern und den Nachbarjungen Räuber und Gendarm. Da wir alle Räuber sein wollten, fehlte es an Gendarmen. Das hielt uns freilich nicht davon ab, uns zu verstecken.

Irgendwann kam der Tag, an dem hieß es: wir müssen auf die Aufsichtspunkte. Ausschau halten. Ich fasste einen der Äste an, um hinauf zu klettern und hörte plötzlich ein bestimmtes: Du nicht. Du bist ein Mädchen. Du musst in der Höhle bleiben und kochen. Ich schaute an mir herunter, überlegte kurz und sagte dann: ok, dann heiß ich ab jetzt John. Und ohne Widerspruch durfte ich auf die Aufsichtsplattform.
Ein Kind in meinem Bekanntenkreis ist gerade drei. Der Kleine läuft durch die Gegend und erzählt stolz: ich bin ein Kobold und ein Elfe! Seine Erzieherin in der Krippe sagte: nein, jedes Kind kann nur eins sein -ein Kobold oder eine Elfe. Und Du bist ein Kobold. Empörte Kleinkinder sind irgendwie witzig. Der Kleine hat sich auch wieder beruhigt, als seine Mutter ihm versicherte, dass er alles sein könne, was er will.

Unlängst fiel mir ein Paper von einer gewissen Lise Eliot in die Hände.
Sie setzt sich mit der frühen Hirnentwicklung des Menschen auseinander und versucht, Missverständnisse aufzuklären. Eliot fragt ob Gehirne tatsächlich so unterschiedlich sind, wie das propagiert wird. Der Untertitel eines ihrer Bücher verrät, dass sie die Studien anders interpretiert, als viele Ihrer KollegInnen: How Small Differences Grow into Troublesome Gaps – and What We Can Do About It

Also: Unterschiede ja. Aber eben: klein.

Die allseits beliebte Idee von Mars und Venus sei Schuld daran, dass die These, Jungen und Mädchen hätten von Geburt an eine grundverschiedene Hirnstruktur, so erfolgreich ist.  Die Plastizität von Gehirnen, die sich ja selbst bei Erwachsenen stetig verändern, sei ein  Hinweis darauf, dass es keine geschlechtsspezifische, im Hirn festgelegte Verhaltens- oder Talentstruktur, gibt.

„Of course, genes and hormones play a role in creating boy-girl differences, but they are only the beginning. Social factors, such as how we speak to our sons and daughters and whether we encourage their physical adventurousness, are proving to be far more powerful than we previously realized.” Link

Louann Brizendine,  eine Psychiaterin, die emotional gesteuerte Eigenschaften für spezifisch weibliche Eigenschaften hält, wird von Eliot ebenso kritisiert, wie Leonard Sax . Sax ist „an influential physician who uses claims about brain and sensory differences between boys and girls to lobby for gender segregation in schools.”

Studien wurden fehl- und überinterpretiert. Nicht nur von Sax. Studien, die Gegenteilige Ergebnisse aufwiesen, wurden ignoriert.

Förderung, vor allem gezielte Förderung nimmt Einfluss, auf das Bilden neuer Nervenzellen, auf die Verknüpfung von Synapsen zwischen ihnen und auf das Produzieren von Hirnbotenstoffen. Wenn Jungen und Mädchen also von ihrer Umwelt vom ersten Tag wie Jungen und Mädchen behandelt werden, wenn sie eben unterschiedlich wahrgenommen werden, dann ist es zwingend, dass sich die Gehirnstruktur unterschiedlich entwickelt.

„By appreciating how sex differences emerge—rather than assuming them to be fixed biological facts—we can help all children reach their fullest potential, close the troubling gaps between boys and girls, and ultimately end the gender wars that currently divide us.” Link

Das allerdings würde bedeuten, dass Eltern Zeit (und auch Lust) haben, ihre Kinder bewusst zu fördern. Ich glaube, Lust ist nicht das schwerwiegendste Problem, die Zeit, daran könnte es scheitern. Und vielleicht auch (je nach Bildungsgrad der Eltern) am Vermögen, den Kindern die „richtige“ Förderung teilwerden zu lassen.
Genug Betreuungsplätze, die auf genderneutrale Förderung achten, gibt es auch nicht.
Wobei ich auch sagen muss, dass ich immer eine Gänsehaut bekomme, wenn ich an (früh)kindliche Förderung denke. Bekomme ich doch das Bild des überforderten Kindes nicht aus meinem Kopf, dass schon Terminstress hat, bevor die Schule überhaupt beginnt.
Vor ein paar Wochen habe ich diesen Brief gelesen. Ich war mehr als gerührt und konnte mir die eine oder andere Träne nicht verkneifen.

An meine Schwester schrieb ich nach der Lektüre: wir müssen ganz schön aufpassen, was wir den Kleinen so zumuten.

Sie antwortete: ja, deshalb ziehen wir ja auch aufs Land, damit der Wurm später Frösche fangen kann.

Kinder habe die Gabe alles sein zu können, was sie wollen und wir -die großen Leute- müssen ihnen einfach nur zuhören. Ihnen ihre Fragen beantworten und ihnen die Möglichkeit geben, sich mit dem zu beschäftigen, was sie interessiert. Ihnen aber auch die Möglichkeiten bieten, herauszufinden, was sie interessiert.

Wieso können sie nicht einfach das sein, was sie sind?

Kinder.

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 14.01.2012 um 01:01
Bin ja begeistert, was Du für eine Art hast, solche oder andere Probleme anzugehen! :)

Die erwähnte Literatur und die Studien kenne ich nicht, den verlinkten Brief habe ich nicht zuendegelesen, weil mir nach der ersten Seite der Gedanke kam, ob der Papi die Zeit nicht lieber seinen Kindern hätte widmen sollen, wenn er sich schon so sehr schämt, die Autofahrt so falsch genutzt zu haben. Und ich finde es auch nicht so schlimm, das es nicht "genug Betreuungsplätze, die auf genderneutrale Förderung achten" gibt.

Denn letztendlich besteht die Aufgabe doch darin, die Kinder stark fürs reale Leben werden zu lassen, nicht darin, ihnen von Anfang an eine ideale Welt als Watte umzupacken.

Nein, nein, damit meine ich nicht dieses "Was dich nicht umbringt, macht dich hart"-Ding! Ein kleiner Schutzraum, eine kleine utopische oder ideale Enklave muss schon sein, damit die Kinder ihre Kräfte ohne Gefahr und Druck ausprobieren, entfalten und stärken können. Das ist die Familie oder entsprechende Orte.

Die Bewährung, das Überwinden von Schwierigkeiten, das Durchsetzen des Eigenen usw. ist die unabdingbare zweite Seite der Medaille. Also um wirklich sein zu können, was es will, Kobold und Elfe, muss das Kind erstmal dieses Selbstwertgefühl entwickelt haben, das es selbst davon überzeugt, nichts falsches zu wollen. Wenn es das von den Eltern bekommen hat, wird es auch in einem Kindergarten voller konventionell denkender "Tanten" klarkommen, ohne deren Muster fürs Leben sich aufdrücken zu lassen.

Erziehungsalgorhytmen aus Ratgeberbüchern kann man sich ja mal angucken, die helfen aber nicht wirklich, stören eher. Ein fataler Fehler ist zum Beispiel, dass solche Literatur letztlich suggeriert, Eltern dürften keine Fehler machen, ja, es sei möglich keine Fehler zu machen...
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 09:17
Danke goedzak!
Auch für den langen Kommentar.

Ja, erst war der Beitrag eher medizinisch, weil ich mich mit diesem Paper beschäftigt habe (das kann ich leider nicht verlinken, weil pdf auf meinem pc und nicht im Netz). Dann hab ich ihn nochmal gelesen und dachte: nee, das ist keine Luzieh, das muss anders gemacht werden.

Ich hoffe im Übrigen sehr, dass der Vater den Brief während der Arbeitszeit geschrieben hat und nicht während er hätte beim Abendbrot sitzen sollen.
Hier meine Lieblingszitate:

"Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen."

"Baugenehmigungen für Luftschlösser"

"Zeit, um Zeit zu verschwenden"

"Ich bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen."

"Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen."

"Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen."

Zu den Ratgebern steht in dem Brief auch etwas:

"Warum wird das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller? Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind?"

Was ich mich dabei vor allem frage: wie viele von diesen verrückten Ratgebern soll man als Eltern denn lesen? Die sagen ja alle was anderes...

"Wenn es das von den Eltern bekommen hat, wird es auch in einem Kindergarten voller konventionell denkender "Tanten" klarkommen, ohne deren Muster fürs Leben sich aufdrücken zu lassen."

Das stimmt wohl - aus mir ist ja auch was geworden...

"Ein fataler Fehler ist zum Beispiel, dass solche Literatur letztlich suggeriert, Eltern dürften keine Fehler machen, ja, es sei möglich keine Fehler zu machen..."

...obwohl viele Leute, viele Fehler gemacht haben ;-)
Zeitwechslerin schrieb am 14.01.2012 um 12:05
Da stimm ich ganz und gar zu. Ich fand den Brief an Marie, als er in der Zeit erschien, auch aufreizend. Niemand zwingt ihn, sein Kind so reinzutreiben. Damit auch noch zu kokettieren und Geld zu verdienen, ist verdreht. Soll ers halt lassen, wenn ers schon einsieht ^^
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 12:28
Ich glaube nicht, dass er selber sein Kind so sehr reintreibt. Es geht ja um eine allgemeine (und auch die politische) Entwicklung in der neoliberalen Leistungsgesellschaft.
Zeitwechslerin schrieb am 14.01.2012 um 12:40
Naja und ich find, dass Eltern auch ein bisschen Flagge zeigen können und nicht jedem Trend hilflos ausgeliefert sind. Ob es nun um völlig grundloses Üben geht (wie in dem Artikel) oder um die vorgebliche Notwendigkeit, dass Kinder alles haben müssen, was "alle" haben. Klar versteht man, dass niemand möchte, dass sein Kind zurückbleibt, aber sich allgemein für das Kind interessieren und Selbstbewusstsein stärken ist meiner Meinung nach mindestens ebenso wirksam wie Üben, Drill und i-phones. Und viel besser für die Lebensqualität und Entfaltungsmöglichkeiten ;)
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 12:55
"sich allgemein für das Kind interessieren und Selbstbewusstsein stärken ist meiner Meinung nach mindestens ebenso wirksam wie Üben, Drill und i-phones."

Ja das stimmt wohl. Wobei es wohl drauf ankommt, weche "Wirkung" sich Eltern wünschen.
Bei uns in der WG gibt es eine (unter vielen, wie in echten WGs so üblich ;-) ) Vorschrift: Smart-Phones - nicht am Tisch!
tlacuache schrieb am 14.01.2012 um 08:50
Ja frueher hiess es Maesels koennen kein Mathe, jetzt sind sie wohl besser...
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 09:19
hmhm...

Aus dem ZEIT-Artikel:

"Mit der umfassenden Förderung von Mädchen gibt man sich inzwischen deutlich mehr Mühe als noch vor einigen Jahrzehnten. Bei Jungen aber finde man es leichter, "das Testosteron" oder die "langsamere Entwicklung" verantwortlich zu machen, wenn sie aggressiv werden oder sich in der Schule schwertun, sagt Eliot."
tlacuache schrieb am 14.01.2012 um 09:39
Du Schlaunase:
;-)
Ich kann Dir da noch einiges rausgraben, habe aber in Nebenkriegsschauplätzen (Blogs) allerhand voll zu tun !
Hier noch ein Zitat CEO Mädel:
"CEO - Männer müssen sich wie ein Fisch im Wasser bewegen"
aber
"CEO - Frauen müssen sich wie ein Fisch im Wasser bewegen, fliegen sollten sie besser auch noch beherrschen"...

Zufrieden erstmal?
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 09:43
Erstmal ja.

Na dann: weitermachen!

;-)
Zeitwechslerin schrieb am 14.01.2012 um 11:51
Was bleibt an Unterschieden? Mädchen sind im Schnitt in sprachlichen und sozialen Bereichen besser, Jungs im räumlichen Denken. Jungs leben ihre Aggressivität eher körperlich aus, Mädchen über soziale Mittel wie Mobbing. Stae of the art ist, dass das Ausmaß an Aggressivität gleich ist. Im Schnitt heißt natürlich, dass jede(r) einzelne absolut gesehen trotzdem der/die Beste in einem Bereich sein kann, in dem das andere Geschlecht einen höheren Mittelwert erzielt. Also das bedeutet für den Einzelnen keine Determination, zeigt nur, dass es in den Mittelwerten Unterschiede gibt, die wohl nicht nur auf die Erziehung zurückzuführen sind.

Tatsächlich scheinen die Hormone entscheidend zu sein. So zeigen Mädchen, die als Baby mehr Testosteron hatten als 8-Jährige signifikant weniger Kinderwunsch als andere Mädchen im gleichen Alter, spielen weniger mit Puppen, zeigen mehr "Wildfangverhalten" und mehr körperliche Aggressivität.

Dass Befunde, die wenig Unterschiede feststellen, wissenschaftlich nicht genügend Beachtung finden, ist nicht richtig. Die größte Untersuchung in den Siebzigern, auf die sich das Dogma der grundsätzlichen Gleichartigkeit gründet, wurde wissenschaftlich voll verpfuscht (weniger als die Hälfte der Ergebnisse wurde ausgewertet, angeblich weil die Kartons mit den Fragebögen von den Mitarbeitern "vergessen" wurden). Nachdem das, was eigentlich ein riesen Wissenschaftsskandal ist, herausgefunden und alles ausgewertet wurde, ließ sich der auch in diesr Untersuchung der Befund der generellen Gleichartigkeit nicht halten, aber die Öffentlichkeit war schon indoktriniert, es gäbe keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Außerdem forschen vor allem Frauen genderspezifisch und viele meinen eben, es sei zum Vorteil der Frauen, wenn man keine Unterschiede findet. Insofern wird die Gleichartigkeit in Ergebnissen immer hervor-, die Verschiedenartikeit in einzelnen Aspekten unter den Tisch gekehrt.

Im Ergebnis stimm ich Ihnen dennoch völlig zu: es gibt Unterschiede, aber die sind gering. Ich würde sie nicht auf die Erziehung zurückführen, da sie in Einzelbereichen sehr stabil sind. Man hat zum Beispiel bei Eignungstests für Piloten sehr hohe Anforderungen an das räumliche Vorstellungs- und Handlungsvermögen, bei denen Frauen nicht annähernd gleich gute Ergebnisse erzielen wie Männer. Selbst wenn man miteinbezieht, dass Frauen in Männerdomänen schlechter performen, wenn sie wissen, dass sie gegen Männer antreten, erklärt das nicht die Konstanz dieses Befundes. In Mathematik, was ja früher per Vorurteil als klassische Männredomäne galt, halten sich Unterschiede in objektiven Untersuchungen nicht, beim räumlichen Denken schon.

Ich bin nicht der Meinung, dass genderneutrale Erziehung zum Vorteil von Mädchen ist. Schon kleine Jungs gehen körperlich und verbal aggressiver in Auseinandersetzungen, Mädchen ziehen sich eher zurück und überlassen, bevor sie kämpfen, den Jungen das Feld. Wir sind darauf angewiesen, dass Jungs im Verhalten "reguliert" werden, wie es eine eher konservative Erziehung getan hat. Nicht so arg wie es jetzt üblich ist, dass jedes aggressive Verhalten als böse gilt, aber soweit, dass die Mädchen auch zum Zug und zur Entfaltung kommen.
luzieh.fair schrieb am 14.01.2012 um 12:23
Hm, vielleicht habe ich das missverständlich ausgedrückt: Eliot sagt, dass die angeborenen Unterschiede verschwindend gering sind, also nicht so wie die Strecke zwischen Mars und Venus, sondern eher wie die zwischen Nord und Süd Dakota.

Sie sagt, dass durch geschlechtsspezifische Erziehung (oder eben durch "die Gesellschaft", denn diese Erziehung läuft ja selten bewusst ab und oft geht es um implizite Erwartungshaltung auf der einen und das Anchahmen der Eltern, oder anderer Bezugspersonen auf der anderen Seite) werden die Unterschiede verstärkt. Jungen werden mehr dazu angehalten sich alleine mit technischem Zeug zu beschäftigen, während mit Mädchen über ihre Gefühle gesprochen wird (mal plakativ gesagt).
Und so kommt es dann zu den Ergebnissen bei den Eignungstest für Piloten, oder zu dem Missverständnis, Männer seien eben weniger emotional.
Also: die testergebnisse weisen laut Eliot nicht darauf hin, dass Männer und Frauen naturgemäße unterschiedlcih sind, sondern dass die Unterschiede, die es von Anfang an gibt durch die Erziehung wachsen.

Bei genderneutraler Erziehung würde es ja nicht darum gehen, Mädchen dazu anzuhalten, die Ellebogen auszufahren, sondern allen Kindern den Raum zu geben Konflikte so zu lösen, wie es sich für sie am besten anfühlt. So, dass auch Jungs sich zurückziehen können, wenn sie wollen.
Es ist ja auch so, dass es gesellschaftlich viel schneller akteptiert wird, wenn ein Mädchen sich vermeintlichen Jungendingen hingibt. Oder lieber "Jungsklamotten" trägt, als wenn ein Junge plötzlich in Kleidern und Balarinas herumlaufen will und darauf besteht eben auch eine Elfe zu sein.
So entstehen bestimmt Fixierungen auf ein bestimmtes Verhalten (eben das "männliche"), die nicht gesund sein können. Besonders dann nicht, wenn die der Junge eben nicht immer danach fühlt "stark" zu sein.
Und genderneutral ist vielleicht auch etwas zu hoch gegriffen, als Begriff. Es sollte vielleicht in die Richtung gehen, dass es einfach keine Rolle spielt, ob nun ein Junge oder ein Mädchen im Sand sitzt und weint. Ob nun ein Junge oder ein Mädchen die Schippe auf den Kopf eines anderen Kindes schlägt.
Ob nun ein Junge oder ein Mädchen mit Puppe, oder Roboter spielt.

Was ich noch klar sagen muss: ich halte es für falsch zu sagen, "dass Jungs im Verhalten "reguliert" werden" müssen. Klar muss man mit eher aggressiven Kindern darüber sprechen, warum sie so aggieren. Aber Kinder sind ja nicht dumm. Ganz im Gegenteil. JedeR dreijährige versteht, dass es einem anderen wehtut, wenn dieser mit der Schippe geschlagen wird.
Zeitwechslerin schrieb am 14.01.2012 um 13:06
Sie haben das schon klar ausgedrückt, wenn da ein Missverständnis ist, geht das auf mich. Ich versteh schon die Argumentation der gesellschaftlichen geschlechtsbezogenen Erziehung, aber dass die ÜBERHAUPT einen Effekt hat, ist völlig unbewiesen. Das ist so ein Dogma, das immer angeführt wird ohne JEDE wissenschaftliche Fundierung. Natürlich klingt es schlüssig. Aber andererseits wenn die gesellschaftliche Erziehung so eine große Rolle spielen würde, hätten die Mädchen nie solche Ergebnisse von jetzt auf gleich erbringen können. Wir wurden von Mathelehrern begrüßt mit "Eine Mädchenklasse, na dann muss ich mal meine Ansprüche runterschrauben... (verzweifelter Blick)"
Wie kann es unter der Prämisse der großen Wirksamkeit der gesellschaftlichen Manipulation sein, dass schon in meiner Generation die Frauen in objektiven Tests besser abschneiden? Also wenn die Gesellschaft den Mädchen die Mathematikkompetenz austreiben wollte, hat sie ja wohl gründlich versagt ^^

Wenn da was dran wäre, hätten wir Jahrhunderte an gelebter Emanzipation gebraucht, um Frauen soweit aufzutauen, dass sie sich trauen nur mal eins und eins zu denken, bei der tatsächlich stattgefundenen Diskriminierung. Tatsächlich brauchte man aber nur objektive Tests und schwupps hat sich gezeigt, dass Frauen gleich gut oder besser sind. So schlimm kanns nicht gewesen sein. Die Diskriminierung war schon schlimm, aber die Auswirkungen auf die Fähigkeiten der Frauen waren es nicht.

Zur Verhaltensregulation: ja genau, man muss es jedem Kind sagen, dass man dem anderen nicht auf den Kopf hauen soll, tut mans nämlich nicht, kommen die Mädchen in die Defensive, weil sie einfach weniger schlagen. Das was ich damit sagen wollte ist: wenn wir von Genderneutraliät reden, meinen wir nur immer, Mädchen sollten nicht benachteiligt werden, in dem man sie hindert. Tatäschlich hat man in der konservativen Erziehung nicht nur den Aspekt, dass Mädchen zu stiller Nettigkeit erzogen, sondern auch Jungs sehr stark reglementiert wurden.
Rosalix schrieb am 14.01.2012 um 14:56
Letzter Satz, guter Satz! Das Problem ist wirklich, dass es sehr viele unterschiedliche Kinder gibt. Es gibt Mädchen, die dem Mädchenklischee scheinbar entsprechen, auch wenn die Eltern alles versuchen einen anderen Weg einzuschlagen, wie z. B. ihnen Jungenspielzeug zu schenken.
Gleichzeitig gibt es Buben die mit Puppen spielen und Tierchen Eisenbahnen vorziehen. Als ich klein war, wollte ich nie braves Mädchen sein, alles machen wie die Jungen, ich fühlte mich schon immer zu Abenteuer und Aktion berufen. Dann, als ich eine Tochter bekam, glaubte ich, dass durch die" richtige Erziehung " der Fluch des braven Mädchens zu brechen sei. Aber ich hatte mich ja sowas von getäuscht! Meine Tochter war nicht daran interessiert ein wildes und tollkühnes Mädchen zu werden! Sie wollte zum Ballett... (ich war beim Judo). Tja...
Seid dieser Erfahrung weiß ich, dass es sehr viele Veranlagungen gibt die den kleinen Menschen bestimmen, welche von uns als Erwachsene einfach gut gefördert und toleriert werden sollten. Jungen lieben es oft mit Schmuck zu spielen oder und rosa zu malen, Mädchen stehen auf Barbiepuppen oder auf Baumhäuser, Fußball oder Ballett.
Die Gesellschaft schafft es höchstens, dass sie sich bei dem was sie lieben, nicht wohl fühlen können oder sich nicht "outen". Schon Kinder verstellen sich weil sie in der Gruppe nicht anerkannt werden, als das was sie sind.
luzieh.fair schrieb am 24.01.2012 um 12:20
"Das Problem ist wirklich, dass es sehr viele unterschiedliche Kinder gibt."

:-) nee, das Problem sind die großen Leute und wie sie damit umgehen...

Aber ja: "du wirst geliebt, wie Du bist" sollte das Credo sein.
Magda schrieb am 14.01.2012 um 16:39
Hallo Luzieh,
ich erinnere mich auch noch als Kind, wie ich immer dorthin nicht mitdurfte, wo die Jungs hinwollten. Aber - so lange und breite Erklärungen hörte ich nicht auf mein "Ich will mit Gequengel", eher "Geh uns nicht auf den Wecker". Und weg waren sie Kirschen klaun.

So und nu muss ich noch den Rest lesen. Denke aber, dass diese herbeidefinierten großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer Instrumente sind, irgendwie, um die Welt in Ordnung zu halten.
luzieh.fair schrieb am 24.01.2012 um 12:21
Hast Du das mit dem Kirschen klauen denn nachgeholt? Wenn nein: das solltest Du, die gestohlenen schmecken erfahrungsgemäß am besten ;-)
Magda schrieb am 14.01.2012 um 17:22
www.zeit.de/wissen/2012-01/maedchen-mathematik

Beim Nachgang auf diesen Brief, der mir nicht so toll gefällt, fand ich aber diesen interessanten Beitrag.
Zeitwechslerin schrieb am 14.01.2012 um 18:16
Boah die Kommentare darauf sind heftig. Da halten sich doch sehr vorurteilsbehaftete Ansichten allen Studien zum Trotz und werden mit vielen Empfehlungen versehen. Was für ein unerträgliches Gesülze. Ich pack diese Faktenresistenz überhaupt nicht.
only connect schrieb am 14.01.2012 um 22:49
Die Kommentare zu dem Zeit-Artikel sind allerdings gruslig. Steht zu hoffen, dass ein großer Anteil ganz einfach von Trollen mit besonders kaputtem Humor kommt. Bei so manchem, was ich da lese, mag ich nicht glauben, dass das irgendwer ernst meint. Ist leider bei solchen Themen meistens so.
only connect schrieb am 14.01.2012 um 23:17
Lise Eliots Buch liegt seit zwei Wochen bei mir zu Hause - ich bin noch nicht ganz durch, aber es liest sich sehr gut. Im März erscheint zum selben Thema Cordelia Fines "Delusions of Gender - the Real Science behind Sex Differentes" in deutscher Übersetzung. Klingt auch lesenswert.

@Zeitwechslerin: Mag sein, dass in den 70ern anders war - aber heute ist die Vorstellung, Männlein und Weiblein seien extrem unterschiedlich, grade groß im Trend und wird im Mainstream wenig hinterfragt.

Was mich daran stört, ist nicht nur die Wertung dieser (angeborenen oder anerzogenen, wie auch immer) Unterschiede, sondern diese Vorstellung, die Geschlechter seien einander völlig fremde Welten, unfähig, sich gegenseitig auch nur halbwegs zu verstehen.

Da werden sie in zwei entgegen gesetzte Ecken geschoben, fast wie vor einem Ringkampf, weit voneinander entfernt. Gegensätze halt, wie es scheint. Und dann wird diesem seltsamen Bild noch das Bild von der Kernfamilie hinzugefügt, die fremden Welten sollen also die natürlichste Einheit, die Keimzelle des Staates sein. Was für ein Widerspruch!

Wenn ich wirklich glauben würde, dass ich als Heterofrau sowieso keine große Chance auf eine gute, liebevolle, spannende (und was ich für mein Teil mir eben vorstelle) Beziehung mit einem Mann führen könnte, wenn ich dieses Zeug von den enormen Unterschieden, den ewigen Missverständnissen usw. wirklich für wahr hielte - dann würde ich mir eine nette Frauen WG suchen und ab und zu mal heiße Nächte auswärts verbringen.
luzieh.fair schrieb am 24.01.2012 um 12:33
In einem anderen Kommentar habe ich gerade geaschrieben: Die Kunst ist doch, mit den offensichtlichen Widersprüchen umgehen und leben zu lernen.
Der Widerspruch ist hier nicht der scheinbare (Mann-Frau), sondern der zwischen gesellschaftlicher Erwartung und eigenem Wunsch.
UNd wir wissen doch alle: in jeder Beziehung (ob es eine Romanze oder eine enge Freundschaft, oder beises oder, oder, oder ist) gibt es irgendwann Punkte an denen man nicht weiter kommt. Punkte an denen man merkt: ok. hier wartet Arbeit auf uns, wenn wir nicht auf der Stelle treten wollen.
Das ist nicht männlich, oder weiblich, sondern menschlich.
only connect schrieb am 26.01.2012 um 14:38
So isses! Unterschreib ich.
luzieh.fair schrieb am 24.01.2012 um 12:34
@all

Danke für die Kommentare. Sie haben mich weitergebracht.
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