Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

Frieden – Wie geht das?

Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Kultur : Prototypen

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Es gibt Leute, die gibt es überall. Und die treffen sich am Tresen. Auch an meinem. Wer sich wieder erkennt, ist selber schuld.

Der Besserwisser & sein beliebiger Zuhörer sitzen am Tresen, wie der übliche Prototyp es tut. Der Besserwisser trinkt selten mehr als fünf Bier und das sechste, lässt er sich ausgeben. Er hat studiert und findet, dass ihn das berechtigt alles und jeden zu kommentieren, zu bewerten und auch abzuwerten.

Mich auch, ab und zu. Und auch nur, wenn ich ihm widerspreche. Das habe ich nur einmal gemacht. Seit dem lasse ich ihn reden, nicke ab und zu und schicke ein interessiertes aha hinterher. Sonst ist er still. Bis sich jemand neben ihn setzt. Dann fängt er an zu erzählen. Und solange er Zustimmung erhält ist er, ich nenne ihn mal Udo, selig. Dann erzählt er zu diesem und jenem, was er denkt. Erzählt auch von seiner Partei. Die hat er in den letzten drei Jahren übrigens zweimal gewechselt - Er war enttäuscht und wollte ein [also zwei] Zeichen setzen. Diese Zeichen setzt er auch hier und da mal in seinem Privatleben. Menschen sind für ihn austauschbar.

Udo ist also Lokalpolitiker. Zu mehr hat es nicht gereicht. Nicht, das Udo nicht ambitioniert genug gewesen wäre, das war er allemal. Aber irgendwie wird er überall heraus gedrängt und kann sich das nicht erklären. Das Anecken frustriert ihn, aber da er sich selbst auf keinen Fall die Schuld dafür geben kann, müssen eben alle anderenherhalten.

Dann kommt Carl, der beliebige Zuhörer. Carl hat nicht studiert. Jedenfalls nicht zu Ende. Er setzt sich neben Udo und hört ihm zu. Ist fasziniert. Carls Augen leuchten. Alleine die Tatsache, dass Udo, seine Zustimmung anerkennt und wertschätzt, indem er noch mehr erzählt, gibt Carl einen Selbstbewusstseinsschub, wie er ihn schon Jahre nicht mehr erlebt hat. Er kommt gar nicht auf die Idee, Udos Aussagen zu prüfen, dafür ist es einfach zu schön mit den beiden.

Am nächsten Tag trifft Carl den Udo auf der Straße. Freut sich, geht auf ihn zu und wird ignoriert. Udo würde sich nie mit Carl blicken lassen. Der ist ihm weder intellektuell genug, noch wirkt er so, als könnte er ihn gebrauchen, so karrieretechnisch. Und so kommt es, dass Carl sich damit zufrieden gibt, den Udo jeden Abend am Tresen zu treffen und ihm zu bestätigen, wie klug er ist, wie recht er hat und überhaupt.

Der Verlieber ist nett. Er ist seit über 20 Jahren Stammgast und hat schon in seinen Studienjahren, also bevor er abgebrochen hat, in derselben Kneipe getrunken, wie heute. Die Besitzer wechselten in der Zeit zweimal, er -Kette nennt er sich- blieb. Kette ist um die 50 und ein sehr sympathischer Mensch. Sogar wenn er anfängt zu pöbeln. Pöbeln ist ja nicht gleich pöbeln. Wenn der Pegel hoch genug ist, beginnt er, die Enttäuschung über das Leben und schamvollen Ärger über die Tatsache sehr viel zu trinken, zu artikulieren. Er pöbelt dann undifferenziert. Egal, wer etwas sagt. Irgendwann geht er, nachdem er einem Freund mitgeteilt hat, was für ein Arsch dieser sei. Der Freund findet das nicht schlimm, man kennt sich ja schon Jahre.

Tja, als ich anfing war die Kette in meine Kollegin verliebt, ich meine das wirklich so. Er war unsterblich verliebt. Mir wurde dann schnell erklärt, dass sich immer irgendwer aus dem Kollegium der Liebe der Kette sicher sein konnte. Das mit der Verliebtheit verhält sich übrigens proportional zur Pöbelei. Je mehr der Pegel steigt, desto stärker wird die Emotion.

Ich mag die Kette. Gäste wie er sorgen dafür, dass ich immer wieder gerne arbeite. Auch wenn er manchmal anstrengend ist - der Verlieber bereichert die Bar.

Der geschiedene und gescheiterte Akademiker ist Quartalstrinker. Ansonsten kommt er aber jeden Tag, am Mittag rein, bringt noch nicht einmal ein gebrummeltes hallo über die Lippen und schafft es gerade so, der Person hinterm Tresen mitzuteilen, er wolle einen Milchkaffee. Den bekommt er.

Alle drei Monate taucht er dann plötzlich, schon volltrunken, des Nachts auf und bestellt ein kleines gezapftes Bier. Derer trinkt er sieben und ich frage mich, wann der Punkt erreicht ist, ihm mitzuteilen, dass er nun genug hat.

Das zu sagen ist ohnehin ein Balanceakt. Es dem geschiedenen und gescheiterten Akademiker zu erklären, erfordert aber tatsächlich Fingerspitzengefühl. Er, der sich im Rausch ganz gerne in den Frust des Lebens steigert, kann es nämlich nicht ausstehen sich etwas sagen zu lassen. Noch dazu von einer Frau. [Von Frauen hat er eh schon lange die Schnauze voll. Seine Ex hat ihn zwar mit Fug und Recht vor die Tür gesetzt, wie ich hörte, aber das vergisst er lieber immer ganz schnell, wenn er daran erinnert wird.] Noch dazu von einer Frau, dessen Vater er sein könnte.

Einmal musste ich den geschiedenen und gescheiterten Akademiker, den ich ab jetzt der einfachhalthalber Dirk nenne, sogar rauswerfen: Er stand am Tresen, der letzte Schluck des siebten Bieres stand kurz bevor und ich hatte schon vorher das Gefühl, dass er die beiden jungen Frauen, die einen Meter von ihm entfernt waren und sich intensiv miteinander unterhielten, etwas zu eindringlich beobachtete.

Ich achte im Allgemeinen sehr darauf, dass die Gäste sich bei mir wohl fühlen. Das macht mir die Arbeit leichter und den Gästen den Abend schön.

Als ich keinen Blickkontakt zu den Frauen aufbauen konnte, ging ich erstmal davon aus, dass alles in Ordnung war. Nun, es war sehr voll und selbst mir [mir wird von meinen Stammgästen die Fähigkeit steht‘s den Überblick zu haben nachgesagt] gelang es nicht, den Laden komplett zu überschauen.

Zufällig in dem Moment, in dem ich zur Sicherheit in die Richtung schaute, zielte Dirk. Und zwar mit sich selbst. Das kann man sich wie folgt vorstellen: die beiden Frauen anvisiert, Entfernung abgeschätzt, Kurve berechnet und starten. Er landete circa zwölfZentimeter hinter der einen Frau, die mich sichtlich irritiert anguckte. Dann beugte sich seine lallende Birne über die linke Schulter der Frau und er wollte sich verständlich machen. Auf das geh mal weg reagierte er nicht, was mich einschreiten ließ. Dirk, sagte ich und packte ihn sanft aber bestimmt am Ärmel. Alter, stell dich zurück an den Tresen und lass die Frauen in zufrieden, die wollen in Ruhe reden. Dirk schielte mich an. Ich wiederholte mich, sehr langsam, lächelte, weil ich ihn auch nicht unbedingt bloßstellen wollte. Wenn ich Leuten eine Ansage mache und dabei nicht lächele, kann ich mir fast sicher sein, dass mir bald einer meiner Gäste zur Seite steht. Das ist gut, aber in diesem Moment hätte es die Situation nicht verbessert. Also lächelte ich. Dirk brummelte nur noch etwas von unverschämt, unmöglich… Unverschämt: kann sein, denn geschämt habe ich mich nicht. Unmöglich: aber machbar.

Dirk ging. Ich zu den Frauen und mich für Dirk entschuldigt. Und dann, ich war baff, entschuldigte sich die eine Frau dafür, dass sie laut geworden sei. Sie sei sonst nicht so zu Männern…

Nach dieser Sache war Dirk zwei Wochen nicht mehr da. Alle drei Monate ist er betrunken und wird irgendwann gebeten, zu gehen.

Der plumpe Proll kommt in unregelmäßigen Abständen. Er freut sich besonders, wenn eine Frau hinterm Tresen steht. Erstens gibt’s da was zu gucken und zweitens…naja es gibt halt was zu gucken. Im Laufe des Abends erzählt der plumpe Proll aus seinem Leben. Nicht dass ihm irgendjemand zuhören würde, geschweige denn die Frau hinterm Tresen. Ulli, so heißt er, erzählt einfach, weil er nicht anders kann. In seinem Köpfchen gibt es keinen Schalter der sagt: Du bist nicht witzig.

Ich versuche, zum Ulli immer ganz freundlich zu sein. Versuch macht klug, heißt es ja. Meine Freundlichkeit wird dann missverstanden und als Einladung zum baggern betrachtet. Sag mal, hast du nen Freund? Merke, sage ich, die Frau hinterm Tresen hat grundsätzlich einen Freund. Hä? Bagger nicht die Barfrau an, soll das heißen. Achso… geht das Tatoo über den ganzen Rücken? Nein. Kann ich mal sehen? Ausziehen ist nicht im Service inbegriffen. Achso…

Und so kann es Stunden weitergehen. Ulli merkt nicht, dass er nicht der einzige Gast ist und wird fast eifersüchtig, wenn ich mich mit anderen unterhalte. Die Hütte brennt und ich flitze hin und her, habe sieben Bestellungen im Kopf und höre immer hallo! Irgendwann: Ey, Honey, krieg ich noch n Drink?!...Tja, falsche Worte, falscher Zeitpunkt. Ulli kriegt ne Ansage und im Laufe des Abends [als er hintern den Tresen greift, um sich meinen Cocktailshaker zu nehmen] noch eine Zitrone an den Kopf. Ullis namenloser Kumpel guckt mich verstört an. Ulli findet, ich solle mich mal wieder abregen. Ich schaue mich um: hast Du mal gesehen, was hier los ist? Meinst Du ich hab Zeit hier noch einen auf Babysitter zu machen?! Ruhe im Karton. Ulli will von seinem Freund hören, wie mies und fies ich bin. Der findet allerdings, dass ich ziemlich cool reagiert habe.

Ulli kam noch ein, zweimal und hat dann irgendwann von einem meiner Kollegen Hausverbot bekommen, weil seine Reaktion auf ein männliches Wesen hinterm Tresen nicht ganz so „charmant“ ausfiel, wie bei mir.

Die ersten drei, das muss ich sagen, vergessen in der Regel irgendwann, dass sie doppelt so alt sind, wie die Person hinterm Tresen - sofern es sich dabei um ein weibliches Wesen handelt. Oder sie vergessen es nicht und sagen: Ach Luzieh, wenn ich 20 Jahre jünger wär… Dann wäre ich gerade eingeschult worden. Dann lächeln wir uns an und alle wissen: der Abend war schön.

Der letzte kann sich nicht so lange an etwas erinnern, als das er es vergessen könnte, was seine Abende in der Regel auch recht schön macht.

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