Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

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Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Politik : Politik - eine Metamorphose

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Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, fiel die Mauer. An diesem Abend saßen wir zusammen vorm Fernseher. Die ganze Familie. Die Eltern waren unerklärlicherweise gerührt, von dem, was sie da in der Glotze sahen. Alle waren aufgeregt. Es gab Sekt. In der Euphorie, wurde auch mir ein Flötchen angeboten. Es gab ja schließlich etwas, zu feiern. Trockender Sekt. Ein Schluck war genug und ich wusste: nein, das ist nichts für mich.

Das war meine erste bewusste Begegnung mit der Politik: tränengerührte Große Leute, die jauchzend die Ode an die Freude einstimmten und sich wunderten, dass meine Geschmacksnerven, nicht so recht getroffen werden wollten.

Drei Jahre später brannten die Häuser. Erst in Rostock-Lichtenhagen, dann in Mölln und schließlich in Solingen. Wieder waren die großen Leute den Tränen nahe. Aber nicht vor Freude. Noch heute bekomme Gänsehaut, wenn ich mich an die damalige Stimmung erinnere. Sekt, gab es auch nicht.

Und dann ging es mit Familie und Nachbarn in die nächste Stadt, um der Lichterkette beizuwohnen. Ich weiß nicht, ob uns Kind-gerecht erklärt wurde, warum wir da waren. Ich weiß nicht einmal, ob es für solche Ereignisse, Kind-gerechte Erklärungen gibt.

Im Laufe der Jahre hörte ich die großen Leute, immer mal wieder über „die da oben“ sprechen. Dass die machen, was sie wollen. Dass es eh egal ist, wen man wählt, weil es ohnehin nur um Macht und Kohle und noch mehr Kohle geht.

Die Umwelt. Die Kinder. Das Erbe.

Unsere Eltern haben sich oft bei uns dafür entschuldigt, dass wir das alles aufräumen müssen. Mit sechzehn dachte ich dann wohl nicht ohne Grund, des Öfteren: danke, für den riesen Haufen Sch****, den Ihr uns hinterlasst.

Mit siebzehn, war mir klar, dass jede Generation, dass irgendwann einmal so empfunden hat und dass auch meine Kinder, irgendwann einmal so denken würden.

Den Haufen, machte diese Erkenntnis, freilich nicht kleiner.

Dann habe ich im Politikunterricht gelernt, dass ich tendenziell schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe. Weil ich eine Frau bin. Und weil meine soziale Herkunft nicht unbedingt als bürgerlich, zu bezeichnen ist. Ich wurde trotzig. So ja nun nicht! Ich habe das einfach nicht geglaubt. Starrte voller Verachtung auf die Statistiken und dachte: Euch zeig ich’s!!!

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch enthusiastische Anhängerin des Parlamentarismus. Habe mich mit meiner Jugendliebe bis auf die Tränen gestritten, weil er das System Scheiße fand und sowieso, keinen Bock auf die ganze Gesellschaft hatte.

In dieser Zeit, ich zählte etwa achtzehn Lenze, begann der Teil meiner politischen Phase, der mich bis heute prägt. Ein engagierter Lehrer, Herr L., ohne den ich heute nicht die wäre, die ich bin, hatte im Zuge des Kosovokrieges eine Friedens-Ag ins Leben gerufen. Als ich in die Oberstufe kam, fragte er mich, ob ich jetzt offiziell mitmachen wollte. Das wollte ich.

Wir haben verschiedene Projekte an der Schule und in der näheren Umgebung gestartet. Ich hielt meine erste Rede, zusammen mit Cora, vor 2000 SchülerInnen. Wir (also, die Ag) waren lokal und regional bekannt und wurden respektiert.

Wir wirkten. Das ist der Punkt auf den ich hinaus will. Wir haben Dinge und Menschen bewegt, Abschiebungen verhindert, Jüngere politisiert und mit unserem jugendlichen Idealismus angesteckt.

Und wir fuhren nach Auschwitz. Im Sommer. Acht Stunden waren wir gemeinsam mit einer anderen Gruppe auf dem Gelände und verlasen, während der Gedenkveranstaltung, knapp 30.000 Namen, die via Lautsprecher die Stille des Gedenkens füllten. Als ich mich zu den anderen stellte und der bewegenden Rede eines Zeitzeugen lauschte, stand der Wind nicht still. Er wechselte ständig die Richtung und so wurden die Namen, je nach Wind, in unterschiedlicher Lautstärke, in unsere Ohren gehaucht.

Abends machten wir nochmal nur unter uns eine Gedenkrunde. Standen eine Stunde, im Dunkeln, auf dem Gelände, das einen Kilometer breit und zwei lang ist, und lauschten der Stille, die nur durch das Rattern der Züge und das Gebell der entfernten Hunde gebrochen wurde.

Zurück zu Hause, lag ich bei meiner Jugendliebe im Bett. Er hatte ein Poster an Wand, auf dem ein Breakdancer gezeichnet war. Der trug ein schwarz-weiß gestreiftes Oberteil. Ich weinte die ganze Nacht und spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ich: ich werde niemals unpolitisch.

Ich hatte auch Schuldgefühle. Aber ich sprach mit Freunden und Herrn L. darüber und wandelte dieses Gefühl schnell um. Ich trug zwar keine Schuld, aber die Schuld unserer Großeltern, versieht uns mit Verantwortung. Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert.

Mit Marlenes Worten: Deutschland? Nie Wieder!

Und da steh ich nun. Jahre später. Noch immer aktiv. Noch immer der Meinung, dass sich mit direkten Aktionen viel mehr bewegen lässt, als mit Kreuzen auf irgendwelchen Zetteln, in irgendwelchen Urnen. Ich wähle auch nicht immer. Manchmal mache ich nur ein großes Kreuz. Das hängt von meiner Laune ab.

Früher wollte ich gerne Politikerin werden. Ich dachte: wenn ich dürfte, ich würde alles anders machen. Joschka hat mir dann aber schnell gezeigt, dass aus einem fitten Turnschuh, schneller eine Kriegseule wird, als ich Bombe sagen kann.

So war das mit der Parteipolitik und dem Parlamentarismus. Beim Sekt bin ich irgendwann auf den Geschmack gekommen. Die „da oben“ musste ich mir etwas länger anschauen, um die Geschmacklosigkeiten zu erkennen.

Doch dann wusste ich: nein, das ist nichts für mich.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.